Steve Biko

Steve Biko
Steve Biko auf einem Glasfenster in einer Kirche in Heerlen, Niederlande

Stephen Bantu Biko, meist abgekürzt zu Steve Biko (* 18. Dezember 1946 in Tarkastad[1] oder Tylden[2], Südafrikanische Union; † 12. September 1977 in Pretoria), war ein bekannter Bürgerrechtler in Südafrika. Er gilt als ein Begründer der Black-Consciousness-Bewegung.

Leben

Studium und frühe Jahre

Stephen Bantu Biko war das dritte der vier Kinder von Mathew Mzingaye Biko und Alice Nokuzola Biko. Sein Geburtsort ist Tarkastad oder Tylden; beide Orte liegen in der heutigen Provinz Ostkap (Eastern Cape). Die Familie zog bald darauf nach Ginsberg Location bei King William’s Town. Sein Vater starb, als er vier Jahre alt war. Steve Biko besuchte etwa ab 1952 die Charles Morgan Higher Primary School in Ginsberg Location, wo er mehrere Klassen übersprang.[1] 1960 wurde er Schüler der Forbes Grant. Er zeigte sich bereits in seiner Schulzeit als vehementer Gegner der Apartheid-Politik. 1962 kam er an das Lovedale Missionary Institute, wo bereits sein Bruder Khaya ausgebildet wurde. Khaya Biko, der dem Pan Africanist Congress nahestand, wurde von der Polizei verdächtigt, dessen Untergrundorganisation Poqo anzugehören, und zu einer Haftstrafe verurteilt. Auch Steve Biko musste daraufhin die Schule verlassen.[1] Nach seiner Freilassung erreichte Khaya Biko, dass sein Bruder ab Juni 1964 seine Schulausbildung im von katholischen Missionarinnen geleiteten St. Francis College in Mariannhill in der Nähe von Durban beenden konnte.[3][4]

1966 begann er ein Studium der Medizin in Durban an der Medical School der University of Natal Non European section[5], wo er seinen späteren Freund und Mentor Joshua Mboya Dada kennenlernte. Er gehörte anfangs der Studentenbewegung United Christian Movement an. Sein wachsendes politisches Engagement, ab 1968 in der von ihm begründeten South African Students’ Organisation (SASO), führte jedoch zu nachlassender Studientätigkeit. So wurde er 1973 erneut zwangsexmatrikuliert.

Biko beteiligte sich 1972 an der Gründung der Graswurzelbewegung Black Community Programmes (BCP), eines überregionalen Netzwerks gemeindebasierter Organisationen, und trat bei großen öffentlichen Versammlungen auf. 1973 verhängte die Apartheid-Regierung einen Bann über ihn, der mit scharfen Auflagen verbunden war: Er wurde überwacht, durfte seine Heimatstadt nicht verlassen und nicht mit mehr als einer Person gleichzeitig sprechen. Aufgrund dieser Auflagen konnte Biko, der sich zunehmend für Rechtsfragen interessierte, nur ein Fernstudium der Rechtswissenschaften aufnehmen.

Während dieser Zeit beteiligte sich Biko an spezifischen politischen Aktivitäten, so war er beispielsweise an der Gründung des Zimele Trust Fund führend beteiligt. Das war eine gemeinwesenorientierte Institution mit Unterstützung durch südafrikanische Kirchen, die mittels individueller Fördermaßnahmen zur Schaffung von Erwerbsgrundlagen für Familien politischer Häftlinge oder für diese selbst nach ihrer Haftentlassung beitrug.[6]

Verhaftung und Tod

Bikos Grab in King William’s Town, Ginsberg Location

Zugleich verstärkte er seine Aktivitäten in den BCP. Diese riefen erneut den Staatsapparat auf den Plan, mit der Folge, dass er sich ab 1975 überhaupt nicht mehr politisch betätigen durfte. In der Folgezeit wurde Biko mehrmals verhaftet, zuletzt am 18. August 1977 außerhalb von King William’s Town, als die Sicherheitspolizei ihn aufgriff und wegen Verletzung seiner Auflagen verhaftete. Man internierte ihn in einem Gefängnis in der nahegelegenen Stadt Port Elizabeth. Während der anschließenden tagelangen Verhöre im „Police-Room 6-1-9“ wurden ihm durch Folter schwere Kopfverletzungen zugefügt.

Am 11. September wurde Biko nackt und bewusstlos in einem Polizeiwagen mehr als 1000 Kilometer nach Pretoria transportiert. Dort starb er in der folgenden Nacht im Gefängniskrankenhaus an seinen Verletzungen. Am 13. September 1977 wurde sein Tod bekannt gegeben, und Justizminister James Kruger behauptete zunächst, der Tod sei Folge eines Hungerstreiks. Nach einer gerichtlich angeordneten Untersuchung verneinte ein Gericht am 2. Dezember 1977, dass Biko an den Folgen der Verletzungen gestorben sei, die ihm in Port Elizabeth zugefügt worden waren.[7] Die Autopsie wurde durch den damaligen staatlichen Chefpathologen Südafrikas, Johan Loubser, geleitet. Jonathan Gluckman, ebenso ein Pathologe, war als Arzt der Familie hierbei anwesend.[8] Der Rechtsanwalt Sydney Kentridge, der für seine harten Kreuzverhöre bekannt war, vertrat dabei Bikos Familie in rechtlichen Fragen. Er erreichte, dass die zahlreichen, auch ausländischen Journalisten sich ein genaues Bild vom Tod Bikos machen konnten. Zuvor hatte ein Bericht der Journalistin Helen Zille in der Tageszeitung Rand Daily Mail die Öffentlichkeit über die wahren Umstände von Bikos Tod aufgeklärt.[9] Zu einer Anklage wegen Mordes oder Totschlags kam es gleichwohl nicht.

Anfang 1997 gaben fünf frühere Beamte der South African Police vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu, an Bikos Tötung, die von deutschsprachigen Medien als Mord eingestuft wird,[10] beteiligt gewesen zu sein.[11][12] Nach Intervention der Familie Bikos wurde keine Amnestie gewährt.[13]

Das Begräbnis von Steve Biko fand am 25. September 1977 in King William’s Town statt und stellte ein Großereignis dar. Es reiste eine enorme Zahl von Trauergästen an, die zu dieser Zeremonie im Sportstadion Victoria Ground[14] am Rande der Stadt zusammentrafen. Unter den Gästen befanden sich ausländische Diplomaten und inländische Repräsentanten des politischen Lebens, darunter Helen Suzman, Alex Boraine und Zach de Beer von der Progressive Federal Party.[15]

Reaktionen

Die gewaltsame Tötung Bikos führte zu einem internationalen Eklat. Biko wurde zu einem Symbol der Widerstandsbewegung gegen das Apartheid-Regime. Die südafrikanische Regierung belegte infolge der Ereignisse eine Reihe von Personen und Organisationen mit einem Bann, darunter alle Organisationen des Black Consciousness Movements sowie den Journalisten Donald Woods, der die Umstände von Bikos Tod zusammen mit Helen Zille aufgedeckt hatte. Der UN-Sicherheitsrat reagierte mit einem Waffenembargo gegen Südafrika.

Familie

Biko heiratete 1970 Nontsikelelo (Ntsiki) Mashalaba aus Umtata, mit der er zwei Kinder hatte.[16] Zwei weitere Kinder hatte er mit der Aktivistin Mamphela Ramphele, darunter den 1978 geborenen Hlumelo Biko, der heute ein bekannter Unternehmer ist. Ein fünftes Kind wurde 1977 aus einer weiteren außerehelichen Beziehung geboren.

Rezeption

Standbild Bikos vor der East London City Hall

Donald Woods informierte über das Schicksal Bikos in seinem Buch Steve Biko – Stimme der Menschlichkeit. Richard Attenborough drehte nach diesem Buch 1987 den Film Schrei nach Freiheit.

Peter Gabriel schrieb das vielbeachtete Lied Biko, das auf seinem dritten Studioalbum Peter Gabriel (Melt) 1980 erschien. Es wurde verschiedentlich von anderen Künstlern interpretiert, etwa von Joan Baez, Robert Wyatt, Simple Minds, Ray Wilson, Manu Dibango, Paul Simon und BAP. Auch auf der in deutscher Sprache unter dem Namen Ein deutsches Album erschienenen Version dieses dritten Studioalbums findet sich eine Version von Biko in einer Übersetzung von Horst Königstein.

Christy Moore behandelt das Thema in seinem Song Biko Drum. Die englische Roots-Reggae-Band Steel Pulse erinnerte schon 1979 mit dem Song Biko’s Kindred Lament an den ungerechten Tod des Bürgerrechtlers. Auf ihrem Album Hebron Gate ehrte ihn die kalifornische Reggae-Band Groundation in dem Song Silver Tongue Show in einer Reihe mit Marcus Garvey und Mohandas Gandhi.

Außerdem findet Steve Biko in dem Song Revolution der Funk-Band Earth, Wind & Fire Erwähnung sowie in Diallo, einem Lied von Wyclef Jean über den in New York erschossenen guineischen Immigranten Amadou Diallo.

1985 schuf die Malerin Helga Ginevra das Bild Biko, oh Biko als Hommage an Steve Biko. 2000 erschien der Film The Color of Friendship nach der Kurzgeschichte Simunye von Piper Dellums, in der die Apartheid und der Tod Steve Bikos eine Schlüsselrolle spielen.

Darüber hinaus widmete ihm die Band A Tribe Called Quest im Jahr 1993 auf ihrem Album Midnight Marauders den Song Steve Biko (Stir It Up).

Ehrungen

  • 1998 wurde in Südafrika die Steve Biko Foundation gegründet.[17]
  • 1999 erhielt er postum den südafrikanischen Order of meritorious service in Gold.[18]
  • 2008 Umbenennung des Pretoria Academic Hospital (H F Verwoerd Hospital 1967–1997) in Steve Biko Academic Hospital[19]

Siehe auch

Literatur

  • Steve Biko: I write what I like. University of Chicago Press, Chicago 2002, ISBN 0-226-04897-7.
  • Donald Woods: Steve Biko. Goldmann, München 1989, ISBN 3-442-08985-9.
  • John Briley: Cry Freedom. Simplified Edition. Oxford University Press 1989, ISBN 0-19-421637-3.

Weblinks

Commons: Steve Biko – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b c Porträt bei sahistory.org.za (englisch), abgerufen am 10. August 2018
  2. Website der Steve Biko Foundation (englisch), abgerufen am 12. August 2018
  3. Johannes Woywodt: Schwarzes Bewusstsein. Das Leben des Steven Biko. Vergangenheitsverlag, Berlin 2012, S. 11.
  4. South African Democracy Education Trust (Hrsg.): The Road to Democracy in South Africa. Band 2 (1970-1980). University of South Africa 2006, S. 121.
  5. South African History Online: Stephen Bantu Biko. University and NUSAS. auf www.sahistory.org.za (englisch)
  6. South African History Online: Black Community Programmes (BCP). auf www.sahistory.org.za (englisch)
  7. Bericht vom 2. Dezember 1977. bbc.co.uk (englisch), abgerufen am 30. April 2016
  8. SAIRR: A Survey of Race Relations in South Africa. Johannesburg 1978, S. 160.
  9. Bericht über Helen Zille (englisch), abgerufen am 30. Juni 2011.
  10. R. W. Johnson: Heiliger Steve Biko – Südafrikas Sehnsucht nach einer integren Führungsfigur, Le Monde diplomatique, 12. Oktober 2012
  11. Afrikaner police admit to killing Stephen Biko. (englisch).
  12. Daniel Jaggi. Das südafrikanische Gesetz zur Förderung der Nationalen Einheit und Versöhnung im Spannungsfeld zwischen Konfliktentschärfung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratisierung. Peter Lang, 2004, ISBN 978-3-03910-483-3. S. 299.
  13. Porträts von Opfern und Tätern bei der Wahrheits- und Versöhnungskommission (englisch, PDF), abgerufen am 26. Oktober 2014.
  14. Amanda Nano: Anger brewing over plans to redevelop Victoria Grounds. In: Daily Dispatch vom 12. November 2020 auf www.pressreader.com (englisch).
  15. Helen Suzman: In No Uncertain Terms. Mandarin Paperbacks, London 1994. S. 225–226.
  16. Donald Woods: Steve Biko. Schrei nach Freiheit. Stuttgart / München 1988, S. 76.
  17. Website der Stiftung. (englisch), abgerufen am 24. Oktober 2014
  18. Liste der Ordensempfänger 1999. (englisch), abgerufen am 24. August 2018
  19. Steve Biko Academic Hospital: Background. auf www.sbah.org.za (englisch)

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Steve Biko. Stained glass window by Daan Wildschut in the Saint Anna Church, Heerlen (the Netherlands), ca. 1976. One of 12 modern saints and martyrs.
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