Grabräuber

Der folgende Artikel ist ein Satire-Artikel. Es kann sein, dass er nicht ganz ernst gemeinte Aussagen enthält. Es kann aber auch sein, dass der Artikel irgendeine tiefgründige Botschaft vermitteln möchte.

Der Begriff "Grabräuber" ist etwas irreführend, da beim Grabraub in der Regel nicht das Grab oder die Leiche, sondern alle verwertbaren Beigaben gestohlen werden. Auch der Straftatbestand des Raubes, also eines gegen das Vermögen gerichteten Deliktes unter Gewaltanwendung ist irrelevant, da die Bestohlenen per definitionem bereits tot sind. Daher müsste es richtig "Störung der Totenruhe während eines vollzogenen Einbruchdiebstahls" heißen. Aber aus verständlichem Grund bleibt es beim "Grabraub": der Bedienerfreundlichkeit wegen!

Trotzdem gab es vor allem in der glorreichen Antike genug Bestattete, die sich Egozentrik leisten konnten und zu Lebzeiten vor allem einen Diebstahl ihrer kostbaren Leiche um jeden Preis verhindern wollten. Sie verfügten daher, einbruchssicher begraben zu werden. Sie hatten dabei vielleicht den Pragmatismus der Ägypter im Blick: In eiskalten Wüstennächten erinnerten diese sich immer wieder gern daran, dass ihre Grabmale allesamt ausgeplündert, die Grabmahle verzehrt, aber die Mumien zurückgeblieben sind...

Ausgangssituation

Schon in den frühesten Glaubensrichtungen zeichnete sich die ab, dass das irdische Leben nicht alles gewesen sein konnte. Fantasiebegabte Marktschreier hatten vor Urzeiten eine Marktlücke entdeckt, den Wunschglauben durch magische Totenbeschwörungen, Götterkult und die eine oder andere schreckliche Konsequenz für Irrglauben für die eigene, allerdings irdische Zukunft erfolgreich auszunutzen. So ganz verließen sich die Herrscher trotz makellosem Führungszeugnis aber nicht auf die besitzlose Seligkeit. Die unfreiwilligen Auftraggeber der Grabräuber bewiesen sich zu Lebzeiten vor allem als Pragmatiker im Glauben. Immerhin könnte es im jenseitigen Reich genauso wie hier auch auf Solvenz ankommen, um wirklich glücklich werden zu können. Vom diesseitigen Königtum in ein jenseitiges Hartz IV zu fallen, wäre ein unendliches Leid. Selbst für die mutigsten Zeitgenossen war es eher wahrscheinlich, nicht mehr so unverschämtes Glück zu haben und als Herrschersohn wiedergeboren zu werden oder stinkreich ewig weiterleben zu können. Also richtete man sich ein prunkvolles Grab als eine Art Sparbuch für das Jenseits ein. Durch die Jahrtausende duldeten dies die Geistlichen im Rahmen ihres von Altruismus bestimmten, aber durchaus ernst gemeinten Absolutheitsanspruches offiziell nur dann, wenn der Scheidende nicht mehr in die andere Welt mitnahm, als er für die zurückbleibende Gemeinde übrig ließ.

Die zu Beraubenden

Der erste Schritt war klar: man wollte den Heerscharen an zugesicherten Jungfrauen bzw. Jungmännern zumindest in der aktuellen Gestalt begegnen und nicht als modriges Skelett bzw. als Rolf Eden 2.0. Also bemühte man Konservatoren dazu, genauso geschäftstüchtig wie die Geistlichen, dem eigenen Ich auch über den Tod hinaus die Falten zu glätten und Angriffspunkte für den Zahn der Zeit zu versiegeln. Gesunde Gesichtsfarben von blass rosa bis zu feistem schweinsrot sollten im schlimmsten Falle helfen, den unrechtmäßig in den Lebensraum Vordringenden doch noch von respektlosem Tun abzuhalten. Würde man Opfer von Frust aufgrund als Unrecht empfundener Exekutive zu Lebzeiten oder einfach aus bloßem Neid, stellte sich in jedem Fall die Frage: bekäme man in einigen tausend Jahren noch mal so gute Visagisten? Die Konsequenz war daher, den Leichnam sicher wegzuschließen oder zu verstecken. Die Begräbnisplaner waren dabei meist weniger von Improvisationsvermögen beseelt, den toten Herrscher etwa in einer Jauchegrube zu versenken, wo ihn sicher niemand mehr gefunden hätte. Man befürchtete, sich immer zweimal im Leben zu treffen und sorgte daher einfallslos für ein fürstliches Ambiente, das zunächst zum Verlaufen groß war, so dass ohne genauen Lageplan jede Grabräuberei zum Scheitern verurteilt gewesen wäre.

Die Pharaonen verfeinerten diese Technik und griffen einer späteren Leichenschändung vor, indem sie den toten Körper in seine Bestandteile zerlegten, die an unterschiedlichen Stellen beerdigt wurden. In der Bronze- und Eisenzeit Mitteleuropas wurde gern mit Scheingräbern gearbeitet. Hier wurde die Taktik verfolgt, viele andere gleichartige Bauten parallel in Auftrag zu geben. Das war zwar ein hoher Aufwand, hatte aber den Vorteil, dass das Auffinden des Hügels mit Grab einem Sechser im Lotto gleichkam.

Eine weitere Möglichkeit war, in einer Grabinschrift dem Grabräuber drakonische Strafen anzudrohen. Leider war der Erfolg dieser Methode jedoch mäßig, weshalb man sie in späteren Zeiten nicht mehr angewandt hat.

Eine praktische Veranschaulichung des Vorgehens
Besonders wichtig war es, die Räuber zu täuschen, indem man sich der Natur nahezu perfekt anpasste
Besonders reiche zukünftige Tote hatten natürlich ganz andere Möglichkeiten

Also lag man untätig in seiner Kiste herum, mit maximaler Vorleistung und harrte der Dinge, die da vielleicht kommen mochten. Und sie kamen in den Jahrtausenden vor Christie Geburt, nur mit spärlicher Beleuchtung und selbst noch am Anfang ihrer Entwicklung.

Die Täter

Die Verblichenen verkannten dabei, dass die Grabräuber alle Zeit der Welt hatten und dass dank der "Grab mal-Theorie" lim F(x) für x (als Element des Volkes) -> 0 wenigstens n (als Element der Menge aus Wissensträgern)=1 übrigbleiben würde, der/die/das genug Wissen besitzt, um das Grab des Herrschers aufzufinden und auszurauben.

"Grab mal-Theorie"

Ein Herrscher wird Bestandteil der imaginären Zahlen, verstirbt also. Nimmt man - illusorisch - an, dass nur ein Mensch Kenntnis über Tod und Bestattungsort hätte, könnte man über ein Testament dessen Tod verfügen. Als Rechtfertigung für den Mord soll das Wissen des zu Tötenden gelten. Damit gelangt der Mörder zum Wissen des Getöteten. Man könnte testamentarisch auch über dessen Tod verfügen. Als Rechtfertigung für den Mord soll das Wissen des zu Tötenden gelten. Damit gelangt der Mörder zum Wissen des Getöteten, etc. pp. Es droht sich eine Endlosschleife zu entwickeln, deren Endlichkeit theoretisch mit der Endlichkeit der Teilmenge von N (aller natürlichen Subjekte), also seinem Volk, endete. Die Richtigkeit der Theorie kann mit zahlreichen Belegen aus der Geschichte bewiesen werden. So zum Beispiel mit dem Grabmal Gordios I, Herrscher des antiken Phrygiens, dessen Volk durch eine Feuerkatastrophe dezimiert, durch die Perser annektiert und schließlich durch römische Besatzung derart effizient ausradiert wurde, dass es komplett in Vergessenheit geraten war und sich erst vor kurzem, freilich wissenschaftlichen Begierden öffnen lassen musste. Oder Chinas erster Kaiser Qin Shihuangdi, der per Dekret all seine Angestellten mit beerdigen ließ (der letzte machte die Tür von innen zu), so dass die gigantische Grabanlage erst in den 20er Jahren von einem Kartoffelbauern wiederentdeckt wurde.

Ägypter

In dieser anschaulichen Grafik wird der Kreislauf des Wirtschaftsgutes Grabbeute und mit seiner Variabilität die Wichtigkeit für jede wertschöpfende Instanz einer grabräuberischen Volkswirtschaft dargestellt; wirtschaftliche Kraft, die bspw. Entwicklungsländern vollkommen versagt war.

Die ägyptischen Grabräuber gelten bis in die Gegenwart als Schwerstarbeiter der Branche, weil man teils aus Furcht des Volkes vor dem Wiedererwachen der Mumie, teils aus Furcht der Mumie vor plötzlicher Armut beim Wiedererwachen dieselbe hinter genauso dicke, palastartige Mauern wie zu Lebzeiten verfrachtet hatte. Als Insider des Bestattungswesens raubten die Ägypter des Altertums die Stätten aus, zu deren Aufbau und innerer Gestaltung sie selbst oder ihre Vorfahren beigetragen hatten. Das scheint nur vordergründing sinnlos zu sein. Denn zum einen ist diese Zusatzbeschäftigung als Mitbestatter ein willkommenes, aber auch nötiges Zubrot zu verstehen, da die für den Raub verantwortlichen Auftraggeber dem Ausführenden nach Abzug aller Abgaben zu wenig zum Leben, aber auch viel zu wenig zum Sterben übrigließen. Vor allem aber wurde dank der reichen Grabbeigaben in der Antike ein prosperierender Wirtschaftskreislauf in Gang gesetzt, von dem die Binnenwirtschaft zum Teil heute noch profitiert (s. Schaubild).

Da waren auf Regierungsebene Gegen-, wie Schutzmaßnahmen eher als lästiger, unnützer Anhang angesehen und auch die obligatorische Hinrichtung nach der Verhaftung bei frischer Tat nur formaler Natur, aber nicht als Strafbewehrung zu verstehen. Sie hatte für den Delinquenten als Bestrafung keine weiteren nachteiligen Konsequenzen über den Sterbezeitpunkt hinaus. Vielmehr war sie unter Kennern der Grabhehlerszene das Alibi der Friedhofsverwaltung, um frommen Anhängern des toten Gottkönigs Genugtuung zu verschaffen. Der obligatorischen Ausraubung eines frisch erstellten Grabmals folgte daher von offizieller Seite Betroffenheit über ein gebrochenes Grabsiegel, aber ein sehr lebendiges Interesse daran, die eigentlich dem Toten gehörenden Dinge über die Funktionalität des Marktes zurückzuerlangen.

Bei aller Wertschöpfung und dem Segen des im Lande bleibenden Kapitals erschien ein Aspekt der einzig Störende zu sein: die teuren Immobilien hätten pfleglicher behandelt werden können! Das dicht von Toten besiedelte ägyptische Tal der Könige zeigt, wie teuer mittlerweile der Wohnraum geworden und wie hoch der Schaden war, wenn Grabräuber ohne Rücksicht auf die bauliche Substanz Löcher in Umfassungsmauern meißelten, Sarkophage zertrümmerten oder Türen eintraten. Deshalb wurden Konzepte zum Schutz der Immobilien entwickelt. Die Lösung bestand in einer Art Bundesschatzbrief: aus altmesopotamischen Papyrus-Dokumenten geht hervor, dass Skizzen mit der genauen Lage und dem vermuteten Inhalt einzelner Gräber wie Wertpapiere gehandelt wurden, bis schließlich zur Tat geschritten wurde. Rechtlich verpflichtete man sich, dem Geschäft ohne Vandalismus nachzugehen, damit der frei gewordene Grabraum sanierungskostenfrei weiterveräußert werden konnte. Der Grabschatzbriefhandel erfuhr bald die gleiche Dimension wie der Handel mit den emittierten Gegenständen und verhalf zu größerer Gleichmäßigkeit der Kapitalströme wie auch der Kaufkraft und staatlichen Reinvestitionen.

Oft ließ man gleich an versteckter, aber jedem Insider bekannten Ort am Eingang zu den Räumlichkeiten, wie etwa der steinernen Hausmatte einen Hinweis anbringen, wo der Schlüssel zu finden war. Der Schlüsselanhänger wies Instruktionen auf, wie man sich im Grabbereich zu verhalten hatte:

Hieroglyphe 1.PNG

Einzeln eintreten!
Hieroglyphe 2.PNG

Also nicht in Gruppen!
Hieroglyphe 3.PNG

Jeder nur ein Teil nehmen!
Hieroglyphe 4.PNG

Bei Verlassen Schlüssel zurücklegen und Fackel löschen!

Mittelalter

Spuren einer mittelalterlichen Grabraub-Ausbildungsstätte

Nach der Völkerwanderung im frühen Mittelalter, während der Grabräuber mehr als mobile Leichenfledderer der bei der Durchreise hinterlassenen Toten agierten, etablierte sich allmählich wieder eine Grabkultur, die aber nicht mehr an die der ägyptischen heranreichen konnte. Zum einen fehlte es im von Kriegen und Seuchen heimgesuchten Europa an genug willfährigen Sklaven, die bereit waren, ihre zuvor erbauten Grabstätten auf Provisionsbasis wieder auszurauben. Hindernis Nr. 2 waren drakonische Strafen, die von den Priestern des frühen Christentums von der Kanzel herab beschworen wurden: Krankheit, Tod und ewige Verdammnis warteten auf den Totenruhestörer. Es waren Vertreter der Glaubensrichtung, die später erreichten, dass reiche Tote mit dem Moment des Erblassens entmündigt waren, als Gegenleistung für eine großzügige Übertragung von Vermögensteilen aber deren Seligkeit versprachen. So blieben den enttäuschten Grabräubern ab der Jahrtausendwende am Ende der Verwertungskette zwar ähnlich prachtvolle Grabstätten wie in der Antike, die aber nur noch mit einfachem Leibchen gekleidete Tote mit etwas Alltagsschmuck auf der Brust und frommen Spruchpergamentrollen in den gefalteten Händen beherbergten. Die Branche schrumpfte sich bis auf die Spezialisten gesund.

Neuzeit

So blieb ein Teil dabei, den Altertumsmarkt mit Gaben aus dem Reich antiker Toter zu beleben. Andere bestahlen einfach die Initiatoren ihres Elends. Tote Kirchenfürsten, die sich im prunkvollen Grabmal mit den Insignien ihrer geistlichen Macht schmücken ließen, erhielten ihre kostbaren Bischofsmitren und Schmuckkreuze gegen Miniaturen oder billige Kopien aus Holz und später Plastik ausgetauscht. Nur eine kleine Gruppe trug in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, freilich unfreiwillig, dazu bei, dass bei ihren Taten zum ersten Mal in der Geschichte des Grabraubs streng nach der eigentlichen Semantik des Begriffs gehandelt wurde. Ganze Gräber wurden gestohlen und erst gegen Lösegeld freigegeben. Aufgrund des hohen personellen und zeitlichen Aufwands, mitunter tonnenschwere Grabplatten mit Umfassungsmauern bewegen und tiefe Fundamente unter fast schon zwangsweiser Beteiligung der Öffentlichkeit ausgraben, transportieren und wenn auch nur zeitlich begrenzt, aber kostenintensiv lagern zu müssen, konzentrierte sich diese Bande auf die Lightvariante des US-amerikanischen Bestattungswesens. Den Diebstahl von Urnen mit der darüber liegenden .

Gegenwart

Heutzutage besitzt der frisch Verstorbene nur noch das sprichwörtliche "Hemd am Arsch" und ist in schnell erreichbaren 2,50 m Tiefe begraben. Diese sprichwörtliche ist wahrscheinblich ein Auswuchs testamentarischer Überorganisation des Nachlasses, anstatt weite Vermögensteile dem Verstorbenen wenigstens offiziell weiterhin anheim zu stellen. So kann beim modernen Grabraub eine finanzielle Motivation nur in Bezug auf zu hohen Begräbnisgebühren der Gemeinde festgestellt werden. Zur Kostenreduktion der Beerdigung vor dem Hintergrund unterhaltspflichtger Ansprüche empfiehlt sich dann ein stokerisch-frankensteinisches Szenario: Mitternacht, Mondschein (zur Vermeidung unnötigen Taschenlampen-Geflackers) und die Landstraße, auf der der frisch Verstorbene wie ein Wildunfall für die Polizei anonym platziert wird.