Seeschifffahrt

Mit Seeschifffahrt, in Österreich und der Schweiz auch Hochseeschifffahrt, bezeichnet man den Verkehr von Schiffen (Schifffahrt) zum Zweck der gewerblichen Beförderung von Gütern und Personen auf Meeren und Ozeanen.

Der Seehandel bewältigt mit über 90 % den größten Teil des gesamten Welthandels.[1] Die größten Seehäfen nach Umschlagvolumen liegen in Asien, vor allem in der Volksrepublik China mit dem größten in Shanghai. Die weiteren großen China-Häfen sind Hongkong, Guangzhou, Tianjin, Ningbo-Zhoushan-Hafen, Shenzhen, Qingdao und Busan. Der Stadtstaat Singapur liegt in der Weltrangliste auf Platz zwei.[2] Von den europäischen Häfen ist der Hafen Rotterdam mit Platz 10 der größte. Die weiteren in Europa sind Amsterdam sowie in Belgien der Hafen von Brügge-Zeebrugge und der Hafen von Antwerpen. Die deutschen Häfen sind der Hafen Hamburg und die bremischen Häfen von Bremen und Bremerhaven, die zusammen mit Antwerpen und Seebrügge zur Nordrange gezählt werden.

In den letzten Jahrzehnten ersetzten bzw. verdrängten große Schiffe kleinere Schiffe; in diesem Zuge haben die Tiefe und Breite von Wasserstraßen und Zufahrtsrinnen der Häfen an Bedeutung gewonnen. Besitzt ein Hafen eine besonders große Wassertiefe nennt man diesen Tiefwasserhafen.

Zu den Fahrtgebieten der Seeschifffahrt zählen auch hierfür taugliche Wasserstraßen, also große Flüsse (z. B. die Elbe bis Hamburg oder die Weser bis Bremen), Kanäle (Panamakanal, Suezkanal, Nord-Ostsee-Kanal) sowie durch Wasserstraßen mit dem Meer verbundene Binnenseen (etwa die Großen Seen in Nordamerika). Die Seeschifffahrt unterscheidet die Linienschifffahrt und Trampschifffahrt. Im Liniendienst laufen die Schiffe eine bestimmte Abfolge von Häfen nach festen Fahrplänen an, in der Trampschifffahrt verkehren die Schiffe frei nach Angebot und Nachfrage mit der jeweiligen Ladung.

Für die Seeschifffahrt gelten andere Vorschriften als für die Binnenschifffahrt. In den deutschen Hoheitsgewässern wird diese durch die Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung geregelt. Zur Situation in der Schweiz siehe Schweizer Hochseeschifffahrt.

Geschichte

Insbesondere große Schiffskatastrophen wie z. B. der gestrandete Tanker Amoco Cadiz (1978), die gekenterte Fähre „Herald of Free Enterprise“ (1987) und der gestrandete Tanker „Exxon Valdez“ (1989) zeigten in der Geschichte der Seeschifffahrt eine neue Dimension des Unfallgeschehens auf See mit sehr großen Auswirkungen sowohl auf die Meeresumwelt als auch auf die Seeleute selbst, so dass mit Blick auf den Bereich Anlagensicherheit aus Fehlern gelernt und eine Sicherheitskultur in der Seeschifffahrt entwickelt wurde, deren korrekte Umsetzung im Rahmen der Hafenstaatkontrolle („Port State Control“) mit Hilfe der „List of Paris MoU deficiency codes“ als eine seespezifische Art „technischer Diagnose- Code“ überwacht wird.[3]

Akteure

Akteure in der Seeschifffahrt sind unter anderem

Schiffsmarkt

Beförderungsmenge im multimodalen Verkehr der Seeschifffahrt in Deutschland

Die Seeschifffahrt wird mit verschiedenen Typen von Frachtschiffen betrieben. Diese haben folgende Anteile am Schiffsmarkt: Massengutfrachter (55 %), Tanker (27 %), Containerschiffe (14 %), Gastanker (2 %) und Andere (2 %).[4] Massengutfrachter (auch Bulkcarrier oder Schüttgutfrachter genannt) transportieren hauptsächlich Eisenerz, Kohle, Getreide, Bauxit, Phosphat, Zement, Zucker, Reis, Schrott und Stahl. Die Tanker werden in Rohöltanker, Produktentanker (für raffinierte Produkte), Chemietanker und Flüssiggastanker unterteilt.

Über 90 % des Welthandels, fast 95 % des Außenhandels der Europäischen Union und nahezu 70 % des deutschen Im- und Exports werden über den Seeweg abgewickelt. Rund 170 Staaten betreiben (Stand etwa 2008) weltweit etwa 90.000 Handelsschiffe. Davon werden 42.000 in der internationalen Seeschifffahrt eingesetzt. Die Frachtgüter mit dem größten Anteil am Weltseehandel sind: Rohöl und Ölprodukte (33 %), Kohle (11 %), Eisenerz (10 %) und Getreide (4 %).[5]

Um die starken Schwankungen im Markt für Frachtraten auszugleichen und beherrschbar zu machen, werden Zeitcharterverträge abgeschlossen. Durch diese Verträge werden die Schiffe für eine längere Periode (in der Regel sechs Monate bis zu zehn Jahre) für einen festen Preis an einen Charter überlassen. Während der Vertragslaufzeit können nur kleinere Änderungen vorgenommen werden. Der Vorteil für den Reeder und den Charter ist eine bessere Rechengrundlage. Der Zeitchartervertrag dient somit als Absicherung gegen die hohe Volatilität der Frachtraten. Um das Sicherungsgeschäft flexibler und effizienter zu gestalten, werden zusätzlich Forward Freight Agreements verwendet.

Als zentraler Indikator für das Preisniveau im Schiffsfrachtmarkt für Schüttgut gilt der Baltic Dry Index, den die Baltic Exchange in London 1985 erstmals veröffentlichte. Für den Tankermarkt gibt es seit 1998 den Baltic International Tanker Routes Index; er wurde 2001 in den Baltic Dirty Tanker Index und den Baltic Clean Tanker Index aufgespalten. Indizes für die Charterraten (Schiffsmieten) im Containerschiffsmarkt sind der HARPEX und der Howe Robinson Container Index.

Die folgende Tabelle zeigt Schiffsgrößen sowie deren Anteil an der Welthandelsflotte und am Schüttgutverkehr im Jahr 2005 in Prozent.[6]

SchiffsgrößenKapazität
in dwt
Anteil an der
Welthandelsflotte
in %
Anteil am
Schüttgutverkehr
in %
Capesizeüber 100.0001062
Panamax60.000–80.0001920
Supramax45.000–59.0003712
Handysize15.000–35.000346

Umweltschäden

Die Treibhausgasemissionen von Schiffen gelten als bedeutende Größe der globalen CO2-Quellen und tragen zur globalen Erwärmung bei. Der Schiffsverkehr in Europa verursacht rund ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen auf See. 2021 legten die Europäischen Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs und die Europäische Umweltagentur einen Bericht vor, laut dem Schiffe im Jahr 2018 13,5 Prozent aller Treibhausgase emittierten, die der Verkehr in der EU verursachte. Der Straßenverkehr war der größte Verursacher und der Luftverkehr der zweitgrößte.[7]

Weitere negative Umweltauswirkungen sind Luftverschmutzung (besonders in Seehäfen), Ölleckagen, das Ablassen von Abwasser, Verklappung von Kunststoffabfällen (die zu Mikroplastik zerfallen), Unterwasserlärm und der Transport lebender Organismen in andere Gewässer.

Durch ab 2020 wirksame Änderungen an Seeschifffahrtsverordnungen wurde der Schwefelgehalt in Schiffstreibstoffen um mehr als 80 Prozent reduziert, was sich erwärmend auf das globale Klima auswirkte.[8]

Arbeiten auf See

Viele Schiffe deutscher Eigner sind unter anderen Flaggen registriert. So können vor allem Lohnkosten gesenkt werden. Im Oktober 2025 bestand die deutsche Handelsflotte aus 1.743 Schiffen, wovon nur auf 247 dieser Schiffe das deutsche See-Arbeitsrecht für alle Beschäftigten galt[9]. Auf den Schiffen deutscher Reedereien, die unter fremder Flagge fahren, gilt das Arbeitsrecht des jeweiligen Flaggenstaats. Und das ist in vielen Fällen eine sog. „Billigflagge“ (Ausflaggung). Dort arbeiten Seeleute zu prekären Bedingungen, wie überlangen Arbeitstagen, ausbleibenden oder zu geringen Lohnzahlungen, mangelhafter Verpflegung, einbehaltenen Pässen oder fehlender medizinischer Versorgung.[10]

Dies hat 2013 zur Verabschiedung des Seearbeitsübereinkommen durch die ILO geführt. Es formuliert Mindestanforderungen für die Arbeit auf Schiffen in den Bereichen Mindestalter, Arbeitsbedingungen, Unterbringung, Mindestlohn, Gesundheits- und Sozialschutz, aber auch einen Anspruch auf Heimschaffung nach weniger als zwölf Monaten.

Siehe auch

Wiktionary: Seeschifffahrt – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Seeverkehr – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur

  • Heinz Neukirchen: Seefahrt im Wandel der Jahrtausende. Transpress, Berlin 1985, ISBN 3-8112-0451-3.
  • Heide Gerstenberger, Ulrich Welke: Arbeit auf See. Zur Ökonomie und Ethnologie der Globalisierung. 2. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2007, ISBN 978-3-89691-575-7.
  • Volker Ladenthin: Das Bordbuch. Leseerlebnisse zu literarischen Abenteuern. Format-Verlag, Bonn 2006, ISBN 3-9810925-0-3.
  • Harry Banaszak: Aus meinem Logbuch. Heitere und ernste Kapitänserinnerungen. Zeitgut-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86614-144-5.
  • Alfred Erhart: Zur Zeitgeschichte. Die Schweizer Flagge zur See. In: Basler Jahrbuch 1947. S. 168–191. (baslerstadtbuch.ch)

Einzelnachweise

  1. Seeschifffahrt und Häfen - Statistiken und Fakten. In: statista.com. Statista GmbH, Hamburg, 21. August 2025, abgerufen am 9. November 2025.
  2. Stefanie Eller: Von Shanghai bis Rotterdam: Das sind die größten Häfen der Welt. In: suedkurier.de. 7. November 2025, abgerufen am 9. November 2025.
  3. List of Paris MoU deficiency codes. In: Hrsg.: Paris MoU on Port State Control, Secretariat Paris MoU on PSC, The Hague, The Netherlands. 1. Juli 2025, abgerufen am 18. Januar 2026.
  4. Gunther Dütsch: Forward Freight Agreements (FFA), Präsentation, Vattenfall Trading Services, Juni 2007.
  5. Frachtderivate: Leinen los. In: die bank – Zeitschrift für Bankpolitik und Praxis. Ausgabe 12/2008. (die-bank.de (Memento vom 26. Dezember 2008 im Internet Archive))
  6. Athanasios V. Voudris: Analysis and forecast of the capesize bulk carriers shipping market using Artificial Neural Networks. Massachusetts Institute of Technology, Juni 2006.
  7. tagesschau.de: Bericht: Schiffsverkehr treibt Erderwärmung voran. Abgerufen am 1. September 2021.
  8. Damian Carrington: ‘Termination shock’: cut in ship pollution sparked global heating spurt. The Guardian, abgerufen am 30. Mai 2024 (englisch).
  9. https://www.bsh.de/DE/THEMEN/Schifffahrt/Deutsche_Handelsflotte/_Anlagen/Downloads/Statistik-Monat.pdf?__blob=publicationFile&v=10
  10. Knoke, Irene / Ferenschild, Sabine / Hütz-Adams, Friedel (2023): Bitte wenden! Menschenrechtliche Risiken in der Transport- und Logistikbranche; URL: https://www.suedwind-institut.de/informieren/themen/arbeitsrechte-global/beitrag/bitte-wenden-menschenrechtliche-risiken-in-der-transport-und-logistikbranche

Auf dieser Seite verwendete Medien

Kombinierter Verkehr Schifffahrt.svg
(c) EveryPicture, CC BY-SA 3.0
Beförderungsmenge im Kombinierten Verkehr von 1996 bis 2011. Betrachtet wird die Gesamtmasse der durch Schifffahrt transportierten Güter, die im Vor- oder Nachlauf mit anderen Verkehrsmitteln transportiert wurden.