Richard B. Russell Jr.

Richard B. Russell

Richard Brevard Russell Jr. (* 2. November 1897 in Winder, Barrow County, Georgia; † 21. Januar 1971 in Washington, D.C.) war ein US-amerikanischer Politiker (Demokratische Partei). Er war sowohl Gouverneur als auch US-Senator von Georgia.

Lebenslauf

Er war das vierte Kind und der erste Sohn des Juristen Richard B. Russell Sr., der später Oberster Richter am Obersten Gerichtshof von Georgia wurde, und der Schullehrerin Ina Dillard Russell. 1915 begann er ein Studium der Rechtswissenschaften an der University of Georgia, das er 1918 mit einem Bachelor of Laws abschloss. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Reservist in der Marine. Anfang der 1920er Jahre betrieb er zusammen mit seinem Vater eine Anwaltskanzlei.

Russell stieg sehr früh in die Politik ein. Wie fast alle Südstaatler war er ein Mitglied der Demokratischen Partei (siehe auch Solid South). Zwischen 1921 und 1931 war er Abgeordneter im Repräsentantenhaus von Georgia, zu dessen jüngsten Mitgliedern er zählte. Er setzte sich für eine Erweiterung der Highways und des öffentlichen Schulsystems ein. Ab 1927 diente er als Speaker des Parlaments, ein Amt, das er zuvor schon 1923 und 1925 vorübergehend (pro tempore) ausgeübt hatte.

1930 wurde er nach einem geschickten Wahlkampf zum Gouverneur seines Heimatstaates gewählt. Er trat das Amt im Juni 1931 an. In dieser Eigenschaft schaffte er es, mitten in der Great Depression den Staatshaushalt zu sanieren. Dabei griff er auch auf eine unter seinem Vorgänger Lamartine Griffin Hardman erarbeitete Studie der sogenannten Allen-Kommission zurück, die detaillierte Vorschläge zu einer effektiven Verwaltungsreform gemacht hatte. Das Ergebnis war eine radikale Rationalisierung der Regierungsstrukturen des Bundesstaats: Aus insgesamt 102 Regierungsbehörden wurden nur 17. In seine Amtszeit fiel außerdem die Gründung des University System of Georgia.

1933 wechselte er in den Kongress als Senator für Georgia. Er hatte sich bei einer Nachwahl nach dem Tod von William J. Harris gegen seinen Mitbewerber Charles R. Crisp durchsetzen können. Sein Mandat hatte er bis zu seinem Tod inne. Er wurde Mitglied im einflussreichen Committee on Appropriations und Vorsitzender des Unterausschusses für Landwirtschaft. Bald zählte er zu den führenden Parlamentariern auf dem Kapitol. 1952 bewarb er sich um die Präsidentschaftskandidatur bei den Demokraten, unterlag allerdings im dritten Wahlgang Adlai Stevenson. 1969 bis 1971 war er Präsident pro tempore des Senats.

Zu Beginn seiner Amtszeit profilierte sich Russell als Unterstützer des neu gewählten demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und des New Deals, wie der Präsident sein ambitioniertes linkes Reformprogramm nannte. Russell wirkte insbesondere bei der Entwicklung von Regierungsinitiativen gegen die bittere Armut in ländlichen Gebieten mit, die besonders schwer von der Weltwirtschaftskrise getroffen worden waren. Dazu zählten beispielsweise die Gründung der Tennessee Valley Authority und der Farm Security Administration.

Während des Zweiten Weltkriegs war Russell Mitglied im Marineausschuss. Nach Ende des Krieges fusionierte dieser Ausschuss mit dem Militärausschuss zum Committee on Armed Services, dessen Vorstand Russell 17 Jahre innehatte. In der Nachkriegszeit gehörte er zu den isolationistischen Kritikern der US-Außenpolitik. Sowohl die Gründung der UN als auch der NATO betrachtete er mit Argwohn. Auch Auslandseinsätzen des US-Militärs stand er eher kritisch gegenüber, da das US-Militär seiner Meinung nach nur zur direkten Verteidigung der USA zum Einsatz kommen sollte. So war er gegenüber dem Vietnamkrieg zurückhaltend.[1] Während der Kubakrise sprach er sich für einen direkten militärischen Schlag gegen den kommunistischen Staat aus, da dieser in seinen Augen die in der Monroe-Doktrin definierte Einflusssphäre der Vereinigten Staaten in Lateinamerika bedrohte. Die Errichtung von Militärbasen im Ausland unterstützte er. Im Rahmen des Kalten Kriegs war er maßgeblich am Ausbau des US-Militärs und der Gründung der CIA sowie der Atomic Energy Commission beteiligt.

Lyndon B. Johnson (links) und Richard B. Russell bei einem Gespräch (1963)

Russell war ein überzeugter Vertreter der White Supremacy. Aufgrund seines ausgeprägten Rassismus[2] zählte er zu den wichtigsten Gegnern der Bürgerrechtsbewegung im Senat. Schon 1935 stimmte er gegen ein Gesetz, das die Bekämpfung der weit verbreiteten Lynchmorde an Afroamerikanern zum Ziel hatte. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten blockierten er und andere Südstaaten-Senatoren durch den geschickten Missbrauch bestimmter Parlamentsregeln Gesetze, die der Gleichstellung der Afroamerikaner gedient hätten. Mit 18 weiteren Südstaatensenatoren führte er seine Ideologie 1956 mit dem Southern Manifesto aus, in dem die Bemühungen der Bundesregierung zur Integration der Schwarzen in die amerikanische Gesellschaft für einen verfassungswidrigen Eingriff in die Rechte der Bundesstaaten erklärt wurde. Ab den 1960ern geriet er durch diese rassistische Haltung zunehmend in Konflikte mit dem Weißen Haus und seinem politischen Ziehsohn, dem Präsidenten Lyndon B. Johnson, mit dem ihm eigentlich eine enge Freundschaft verband.[3] Letzten Endes musste er sich gegenüber seinem ehemaligen Protegé geschlagen geben, als dieser seinen Civil Rights Act of 1964 und seinen Voting Rights Act of 1965 gegen Russells erbitterten Widerstand durch den Senat brachte.

Auf ausdrücklichen Wunsch von Präsident Johnson[4] war er auch Mitglied der Warren-Kommission, die zwischen 1963 und 1964 das Attentat auf John F. Kennedy untersuchte.

Russell starb am 21. Januar 1971 an den Folgen eines Lungenemphysem und wurde auf dem Familienfriedhof in Winder beigesetzt. Kurz nach seinem Tod gab die United States Navy bekannt, das U-Boot mit der Kennung SSN-687 (Sturgeon-Klasse) nach Russell zu benennen. Nach ihm wurde 1972 auch das Russell Senate Office Building benannt.

Literatur

Commons: Richard B. Russell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Caroline F. Ziemke: Senator Richard B. Russell and the „Lost Cause“ in Vietnam, 1954-1968 In: The Georgia Historical Quarterly, Band 72 (1988), S. 30–71
  2. Robert A. Caro: The Passage of Power (The Years of Lyndon Johnson, Band 4), The Bodley Head, London, 2012, S. 431, ISBN 978-0-679-40507-8.
  3. Mark Stern: Lyndon Johnson and Richard Russell: Institutions, Ambitions and Civil Rights In: Presidential Studies Quarterly, Band 21 (1991), S. 687–704
  4. Robert A. Caro: The Passage of Power (The Years of Lyndon Johnson, Band 4), The Bodley Head, London, 2012, S. 446–449, ISBN 978-0-679-40507-8.

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