Ray Johnson
Ray Edward Johnson (* 16. Oktober 1927 in Detroit; † 13. Januar 1995 in New York City) war ein US-amerikanischer Künstler. Er gilt als Begründer der Mail Art.
Leben und Arbeit
Ray Johnson wuchs als Kind finnischer Einwanderer in einem Arbeiterviertel in Detroit auf und erwarb seine grundlegende, klassische Kunstbildung als Teenager an der berufsbildenden Cass Technical High School. Anschließend besuchte er das Black Mountain College in Asheville, North Carolina, zu dessen Vorstand Persönlichkeiten wie Albert Einstein und der Schriftsteller William Carlos Williams zählten und an dem Berühmtheiten wie der Maler Willem de Kooning und der Komponist John Cage lehrten.
Zu Johnsons Lehrern zählte vor allem der frühere Bauhaus-Meister Josef Albers, außerdem Lyonel Feininger und Robert Motherwell. Das Frühjahrssemester 1946 verbrachte er an der Art Students League in New York. Auf Albers’ Rat blieb er im Sommer 1948 für ein weiteres Semester am College, als zu den Gastdozenten unter anderem Merce Cunningham, Buckminster Fuller und Richard Lippold gehörten; Johnson wirkte dort an der Aufführung von The Ruse of Medusa mit.[1][2]
Nach dem Abschluss seines Studiums ging Ray Johnson 1948 nach New York City, wo sein Name in der Kunstszene bald ein Begriff war. Er begann, Hunderte kleiner Arbeiten anzufertigen, bei denen er traditionelle Abstraktionsmethoden umfunktionierte und insbesondere von der dadaistischen Collage ausging. Er selbst bezeichnete diese Konstruktionen, für die er hauptsächlich Tintenzeichnungen, Ausschnitte und zufällige Elemente verwendete, als „Moticos“.
“I've got a big pile of things at home which will make moticos. They're really collages - paste-ups of pictures and pieces of paper, and so on - but that sounds too much like what they really are, so I call them moticos. It's a good word because it's both singular and plural and you can pronounce it how you like. However I'm going to get a new word soon.”
„Ich habe zu Hause einen großen Stapel aus Dingen, aus denen Moticos entstehen werden. Dies sind tatsächlich Collagen – zusammengeklebte Bilder und Papierstücke usw. –, aber das klingt zu sehr wie das, was sie wirklich sind, darum bezeichne ich sie als „Moticos“. Das ist ein gutes Wort, weil es zugleich Singular und Plural ist und weil man es aussprechen kann, wie man will. Trotzdem werde ich bald ein neues Wort dafür finden.“
In New York schloss sich Johnson der Gruppe American Abstract Artists an und malte zunächst geometrische Abstraktionen, die von Albers beeinflusst waren. Den Großteil dieser frühen Bilder zerstörte er später, nachdem er sich der Collage zugewandt hatte. Seine kleinformatigen Arbeiten der 1950er Jahre mit Motiven aus der Populärkultur, darunter Bilder von Elvis Presley, James Dean und Shirley Temple, gelten als Vorläufer der Pop Art und nahmen die Bildwelt Andy Warhols der 1960er Jahre voraus.[1] Wegen seines hohen Ansehens in der Kunstszene bei zugleich geringer öffentlicher Bekanntheit bezeichnete ihn die Kritikerin Grace Glueck 1965 als „berühmtesten unbekannten Künstler". Johnson war zudem als Grafikdesigner tätig.[1]
Johnson schätzte die etablierten Institutionen der Kunstwelt gering und setzte sich bei der öffentlichen Präsentation seiner Arbeit häufig über die Bedingungen hinweg, die die Galerien ihm vorgaben. Auf der Suche nach einer einfacher zugänglichen Form der Kunstdistribution entdeckte er für sich die Mail Art, d. h. den Postversand seiner Arbeiten, und begründete in den frühen 1960er Jahren die New York Correspondance School (NYCS). Der einzige Galerist, mit dem Johnson weiterhin eng zusammenarbeitete, war Richard L. Feigen.
Bereits 1958 versah Johnson erste Sendungen mit der Aufforderung „please send to …" und baute so ein Netzwerk von Korrespondenten auf. Den Namen New York Correspondence School prägte 1962 der Künstler Ed Plunkett; Johnson selbst schrieb ihn häufig „Correspondance". Daneben war Johnson ein früher Vertreter der Performancekunst: Ab 1961 inszenierte er Veranstaltungen, die er „Nothings" nannte und als Gegenentwurf zu den Happenings von Allan Kaprow verstand. Das erste „Nothing" fand im Juli 1961 in der von George Maciunas mitbetriebenen AG Gallery in New York statt.[1]
1970 richtete das Whitney Museum die Ausstellung Ray Johnson: New York Correspondence School aus, die als wichtige institutionelle Anerkennung seiner Arbeit galt. Ab 1976 schuf Johnson sein Silhouette-Projekt mit über 200 Profilbildnissen von Freunden, Künstlern und Prominenten, die er häufig als Grundlage seiner Collagen verwendete. Zwischen 1992 und 1994 fertigte er mit Einwegkameras eine umfangreiche fotografische Werkgruppe, in der er seine Collagen an Alltagsorten wie Parkplätzen, Stränden und Friedhöfen inszenierte; sie wurde erst 2022 im Morgan Library & Museum umfassend gezeigt.[1]
Nach einem brutalen Überfall und nach Valerie Solanas’ Mordversuch an Andy Warhol verließ Johnson New York City und zog sich auf Long Island zurück, zunächst nach Glen Cove, später nach Locust Valley, wo er seine Arbeit in großer Zurückgezogenheit fortsetzte.[1] Am 13. Januar 1995 wurde Johnson dabei beobachtet, wie er von einer Brücke in Sag Harbor sprang und aufs Meer hinausschwamm; sein Leichnam wurde am folgenden Tag gefunden. Sein Tod gilt als Suizid durch Ertrinken. Auffällig sind mehrere Bezüge zur Zahl 13, etwa das Todesdatum, sein Alter von 67 Jahren (6+7=13) und die Zimmernummer 247 (2+4+7=13) eines Motels, in das er sich zuvor eingemietet hatte. Da Johnson seinen Tod zu Lebzeiten mehrfach thematisiert hatte, wurde wiederholt vermutet, das Ertrinken könne als seine „letzte Performance" gedacht gewesen sein; gesichert ist diese Deutung nicht. In seinem Haus fanden sich Hunderte sorgfältig angeordnete Collagen. Johnson hinterließ kein Testament; der Nachlass (Ray Johnson Estate) wird von der Kunsthandlung Adler Beatty verwaltet, zuvor durch Frances Beatty und Richard L. Feigen & Co.[1] Das New Yorker Whitney Museum richtete ihm 1999 eine posthume Retrospektive ein.[3]
Einem größeren Publikum sind Ray Johnsons Arbeiten bis heute weitgehend unbekannt, innerhalb der zeitgenössischen Kunstszene hatte er jedoch den Rang eines legendären Außenseiters.
Dokumentarfilm über Ray Johnson
- How to Draw a Bunny (USA 2002; Regie: John W. Walter)
Ausstellungen
- 2012 Ray Johnson – I like funny stories, Sammlung Maria und Walter Schnepel, 2. Juni 2012 – 2. September 2012, Weserburg Museum für moderne Kunst
- 2017 Ray Johnson. Picasso Queen, 9. Dezember 2017 – 21. Mai 2018, Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Literatur
- Ray Johnson – correspondences. Wexner Center for the Arts, Columbus, Ohio 1999, ISBN 1-881390-21-7; Flammarion, Paris 1999, ISBN 2-08-013663-1.
- Ray Johnson, How Sad I Am Today..., Morris and Helen Belkin Art Gallery, Vancouver 2001, ISBN 0-88865-612-2.
- Ray Johnson – I like funny stories. Salon, Köln 2012, ISBN 978-3-89770-415-2.
Weblinks
- Mail Artists Index
- Ray Johnson: The Name of the Game (dt.)
- An Illustrated Introduction to Ray Johnson, 1927–1995 Biografie (engl.)
- Correspondence Art of Ray Johnson (engl.)
- Detailreicher Essay über Ray Johnson und Mail Art ( vom 31. August 2000 im Internet Archive) (engl.)
- Artistamp Gallery – Ray Johnson (engl.)
- Whatever happened to Ray Johnson? mit Foto (engl.)
- www.cultivatetwiddle.com mit Foto (engl.)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g Biography. In: Ray Johnson Estate. Abgerufen am 15. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Ray Johnson. In: Whitney Museum of American Art. Abgerufen am 15. Juni 2026 (englisch).
- ↑ Kito Nedo, Behind Pop ( des vom 16. Januar 2012 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., art-magazin.de, 2. Januar 2012.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Johnson, Ray |
| ALTERNATIVNAMEN | Johnson, Ray Edward (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Künstler |
| GEBURTSDATUM | 16. Oktober 1927 |
| GEBURTSORT | Detroit |
| STERBEDATUM | 13. Januar 1995 |
| STERBEORT | New York City |