Sedes sapientiae

Sedes sapientiae (wörtlich „Sitz der Weisheit“) bezeichnet in der christlichen Kunst einen Darstellungstypus der Maria mit dem Jesuskind (Madonna), bei dem die Muttergottes auf dem alttestamentlichen Thron Salomos Platz nimmt, um ihrerseits als Thron für Jesus als Verkörperung der Weisheit zu dienen. Das allegorische Bildmotiv wurde besonders in der romanischen Skulptur häufig vollrund umgesetzt, gelangte im 12. Jahrhundert zu seiner weitesten Verbreitung und wurde in der Folge weiter ausformuliert.
Herkunft
Die sprichwörtliche Weisheit des Königs Salomo wurde schon im Alten Testament (1. Kön. 10,18–20) auch auf seinen Thron übertragen, der auf einer sechsstufigen Empore stand und mit zwölf Löwen geschmückt war, die die zwölf Stämme Israels und später auch die zwölf Apostel repräsentierten. Maria nahm auf diesem Thron Platz um ihrerseits als Thron für ihren Sohn zu dienen. Während sie in den Mosaiken des Triumphbogens in Santa Maria Maggiore in Rom (432–440) schon prächtig wie eine Königin gekleidet ist, sitzt sie im Relief auf dem Portal von Santa Sabina (Rom, 420–430) mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige auf einem Thron mit sechs Stufen.[1] Im 6. Jahrhundert erscheint sie thronend im byzantinischen Ikonentyp der Nikopoia. Ein weiterer Bezugspunkt sind die spätantiken Terrakottafiguren von heidnischen Muttergottheiten, die überall im Römischen Reich verbreitet waren.[2]
Erste, um einen Meter große,[3] mobile Sitzstatuen aus Holz, die vollständig mit Gold und Silber überzogen und mit Email, Glas und Halbedelsteinen dekoriert waren,[4] sind in Essen (Goldene Madonna) und im okzitanischen Conques (Fides-Reliquiar[5]) erhalten.[6] Sie stammen vielleicht schon aus karolingischer Zeit, spätestens aber aus dem 10. Jahrhundert.[7] Keller sieht in einer nurmehr in einer Zeichnung überlieferten Madonna des Bischofs Etienne II. (vor 940–984) für Clermont-Ferrand[8] den Archetypus für die französische Majestas.[9] Da sie für Prozessionen, liturgische Zeremonien und religiöses Theater verwendet wurden, waren die Statuen vollrund ausgearbeitet. Sie stellen somit die ersten nachantiken Skulpturen dar, die nicht lediglich eine Schauseite hatten, wie es für mit der Architektur verbundene Skulptur bis zur Renaissance üblich war, sondern für Rundumansichtigkeit konzipiert waren.[10] Allerdings standen die Skulpturen am Altar wohl unter einem Baldachin mit Vorhängen.[11] Theodulf von Orléans, der 790 die Libri Carolini verfasste, in dem der Bilderstreit verhandelt wird, spricht dort auch von „Figuren aus Wachs, Stucco, Stein und Holz, vollrund gearbeitet und in Relief, aus Edelmetallen gefertigt, in Edelsteine eingraviert...“.[12] Mögliche Wachs- und Gipsstatuen der Sedes sapientiae haben verständlicherweise nicht überlebt.
Neben Kruzifixen waren diese Majestas-Darstellungen der Muttergottes, aber auch ganz genauso von Heiligen, das wesentliche Skulpturenrepertoire seit etwa 950.[13] Hinzu kamen vergoldete Reliquienbüsten und Reliquiare in Form der Körperteile, deren Knochen sie aufnahmen. Das Christentum der Zeit war ganz wesentlich ein Reliquienkult[14] und so hatten auch Madonnenskulpturen Aushöhlungen, um Reliquien aufzunehmen, die allerdings nicht mit Maria in Verbindung stehen mussten. Sie konnten auch verschiedenen Ursprungs sei. Die kleinen verschließbaren Nischen waren überwiegend im Brustraum (oder im Kopf) der Statue, meist im Rücken zugänglich, oder auch auf der Brust, wo ein Bergkristall oder Glas die Reliquien sichtbar machte.[15]
Typ und Varianten
Die Komposition der Figurengruppe, zunächst ausschließlich als Skulptur, zeigt die majestätisch thronende Maria streng frontal, das Kind symmetrisch und ebenso strikt auf ihrem Schoß thronend, selten auch in variierter Position, vorwiegend fast oder ganz ins Profil gedreht auf ihrem linken Oberschenkel. Die Gesichter beider sind ausdruckslos und blicken starr geradeaus. Ausstrahlung wird daher in erster Linie über die strenge Haltung erzeugt, die mystisch funkelnde Verkleidung ganz in Gold mit Halbedelsteinen[16] (Essener Madonna, Fides-Reliquiar) und gegebenenfalls die rhythmisch gezeichnete Draperie (vor allem in der Auvergne, siehe Galerie). Allerdings hatten die frühen Statuen zudem die Funktion eines Reliquiars, was ihnen zusätzliche Sakralität verlieh.[17]
Häufig tragen beide Figuren eine Krone, beide oder nur das Kind mit segnender Geste. Das Kind kann in der linken Hand ein Buch (das Evangelium) halten, Maria als Neue Eva einen Apfel (manchmal gemeinsam mit ihrem Sohn, wodurch er die Herrscher- und Erlösersymbolik erhält). Jesus wird als Inkarnation der Weisheit meist nicht als Kleinkind, sondern älter, häufig als Erwachsener dargestellt (Ein möglicher Bezug ist die Bibelepisode bei Lukas vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,41–52), in der er mit den Gelehrten diskutiert).
Ganz ausformuliert wird der salomonische Thron auf dem die Muttergottes mit Jesus im Schoß sitzt erst im 13. Jahrhundert, etwa am sechsstufigen Wimperg über dem Westportal des Straßburger Münsters, auf dem zwölf Löwen sitzen. Der Verkündigungsengel und der Evangelist Johannes werden als zwei weitere Löwen dargestellt, die den Thron tragen; Salomo thront unter ihr. Im Dom zu Gurk in Kärnten wird ihr Thron von gekrönten Jungfrauen flankiert, die die Tugenden Nächstenliebe, Keuschheit und sechs weitere symbolisieren.[18]
Abgrenzung zur Maestà
Obwohl die Muttergottes als Sedes sapientiae majestätisch auf einem Thron sitzend dargestellt ist, ist sie ikonographisch vom Bildtypus der Maestà zu unterscheiden, in dem sie nicht mehr isoliert erscheint. Dort wird sie zumindest von Engeln flankiert, die den Thron umringen oder ihn gar in den Himmel heben (z. B. Duccios Rucellai-Madonna). Auch Heilige können hinzutreten (was zur Sacra Conversazione weiterentwickelt wird) und selten auch Stifterfiguren.[19] Intimer ist die frühchristliche Darstellung der stillenden Maria lactans (auch „Seliger Schoß“), die von der nährenden Figur der ägyptischen Isis abgeleitet wurde. In der Lucca-Madonna (um 1437/38) kombinierte zum Beispiel Jan van Eyck beide Typen, in dem er die stillende Jungfrau auf einen Thron mit Löwenfiguren setzte, die auf Salomons Thron verweisen.
Universitätssiegel
Die Sedes sapientiae wird auch als Siegelmotiv von (im Mittelalter gegründeten) Universitäten verwendet, so beispielsweise auf dem Siegel der Universität Löwen. Das ältere Siegel der städtischen Universitas Studii Coloniensis (1388–1798), der alten Universität zu Köln, lässt die Kölner Stadtpatrone nicht im Stall anbeten, sondern vor der thronenden Maria mit dem Jesusknaben als dem Sinnbild der (universitären) Weisheit.
- Anbetung der Könige, Holztür von Santa Sabina, Rom, 5. Jh.
- Nikopoia, Mosaik, 6. Jh., Sant’Apollinare Nuovo, Ravenna
- Maasländisch, 11. Jh., Jubelparkmuseum, Brüssel
- Otzdorfer Madonna, 1160–80, Skulpturensammlung Dresden
- Burgund, um 1130–1140, The Cloisters, New York[20]
- Auvergne, um 1175–1200, The Cloisters, New York[21]
- Virgen del Camino, 13. Jh., Museu do Povo Galego, Santiago de Compostela
- Straßburger Münster, Wimperg des Hauptportals, 13. Jh.
- Dom zu Gurk, Bischofskapelle, Fresko, 13. Jh.
- Siegel der Universität zu Köln
- Siegel der Ludwig-Maximilians-Universität München gegründet 1472
- Siehe auch
Literatur
- Xavier Barnal i Altet: Das Gold der Schatzkammer. In: Georges Duby, Jean-Luc Daval (Hrsg.): Skulptur. Von der Antike bis zur Gegenwart. Bd. 1 (von 2). Taschen, Köln 1999, S. 336 f. (französisch: La Sculpture: le grand art du Moyen âge du Ve au XVe siècle. Paris 1989. Mit einem übersetzten Auszug aus Bernhard von Angers Reisebericht zu den Reliquiaren der Auvergne und Okzitaniens (Liber miraculorum sancte Fides, 1014)).
- Ilene H. Forsyth: The Throne of Wisdom. Wood Sculptures of the Madonna in Romanesque France. Princeton University Press, Princeton 1972, ISBN 0-691-03837-6 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 16. Mai 2026]).
- Irmgard Hutter, Hans Holländer, Christoph Wetzel: Kunst des Frühen Mittelalters. In: Christoph Wetzel (Hrsg.): Belser Stilgeschichte. Band 3. Belser, Stuttgart/Zürich 1987.
- Hannelore Sachs, Ernst Badstübner, Helga Neumann: Christliche Ikonographie in Stichworten. 6. Auflage. Koehler & Amelang, München/Berlin 1996, ISBN 3-7338-0095-8, Maria, Maria als Thron Salomonis, S. 250–253.
- Uwe Geese: Bildwerke aus Holz. In: Rolf Toman (Hrsg.): Romanik. Architektur, Skulptur, Malerei. Könemann, Köln 1996, ISBN 3-89508-213-9, S. 346.
Einzelnachweise
- ↑ Sachs/Badstübner/Neumann
- ↑ „Bei den Ausgrabungen im Altbachtal bei Trier sind allein in einem kleinen kapellenartigen Tempel ein Dutzend solcher Figürchen von thronenden Muttergottheiten gefunden worden.“ Keller 1951, S. 84–85.
- ↑ „Alle thronenden Muttergottesstatuen sind unterlebensgroß. Die Goldmadonna des Hildesheimer Domes hat 65 cm, die Essener Münsterschatzmadonna 75 cm, die heilige Fides in Conques 85 cm, das Bronzekruzifix des Mindener Domschatzes, zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts, 104 cm, das Bronzekruzifix in Werden 108 cm, die Paderborner Irad-Madonna 112 cm Höhe.“ Keller 1951, S. 84.
- ↑ Forsyth 1972, Material and Technique, S. 10 ff.
- ↑ Der in Gold gekleidete Kopf des Fides-Reliquiars ist antik, vermutlich aus dem 5. Jahrhundert. Forsyth 1972, S. 69.
- ↑ Andere Statuen des Typs in Hildesheim, Paderborn, Orcival und Monastier haben ihre nachweisliche Metallverkleidung verloren (meist aufgrund des Materialwerts). Forsyth 1972, S. 67.
- ↑ Forsyth 1972, S. 67 ff.
- ↑ Zeichnung der Vierge à l'Enfant (France, Clermont-Ferrand. Bibliothèque communautaire et interuniversitaire, Ms. 145 f. 130v) In: Arnaldus diaconus: Visio monachi Rodberti, 990–1010, via Portail Biblissima.fr.
- ↑ Keller 1951, S. 79–81.
- ↑ Forsyth 1972, S. 5 f., 49, 59, The Revival of Freestanding Sculpture and the Cult of Relics, S. 67 ff.
- ↑ Keller 1951, S. 85.
- ↑ Libri Carolini (1, 2; 11, 29; Iv, 19), zitiert nach Forsyth 1972, S. 72.
- ↑ Majestasstatuen der Muttergottes wurden auch als imago bezeichnet, während Skulpturen thronender Figuren allgemein als Majestas (französisch „majesté“) angesprochen wurden. Keller 1951, S. 79–80.
- ↑ Keller 1951, S. 81 ff, generell S. 85: „Alle auf uns gekommenen Skulpturen der Ottonenzeit sind zugleich Reliquiare.“
- ↑ Keller 1951, S. 79.
- ↑ Forsyth 1972, S. 11 f.
- ↑ Zum Beispiel barg man 1878 bei einer Restaurierung aus der Fides-Statue in Conques unter anderem den in Silberfolie und orientalischen Tuch eingeschlagenen Schädel des Heiligen. Forsyth 1972, S. 67 (Anm. 38). Siehe auch in der Galerie weiter unten die Referenz zur Skulptur aus der Auvergne in New York.
- ↑ Nach Lk. 1,28–38 die Tugenden, die Maria zum Zeitpunkt der Verkündigung übte: Jungfräulichkeit, Demut, Gehorsam, Züchtigkeit, Klugheit und Liebe zur Einsamkeit (Sachs/Badstübner/Neumann, die den, über den Thron Salomos definierten Typus überhaupt erst im 13. Jahrhundert sehen).
- ↑ Eine besonders frühe Ausnahme bildet das Fresko einer thronenden Madonna mit den heiligen Märtyrern Felix und Adauctus und einer Stifterin in den Katakomben von Cammodilla von 528. Hutter et al. 1987, S. 22.
- ↑ Birkenholz mit Resten der Farbfassung, Augen aus blauem Glas (das linke ist ergänzt), 102,9 cm hoch. Jungfrau und Kinde auf Thron (47.101.15) im Onlinekatalog des MET (englisch/deutsch).
- ↑ Walnuss mit Bemalungsresten, Ultramarin für Marias Mantel, Rottöne u. a. für Christus' Kleid, Gewandbordüre mit Blechreliefs unter bernsteinfarbener Öl-Harz-Beschichtung (Gold imitierend). Hohlräume in Schulter und Brustkorb Marias ehemals für Devotionalien Jungfrau und Kind auf einem Thron (16.32.194a, b) im Onlinekatalog des MET (englisch/deutsch). Weitere Beschreibung und Vergleich mit ähnlicher Skulptur in der Sammlung aus der gleichen Werkstatt oder derselben Hand.
Weblinks
Auf dieser Seite verwendete Medien
Cathedral of Gurk, Bishop's Chapel, Mary/Dom zu Gurk, Bischofskapelle, Maria; ca 1264
Autor/Urheber:
Virgin and Child in Majesty (Morgan Madonna), ca. 1175–1200, Auvergne, France, The MET (Cloisters)
Autor/Urheber: Rama, edited by MenkinAlRire, Lizenz: CC BY-SA 2.0 fr
13th century wimperg of the central portal of the western facade of Strasbourg Cathedral, Strasbourg
Siegel der Universität zu Köln
Autor/Urheber: Sailko, edited by MenkinAlRire, Lizenz: CC BY 3.0
Adoration of the Magi, relief on the wood doors of Santa Sabina, Rome, 5th century
Autor/Urheber: Michel wal, edited by MenkinAlRire, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Sedes sapientiae, 11th century, Meuse region, Musée Cinquantenaire, Bruxelles
Autor/Urheber:
Enthroned Virgin and Child, ca. 1130–1140, vicinity of Autun, Burgundy, The MET (Cloisters) 47.101.15
Autor/Urheber: José Luis Filpo Cabana, Lizenz: CC BY 3.0
Our Lady of the Road (13th century). Church of San Domingos de Bonaval, Santiago de Compostela.
Thronende Madonna, um 1160-1170, Laubholz (wenige Reste alter Fassung), aus Otzdorf (Gde. Niederstriegis) bei Döbeln
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Skulpturensammlung, SAV 2751 (ausgestellt im Schloßbergmuseum Chemnitz)
6th century Byzantine mosaic of the enthroned Theotokos on the north wall of the Basilica di Sant'Apollinare Nuovo (New Basilica of Saint Apollinaris) at Ravenna, Emilia-Romagna, Italy.
Autor/Urheber: Miguel Hermoso Cuesta, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Virgen con el Niño, del monasterio de San Benito de Sahagún
Autor/Urheber: GFreihalter, edited by MenkinAlRire, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Sedes Sapientiae by Presbyter Martinus, 1199, from San Sepolcro, Arezzo, Bode Museum, Berlin