Theater Aachen

Das Theater Aachen ist eine im Jahr 1825 eröffnete Kultureinrichtung für Schauspiel und Musiktheater der Stadt Aachen. Es steht in der Nachfolge des nicht mehr repräsentativen ehemaligen Alten Komödienhauses am Katschhof, des 1751 von Johann Joseph Couven errichteten ersten öffentlichen Theaters Aachens. 1920 wurde dem Theater das zuvor eigenständige Sinfonieorchester Aachen angegliedert.

Das derzeitige Zweispartenhaus hat seinen Sitz in einem von Karl Friedrich Schinkel und Johann Peter Cremer entworfenen klassizistischen Gebäudekomplex am Aachener Kapuzinergraben. Die einzelnen Aufführungen finden entweder auf der mit 730 Sitzplätzen ausgestatteten „Großen Bühne“ oder in der „kleinen Kammer“ mit 168 Sitzen statt. Für kammermusikalische Aufführungen steht das Spiegelfoyer zur Verfügung, wohingegen die großen Sinfoniekonzerte meist im Eurogress Aachen aufgeführt werden. Zum Theater Aachen gehört als externe Spielstätte noch das so genannte Mörgens mit seinen 99 Plätzen.

Geschichte

Im Jahre 1802 beschloss die im besetzten Aachen amtierende französische Regierung, dass das bisherige Komödienhaus am Katschhof, welches den gestiegenen baulichen und repräsentativen Anforderungen nicht mehr entsprach, umfangreich umgebaut und modernisiert werden solle oder als Alternative ein Neubau zu entwerfen sei. Den Entwurf für den Um- und Ausbau übernahm der Architekt Jaques Cellerier (1742–1814), dessen Ausführung aber aufgrund massiven Geldmangels ebenso wie ein ggf. möglicher Neubau vorerst nicht realisiert werden konnte.[1]

Theater im Jahr 1826, Lithografie von Jean Nicolas Ponsart

Nach Abzug der Franzosen und der Übernahme Aachens durch Preußen stand im Jahr 1815 die Theaterfrage erneut zur Debatte. Im Rahmen eines Besuches von Karl Friedrich Schinkel am 12. September 1816 in Aachen wurden ihm die Neubaupläne und die Entwürfe Celleriers zum Umbau des alten Schauspielhauses vorgelegt. In seinem Gutachten empfahl Schinkel zunächst den Umbau, aber nachdem im Juli 1816 König Friedrich Wilhelm III. das Grundstück des ehemaligen Kapuzinerklosters Aachen am Kapuzinergraben der Stadt Aachen übergeben hatte, entschied sich der Stadtrat für den Neubau eines Theaters. Im Zuge der umfangreichen städtebaulichen Veränderungen der Aachener Innenstadt nach Plänen von Adam Franz Friedrich Leydel in den 1820er Jahren wurde der Bauplatz für das Theater im ehemaligen Garten des Kapuzinerklosters ausgewählt. Das neue Theater sollte den Tourismus fördern und nach den Plänen Leydels gleichzeitig den zentralen Ausgangspunkt für eine prachtvolle Verbindungsstraße zwischen dem Aachener und Burtscheider Kurbezirk bilden. Da allerdings Celleriers Plan zu kostspielig war, wurde am 13. Juli 1817 Johann Peter Cremer mit der Anfertigung eines neuen Entwurfes beauftragt. Ergänzt durch Karl Friedrich Schinkel konnte Cremers Entwurf schließlich verwirklicht und das neue Theater Aachen am 15. Mai 1825 mit der Oper Jessonda von Louis Spohr eröffnet werden. In der darauffolgenden Woche wurde hier im Rahmen des Niederrheinischen Musikfestes, welches extra für diese Eröffnungsfeierlichkeiten nach Aachen vergeben wurde, die Neunte Sinfonie von Beethoven zum ersten Mal nach der Uraufführung in Wien aufgeführt. Die Aufführung wurde von 422 Sängern und Musikern bestritten, wobei schwierige Passagen indes ausgelassen wurden. 1829/30 übernahm Karl Fischer die Leitung des Hauses.

Für die musikalischen Darbietungen am Theater Aachen war ein im Jahr 1804 reorganisiertes Harmoniekorps zuständig, welches unter der Leitung eines Musikdirektors stand und aus dem sich 1852 unter Karl von Turanyi das städtische Orchester begründete. Es unterstand zunächst nicht der Theaterleitung, sondern ihm oblagen im Auftrag der Stadt die Gestaltung der gesamten öffentlichen Musikangebote in Aachen wie beispielsweise die Kurkonzerte in der Neuen Redoute oder im Elisengarten. Erst 1920 wurde das Orchester dem Theater Aachen offiziell angegliedert und die Leitung dem Generalmusikdirektor Peter Raabe übertragen, der nun zugleich auch künstlerischer Leiter des Sparte Musiktheater wurde. Der deutsch-national gesinnte Raabe betrachtete das Aachener Musikleben als exemplarisch und es gelang ihm in seiner Eigenschaft als Präsident der Reichsmusikkammer, dass seine in Aachen entwickelten Vorstellungen einer tariflich abgesicherten sinfonischen Monokultur deutschlandweit als sogenanntes Kulturorchestersystem für alle größeren Kommunen von 1938 bis heute Realität blieben.[2]

Die Schauspielsparte des Theaters unterstand von Beginn an den jeweiligen Schauspieldirektoren, welche im Rahmen der organisatorischen Umstellung 1920 zum Intendanten ernannt wurden und ab 1950 als Generalintendanten die Gesamtleitung des Theaters innehatten.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde das Theatergebäude am 14. Juli 1943 bis auf den Portikus und Teilen des Foyers weitgehend zerstört und der Betrieb eingestellt. Erst 1945 wurde mit Kurt Sieder ein neuer Intendant an das Stadttheater Aachen berufen, um den Spielbetrieb neu zu organisieren. Es galt für Sieder, Alternativen für die Probe- und Aufführungsräume zu finden. Die ersten Aufführungen an provisorischen Spielstätten fanden unter anderem in der Stadtbibliothek Aachen statt. Dabei wurde Sieder von einem kleinen Kreis gleichgesinnter Künstler und Künstlerinnen unterstützt. Die anfänglichen Gagen bestanden vorwiegend aus Lebensmitteln, Kaffee oder Tabak. Gleichzeitig wurden Geschäftsleute, Unternehmen und prominente Privatleute um Zuschüsse für den Neuaufbau des Theaters gebeten. Der Wiederaufbau im alten Stil am bisherigen Platz unter Leitung von Baudirektor Philipp Kerz wurde unter anderem mit den Einnahmen eines Benefizkonzertes der Wiener Symphoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan im Aachener Eden-Palast finanziell unterstützt.

Nach Sieders frühem Tod veranlasste seine Witwe Gerda die Bildung der „Kurt-Sieder-Stiftung“, in die das gesamte Vermögen, einschließlich des Privathauses in Aachen-Brand, einflossen. Diese Stiftung verleiht jährlich den Kurt-Sieder-Preis für herausragende schauspielerische Leistungen an jeweils ein Ensemblemitglied des Stadttheaters sowie des Grenzlandtheaters.

Generalintendanten nach dem Wiederaufbau

  • 1950–1968: Paul Mundorf: Erster Generalintendant des Stadttheater Aachen. Nach dem Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Theaters wurde es am 23. Dezember 1951 mit Die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner unter der musikalischen Leitung des langjährigen Bayreuth-Dirigenten Karl Elmendorff wiedereröffnet. Die folgenden Aufführungen der Meistersinger fanden danach unter der Leitung des 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft emigrierten ehemaligen musikalischen Oberleiters Aachens, Paul Pella, statt. 1953 ließ Mundorf in der kleinen „Kammer“ eine Experimentierbühne eingerichtet, 1968 trat er in den Ruhestand.
  • 1968–1981: Peter Maßmann, er erreichte, dass das Theater in einen kommunalen Eigenbetrieb umgewandelt wurde.
  • 1981–1983: Manfred Mützel bat während seiner Generalintendanz den Schauspieler und Regisseur Tom Witkowski, alternative Theaterformen und Spielstätten zu entwickeln. Es entstand ein Nachtstudio an unterschiedlichen Stellen des Hauses, darunter in der Dekoration im Großen Haus, im Treppenhaus des Theaterfoyers, im ersten Rang und im Spiegelsaal auf Sitzkissen, welche die Zuschauer mitnahmen und vor dem Eisernen Vorhang. Dabei wurden Studenten und „Nachtschwärmer“ neu an das Theater herangeführt.
  • 1984–1992: Klaus Schultz, leitete als Generalintendant die Bühnen der Stadt Aachen, vergrößerte den Orchestergraben und erneuerte die Bühnentechnik. Er errichtete zudem ein neues Probengebäude und baute die Kammerspiele um. Bereits seit den 1990er Jahren wurde das Theater auf Grund knapper öffentlicher Kassen fast im Jahresrhythmus von Teilauflösungen und/oder Zusammenlegungen bedroht So wurde es beispielsweise 1992 mit einer Sperre des laufenden Theateretats belegt, was zur Folge hatte, dass Orchesterstellen nicht besetzt werden konnten, was sich wiederum auf die Werkauswahl und die Qualität auswirkte. In diesem eskalierenden Streit, zu dem sich auch der Deutsche Bühnenverein mit einer Pressemitteilung äußerte, setzte sich die amtierende Aachener Bürgermeisterin Meike Thüllen (FDP) zusammen mit dem Oberbürgermeister Jürgen Linden (SPD) für den Erhalt des Theaters ein, trat dann jedoch wenig später aus Protest gegen die massiven Kürzungspläne ihres Koalitionspartners CDU von ihrem Amt zurück.
  • 1992–1999: Elmar Ottenthal, ihm wurde neben seiner Generalintendanz die Leitung der Opernklasse an der Aachener Abteilung der Hochschule für Musik und Tanz Köln übertragen und wurde dort zum Professor ernannt. Aufgrund des zunehmenden überregionalen Einzugs- als auch Einsatzgebietes wurde in seiner Zeit das „Stadttheater Aachen“ in „Theater Aachen“ umgetauft.
  • 1999–2001: Claus Schmitz, wurde zunächst kommissarischer Generalintendant und übernahm später die Leitung des Theaters.
  • 2001–2005: Paul Esterházy, lehrte gleichzeitig an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Abteilung Aachen, Musiktheaterregie und leitete die dortige Opernklasse. 2002 wurde ihm von der Gesellschaft für Zeitgenössische Musik Aachen e. V. für die Pflege der Zeitgenössischen Musik der „Aachener Musikpreis“ verliehen.
  • 2005–2023: Michael Schmitz-Aufterbeck, übernahm das Theater Aachen als Generalintendant und Geschäftsführer. Nach wie vor wurden immer wieder Pläne seitens der Stadtverwaltung verlautbart, wonach das städtische Theater oder einzelne Sparten desselben mit anderen Einrichtungen, vorzugsweise dem Grenzlandtheater Aachen, zusammengelegt oder gar geschlossen werden sollten. Dass dies bisher noch nicht geschehen ist, ist in den letzten Jahren maßgeblich Schmitz-Aufterbeck und dem Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch zu verdanken. Durch ihre Programmgestaltung und die Arbeit eines Ensembles auf hohem Niveau konnten die Zuschauerzahlen kontinuierlich gesteigert und anschließend stabil gehalten werden – ein Erfolg, der den Stadtrat überzeugte, die finanziellen Zuschüsse fortzuführen.
Elmar Ottenthal, Manfred Mützel, Claus Schmitz, Elena Tzavara, Michael Schmitz-Aufterbeck
  • Seit 2023: Elena Tzavara, übernahm die Generalintendanz und setzte neue künstlerische und gesellschaftliche Akzente, wobei sie verstärkt das Theater in den öffentlichen Raum öffnete. Tzavara ist Vorstandsmitglied der Kurt-Sieder-Stiftung. Zum 200-jährigen Jubiläum des Theater Aachen in der Spielzeit 2025 lud Tzavara alle noch lebenden ehemaligen Generalintendanten zu der Jubiläumsgala am 15. Mai ein.
    In der Jubiläums-Spielzeit 2024–2025 initiierte Tzavara gemeinsam mit Generalmusikdirektor Christopher Ward mehrere innovative Formate, die auf große Resonanz in der Stadtgesellschaft stießen, darunter das Straßen-Oratorium „Place Publique“, bei dem ein Bürger-Chor gemeinsam mit Schorsch Kamerun im öffentlichen Raum agierte und so Theater, Musik und Stadtraum auf neue Weise miteinander verband (Premiere: 31. Mai 2025) und die Oper Ernani von Giuseppe Verdi, die im Jubiläumsjahr in einer besonderen Inszenierung aufgeführt wurde: Teile der Produktion fanden als „Pilgerreise“ unter Beteiligung des ältesten Aachener Karnevalsvereins, der Öcher Penn, im Aachener Dom statt (Premiere: 7. Juni 2025).
    Parallel zu den Jubiläumsaktivitäten wurden zwei große Ausstellungen initiiert, die Geschichte, Ausstattung und künstlerische Praxis des Hauses beleuchten: zum einen „Bravo! Bravissimo! – 200 Jahre Theater Aachen“ im Centre Charlemagne (6. September 2025 – 12. April 2026) und zum anderen „Auf die Spitze getrieben. Kostüme aus dem Theater Aachen“ im Couven-Museum (20. September 2025 – 12. April 2026)

Architektur des Theatergebäudes

Das Theater vor dem Umbau (1899)
Das Theater im Zustand nach Heinrich Seelings Umbau
Das Tympanon des Theatergebäudes

Die Grundsteinlegung des Gebäudes fand anlässlich des 25. Thronjubiläums des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. statt und erfolgte am 16. November 1822. Der ursprüngliche Entwurf von Johann Peter Cremer aus dem Jahr 1821 wurde von Karl Friedrich Schinkel, zu dieser Zeit in der Oberbaudeputation in Berlin tätig, insofern bearbeitet, als dass er den von Cremer mit sechs Säulen etwas schmaler geplanten Portikus auf acht Säulen und somit die gesamte Gebäudebreite vergrößerte. Die acht kannelierten ionischen Säulen bestehen aus devonischem Aachener Blaustein. Fünf Stufen führen auf das Prostylos des freistehenden Musentempels mit abgeflachter Apsis an der Rückfront. In diesem Trakt befinden sich unter anderem die organisatorischen, künstlerischen und technischen Bereiche wie die Verwaltung, die Künstlerräume, die Kostümbildner und das Anlieferungsdepot der Dekorationen für das Bühnenbild.

Die Ausgestaltung des Giebelfeldes mit allegorischen Figuren, geht auf eine Idee von Schinkel zurück, die Johann Baptist Joseph Bastiné zeichnerisch umsetzte. Ein 245 cm breites und 102 cm hohes Modell des Giebelfeldes wurde im Sommer 1824 von dem Bildhauer Wilhelm Joseph Imhoff aus Köln angefertigt. Das Giebelrelief am Theater arbeitete er nach diesem Modell innerhalb von vier Monaten aus weichem Mergelstein aus.[3] Im Tympanon sind in der Mitte ein stehender weiblicher Genius mit Flügeln dargestellt, flankiert links von der Muse Melpomene als Symbol der Tragödie und rechts von der Muse Thalia als Symbol für die Komödie. Beide Musen erhalten vom Genius einen Blätterkranz überreicht.

Die Bauausführung lag in den Händen des Aachener Baumeisters Andreas Hansen. Beim Bau der Fundamente nutzte man das Steinmaterial abgebrochener Stadtbefestigungstürme.[4] Der Düsseldorfer Künstler Ludwig Pose war für die malerische Ausschmückung verantwortlich. Dessen Arbeit setzte Jean Nicolas Ponsart, der 1825 ein Engagement als Dekorations- und Bühnenmaler erhalten hatte, fort.

Im Jahre 1893 wurde der Eiserne Vorhang eingebaut und eine elektrische Beleuchtung installiert. In den Jahren von 1900 bis 1901 erfolgten durch den wegen seiner Theaterbauten renommierten Architekten Heinrich Seeling tiefgreifende bauliche Veränderungen.[5] Neben einer Vergrößerung des Bühnenraumes, dem Umbau der Garderoben und der Ausgestaltung des Zuschauerraumes wurde die Schauseite durch Umgestaltung der Aufbauten hinter dem Dreiecksgiebel, insbesondere durch zwei niedrige Ecktürme, erheblich verändert.[6]

Am 4. Juli 1943 wurde das Theatergebäude bei einem Bombenangriff komplett zerstört, nur das vordere Tympanonfeld und der Prostylos blieben erhalten. Nach Kriegsende wurde das Gebäude durch den Baudirektor Philipp Kerz nach alten Plänen von Cremer und Seeling ohne Schinkels Modifizierung wieder aufgebaut. Das ursprünglich dreirangige Haus wurde nun zweirangig. Den Eingang der Mittelloge des ersten Ranges flankieren seit 1951 zwei Steingussreliefs von Helmuth Schepp. Zur Kunst am Bau gehören ferner je zwei BronzebüstenWolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller – im Foyer und auf dem ersten Rang sowie zwei Nixen im rückwärtigen Tympanonfeld.

Die Büste Wolfgang Amadeus Mozarts wich in den 80er-Jahren der Büste von Herbert von Karajan. Die bis ins Jahr 2023 verschollene Büste Mozarts wurde im November 2023 wieder an ihrem Originalplatz aufgestellt. Die Büste Herbert von Karajans wurde an das Centre Charlemagne – Neues Stadtmuseum Aachen für die 2025 stattfindende Ausstellung anlässlich des 200. Jubiläums des Theater Aachen übergeben, um die Position Herbert von Karajans als Generalmusikdirektor von 1935 bis 1942 in Aachen und seine Beziehung zum Nationalsozialismus zu beleuchten.

Inschriften

Nach der über dem Hauptportal angebrachten lateinisch-griechischen Inschrift Musagetae Heliconiadumque Choro („Dem Dirigenten und dem Chor der Helikoniaden“) ist es dem Apoll (Musenführer) und dem Chor der Musen des Helikon geweiht.

Die römischen Zahlen auf der Rückfront MDCCCCL (1950) verweisen auf den Abschluss der Wiederherstellung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Künstlerische Gestaltung

In den mehr als 190 Jahren war das Theater Aachen Station für viele bedeutende Künstler und für einige von ihnen der Anfangspunkt ihrer weiteren Karriere. Darunter zählen unter anderem die Dirigenten Leo Blech (1893–1899), Fritz Busch (1912–1918), Herbert von Karajan (1935–1942), Albert Lortzing (1818–1826), Wilhelm Pitz (1918–1951), Paul van Kempen (1942–1946), Wolfgang Sawallisch (1946–1953), Wilhelm Schüchter (1941–1943) und Wolfgang Trommer (1961–1974), die Sänger Elisabeth Grümmer, Tiana Lemnitz (Gerstung-Lemnitz – 1922–1929), Ludwig Suthaus (1928–1932), Irmgard Seefried (1939–1943), Margarete Teschemacher (1925/26) und die Schauspieler Willy Birgel (1919–1924), Hansjörg Felmy (1953), Jürgen Prochnow (1968–1970), Tom Witkowski (1979–1985), Heinrich Schafmeister, Sophie von Kessel (1992), sowie die Regisseure Max Ophüls (1921–1923) und Hans Schalla.

Geprägt von der künstlerischen Vorliebe der jeweiligen Generalintendanten und Generalmusikdirektoren finden sich im Spielplan des Theaters Aachen die großen Werke klassischer Schauspiel- und Musiktheaterliteratur. Maßgeblich eingeschränkt wurde dieser Spielplan zwischen 1931 und 1945 durch die nationalsozialistischen Machthaber, die es für angebracht hielten, mehrheitlich Musikwerke deutschstämmiger Komponisten aufführen zu lassen und zugleich Werke jüdischer Komponisten wie beispielsweise von Paul Hindemith und Felix Mendelssohn Bartholdy verboten. Besonders der zum Staatskapellmeister ernannte und der NSDAP beigetretene Herbert von Karajan sorgte während seiner Zeit am Theater Aachen für ein entsprechendes opportunes Programm.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte wieder ein normaler Spielplan ohne Einschränkungen aufgestellt werden. Unter dem Generalintendanten Paul Mundorf und dem Generalmusikdirektor Wolfgang Sawallisch kam es darüber hinaus im Jahr 1956 mit den Aufführungen von Wagners Oper Der fliegende Holländer am Königlichen Theater in Lüttich und ein Jahr später Mozarts Die Entführung aus dem Serail in Antwerpen in Anwesenheit von König Baudouin I. auch wieder zu ersten erfolgreichen Auftritten des Theater Aachens im Ausland. Wurden bis zur Berufung von Klaus Schultz zum Generalintendanten überwiegend die bekannten klassischen Standardwerke dargeboten, legte dieser nun seine Schwerpunkte auf die Aufführungen zeitgenössischer Theater- und Musikproduktionen aus dem 20. Jahrhundert. Unter seinem Nachfolger Elmar Ottendahl traten dann dem Zeitgeschmack entsprechend die Musicals in den Vordergrund. Große Beachtung erhielt hierbei unter anderem die Uraufführung des Musicals Gaudí von Eric Woolfson am 9. Oktober 1993, das Ottenthal mit seinem Ensemble für längere Zeit auch in dem eigens dafür erstellten Musical Dome in Köln darbot. Ein Höhepunkt der Uraufführungspraxis fand anschließend unter Paul Esterházy statt, der in seinen fünf Dienstjahren acht zeitgenössische Musiktheaterwerke vorstellte, darunter alleine vier Werke von Klaus Lang.

Besonders seit der Ära Schmitz-Aufterbeck und Marcus Bosch begann das Theater Aachen sich verstärkt zu öffnen und auf die Bürger zuzugehen. Mit ausgewählten Aufführungen in restaurierten und entsprechend kulturell hergerichteten Industrieanlagen, großen Unternehmenssitzen, aber auch in Schulen und in so genannten Problemvierteln konnten neue Besucherkreise gewonnen werden. Um dabei das Theater auch in den Schulen besser bekannt zu machen und die Kinder und Jugendlichen für altersgerechte Stücke, speziell für die Aufführungen im Rahmen des Jungen Theaters im Mörgens, zu gewinnen, wurde eigens hierfür ein Theaterpädagoge eingesetzt. Zu dieser Nachwuchsgewinnung zählen ferner auch die regelmäßig stattfindenden Familienkonzerte, bei denen in einem lockeren Rahmen ausgesuchte Klassik für Kinder aufgeführt wird.

Zu den weiteren Maßnahmen zur Öffentlichkeitsarbeit gehört ferner der jährliche Theatertag zur Spielzeiteröffnung, auf dem ganztägig bis in die Nacht Ausschnitte aus dem geplanten Programm dargeboten werden, sowie die Teilnahme des Sinfonieorchesters Aachen mit seinem Programm Pferd und Sinfonie im Rahmen des CHIO Aachen und die dreitägige Freiluftveranstaltung Kurpark Classix im Kurpark Aachen als Sommerhöhepunkt.

Organisatorisch und mit Spenden wird das Theater Aachen von zahlreichen Partnern aus dem öffentlichen, gewerblichen und privaten Bereich unterstützt. Darüber hinaus fördert seit mittlerweile mehr als 100 Jahren die 1924 gegründete Gesellschaft der Musik- und Theaterfreunde zu Aachen e. V. das Musikleben in Aachen und ermöglicht seit fast 10 Jahren speziell die Kammerkonzerte des Sinfonieorchesters Aachen.

Künstlerische Leitung

Von der Stadt eingesetzte private Direktoren (bis 1920)

  • 1825–1828 Friedrich Sebald Ringelhardt
  • 1828 Heinrich Eduard Bethmann
  • 1828–1829 Joseph August Röckel
  • 1829–1830 Karl Fischer
  • 1830–1831 Wilhelm Telle
  • 1831–1832 kommissarische Leitung durch eine Aktiengesellschaft unter Führung von James Cockerill
  • 1832–1835 Julius Mühling
  • 1835–1840 G. Köckert
  • 1840–1842 Karl Gottlieb Hehl
  • 1842–1845 Ludwig Schäfer
  • 1845–1846 Joseph Eschborn
  • 1846–1848 Gerlach
  • 1848–1849 Gustav August Brauer
  • 1849–1850 Wilhelm Löwe
  • 1851 Adam Würth
  • 1852–1855 Theodor L’Arronge
  • 1855–1859 Michael Greiner
  • 1859–1861 Georg J. Meisinger
  • 1861–1862 Michael Greiner
  • 1862–1864 Auguste Greiner
  • 1864–1865 Moritz Ernst
  • 1865–1869 Julius Witt
  • 1869–1875 Josef Hochheimer
  • 1875–1878 Ludwig Ubrich
  • 1878–1881 William Grundner
  • 1881–1883 Alfred R. Ritz
  • 1883–1886 Moritz Ernst
  • 1886–1889 Hans Julius Rahn
  • 1889–1896 Moritz Ernst
  • 1896–1904 Paul Schroetter
  • 1904–1919 Heinrich Adolphi
  • 1919–1920 Fritz Adolphi

Intendanz (ab 1920) / Generalintendanz (ab 1950)

Generalmusikdirektoren

Literatur

  • Alfons Fritz: Zur Baugeschichte des Aachener Stadttheaters. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsverein, Bd. 22 (1900). Kaatzer, Aachen 1900.
  • Alfons Fritz: Theater und Musik in Aachen seit dem Beginn der preussischen Herrschaft. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins (ZAGV), Bd. 39 (1917), S. 1–154.
  • Alfons Fritz: Stadttheater Aachen. Amtliche Festschrift zur Hundertjahr-Feier des Aachener Stadttheaters 1925. LaRuelle, Aachen 1925.
  • Alfons Fritz: Die Entwicklung der Aachener Stadtmusik vom städtischen Harmoniekorps zum städtischen Orchester (1721–1852) und ihre Beziehungen zur Münstermusik. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins (ZAGV), Bd. 48/49 (1926/27), S. 121–189.
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: 150 Jahre Stadttheater Aachen in Fotos und Dokumenten. Aachen 1975.
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: Von Ringelhardt bis Mundorf. Künstler und Persönlichkeiten des Aachener Stadttheaters. Aachen 1977.
  • Stadt Aachen (Hrsg.): Daten der Aachener Musikgeschichte. Aachen 1993. (Digitalisat)
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: Herbert von Karajan. Seine Karriere begann in Aachen. Eine Dokumentation zum 100. Geburtstag. Trier 2008.
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: Zum Geburtstag des Führers Fidelio. Das Aachener Theater unter dem Hakenkreuz. Trier 2010.
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: Theater in Ruinen. Mainz, Aachen 2012.
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: Wir waren verrückt nach Theater. Zeitzeugen erinnern sich an die Anfangsjahre des Aachener Kultur- und Theaterlebens nach dem Zweiten Weltkrieg. Mainz, Aachen 2013.
  • Karl Faymonville u. a.: Die Kunstdenkmäler der Stadt Aachen. Die profanen Denkmäler und die Sammlungen der Stadt Aachen. (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Bd. 10, Abt. 3.) Schwann, Düsseldorf 1924.
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: Medea auf dem Lousberg. Die vergessene Geschichte der Freilichtbühne auf dem Lousberg. Mainz, Aachen 2014.
  • Klaus Schulte, Peter Sardoč: Eiserne Zeiten. Das Aachener Theater- und Kulturleben im Ersten Weltkrieg. Mainz, Aachen 2014.
  • Tonarten einer Stadt – eine Zeitreise durch die Aachener Musikgeschichte, hrsg. von Lutz Felbick, 292 Seiten, 304 Abbildungen, Bibliographie mit 502 Titeln (=Schriftenreihe Sammlung Crous; 11), Aachen 2018. ISBN 978-3-9817499-4-6. [Autoren: A. Beaujean (+), L. Felbick, N. Jers, H. Leuchter und T. Mengler].
  • Lutz Felbick: Aachen. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Sachteil, Band 1 (Aachen – Bogen). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 1994, ISBN 3-7618-1102-0 (Online-Ausgabe, für Vollzugriff Abonnement erforderlich)
Commons: Theater Aachen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. T. R. Kraus: Auf dem Weg in die Moderne – Aachen in französischer Zeit 1792/93, 1794–1814. Aachen 1994, S. 610.
  2. Lutz Felbick: Das „hohe Kulturgut deutscher Musik“ und das „Entartete“ – über die Problematik des Kulturorchester-Begriffs, in: Zeitschrift für Kulturmanagement, 2/2015, S. 29–59.
  3. Karl Faymonville, Joseph Laurent, Richard Pick, Max Schmid-Burgk: Die Kunstdenkmäler der Stadt Aachen. Bd. 3, 2 Die profanen Denkmäler und die Sammlungen der Stadt Aachen. Schwann, Düsseldorf 1924, S. 814.
  4. KD III, S. 198/814.
  5. Holger A. Dux: Aachen von A bis Z. Aschendorff, Münster 2003, ISBN 3-402-05465-5, S. 384.
  6. Holger A. Dux: Aachen – so wie es war. Droste, Düsseldorf 2011, S. 102: „Die Vorhalle wurde durch den dahinterliegenden Portikus mit den seitlichen kleinen Türmen, im Volksmund als Eselsohren bezeichnet, selbst zu einer Kulisse degradiert.“

Koordinaten: 50° 46′ 21″ N, 6° 5′ 14″ O

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Das Theater in Aachen vor dem Umbau (1899)
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Die Generalintendantin des Theater Aachen, Elena Tzavara, hat zur 200 Jahrfeier, alle ehemalige noch lebenden Generalintendanten eingeladen.
Aachen BW 2016-07-09 17-24-02.jpg
(c) Berthold Werner, CC BY-SA 3.0
Aachen, Theater
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Lithografie von Jean Nicolas Ponsart "Ansicht des Stadttheaters in Aachen", 1826
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Tympanon des Stadttheaters Aachen
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Stadttheather Aachen mit dem Theaterplatz 1925