Quintilian

Quintilians Institutio oratoria in der Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 46.12, fol. 1r, aus dem Jahr 1476
Quintilians Institutio oratoria in der Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus lat. 1556, fol. 1r (15. Jahrhundert)

Quintilian (mit vollem Namen Marcus Fabius Quintilianus; * um 35 in Calagurris; † um 96) war ein römischer Lehrer der Rhetorik. Sein im Mittelalter und in der Renaissance einflussreiches Werk Institutio oratoria rückte in der Mitte des 20. Jahrhunderts, nach der Abkehr vom argumentationstheoretischen Logizismus, wieder verstärkt in den Fokus der wissenschaftlichen Rezeption.

Leben und Werk

Seine Ausbildung machte Quintilian in Rom bei Quintus Remmius Palaemon und Gnaeus Domitius Afer. Nach der Rückkehr in seine Heimat begleitete er 68 n. Chr. den zum Kaiser ernannten spanischen Statthalter Galba nach Rom. Hier war er zunächst als Anwalt und Redelehrer tätig; unter anderem waren der jüngere Plinius und Juvenal seine Schüler. Sein Ruhm brachte ihm unter Kaiser Domitian die Verleihung der consularia ornamenta ein, die höchste Auszeichnung, die ein Nichtsenator erhalten konnte.

Als Vespasian in Rom öffentliche Rhetorikschulen einrichtete, wurde Quintilian der erste staatlich besoldete Lehrer der Rhetorik in Rom. Nach 20-jähriger Lehrtätigkeit trat Quintilian in den Ruhestand. Seit etwa 90 wirkte er weiter als Prinzenerzieher Vespasians des Jüngeren am Kaiserhof Domitians. Zugleich verfasste er sein Hauptwerk, die Institutio oratoria („Unterweisung in der Redekunst“) in zwölf Büchern, die zugleich ein umfassendes erzieherisches Anliegen hat. Sie behandelt, mit der elementaren Ausbildung beginnend, systematisch das gesamte Gebiet der Rhetorik. Quintilian war geprägt von der Redekunst und dem Stil Ciceros. Er sah in Cicero das Vorbild des Redners und Stilisten und die Verkörperung seines Bildungsideals.

Er verlangte eine natürliche Sprache und kritisierte die gekünstelte Rhetorik seiner Zeit, vertrat also in Anknüpfung an die Asianismus/Attizismus-Debatte zur Zeit Ciceros wie letzterer eine gemäßigte rhodische Mittelposition. Quintilians eigene Reden und weitere Schriften sind verloren. Die Thesen seiner Streitschrift De causis corruptae eloquentiae („Von den Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit“) können jedoch aus Anspielungen der Institutio und in TacitusDialogus de oratoribus („Dialog über die Redner“) ungefähr rekonstruiert werden.

Büste Quintilians im Ulmer Münster, um 1470
Idealisierte Darstellung Quintilians beim Lehren der Redekunst (Kupferstich, 1720)

Das bedeutende, durch reiche persönliche Erfahrung geprägte Hauptwerk hat stark auf die Humanisten gewirkt und stellt die Grundlage des noch bis in neuere Zeit hinein wirksamen Ciceronianismus dar. Das 10. Buch des Werkes bietet einen Abriss der griechischen und römischen Literaturgeschichte mit abgewogenen Charakteristiken und feiner Kritik. Einschränkend muss aber festgehalten werden, dass die griechischen und römischen Autoren danach beurteilt werden, wie vorbildlich sie für den sich schulenden jungen Redner sind: Nicht eine abstrakte ästhetische Einordnung gibt Quintilian, er schätzt vielmehr den Nützlichkeitseffekt ein, den die Lektüre der Autoren für den Stil des Rhetorikschülers haben könnte.

Zwei unter Quintilians Namen überlieferte Werke Declamationes stammen wohl aus dessen Schule. Sie enthalten eine Sammlung von Übungsreden. Die Schüler sollten hier gemäß einer zeittypischen Lehrform, die Quintilian selbst allerdings scharf kritisierte, an einem fiktiven, meist geradezu absurden Rechtsfall in je einer Anklage- und Verteidigungsrede formal ihren Scharfsinn und ihr Sprachgefühl entwickeln.

Literatur

Für weitere Literatur inklusive Textausgaben und Übersetzungen siehe den Werkartikel Institutio oratoria.

  • Ludwig von Schwabe: Fabius 137. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VI,2, Stuttgart 1909, Sp. 1845–1864.
  • Josef Dolch: Lehrplan des Abendlandes. Zweieinhalb Jahrtausende seiner Geschichte. Dritte Auflage. Henn, Ratingen 1971 (unveränderter reprographischer Nachdruck Darmstadt 1982).
  • Otto Seel: Quintilian oder Die Kunst des Redens und Schweigens. Klett-Cotta, Stuttgart 1977 (mit einem Schwerpunkt auf der Rezeption des Werkes).
  • Manfred Fuhrmann: Die antike Rhetorik. Eine Einführung. Artemis & Winkler, München / Zürich 1984.
  • Joachim Dingel: Quintilianus [1]. In: Der Neue Pauly. Band 10, 2001, Sp. 716–721.
  • Thomas Schirren: Marcus Fabius Quintilianus. In: Wolfram Ax (Hrsg.): Lateinische Lehrer Europas. Fünfzehn Portraits von Varro bis Erasmus von Rotterdam. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-14505-X, S. 67–107.
  • Johannes Christes, Richard Klein, Christoph Lüth (Hrsg.): Handbuch der Bildung und Erziehung in der Antike. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-15887-3.
  • Marc van der Poel: Quintilianismus. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 10. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, Sp. 997–1016.
  • Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken. Band 2. Dritte, verbesserte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-026525-5, S. 1066–1076.
  • Florens Deuchler: Quintilian. Nachantike Spuren der „Institutio oratoria“. Mutmaßungen über das libro dell’arte von Cennini. Notate zu Sulzers Theorie. Peter Lang, Bern 2017, ISBN 978-3-0343-2675-9.
Commons: Quintilian – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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Quintilian, Institutio oratoria ed. Burman (Leiden 1720), frontispiece.jpg
Frontispiz von Quintilians Institutio oratoria, hrsg. von Pieter Burman(n) dem Älteren, Leiden 1720. Voller Titel: M. Fabii Quinc[!]tiliani de institutione oratoria libri duodecim, cum notis et animadversionibus virorum doctorum, summa cura recogniti et emendati per Petrum Burmannum. Lugduni Batavorum, Apud Joannem de Vivie, MDCCXX. Der Kupferstich von F. Bleyswyk zeigt Quintilian, wie er seinen Schülern die Redekunst lehrt.
Ulm-Muenster-ChorGestuehl-Quintilian.jpg
Autor/Urheber: Joachim Köhler, Lizenz: CC BY-SA 3.0
The Lutheran cathedral "Ulm Münster" of Ulm/Germany, carved brüste of Quintilian
Quintilian, Institutio oratoria, Florence, Plut. 46.12.jpg
Quintilian, Institutio oratoria in der Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 46.12, fol. 1r.
Quintilian, Institutio oratoria, Vaticanus Palatinus lat. 1556.jpg
Quintilian, Institutio oratoria in der Handschrift Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus lat. 1556, fol. 1r.