Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (kurz ThULB) ist die Universitätsbibliothek der Friedrich-Schiller-Universität Jena und zugleich die Landesbibliothek des Freistaats Thüringen. In ihrer Doppelfunktion gewährleistet die ThULB die wissenschaftliche Informations- und Medienversorgung der Universität Jena und unterstützt wissenschaftliches Publizieren im Open Access. Als Landesbibliothek übernimmt sie nicht nur die klassischen regionalbibliothekarischen Aufgaben, sondern unterstützt sammlungsführende Einrichtungen in Thüringen bei der Digitalisierung von Kulturgut sowie der Erschließung, Archivierung und Präsentation digitalisierter Bestände.
Die Bibliothek entstand 1549 auf dem Grundstock der kurfürstlich-sächsischen Bibliotheca Electoralis[1] und bewahrt heute einen Bestand von rund 4,3 Millionen Medieneinheiten, darunter etwa 640.000 historische Drucke sowie zahlreiche Handschriften von internationalem Rang. Darüber hinaus verfügt die ThULB über ein umfassendes Angebot an digitalen Medien.
Nach dem Verlust Wittenbergs infolge der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes 1547 durften die Ernestiner ihre beweglichen Güter und somit auch die Bibliothek behalten. Sie wurde zunächst nach Weimar gebracht. Am 22. August 1549 wurde der größte Teil – rund 1.500 Drucke und Handschriften – in das ehemalige Dominikanerkloster St. Pauli in Jena, das Collegium Jenense, überführt.
16. bis frühes 20. Jahrhundert
Die auf dieser Sammlung aufbauende Jenaer Bibliothek wurde in ihrer Anfangszeit als Bibliotheca ducalis und Fürstlich Sächsische Bibliothek, im 17. und 18. Jahrhundert zunächst als Bibliotheca publica, dann als Akademische Bibliothek und ab dem 19. Jahrhundert als Universitätsbibliothek bezeichnet. Unterhalten wurde sie von den ernestinischen Fürstenhöfen. 1733 bezeichnete Johann Heinrich ZedlersUniversal-Lexicon die stark gewachsene Jenaer Bibliothek als „die beste Academische in Teutschland“.[2] Der mit Abstand größte Zugang erfolgte 1763 mit der Übernahme von etwa 17.000 Büchern aus der Sammlung des Juristen und HistorikersChristian Gottlieb Buder.
Universitätsbibliothek Jena 1858 bis 1945
1817 wurde die Bibliothek der „Oberaufsicht über die unmittelbaren Anstalten für Wissenschaft und Kunst in Weimar und Jena“ unterstellt. Die Bestände wurden bis 1824 unter der ministerialen Leitung Johann Wolfgang von Goethes umgeordnet und neu signiert, wobei die Bibliothek des Jenaer Schlosses integriert wurde.[3] 1858 bezog die Universitätsbibliothek einen Neubau gegenüber dem Botanischen Garten. 1920 ging die Trägerschaft auf das neu gegründete Land Thüringen über.
NS-Zeit
Während der NS-Zeit wurden wiederholt Bücher aus Enteignungen und Zwangsauflösungen in die Bestände der Jenaer Bibliothek eingearbeitet, die zu den Abnehmern der Berliner Reichstauschstelle gehörte. Die ThULB betreibt Provenienzforschung, um die Herkunft der unrechtmäßigen Zugänge der NS-Zeit sowie der Zeit der SBZ und frühen DDR (s. u.) zu ermitteln.[4] Es wurden bereits einige Restitutionsverfahren durchgeführt.[5]
Bei einem Bombenangriff auf Jena am 9. Februar 1945 wurde das Bibliotheksgebäude zerstört, dabei starben 16 Menschen, unter ihnen der Direktor Theodor Lockemann. Die wertvollsten historischen Bestände der Bibliothek entgingen der Zerstörung, da sie rechtzeitig ausgelagert worden waren.
SBZ und DDR-Zeit
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste die Bibliothek wegen der Zerstörung ihres zentralen Gebäudes auf mehrere Standorte in der Stadt verteilt werden. Infolge der während der Bodenreform in der SBZ vollzogenen Enteignungen erhielt die Jenaer Bibliothek in großem Umfang Bücher aus Thüringer Guts- und Schlossbibliotheken. Erhebliche Zugänge folgten nach der Auflösung von Thüringer Landesbibliotheken im Rahmen einer Bibliotheksreform in der frühen DDR.
Nach der Wende 1989/90 erhielt die Bibliothek 1991 ihren heutigen Namen: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. Dieser wurde mit dem Thüringer Hochschulgesetz von 1992 auch gesetzlich fixiert, indem die ThULB neben ihrer Funktion als Hochschulbibliothek der Universität Jena zur Landesbibliothek des Freistaats Thüringen ernannt wurde. In den 1990er Jahren wuchsen die Bestände der ThULB nicht zuletzt dank umfangreicher Fremdmittel stark an.[7] Mit der Novelle des Thüringer Bibliotheksgesetzes (2008) von 2023 wurde das landesbibliothekarische Aufgabenspektrum der ThULB gesetzlich festgelegt.[8] Seit 2001 erfolgten mehrere bauliche Erweiterungen der Bibliothek (s. u. Standorte und Gebäude).
Quedlinburger Evangeliar, um 1000, Ms. El. f. 3, Vorderdeckel mit Elfenbeintafeln des 10. Jh.
Historische Sammlungen
Die Historischen Sammlungen der ThULB umfassen etwa 3.400 Handschriften, 130 Nachlässe, 2.500 Autographen, 1.200 Inkunabeln und über 640.000 historische Druckwerke aus der Zeit von 1500 bis etwa 1850.[9]
Bibliotheca Electoralis
Von besonderer Bedeutung ist die Bibliotheca Electoralis[1] Sie umfasst etwa 1.300 Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts sowie rund 200 mittelalterliche Handschriften, unter denen die folgenden hervorzuheben sind:
Chorbuch Friedrichs des Weisen, Flandern 1518/20, Chorbuch 3, 29v13 illuminierte französische Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts
elf großformatige Chorbücher aus der Werkstatt des Petrus Alamire (Anfang 16. Jh.).
Sammlung Georg Rörer, Weltdokumentenerbe
Wichtige Quellen für die Forschung zur Reformation sind 35 Handschriften und zwei handschriftlich bearbeitete Exemplare des Alten und Neuen Testaments in Martin Luthers deutscher Übersetzung (Ms. App. 24–25; Wittenberg 1539/40) aus dem Vorbesitz von Georg Rörer. Das Exemplar der ThULB von Druck B der Deutschen Messe Luthers von 1526 (4 Bud. Var. 835(8)) gehört seit 2015 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe (Memory of the World), als Teil der „Frühen Schriften der Reformationsbewegung“.[10]
Das 2001 eröffnete Hauptgebäude der ThULB (Bibliotheksplatz 2) entstand nach Entwürfen des Stuttgarter Architekturbüros Heckmann. Kristel. Jung an der Stelle des 1945 zerstörten Vorgängerbaus von 1858.[11] Es beherbergt die Verwaltung der Bibliothek, die Teilbibliothek Geisteswissenschaften sowie die historischen Sammlungen mit Restaurierungswerkstatt und Buchbinderei. Die weiteren Standorte sind die Teilbibliothek Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Carl-Zeiss-Straße 3), die 2003 eröffnete Teilbibliothek Klinische Medizin (Am Klinikum 1) und der Neubau der Teilbibliothek Naturwissenschaften und Vorklinische Medizin (Campus Inselplatz),[12] der Anfang 2027 eröffnet werden soll und den bisherigen Standort am Ernst-Abbe-Platz ersetzen wird. 2010 wurde das zentrale Außenmagazin der ThULB (Mälzerstraße 4) in Betrieb genommen.
Aufgaben, Angebote und Kooperationen
Universitätsbibliothek
Die Aufgaben der ThULB als Hochschulbibliothek ergeben sich aus § 44 des Thüringer Hochschulgesetzes.[8] Dazu gehören:
Literatur- und Informationsversorgung für Forschung, Lehre und Studium
Schulungs- und Beratungsangebote zur Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz
Bereitstellung und Pflege der Jenaer Universitätsbibliographie.[14]
Landesbibliothek
Gemäß § 3 des Thüringer Bibliotheksgesetzes[15] nimmt die ThULB landesbibliothekarische Aufgaben wahr. Sie besitzt das Thüringer Pflichtexemplarrecht, also das gesetzliche Recht auf Ablieferung aller in Thüringen erscheinenden Veröffentlichungen. Die ThULB berät und unterstützt die Thüringer Wissenschaftlichen Bibliotheken und Behördenbibliotheken. Zu den Aufgaben gehören:
Sammlung, Erschließung und Bereitstellung der in und über Thüringen veröffentlichten Literatur (Thuringica)
Erstellung und Pflege der Thüringen-Bibliographie[16]
als Landesdigitalisierungszentrum Mitwirkung an der digitalen Transformation im Kulturbereich
Die ThULB betreibt und unterstützt eine Reihe digitaler Infrastrukturangebote. Die Digitale Bibliothek Thüringen (DBT)[17] ist eine Plattform für das elektronische Publizieren wissenschaftlicher Texte und das Langzeitarchivieren multimedialer Dokumente aus Forschung und Lehre. Die Zugangsplattform Universal Multimedia Electronic Library (UrMEL),[18] die u. a. das für historische Bestände eingerichtete Portal Collections@UrMEL[19] und das Zeitschriftenportal Journals@UrMEL[20] umfasst, ermöglicht den Zugang zu digitalisierten Beständen der ThULB und ihrer Partnerinstitutionen. Die ThULB betreibt außerdem das Digitale Archiv nichtstaatlicher Archive (dana)[21] und das 2019 gestartete Kultur- und Wissensportal kulthura,[22] welches das digitale Kulturerbe Thüringens zugänglich macht.
Kooperationen und Mitgliedschaften
Die ThULB gehört dem Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) an. Zusammen mit der Universitätsbibliothek Ilmenau bildet sie im Kooperationsverbund Thüringer Hochschulbibliotheken (ThHoBi) das Bibliotheksservicecenter (BSC) zur Umsetzung der Ziele des Verbunds.[23]
Geschichte der Universitätsbibliothek Jena 1549–1945. Weimar 1958 (Claves Jenenses 7). (Online)
Konrad Marwinski: 435 Jahre Universitätsbibliothek Jena. Kurzgefaßte Bibliotheksgeschichte. Jena 1983.
Felicitas und Konrad Marwinski u. a.: Jena 1, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB). In: Handbuch der Historischen Buchbestände in Deutschland. Band 20: Thüringen, H–R. Hildesheim u. a. 1999, ISBN 3-487-10777-5, S. 49–157 (Online)
Irmgard Kratzsch: Schätze der Buchmalerei. Aus der Handschriftensammlung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Jena 2001, ISBN 3-9806431-3-1.
Thomas Mutschler: Regional- und Landesbibliographie in Thüringen. Entwicklungen, Hintergründe, Perspektiven. In: Ludger Syré (Hrsg.): Die Regionalbibliographie im digitalen Zeitalter. Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-465-03461-9, S. 403–422.
Joachim Ott, Sebastian Vogler: Die Universitätsbibliothek Jena in der DDR. In: Uwe Hoßfeld u. a. (Hrsg.): Hochschule im Sozialismus. Studien zur Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena (1945–1990). 2 Bände Jena 2007, Bd. 1, ISBN 978-3-412-34505-1, S. 692–709.
Joachim Ott: Bücherschätze von Fürsten und Gelehrten. Das Kulturerbe in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Jena 2012, ISBN 978-3-9814576-2-9.
Konrad Marwinski: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. In: Jena. Lexikon zur Stadtgeschichte. Jena 2018, ISBN 978-3-9819706-0-9, S. 646.
Kirsten Gerth, Uwe B. Glatz, Boris Hoge-Benteler, Joachim Ott (Hrsg.): Zeitenfenster. Aus den Beständen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Jena 2021, ISBN 978-3-944919-31-7.
Petra Kunze, Lea Satzinger: Digitale Services für Kultureinrichtungen in Thüringen: Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena unterstützt in Kooperationsprojekten lokale Einrichtungen. In: BuB. Band 73, 2021, S. 700–703. ISSN 1869-1137
Johannes Neuer: Chancen und Herausforderungen einer Universitätsbibliothek in der (digitalen) Transformation. Fragen an Andreas Klinger, Direktor der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB). In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Band 72, 2025, S. 321–324. ISSN 0044-2380 (doi:10.3196/186429502572586).
↑Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, Bd. 4, 1733, Sp. 1836. (Online).
↑Joachim Bauer u. a. (Hrsg.): Statuten und Reformkonzepte für die Universität Jena von 1816 bis 1829. (= Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Jena. 12). Stuttgart 2016, ISBN 978-3-515-11299-4.
↑Michael Knoche: Revolution im Leseland. Wie sich die wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR nach dem Mauerfall neu organisierten. Göttingen 2026, ISBN 978-3-8353-6073-0, S. 58–61.
↑Rainer Herzog: Der Neubau der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 27, 2003, S. 96–99. ISSN 1865-7648 (doi:10.1515/BFUP.2003.96).
↑Thomas Mutschler: Vom Hochschulschriftenserver zum Publikationsfonds – Die Open Access-Transformation an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. In: Informationspraxis. Band 7, 2021, S. 1–16. ISSN 2297-3249 (doi:10.11588/ip.2021.1.79850). Lea Satzinger: Open-Access-Transformation – Chancen und Herausforderungen. Erstellung einer Open-Access-Transformationsanalyse für die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. In: BIT online. Band 24, 2021, S. 29–36. ISSN 2193-4193 (Online).
↑Portal kulthura. Michael Lörzer, André Karliczek, Carsten Resch, Andreas Christoph: Kulthura – das Thüringer Kultur- und Wissensportal. Vom analogen Objekt zur digitalen Präsentation: Strukturen einer digitalen Transformation im Kulturbereich. In: Martin Munke (Hrsg.): Landes- und Regionalgeschichte digital – und was die Regionalportale dazu beitragen können. Dresden/München 2022, S. 260–273. (doi:10.25366/2021.43).