Sitterviadukt (SBB)

Sitterviadukt SBB
ÜberführtBahnstrecke St. Gallen–Winterthur (SBB)
UnterführtSitter
OrtSt. Gallen
Lage
Koordinaten742161 / 252006
Sitterviadukt (SBB) (Stadt St. Gallen)

Das Sitterviadukt, anfänglich auch Kräzern-Bahnbrücke,[1] ist eine Eisenbahnbrücke der Bahnstrecke St. Gallen–Winterthur der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) über die Sitter bei St. Gallen. Sie steht gut 400 Meter nördlich der bekannteren Südostbahn-Brücke über die Sitter. Auf der Südseite ist die Brücke mit einem Fuss- und Radwegsteg versehen. Der St. Galler Brückenweg führt am Viadukt vorbei.

Geschichte

Erste Brücke (1856–1925)

Erste Brücke (1856–1925)
Erste Brücke (1856–1925)
Sitterviadukt von 1856
Konstruktiondurchlaufender Gitterbalken auf drei gusseisernen Pfeilern
Gesamtlänge165 m
Anzahl der ÖffnungenHauptbrücke: 4
Anschlussbrücke: 2
Längste Stützweite38,4 m
Pfeilerachsabstand39,5 + 42 + 42 +39,5 m
Höhe63 m
Bauzeit1853–1856
Zustand1926 abgebrochen
Lage
Koordinaten742161 / 252006
w1

Die erste Bahnbrücke wurde zwischen Oktober 1853 und März 1856 vom Ingenieur Gaspard Dollfus[2] aus Mülhausen für die Sankt Gallisch-Appenzellischen Eisen­bahn (SGAE) erbaut. Sie galt als spektakulärstes Bauwerk der Bahnstrecke und des damaligen Eisenbahnbaus in der Schweiz. Zuvor hatte Dollfus bereits die Kettenbrücke in Aarau gebaut. Der Entwurf der Sitterbrücke stammte von Carl von Etzel, dem Baudirektor der SGAE, der gleichzeitig auch Oberingenieur der Schweizerischen Centralbahn (SCB) war. Weitere am Brückenbau Beteiligte waren Friedrich Wilhelm Hardmann, Reinhard Lorenz und Adolf Naeff.

Die von Carl von Etzel ursprünglich vorgeschlagene schmiedeeiserne Bogenbrücke kam nicht zur Ausführung,[1] vielmehr kam eine Brücke mit einem horizontalen kastenförmigen durchlaufenden Träger zur Ausführung, ähnlich der Britanniabrücke.[3] Im Gegensatz zum englischen Vorbild, bei der der schmiedeeiserne Hohlkastenträger die Gleise umschloss, wurde in der Schweiz eine Konstruktion gewählt, bei der die Gleise im oberen Drittel des Gitterträgers zwischen den Wänden angeordnet waren, sodass diese zusätzlich die Funktion eines Geländers übernehmen konnten.[4] Es handelte sich um die erste schmiede- und gusseiserne Eisenbahnbrücke auf dem europäischen Kontinent überhaupt.[5]

Der Gitterträger, der sich auf drei 48 Meter hohe gusseiserne Pfeiler abstützte,[3] bestand aus gewalztem Flusseisen[6] mit waagrechten Gurtungsplatten, an welchen die Gitterstäbe angenietet waren. Die Pfeiler waren aus aufeinander gestapelten gusseisernen Rahmen ausgeführt.[4] Das Bauwerk hatte eine Länge von 165 Metern, und seine Fahrbahn lag 61 Meter über dem Wasserspiegel. Die Achsabstände der einzelnen Felder betrugen 39,5 + 42 + 42 +39,5 Meter, auf der Stadtseite schloss sich noch ein Steinbogenviadukt mit zwei Bögen an.[4] Der Träger hatte eine Wandhöhe von 3,6 Metern. Für den Bau der Brücke wurden 1350 Tonnen Eisen verwendet, davon entfielen 425 Tonnen Schweiss- und Flusseisen auf den Überbau und 925 Tonnen Gusseisen auf die Turmpfeiler.[4]

Die Montage erfolgte mit einem Lehrgerüst, über das Eisenbahnschienen gelegt wurden, sodass die Gitterwände des Trägers paarweise auf Hilfswagen mit einer von zehn Mann bedienten Handwinde von einem Widerlager aus über das Lehrgerüst zur finalen Montageposition gezogen werden konnten.[5]

Die Brücke wurde nach dreijähriger Bauzeit anlässlich einer Inspektionsfahrt am Palmsonntag, dem 16. März 1856, am Morgen um 6 Uhr[7] erstmals von einer Lokomotive befahren. Nachdem die Brücke als letztes Bauwerk der Strecke fertiggestellt worden war, konnte die Bahnstrecke Winterthur–St. Gallen am Ostermontag, 24. März 1856, durchgehend eröffnet werden, wobei die Weihe vom St. Galler Bischof durchgeführt wurde.[3]

Zweite Brücke (1925–heute)

Zweite Brücke (1925–heute)
Zweite Brücke (1925–heute)
Sitterviadukt von 1925
KonstruktionBogenbrücke aus Stampfbeton
Gesamtlänge209 m
Anzahl der Öffnungen6
Längste Stützweite30 m
Höhe63 m
Baukosten2 Mio. SFr.
Bauzeit1924–1925
Lage
Koordinaten742161 / 252006
w1

Die eingleisige Sitterbrücke aus den 1850er-Jahren genügte anfangs des 20. Jahrhunderts dem gestiegenen Verkehrsaufkommen und den schwereren Fahrzeugen nicht mehr, weshalb sie im Rahmen des Doppelspurausbaus und der Elektrifizierung in den Jahren 1924 bis 1925 durch einen zweigleisigen mauerwerksverkleideten Stampfbetonviadukt ersetzt wurde. Das neue Bauwerk ist 207,86 Meter lang und überquert die Sitter auf einer Höhe von 63 Metern. Die Brücke besteht aus fünf Bogen mit 30 Metern Spannweite und einem sechsten in das Widerlager integrierten Bogen von 17 Metern Spannweite.[1] Die Pfeiler haben eine Grundfläche von 12 × 16 Metern. Für die Verkleidung der Brücke, die während des Baus auch als Schalung für den Beton diente, wurde Nagelfluh aus dem Steinbruch Schachen bei Degersheim gewonnen. Der südlich an die Brücke angebaute öffentliche Gehweg ist in Stahlbeton ausgeführt.

Die neue Brücke wurde einige Meter bergwärts von der bestehenden errichtet. In der Sitter musste der im Flussbett stehende Pfeiler 4 mittels Senkkasten erstellt werden. Das Bauwerk hat ein Volumen von ungefähr 25'000 Kubikmetern und kostete rund 2 Millionen Schweizer Franken[6]. Nachdem die neue Brücke fertiggestellt war, wurde die alte Brücke im Freivorbau abgebrochen. Damit der auskragende Träger während des Rückbaus der Pfeiler genügend tragfähig war, musste eine Rückhaltekonstruktion über dem letzten Pfeiler angebracht werden. Das abgebaute Material wurde direkt auf Bahnwagen verladen, die auf dem noch bestehenden Teil der Brücke herangeführt wurden.[4]

Der Viadukt ist ein Kulturgut von nationaler Bedeutung mit KGS-Nummer 17031.

Literatur

  • Peter Marti, Orlando Monsch, Massimo Laffranchi: Schweizer Eisenbahnbrücken (= Gesellschaft für Ingenieurbaukunst. Bd. 5). Herausgegeben von der Gesellschaft für Ingenieurbaukunst. vdf Hochschul-Verlag an der ETH, Zürich 2001, ISBN 3-7281-2786-8.

Weblinks

Commons: Sitterviadukt SBB – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c Daniel Studer, Peter Röllin: Kräzern Bahnbrücke. In: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.): Inventar der neueren Schweizer Architektur. INSA. 1850–1920. Städte. Band 8. Orell Füssli, Zürich 1996, ISBN 3-280-02410-2, S. 160–161, doi:10.5169/SEALS-9217.
  2. Nicolas Schreck: Gaspard Dollfus. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 23. Juni 2004.
  3. a b c Peter Röllin: St. Gallen. Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert. Stadt zwischen Heimat und Fremde, Tradition und Fortschritt. VGS – Verlags-Gemeinschaft St. Gallen, St. Gallen 1981, ISBN 3-7291-1014-4, S. 191–192.
  4. a b c d e P. Sturzenegger: Der Abbruch der alten Eisenbahnbrücke über die Sitter bei Bruggen, St. Gallen. In: Schweizerische Bauzeitung. Band 89, Nr. 16, 1927, S. 214–216, doi:10.5169/SEALS-41680 (e-periodica.ch [abgerufen am 6. Dezember 2020]).
  5. a b Daniel Studer, Peter Röllin: St. Gallen. In: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.): Inventar der neueren Schweizer Architektur. INSA. 1850–1920. Städte. Band 8. Orell Füssli, Zürich 1996, ISBN 3-280-02410-2, 2.5. Gallus 1856: ein zweiter «Gründungsakt», S. 59–61, doi:10.5169/SEALS-9217.
  6. a b St. Gallische und Appenzeller Brückenbauten. In: Schweizerische Bauzeitung. Band 84, Nr. 20, 1924, S. 244, doi:10.5169/SEALS-82905.
  7. St. Galler Tagblatt, 1856, S. 319.

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Sitterviadukt der SBB bei Bruggen.jpg
Sitterviadukt der Schweizerischen Bundesbahnen bei Bruggen, Linie St. Gallen–Winterthur. Öffnungen 1 x 17,0 + 5 x 30 m, zweigleisig Normalspur, Erbaut 1924/26
Sitterviadukte und Kräzernbrücke.jpg
Sittertobel mit Kräzernbrücke (Vordergrund), damaliger Eisenbahnbrücke der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB, Mitte) und dem Sitterviadukt der seinerzeitigen Bodensee-Toggenburg-Bahn (BT).
SBB Sitterbrücke im Bau 1924.png
Bau des neuen Sitterviadukt der SBB bergwärts der 1856 erstellten Brücke, die 1926 abgebrochen wurde
Brücke über die Sitter bei St. Gallen b.png
Zeichnung der Brücke über die Sitter bei St. Gallen
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SBB-Sitterviadukt; St. Gallen, Schweiz.
Sitterbrücken der SBB - Gesamtbild Flussaufwärts 1927.png
Abbruch der eisernen Sitterbrücke der SBB bei Bruggen, St. Gallen im Jahre 1926. Über dem zweiten Pfeiler von rechts ist die temporäre Verstärkung des Überbaus sichtbar damit die Tragkraft des Trägers für den Kran an dessem Ende aureicht, der verwendet wird um den Pfeiler darunter abzubrechen. Dahinter ist der 1925 in Betrieb genommene doppelspurige Bogenviadukt ersichtlich, der die eiserne einspurige Brücke ersetzt.
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Das Kraftwerk Kubel auf einer Postkarte, gestempelt am 30.8.1903