Pirro Ligorio

Pirro Ligorio (* 1514 in Neapel; † 30. Oktober 1583 in Ferrara) war ein italienischer Maler, Altertumsforscher, Architekt und Gartenarchitekt des Manierismus. In Rom arbeitete er als Mitarbeiter von Michelangelo und trat nach dessen Tod die Nachfolge als leitender Architekt des Petersdoms an. Ab 1567 war Ligorio vor allem für Mitglieder der Familie Este in Tivoli und Ferrara tätig. Neben seiner Bautätigkeit galt sein Interesse der Erforschung des Altertums. Seine Kodizes werden aufgrund ihrer alphabetischen Sortierung gerne als „Enzyklopädie der Antike“ bezeichnet.
Werk
Maler
Pirro Ligorio arbeitete zunächst für die Familie Caraffa in Neapel. Über mögliche Werke aus seiner frühen Zeit gibt sein erster Biograph, Giovanni Baglione (Le vite de’pittori, scultori, architetti, Rom 1642), keine Auskunft. 1534 kam er nach Rom. Das einzige Werk seiner Malerei, das bis heute erhalten blieb, ist das nach 1542 entstandene Fresko mit der Darstellung Tanz der Salome in der römischen Confraternità di San Giovanni Decollato. Ligorio studierte in Rom die antiken Ruinen und Skulpturen ebenso wie antike Münzen und Gerätschaften. Mit dem Eintritt in den Dienst des Kardinals Ippolito II. d’Este im Jahre 1549 trat seine Malerei in den Hintergrund. Er begann im Auftrag des Kardinals mit Ausgrabungen an der Villa Kaiser Hadrians bei Tivoli.
Architekt

In seiner Tätigkeit als Architekt schuf er zunächst den Palazzo Torres (heute Lancellotti) an der Piazza Navona in Rom (um 1553). Eine Mitarbeit bei den Entwürfen für die Villa des Vicino Orsini in Bomarzo mit dem Sacro Bosco, auch Parco dei Mostri genannt, wird immer wieder vermutet. Ab 1557/58, zu Zeiten Papst Paul IV. (1555–1559), erscheint er in Dokumenten als päpstlicher Architekt. Für Papst Pius IV.(1559–1565) entwarf er das Casino di Pio IV in den vatikanischen Gärten. Er wurde Mitarbeiter der Fabbrica di San Pietro unter der Leitung Michelangelos. Nach dem Tod Michelangelos im Jahre 1564 wurde er in dessen Nachfolge zum leitenden Architekten von St. Peter. Sein Mitarbeiter war Vignola. Diese renommierte Stelle hatte Ligorio jedoch nur ein Jahr inne. Durch eine Verleumdung kam er im Sommer 1565 kurzzeitig ins Gefängnis und wurde im November aus dem päpstlichen Dienst entlassen. 1567 kehrte er nach Tivoli zurück und entwarf für Ippolito d’Este den Garten der Villa d’Este in Tivoli, dessen Wasserspiele er mit dem umgeleiteten Nebenarm des Flusses Aniene versorgte. Nach dem Tod des Kardinals ging Ligorio an den Hof der Este nach Ferrara. Dort arbeitete er im Dienste des Herzogs Alfonso II. d’Este unter anderem als Wasserbauingenieur und errichtete den Hochwasserschutz der Stadt vor Überschwemmungen durch den Po.
Altertumsforscher
Neben den künstlerischen Werken hinterließ Ligorio ein umfangreiches Konvolut an Manuskripten, die sich heute auf mehrere Archive und Bibliotheken verteilen. Darin trug er das Wissen seiner Zeit zu vielen Bereichen der Altertumskunde zusammen, oft ergänzt durch eigene Beobachtungen der antiken Überreste in Rom. Seine Zeichnungen in diesen Bänden und auf Einzelblättern, die er von den Ruinen des antiken Rom und von den Ausgrabungen antiker Gebäude und Fundstücke in Tivoli anfertigte, sind für die Forschung von großem Wert, wenn ihm auch im 19. Jahrhundert einige Fälschungen, vor allem im Bereich der Epigraphik, nachgewiesen worden sind. Seine Ergänzungen und Rekonstruktionen von antiken Statuenfragmenten, denen er auf dem Papier zu ihrer ehemaligen Vollkommenheit und Schönheit verhalf, bewertet man heute sehr viel positiver als in der archäologischen Forschung des 19. Jahrhunderts: Christian Huelsen erkannte darin einen Beweis für die „ungezügelte Phantasie“ des Fälschers Ligorio[1] und Hermann Dessau verurteilte seine Zeichnungen als „ganz geschmacklose Erfindungen“, deren Beschreibungen „gänzlich aus der Luft gegriffen“ seien.[2] Die heutige Forschung erkennt in seinen Rekonstruktionen dagegen den Versuch des Künstlers, aus der genauen Beobachtung der antiken Fragmente in Verbindung mit den philologischen Studien zu neuen Erkenntnissen über die Welt der Antike zu kommen.

Der größte Teil der Kodizes wird im Archivio di Stato di Torino und in der Biblioteca Nazionale di Napoli aufbewahrt. Weitere, und zwar die frühesten Fassungen, befinden sich in der Bibliothèque nationale de France in Paris (ms. Ital. 1129) und der Bodleian Library in Oxford (ms. Canonici Ital. 138). Die erste Zusammenstellung erfolgte in den 1560er-Jahren (Neapel, Codici ligoriani 1-10) für den Verkauf an Kardinal Alessandro Farnese. In Ferrara überarbeitete und erweiterte Ligorio ab 1569 die früheren Studien. Seine Enzyklopädie der Antike in 24 Büchern (jedes einem Buchstaben des Alphabets gewidmet; Turin, Codici ligoriani 1–18) stellte eine bedeutende Neuerung dar. Weitere Abhandlungen widmen sich griechischen und römischen Münzen, Inschriften, Villen, illustren Persönlichkeiten, Erdbeben, der Bedeutung von Fabeltieren und der Erhabenheit der antiken Künste (Turin, Codici ligoriani 19–30).[3]
1987 wurde in Rom ein Nationalkomitee gegründet, um durch kulturelle Veranstaltungen das Wissen über das umfangreiche künstlerische, architektonische, historische und archäologische Werk von Pirro Ligorio zu vertiefen und bekannter zu machen. Ab 1989 förderte das Komitee die Herausgabe der „Nationalen Ausgabe der Werke von Pirro Ligorio“.[4] Dank der Förderung der Amici dell’Archivio di Stato di Torino OdV (Freiwilligen-Verein der Freunde des Staatsarchivs Turin) ist die Sammlung Delle Antichità seit August 2024 vollständig digitalisiert und frei auf dem Portal des Staatsarchivs Turin zugänglich. Ergänzt ist sie durch einen Band mit Originalzeichnungen Ligorios (inkl. dem obigen Selbstporträt) und einen Indexband.[5][6]
Bauten
- Nymphäum der Villa Giulia in Rom
- Exedra im Cortile del Belvedere des Vatikans (Umbau)
- Garten der Villa d’Este bei Tivoli, 1565
- Sacro Bosco, Bomarzo bei Viterbo
- Casino di Pio IV. in den Vatikanischen Gärten, Rom, 1559–1562
- Springbrunnen der Villa Lante in Bagnaia
Schriften

- Delle antichità. Handschriften in Paris, Oxford, Neapel und Turin (siehe Text).
- Libro delle antichità di Roma, nel quale si tratta de' circi, theatri, et anfitheatri. Tramezzino, Venedig 1553 Internet-Archiv und MDZ
- Delle antichità di Roma. Circi, amphitheatri con numerose tavole e pianta cinquecentesca di Roma. Hrsg. v. Daniela Negri. Um Illustrationen ergänzte Transkription der Ausgabe von 1553. E&A, Rom 1989
- Il Libro di Disegni di Pirro Ligorio all’Archivio di Stato di Torino. Rom 1994.
- Libro dell’antica città di Tivoli e di alcune famose ville. Hrsg. v. A. Ten, Rom 2005.
- Libri degli eroi e uomini illustri dell’antichità. Hrsg. v. B. Palma Venetucci, Rom 2005.
- Libro di diversi terremoti. Hrsg. v. E. Guidoboni, Rom 2005.
Literatur
- Hermann Dessau: Römische Reliefs beschrieben von Pirro Ligorio. In: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Band 40, 1883, ZDB-ID 211663-7, S. 1077–1105.
- Christian Huelsen: Die Hermeninschriften berühmter Griechen und die ikonographischen Sammlungen des XVI. Jahrhunderts. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts. Römische Abteilung. Band 16, 1901, ISSN 0342-1287, S. 123–154.
- Erna Mandowsky: Some observations on Pirro Ligorio’s Drawings of Roman Monuments. In: Rendiconti. Band 27, 1952–1954, ZDB-ID 203801-8, S. 335–358.
- David R. Coffin: The Villa d’Este at Tivoli (= Princeton Monographs in Art and Archaeology. Band 34). Princeton University Press, Princeton NJ 1960.
- Erna Mandowsky, Charles Mitchell (Hrsg.): Pirro Ligorio’s Roman Antiquities. The Drawings in MS XIII. B. 7 in the National Library in Naples (= Studies of the Warburg Institute. Band 28). Warburg Institute, London 1963.
- Graham Smith: The Casino of Pius IV. Princeton University Press, Princeton NJ 1977, ISBN 0-691-03915-1.
- Inge Maria Podbrecky: Beiträge zu einer Biografie Pirro Ligorios (1513–1583). 2. Bände. phil. Diss., Wien 1983.
- Anna Schreurs: Antikenbild und Kunstanschauungen des neapolitanischen Malers, Architekten und Antiquars Pirro Ligorio (1513–1583) (= Atlas. Band 3). König, Köln 2000, ISBN 3-88375-358-0 (Zugleich: Dissertation, Universität Bonn 1995).
- LIGORIO, Pirro. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 65: Levis–Lorenzetti. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2005.
- Fernando Loffredo, Ginette Vagenheim (Hrsg.): Pirro Ligorio’s Worlds. Antiquarianism, Classical Erudition and the Visual Arts in the Late Renaissance (= Brill’s Studies in Intellectual History, 293; Brill’s Studies on Art, Art History, and Intellectual History, 34). Brill, Leiden 2019, ISBN 978-90-04-38563-4 (englisch).
Einzelnachweise
- ↑ Christian Huelsen: Die Hermeninschriften berühmter Griechen und die ikonographischen Sammlungen des XVI. Jahrhunderts. 1901, S. 130.
- ↑ Hermann Dessau: Römische Reliefs beschrieben von Pirro Ligorio. 1883, S. 1079.
- ↑ L’edizione Nazionale. In: edizionenazionaleligorio.it. Abgerufen am 18. November 2025 (italienisch).
- ↑ Comitato nazionale, storia e compontenti. In: edizionenazionaleligorio.it. Abgerufen am 18. November 2025 (italienisch).
- ↑ Manuscritti di Pirro Ligorio. In: Ministerio della Cultura. Archivio di Stato di Torino. 7. August 2024, abgerufen am 18. November 2025 (italienisch).
- ↑ Bibliotheca antica: Pirro Ligorio. In: Archivio di Stato di Torino. Digital Library. Abgerufen am 18. November 2025 (italienisch).
Weblinks
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ligorio, Pirro |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Maler, Archäologe, Architekt und Gartenarchitekt des Manierismus |
| GEBURTSDATUM | 1514 |
| GEBURTSORT | Neapel |
| STERBEDATUM | 30. Oktober 1583 |
| STERBEORT | Ferrara |
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Villa d'Este Tivoli, Privatfoto 1995, GNU-FDL
Pirro Ligorio, Autoportrait in: Disegni di Pirro Ligorio (Note Storiche: Il libro dell'antichità di Pirro Ligorio. Raccolta di disegni originali di figure, e di ornati dello stesso Pirro Ligorio, alcuni fatti colla penna, altri col lapis, ed altri col pastello)
Pantheon in Rome. Drawing in vol. 13, lib. 15 of Delle antichità, State Archives of Turin