Siechtum

Als Siechtum (von mittelhochdeutsch siechtuom ‚Krankheit‘, von siech, ‚krank‘, ‚kränklich‘ - ursprünglich vor allem auf schwere bzw. langwierige Krankheiten bezogen – und verwandt mit saugen in Bezug auf durch „saugende Dämonen“ verursachte Krankheiten)[1][2] bezeichnet man den Zustand zunehmender Entkräftung durch einen massiven oder irreversiblen Krankheitsprozess sowie durch äußere Gewaltanwendung. Historisch ist auch die Verwendung des Begriffs zur Bezeichnung des ansteckenden Zustands von Aussätzigen sowie gelegentlich (als siechtuom)[3][4] auch zur Benennung der Menstruation(sblutung). Verwandt damit ist Siechtag (von mittelhochdeutsch siechtac; mundartliche, insbesondere baierische, Nebenform: Siechtung) als frühere Bezeichnung für Erkrankung bzw. Krankheit.[5] Der vom Siechtum betroffene Kranke wird als Siecher (bzw. der Sieche)[6] bezeichnet. Etymologisch ist siech, das mit englisch sick für ‚krank‘ lautähnlich ist, verwandt mit Seuche und Sucht.[7]

Geschichte

In der Vergangenheit (11. bis 18. Jahrhundert) hat man Dahinsiechende in Siechenhäusern (auch Kottenhäuser, Gutleutehäuser) zusammengefasst, da man eine Ansteckung befürchtete.

Heutzutage verwendet zum Beispiel der § 226 Abs. 1 Nr. 3 2. Alt. des deutschen Strafgesetzbuches (StGB) (schwere Körperverletzung) noch den Begriff des Siechtums. Siechtum sei danach ein chronischer Gesundheitszustand von nicht abschätzbarer Dauer, der wegen Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens Hinfälligkeit zur Folge habe.[8]

Einzelnachweise

  1. Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Aufl., hrsg. von Walther Mitzka, De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 707.
  2. Nabil Osman (Hrsg.): Kleines Lexikon untergegangener Wörter. Wortuntergang seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. München 1971; 13., unveränderte Auflage, München 2003, ISBN 3-406-45997-8, S. 187 f.
  3. Franz Willeke: Das Arzneibuch des Arnoldus Doneldey. Philosophische Dissertation Münster/Westfalen 1912 (= Forschungen und Funde. Band III/5), S. 33.
  4. Thomas Bein (Hrsg.): Wider allen den suhtin. Deutsche medizinische Texte des Hoch- und Spätmittelalters: Eine Anthologie. Stuttgart 1989 (= Helfant-Texte. Band 10), S. 96.
  5. Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 171 (Siech, Siechtac, Siechunge).
  6. Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 462 (sieche swm., ‚Kranker, Patient‘; und siechtum stm., ‚Krankheit‘, sowie gleichbedeutend siechtung).
  7. Vgl. exemplarisch auch Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 391 (lëbersiech ‚leberkrank‘, und lëbersiuche ‚Leberkrankheit‘), 392 (lendensiech ‚lendenkrank‘, und lendensiuche ‚Krankheit der Lende‘, sowie lungensiech ‚lungenkrank‘, lungensiuche ‚Krankheit der Lunge‘ und lungensucht ‚Krankheit der Lunge‘) und 393 (milzsiech ‚an der Milz krank‘).
  8. Tröndle/Fischer: StGB. Kommentar, 53. Auflage, München 2006, § 226 StGB, Rn.11 mit weiteren Nachweisen.