Slawische Sprachen

Die slawischen Sprachen (auch slavisch) bilden einen Hauptzweig der indogermanischen Sprachen. Man unterscheidet gewöhnlich zwischen Ostslawisch, Westslawisch und Südslawisch.[1]

Etwa 300 Millionen Menschen sprechen eine der rund 20 slawischen Sprachen als Muttersprache; 400 Millionen inklusive Zweitsprechern. Die mit Abstand sprecherreichste slawische Sprache ist das Russische mit rund 145 Millionen Muttersprachlern. Weitere bedeutende slawische Sprachen sind Polnisch und Ukrainisch (jeweils etwa 50 Millionen Sprecher). Fast alle größeren slawischen Sprachen sind Nationalsprachen ihrer Länder.

Die Wissenschaft von den slawischen Sprachen, Literaturen und Kulturen heißt Slawistik.

Verbreitung der slawischen Sprachen

Urslawisch und die Entwicklung der slawischen Sprachen

Der slawische Sprachzweig ist innerhalb des Indogermanischen am nächsten mit dem Baltischen verwandt (vgl. Balto-Slawische Hypothese), was ausnahmslos durch sämtliche lexikostatistischen und glottochronologischen Berechnungen gestützt wird.[2][3]

Der weitverbreitetsten Hypothese nach sind die slawischen Sprachen aus einer gemeinsamen Protosprache entstanden, die als Urslawisch oder Protoslawisch bezeichnet wird und die der ältesten bekannten slawischen Schriftsprache, dem Altkirchenslawischen, zeitlich am nächsten kommt. Die drei Hauptzweige (Ost-, West- und Südslawisch) haben sich wahrscheinlich in der Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. aus dem Urslawischen entwickelt, danach kam es durch weitere Wanderungen zur Ausbildung der heutigen Sprachvielfalt. Große Bedeutung bei der Ausformung des Slawischen aus dem Indogermanischen haben die Lautprozesse der Palatalisierung und der Tendenz zur steigenden Silbensonorität.

Klassifikation der slawischen Sprachen

Die slawischen Sprachen zerfallen sprachlich sowie geographisch in drei Hauptgruppen: Ostslawisch, Westslawisch und Südslawisch. Insgesamt lassen sich die slawischen Sprachen wie folgt klassifizieren:

Ostslawische Sprachen

Westslawische Sprachen

Südslawische Sprachen

(*) Dialektbrücke zwischen Polnisch und Tschechisch

† bedeutet, die jeweilige Sprache ist ausgestorben

Bosnisch, Kroatisch und Serbisch stellen aus sprachgenetischer Sicht eine gemeinsame Einzelsprache dar, auch Serbokroatisch genannt. Allerdings gibt es Unterschiede z. B. im Wortschatz, der entsprechend der alten Grenze zwischen West- und Oströmischem Reich im Kroatischen mehr lateinische Lehnwörter aufweist, im Serbischen mehr griechische (vgl. Unterschiede zwischen den serbokroatischen Standardvarietäten). Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurden drei nationale Standardsprachen etabliert. Es ist davon auszugehen, dass sich diese drei Varietäten in Zukunft weiter auseinanderentwickeln werden. Als vierte Sprache wird möglicherweise Montenegrinisch (die Form des Serbischen in Montenegro) den Status einer Standardsprache erreichen. Andererseits sind auch Serbisch und Bulgarisch, Tschechisch und Slowakisch, Russisch, Weißrussisch und Ukrainisch, sowie einige andere jeweils untereinander bis zu einem gewissen Grad verständlich. Mazedonisch wiederum wird von bulgarischer und griechischer Seite gern als bulgarischer Dialekt betrachtet.

Einen guten Eindruck vom Verwandtschaftsgrad der einzelnen slawischen Sprachen gibt die unten angeführte Tabelle slawischer Wortgleichungen.

Zum Zweck der Binnengliederung sind Vokabeln wichtig, die sich zwischen den Untergruppen unterscheiden (sog. Isoglossen). Das Wort für "vergessen" wird in jeder der drei Untergruppen durch verschiedene Vokabeln ausgedrückt (hier zwei Beispielsprachen pro Untergruppe):

OstslawischWestslawischSüdslawisch
RussischRussinischWeißrussischUkrainischSlowakischTschechischPolnischKroatischBulgarisch
"vergessen"забывать (zabyvat')забудузабыцца (zabycca)забувати (zabuvaty)zabúdaťzapomínatzapominaćzaboravljatiзабравя (zabravja)

Häufiger ist der Fall, dass nur eine Untergruppe eine spezielle Vokabel hat, während die beiden anderen Untergruppen zusammengehen. Je fünf Beispiele für diese Situation:

OstslawischWestslawischSüdslawisch
RussischUkrainischSlowakischTschechischPolnischKroatischBulgarisch
"Freund"друг (drug), приятель (prijatel')друг (druh), приятель (prijatel')priateľpřítel, druhprzyjacielprijatelj, drugприятел (prijatel)
"heute"сегодня (segodn'a), сей день (sej den')сьогодні (s'ohodni)dnesdnesdziśdanasднес (dnes)
"mehr"больше (bol'še)більше (bil'še)viacvícewięcejvišeповече (poveče)
"öffnen"открывать (otkryvat')відкривати (vidkryvaty)otváraťotvíratotwieraćotvaratiотваря (otvarja)
"unten"внизу (vnizu),

на дне (na dne)

внизу (vnizu),

на дні (na dni)

doledolena doledoleдолу (dolu)
"Brust"грудь (grud')груди (hrudy)prsia, hruďprsa, hrud´pierśgrudiгърди (gărdi)
"Dorf"село (selo),

деревня (derewnja)

село (selo),

деревня (derewnja)

dedinavesnicewieśseloсело (selo)
"sich freuen"радоваться (radovat's'a), тусить (tusit')радіти (radity), тусить (tusit')tešiť satěšit secieszyć sięradovati seрадва се (radva se)
"töten"убивать (ubivat'),

забивать (zabivat')

вбивати (vbyvaty),

забивати (zabivati)

zabíjaťzabíjetzabijaćubijatiубива (ubiva)
"wissen"знать (znat'),

ведать (wedat')

знати (znaty),

відати (widati)

vedieť, poznaťvědět, znátwiedziećznatiзнае (znaje)
"Ende"конец (konec),

край (kraj)

кінець (kinec'),

край (kraj)

konieckoneckonieckrajкрай (kraj)
"Haar"волос (volos), косы (kosy)волосся (voloss'a), коси (kosy)vlasvlaswłoskosaкоса (kosa)
"rechts"правый (pravyj)правий (pravyj)vpravo, dopravapravýprawydesniдесен (desen)
"teuer"дорогой (dorogoj)дорогий (dorohyj)drahýdrahýdrogiskupскъп (skăp)
"Tür"дверь (dver'), ворота (vorota), врата (vrata)двері (dveri), ворота (vorota), врата (vrata)dveredveředrzwivrataврата (vrata)

Neben den hier genannten lexikalischen Isoglossen gibt es auch Isoglossen auf anderen Ebenen, wie der Grammatik oder der Lautung.

Geographische Verbreitung und Sprecherzahlen

Die folgende Tabelle enthält eine Übersicht über die geographische Verbreitung und Sprecherzahlen der slawischen Sprachen, gegliedert nach den drei Hauptzweigen. In der Spalte Verbreitung sind Gebiete, in denen die betreffende Sprache Amtssprache ist, fett und Gebiete, in die die betreffende Sprache erst durch Auswanderungen in jüngerer Zeit gelangt ist, kursiv hervorgehoben.

SpracheVerbreitungSprecher
Ostslawische Sprachen
Russisch (русский язык)Russland, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan, weitere Länder der ehemaligen Sowjetunion (vor allem Ukraine, Lettland, Estland), USA, Israel, Deutschland, weitere westeuropäische Länder 145 Millionen
Ukrainisch (українська мова)Ukraine, Russland, Kasachstan, Moldau, Polen, Weißrussland, Slowakei, Rumänien, Nordamerika, Argentinien, Kirgisistan, Lettland, Westeuropa, Tschechien 47 Millionen
Weißrussisch (беларуская мова)Weißrussland, Russland, Ukraine, Polen (in der Umgebung von Białystok), Lettland, Litauen, Kasachstan, USA 8 bis 10 Millionen
Karpato-Russinisch (Ruthenisch) (руски язик)Karpatenukraine (Ukraine, dort aber nicht offiziell anerkannt, sondern als ukrainischer Dialekt betrachtet), nordöstliche Slowakei und angrenzende Gebiete Polens, Emigranten vor allem in Nordamerika 830.000 bis 1 Million
Jugoslawo-Russinisch (Batschka-Russinisch) (бачвански руски язик)Vojvodina (Serbien) und Slawonien (Kroatien) (ursprüngliche Herkunft: Karpatenukraine) 23.000
Westpolessischim Grenzbereich zwischen der Ukraine und Weißrussland etwa 800.000 (Volkszählung von 1931)
Westslawische Sprachen
Niedersorbisch (dolnoserbska rěc)Niederlausitz (Deutschland) in der Umgebung von Cottbus 7.000
Obersorbisch (hornjoserbska rěč)Oberlausitz (Deutschland) in der Umgebung von Bautzen 20.000
Polnisch (język polski)Polen, Weißrussland, Ukraine, Israel, Tschechien, Litauen, Nordamerika, Westeuropa, Brasilien, Australien 50 Millionen
Kaschubisch (kaszëbsczi jãzëk)in Polen westlich und südlich von Danzig 50.000
Slowakisch (slovenský jazyk)Slowakei, Vojvodina (Serbien), Ungarn, Rumänien, Tschechien, Ukraine, Kroatien, Nordamerika, Australien, Westeuropa 6 Millionen
Tschechisch (český jazyk)Tschechien, angrenzende Länder (v. a. Slowakei), Nordamerika, Westeuropa, Australien 12 Millionen
Südslawische Sprachen
Slowenisch (slovenski jezik)Slowenien, südliches Kärnten, ehemalige Provinzen Triest und Gorizia (Italien), westliches Ungarn 2 Millionen
Resianisch (rozojanski lengač)Resia-Tal in der Provinz Udine (Italien) 19.000
Kroatisch (hrvatski jezik)Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Westeuropa ca. 7 Millionen
Burgenlandkroatisch (gradišćansko-hrvatski jezik)Burgenland, Wien (Österreich), Westungarn, Südwestslowakei 19.000
Moliseslawisch (naš jezik, na-našu)Molise (Italien) 2.500
Bosnisch (bosanski jezik)Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Türkei, Nordamerika, Westeuropa 4 Millionen
Serbisch (српски језик, srpski jezik)Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Nordmazedonien, Albanien, Rumänien, Ungarn, Türkei, Westeuropa, Amerika, Australien ca. 12 Millionen
Serbokroatisch (srpskohrvatski jezik, hrvatskosrpski jezik)bis 1991 Amtssprache in Jugoslawien, Verwendung in Auswanderungsländern 18 Millionen
Bulgarisch (български език)Bulgarien, Ukraine, Moldawien, angrenzende Länder (Mazedonien, Ost-Serbien, Ost-Rumänien, europäischem Teil der Türkei), USA, Westeuropa 9 Millionen
Banater Bulgarisch (bâlgarsći jazič)Banat (Rumänien, Serbien) 18.000
Mazedonisch (македонски јазик)Nordmazedonien, angrenzende Länder (Serbien, Griechenland, Bulgarien), Westeuropa 2 Millionen

Sprachkategorien

Standardsprachen und Mikroliteratursprachen

Es ist in der Slawistik üblich, slawische Sprachen in „Standardsprachen“ und „Mikroliteratursprachen“ einzuteilen. Von vielen Forschern werden manche dieser Kleinsprachen aber nur als Dialekte oder Varietäten von Standardsprachen aufgefasst (vor allem in der angelsächsischen Literatur). Die Standardsprachen sind nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Aufteilung der Tschechoslowakei exakt die slawischen Sprachen mit dem Status einer Nationalsprache.

In diesem Sinne sind

  • Standardsprachen: Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, Obersorbisch, Slowenisch, Kroatisch, Bosnisch, Serbisch, Bulgarisch und Mazedonisch.
  • Mikroliteratursprachen: Jugoslawo-Russinisch, Karpato-Russinisch, Westpolessisch, Kaschubisch, Niedersorbisch, Resianisch (zu Slowenisch), Burgenland-Kroatisch, Molise-Kroatisch, Banater Bulgarisch und Pomakisch (zu Bulgarisch).

Die Klassifizierung der sorbischen Sprachen wird unterschiedlich gehandhabt, allerdings fehlen insbesondere dem Niedersorbischen die meisten Kriterien einer „Standardsprache“.

Ausgestorbene slawische Sprachen

Die wichtigste ausgestorbene slawische Sprache ist das zum südslawischen Zweig gehörende Altkirchenslawische, eine Frühform des Bulgarischen, das in etwa 30 Handschriften und einigen Inschriften des 10. und 11. Jahrhunderts bezeugt ist. Vor allem anhand des Altkirchenslawischen lässt sich das Proto-Slawische, die hypothetische gemeinsame Vorgängersprache aller slawischen Sprachen, weitgehend erschließen. Weiterentwicklungen des Altkirchenslawischen – durch lokale Substrateinflüsse und bewusste Normierungsansätze entstandene, sogenannte Redaktionen des Kirchenslawischen – spielten bis zur Neuzeit eine zentrale Rolle als Literatursprache in den orthodox geprägten slawischen Gebieten. Auch heute noch wird das Neukirchenslawische in fast allen slawisch-orthodoxen Kirchen als Liturgiesprache verwendet.

Im Zuge der deutschen Ostsiedlung wurde eine größere Zahl von westslawischen Völkern assimiliert oder verdrängt, ihre Sprachen sind ausgestorben. Dies betrifft zunächst die slawischen Stämme zwischen Elbe und Oder und der Insel Rügen, die sich zum Beginn des 15. Jahrhunderts sprachlich assimilierten, dann das Polabische (auch Drawänopolabisch) im Wendland bei Lüchow (Wendland) und Dannenberg (Elbe), das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgestorben ist. Schließlich das bis kurz nach 1900 in Pommern gesprochene Slowinzische. Auch die Sprecherzahl der beiden sorbischen Sprachen geht seit Jahrhunderten stetig zurück, das Niedersorbische muss heute als akut bedroht gelten.

Weitere slawische Kleinsprachen

Weitere Sprachen und Dialekte, die zu den slawischen Sprachen gerechnet werden, sind:

  • Ägäis-Mazedonisch ist eine dem Mazedonischen und Bulgarischen verwandte Sprache in Nordgriechenland, um deren Verschriftung sich dortige Intellektuelle seit wenigen Jahren bemühen
  • Čakavisch ist ein Sammelbegriff für kroatische Dialekte um Istrien, Pomorje-Inseln (Kvarner), Zadar und Split, die in der Vergangenheit (bis Mitte des 19. Jahrhunderts) auch als Schriftsprache gedient hat;
  • Kajkavisch ist ein Sammelbegriff für kroatische Dialekte im Raum um Zagreb und Umgebung, begrenzt durch die Linie KarlovacJasenovacKoprivnicaVaraždin und Karlovac. Kajkavische Dialekte haben in der Vergangenheit als Schriftsprache gedient;
  • Štokavisch ist eine Sammelbezeichnung für Dialekte in Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Teilen Kroatiens.
  • Lachisch ist ein in Nordmähren und im ehemaligen Österreichisch-Schlesien gesprochener Dialekt des Tschechischen, den der Schriftsteller Óndra Łysohorsky zur Schriftsprache erheben wollte;
  • unter Mährisch versteht man unterschiedliche Versuche, auf der Grundlage der in Mähren gesprochenen tschechischen Dialekte eine eigene Standardsprache einzuführen;
  • Masurisch ist ein stark vom Deutschen beeinflusster polnischer Dialekt auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußen, in dem zeitweise eine gewisse Menge von Literatur veröffentlicht wurde;
  • Ostslowakisch bezeichnet den Versuch einer eigenen Schriftsprache auf der Grundlage ostslowakischer Dialekte, den slowakische Calvinisten ab dem 17. Jahrhundert unternahmen;
  • Podhalisch ist der polnische Dialekt des Podhale am Fuße der Karpaten, in dem eine gewisse Menge von Dialektliteratur veröffentlicht wurde;
  • Pomakisch ist die Sprache einer slawischen Volksgruppe muslimischer Religion im Süden Bulgariens, die zeitweise in griechischer Schrift geschrieben wurde;
  • Slawenoserbisch ist eine Form des Russisch-Kirchenslawischen, die im 18. Jahrhundert und am Anfang des 19. Jahrhunderts in Serbien als Schriftsprache verwendet wurde.

Grammatik im Vergleich

Slawische Sprachen weisen viele gemeinsame grammatische Merkmale auf, von denen das prominenteste der Aspekt sein dürfte. Außerdem wird die Belebtheitskategorie im Paradigma vor allem maskuliner Substantive markiert.

Konjugation slawischer Verben

Slawische Verben können nach den grammatischen Kategorien Person und Numerus flektiert werden. Als Beispiel die Konjugation der beiden Verben mit der Bedeutung ‘nehmen’ (bzw. ‘lesen’ im Slowenischen) im Vergleich:

NumerusPersonBulgarischSerbokroatischSlowenischSlowakischTschechischPolnischUkrainischRussisch
Aspekt: Imperfektiv
Infinitiv:bratibrátibraťbrátbraćбрáти (bráti)брать (brať)
Singular1бера (bera)berembéremberiemberubioręберý (berú)берý (berú)
2береш (beresch)berešbérešberiešberešbierzeszберéш (berésch)берёшь (berjósch')
3бере (bere)berebéreberieberebierzeберé (beré)берёт (berjót)
Plural1берем (berem)beremobéremoberiemeberemebierzemyберемо́ (beremó)берём (berjóm)
2берете (berete)beretebéreteberieteberetebierzecieберете́ (bereté)берёте (berjóte)
3берат (berat)berubérejoberuberoubiorąберýть (berút')берýт (berút)
Aspekt: Perfektiv
Infinitiv:uzetivzétivziaťvzítwziąćвзяти (wzjati)взять (wzjat')
Singular1взема (wzema)uzmemvzámemvezmemvezmuwezmęвізьмý (wizmú)возьмý (wazmú)
2вземеш (wzemesch)uzmešvzámešvezmešvezmešweźmieszві́зьмеш (wízmesch)возьмёшь (wazmjósch)
3вземе (wzeme)uzmevzámevezmevezmeweźmieві́зьме (wízme)возьмёт (wazmjót)
Plural1вземеме (wzemame)uzmemovzámemovezmemevezmemeweźmiemyві́зьмемо (wízmemo)возьмём (wazmjóm)
2вземете (wzemete)uzmetevzámetevezmetevezmeteweźmiecieві́зьмете (wízmete)возьмёте (wazmjóte)
3вземат (wzemat)uzmuvzámejovezmuvezmouwezmąві́зьмуть (wízmut')возьмýт (wazmút)

Wortschatz im Vergleich

Der Wortschatz des Urslawischen kann teilweise mit Methoden der vergleichenden Sprachwissenschaft anhand später schriftlich festgehaltener slawischer Sprachen sowie überlieferter slawischer Wörter in anderen Sprachen rekonstruiert werden. In der folgenden Tabelle sind einige slawische Wortgleichungen mit den rekonstruierten urslawischen Formen (zweitletzte Spalte) und der entsprechenden indogermanischen Wortwurzel (letzte Spalte) dargestellt. Diese Tabelle zeigt den engen Verwandtschaftsgrad der slawischen Sprachen untereinander.

Das Beispiel Kopf zeigt deutlich die bereits beim urslawischen Lautprozess der Tendenz zur steigenden Silbensonorität einsetzende Auseinanderentwicklung der drei slawischen Sprachzweige.

Rekonstruierte, nicht belegte Formen werden mit einem vorangestellten Sternchen * markiert. Die in kyrillischer Schrift geschriebenen Sprachen (Russisch, Ukrainisch, Bulgarisch, Mazedonisch, Altkirchenslawisch) werden transliteriert.

Slawische Wortgleichungen

BedeutungRussischUkrainischPolnischTschechisch/
Slowakisch
ObersorbischSlowenischKroatisch/
Bosnisch/
Serbisch
Bulgarisch/
Mazedonisch
AltKslaw.UrslawischIndogerm.
Augeглаз (glaz), око (oko)око (oko)okookowokookookoоко (oko)oko*ȍko*h₃okʷ-os
Bruderбрат (brat)брат (brat)bratbratr / bratbratrbratbratбрат (brat)bratrъ*bràtrъ*bʰréh₂tēr
Fuß, Beinнога (noga)нога (noha)noganohanohanoganogaкрак/нога (krak/noga)noga*nogà*h₃nogʷʰ- ‚Nagel‘
Hand, Armрука (ruka)рука (ruka)rękarukarukarokarukaръка/рака (răka/raka)rǫka*rǭkà*wronk-eh₂-
Herzсердце (serdce)серце (serce)sercesrdcewutrobasrcesrceсърце/срце (sărce/srce)srьdьce*sьrdьce*ḱr̥d-ik-io-
Kopfголовa (golowa)голова (holowa)głowahlavahłowaglavaglavaглава (glawa)glava*golvà*golH-u- ‚kahl‘
Mutterмать (mat’),

мама (mama)

матір (matir)

мати (maty),

мама (mama)

matka, mamamatka, máti /
matka, mať, mater, mati
maćmati, matermati (Akk. mater), majkaмайка/мајка (majka)mati*màti*méh₂tēr
Naseнoc (nos)ніс (nis)nosnosnósnosnosнос (nos)*nȏsъ*nh₂-es-
Ohrухо (ucho)вухо (wucho)uchouchowuchouhouho / uho / uvoухо/уво (ucho/uvo)uxo*ȗxo*h₂eus-os-
Schwesterсестра (sestra)сестра (sestra)siostrasestrasotrasestrasestraсестра (sestra)sestra*sestrà*swésōr
Sohnсын (syn)син (syn)synsynsynsinsinсин (sin)synъ*sy̑nъ*suHnús
Tochterдочь (doč'), дочка (dočka)донька (don'ka)córkadcera / dcéradźowkahčikći / kćerka / ćerkaдъщеря / ќерка (dăšterija / ḱerka)dъšti*dъkti*dʰugh₂tḗr
Vaterотец (otec),

папа (papa)

батько (bat'ko),

тато (tato),

папа (papa)

ojciec, tataotec/oteʦ//otec/oceʦ/nan
wótc (gehoben)
oče, ataotac, tataбаща, татко (bašta / tatko)otьcь*otьcь*atta
Fischрыба (ryba)риба (ryba)rybarybarybaribaribaриба (riba)ryba*ryba*dʰǵʰu-

Einige deutsche Wörter slawischer Herkunft

DolineDroschkeGrenzeGurkeKarstKolchosKrenNerzQuarkReizkerOgonekPetschaftPeitschePistolePogromPonorRoboterSamowarSchmetterlingSputnikStieglitzTroikaVampirWeichselZobelZeisig

Literatur

  • Bernard Comrie, Greville G. Corbett (Hrsg.): The Slavonic Languages. Routledge, London 1993, ISBN 0-415-04755-2.
  • Bernard Comrie (Hrsg.): Slavonic Languages. In: The World's Major Languages. Oxford University Press, Oxford (UK) 1990, ISBN 0-19-506511-5.
  • Snježana Kordić: Demonstrativpronomina in den slavischen Sprachen. In: Bernhard Symanzik, Gerhard Birkfellner, Alfred Sproede (Hrsg.): Die Übersetzung als Problem sprach- und literaturwissenschaftlicher Forschung in Slavistik und Baltistik (= Studien zur Slavistik). Band 1. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2002, ISBN 3-8300-0714-0, S. 89–116 (PDF-Datei; 2,1 MB (PDF) [abgerufen am 3. Dezember 2010]).
  • Snježana Kordić: Komplexe Satzmuster. In: Sebastian Kempgen, Peter Kosta, Tilman Berger, Karl Gutschmidt (Hrsg.): Die slavischen Sprachen. Ein internationales Handbuch zu ihrer Struktur, ihrer Geschichte und ihrer Erforschung, Bd. 1. de Gruyter, Berlin, New York 2009, ISBN 978-3-11-015660-7, S. 592–607 (PDF-Datei; 1,5 MB (PDF) [abgerufen am 27. März 2013]).
  • Miloš Okuka (Hrsg.): Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens Klagenfurt 2002 (darin u. a. Urslawisch (PDF; 247 kB) von Georg Holzer, S. 551–557, Pomoranisch (PDF; 118 kB) von Małgorzata Zemła, S. 965–966).
  • Peter Rehder (Hrsg.): Einführung in die slavischen Sprachen. (Mit einer Einführung in die Balkanphilologie von Wilfried Fiedler). 7. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-534-25373-9.
  • Roland Sussex, Paul Cubberley: The Slavic Languages. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 2006, ISBN 0-521-22315-6.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Brockhaus, B20, ISBN 3-7653-3680-7, S. 311.
  2. Petra Novotná, Václav Blažek: Glottochronology and Its Application to the Balto-Slavic Languages doi: 10.15388/baltistica.42.3.1178, abgerufen am 9. April 2020.
  3. Balto-Slavic languages, Concise Encyclopedia of Languages of the World

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Landkarte der slawischen Sprachen in Europa.