Petrochemie
Unter Petrochemie (auch Petrolchemie oder Petrochemische Prozesse, weniger Erdölchemie) versteht man die Herstellung von chemischen Produkten aus Erdgas und geeigneten Fraktionen des Erdöls bzw. verarbeiteten Rohöls.[1] Die industrielle Petrochemie gewinnt zuerst aus Erdöldestillationsschnitten reaktive niedermolekulare Verbindungen, die in gezielten Aufbauschritten zu Zwischen- und Endprodukten weiterverarbeitet werden.[2]
Diese Ausgangsprodukte der Petrochemie fallen im Allgemeinen bei den Prozessen einer Erdölraffinerie an und dienen für die petrochemischen Verfahren. Die Verfahren werden in großchemische Anlagen umgesetzt. Dabei kann es sich um eigenständige Verfahrensanlagen handeln, die per Transferleitungen versorgt werden, oder um Einheiten, die Teil eines Raffineriekomplexes sind.
Petrochemische Anlagen werden in der Regel in der Nähe von Raffinerien errichtet und betrieben, da sie daraus ihre Ausgangsstoffe für anschließende petrochemische Verfahren beziehen. Zwischenprodukte wie Ethan werden aber auch über weite Strecken transportiert, entweder per Pipeline über Land – auch genannt Produktenpipeline – oder per Tanker über See.[3]
Die Produkte der Petrochemie sind Grundchemikalien, auch bekannt als Basischemikalien, aus denen eine Vielzahl weiterer Stoffe hergestellt wird, die schließlich zu Endprodukten werden. Zu den Abnehmern der Produkte dieses chemischen Industriesektors zählen die Kunststoff-, Verpackungs-, Automobil-, Möbel-, Bau-, Pharma- und Textilindustrie, sowie weitere Branchen.
Zu den ingenieurwissenschaftlichen Fachgebieten, die sich mit diesem Thema befassen, zählen die Chemie der Kohlenwasserstoffe, der Anlagen- und Apparatebau, die Verfahrenstechnik (Prozesstechnik), die technische Chemie sowie die Instrumentierung und Automatisierungstechnik.
Rohstoffe
In der Petrochemie werden kohlenstoffhaltige organische Rohstoffe – auch bekannt als Feedstock – genutzt. Davon sind 77 % Erdöl, 10 % Erdgas, ebenfalls 10 % nachwachsende Rohstoffe und 3 % Kohle.[2][4] Insgesamt werden Erdgas (Methan), Raffineriegase, Wasserstoff, flüssige Kohlenwasserstofffraktionen (leichtes und schweres Rohbenzin bzw. Naphtha) und auch Schwefel aus der Hydrodesulfurierung aus einer Erdölraffinerie verarbeitet. Naphtha und Ethan spielen dabei eine überragende Rolle bei der Verarbeitung in Steamcrackern, siehe die Tabelle zum Rohstoffeinsatz.[5]
Die typischen Rohstoffe der Petrochemie, welche aus Raffinerieprozessen anfallen, sind:[6][7]
- C2-Fraktionen: Ethen (Ethylen) und Ethan
- C3-Fraktionen: Propan und Propen (Propylen)
- C4-Fraktionen, z. B. Butane, 1,3-Butadien, Butene (Butylene), Isobuten und höhere Olefine
- Naphtha (Benzinfraktionen) für Steamcracking (Erzeugung von Olefinen) und als Rohstoff für Aromatenproduktion
- Aromaten: Benzol, Toluol, o-Xylol, p-Xylol (BTX) u. a.
Die C2-C4-Fraktionen (Gemische), auch bekannt als leichte Olefine, gehören zu den aliphatischen ungesättigten Kohlenwasserstoffen, mit der Formel CnH2n.[8] Sie sind Rohstoffe für die Herstellung einer Vielzahl von petrochemischen Produkten. Die Fraktionen enthalten außerdem Paraffine (Alkane) CnH2n+2 und Diolefine wie 1,3-Butadien. Weitere Abkürzungen in dem Kontext sind Crack-C4 (CC4) und Fluid Catalytic Cracking-C4 (FCC-C4), also C4-basierte Rohstoffströme aus Steamcrackern und Raffinerien.
Laut Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) lag der Anteil der petrochemischen Rohstoffe an der weltweiten Ölnachfrage im Jahr 2018 bei etwa 12 %.[9] In Deutschland ist die Petrochemie für rund 20 % der Nachfrage nach Mineralölprodukten verantwortlich.[10] In Einzelfällen dienen manche Raffinerien vollständig der Produktion von petrochemischen Basischemikalien. Zum Beispiel nutzt die OMV Raffinerie in Burghausen (Teil des Bayerischen Chemiedreieck) den kompletten Benzinschnitt zur Herstellung von Grundstoffen wie Ethen (Ethylen), Propen (Propylen) und 1,3-Butadien.
Verfahren

Steamcracking
Das wichtigste Verfahren der Petrochemie ist das Steamcracken[11], bei dem Ethan, LPG, Naphtha, Hydrowax, Gasöl oder andere geeignete Kohlenwasserstoffe bei Verweilzeiten im Millisekundenbereich, üblicherweise 200 bis 500 ms, und Temperaturen zwischen 800 und 850 °C in Gegenwart von Wasserdampf gecrackt oder gespalten werden.
Steamcracken (in diesem Kontext oft kurz „Cracken“) ist eine Form des thermischen Cracken und unterscheidet sich vom katalytischen Cracking (siehe auch Fließbettcracking). Weitere Bezeichnungen für das Verfahren sind Dampfspaltung oder Mitteltemperaturpyrolyse.[2]
Beispielsweise wird Ethan in einem Steamcracker erhitzt, um das Ethanmolekül aufzuspalten (zu cracken) und Ethen (Ethylen) zu erzeugen.
| Rohstoff | Westeuropa | USA | Welt |
|---|---|---|---|
| Naphta | 70 | 15 | 48 |
| Gasöl | 10 | 18 | 9 |
| LPG | 7 | 21 | 13 |
| Ethan | 2 | 46 | 30 |
Die Gasphase der Steamcrackerprodukte enthält die Grundchemikalien Ethen, Propen, den C4-Schnitt (hauptsächlich Buten, Isobuten und 1,3-Butadien) sowie Isopren. Die Flüssigphase enthält hauptsächlich Aromaten (Benzol, Toluol und Xylole) und findet auch als Pyrolysebenzin Anwendung.
| Produkt | Ethan | LPG | Naphta | Atmosph. Gasöl |
|---|---|---|---|---|
| Ethylen (Ethen) | 80 | 31 | 29 | 25 |
| Propylen (Propen) | 3 | 22 | 16 | 14 |
| Buten, Butadien | 4 | 13 | 10 | 9 |
| Pyrolysebenzin | 2 | 8 | 24 | 19 |
| Heizgas, Sonstiges | 11 | 26 | 21 | 33 |
| Gesamt | 100 | 100 | 100 | 100 |
Dampfreformierung
Das Steamreforming von Raffineriegasen oder auch leichtem Naphtha liefert hauptsächlich Kohlenmonoxid und Wasserstoff (Synthesegas) für die Herstellung von Methanol, Ammoniak, Essigsäure und Hydrierprozesse.
| Verfahren | Ziel des Prozesses | Prozessbedingungen | Sonstige Charakteristika | Petrochemische Rohstoffe (Auswahl) | |||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Druck (bar) | Temperatur (°C) | Katalysator | Reaktionskomponente | ||||
| Thermisches Visbreaking | Verfahren Erniedrigung der Viskosität von Vakuumrückstanden, leichte Konversion | 5–18 | 450–480 | / | / | einfaches Konversionsverfahren; geringer Investitionsaufwand | Naphtha, leichte Gase |
| Delayed Coking | Erzeugung von Benzin und Mitteldestillaten | 5 | 480 | / | / | zwangsläufiger Anfall von Petrolkoks | Naphtha, leichte Gase |
| Thermisches Cracken | Erzeugung von Benzin und Mittel- destillaten aus schwerem Gasol | 50 | 500 | / | / | wird heute noch vereinzelt angewandt | Naphtha-Fraktion, Leichte Olefine/C4-Fraktionen |
| Thermisches Reformieren | Erhöhung der Oktanzahl von Benzin | 40 | 520 | / | / | heute veraltet; abgelost durch katalytisches Reformieren | Reformat (aromatenreiches Naphtha) |
| Steamcracken (früher auch Dampfpyrolyse) | Erzeugung von Olefinen | atmosph. | 850–900 | H2O | Kuppelproduktion von aromatenreichem Pyrolysebenzin und Pyrolyseöl | Ethen, Propen, C4-Fraktionen | |
| Hochtemperaturverkokung | Herstellung von Hüttenkoks | atmosph. | 1200 | / | / | Kuppelproduktion der Aromatenrohstoffe Teer und Rohbenzol | Naphtha, Leichte Gase |
| Bitumenoxidation | Erhöhung der Plastizität von Bitumen | atmosph. | 280–300 | / | O2 | kontinuierliches Verfahren; wird auch zur Pechverblasung angewandt | - |
| Kohlevergasung | Erzeugung von Synthesegas | 20–30 | max. 1000 | / | O2, H2O | Aromatenanfall im Schwelbereich nur bei Gegenstromführung der Reaktanden Kohle und Luft/Dampf | Syngas |
| Hydrocracken | Umwandlung von Schweröldestillaten in Benzin und Mitteldestillat | 70–150 | 350–450 | Mo, W | H2 | sehr flexibles Konversionsverfahren; hoher Investitionsaufwand, wurde ursprünglich für die Kohlehydrierung entwickelt | Naphtha, Mitteldestillate (nicht genutzt) |
| Katalytisches Reformieren | Erhöhung der Oktanzahl von straight-run-Benzin | 20 | 500 | Pt, Ir, Re | wichtigste Aromatenquelle in den USA; Wasserstoffquelle | Reformate (BTX), Wasserstoff | |
| Katalytisches Cracken (FCC) | Umwandlung von Schweröldestillaten in Benzin und Mitteldestillate | 0,5–1 | 500 | Zeolith | große Bedeutung für die Benzinproduktion, insbesondere in den USA | LPG (Propen/Butene), Benzinschnitte | |
Weitere Verfahren
Weitere petrochemische Prozesse sind:
- Pyrolyse: thermisches Cracking zu ungesättigten Kohlenwasserstoffen, oft mit Wasserstoffbildung;
- Oxidation: Aldehyden, Ketonen oder Carbonsäuren;
- Chlorierung;
- Synthesegas-Verfahren: Methanolsynthese;
- Fischer-Tropsch: Umwandlung von Syngas zu gesättigten Kohlenwasserstoffen, z. B. Alkane;
- Hydroformylierung (Oxo-Verfahren) für Aldehyde (Oxo-Produkte) und dann Oxoalkoholen.
Produkte
Aus den Grundchemikalien einer Raffinerie werden durch verschiedene Folgeprozesse eine Vielzahl von Zwischen- und Endprodukten hergestellt. Man spricht auch von den Petrochemikalien und Derivaten. Laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) zählen die folgenden Produkte dazu:
- Öle und Destillationen des Steinkohlenteers
- Acyclische Alkohole, ihre Halogenderivate
- Gesättigte acyclische einbasische Carbonsäuren
- Cyclische Kohlenwasserstoffe
- Acyclische Kohlenwasserstoffe
- Ether, Etheralkohole, Alkoholperoxide und Derivate
- Verbindungen mit Aminofunktion
- Ungesättigte acyclische einbasische Carbonsäuren
- Mehrbasische Carbonsäuren, Anhydride und Derivate
- Halogenderivate der Kohlenwasserstoffe
- Verbindungen mit anderen Stickstoffunktionen
- Einbasische Fettsäuren, Öle, Fettalkohole
- Phenole, Phenolalkohole
- Ketone und Chinone und Derivate
- Enzyme, zubereitete Enzyme
- Epoxide, Epoxyalkohole, Epoxyphenole und Derivate
- Verbindungen mit Nitrilfunktion
Andere Chemieprodukte werden in eigenen Kategorien erfasst: Anorganische Industriechemikalien, Polymere, Fein- und Spezialchemikalien, Wasch- und Körperpflegemittel sowie Pharmazeutische Erzeugnisse.
Liste der Petrochemikalien
Die bedeutendsten Folgeprodukte der Petrochemie aus den Ausgangsstoffen (in fett) sind:
- Ethen:
- Polyethylen – z. B. über Ziegler-Natta-Verfahren
- ca. 21 % der Gesamtethylenproduktion in LDPE
- ca. 13 % als LLDPE
- ca. 23 % als HDPE
- Ethanol – durch Anlagerung von Wasser
- Ethylenoxid (EO) – durch katalytische Oxidation (ca. 11 % der Ethylenproduktion)
- Ethylenglycol – durch Reaktion von EO mit Wasser
- Gefrierschutzmittel – enthalten Ethylenglycol
- Polyester – durch Veresterung von Ethylenglycol mit bifunktionalen Säuren
- Polyethylenglycole – durch Reaktion von EO mit Glycolen
- Ethoxylate – durch Reaktion von EO mit Alkoholen
- Monoethanolamin, Diethanolamin, Triethanolamin durch Reaktion mit Ammoniak
- Ethylenglycol – durch Reaktion von EO mit Wasser
- Vinylacetat – Monomer (ca. 2 % der Ethylenproduktion)
- 1,2-Dichlorethan – durch Chlorierung (ca. 14 % der Ethylenproduktion)
- Trichlorethylen – durch Chlorierung
- Tetrachlorethylen – auch Perchloroethylen genannt; als Reiniger in der “chemischen Reinigung” sowie als Entfettungsmittel genutzt
- Vinylchlorid – Monomer für Polyvinylchlorid (PVC)
- Polyvinylchlorid (PVC) – weitverbreiteter Kunststoff
- α-Olefine
- Poly-α-Olefine als Schmiermittel
- Co-Monomere für Polyethylen
- Fettalkohole für Wasch- und Reinigungsmittel
- Polyethylen – z. B. über Ziegler-Natta-Verfahren
- Propen:
- Acrylsäure
- Acrylpolymere
- Allylchlorid
- Epichlorhydrin – für Epoxid-Harze
- Isopropylalkohol – 2-Propanol; Lösungsmittel
- Acrylnitril – Monomer für Acrylonitril-Butadiene-Styrol (ABS)-Polymer (ca. 6 % der Gesamtpropylenproduktion)
- Polypropylen – z. B. durch Ziegler-Natta-Verfahren (ca. 57 % der Gesamtpropylenproduktion)
- Propylenoxid (PO) – durch Oxidation (ca. 12 % der Gesamtpropylenproduktion)
- Propylenglycol – Reaktion von PO und Wasser
- Glycolether – durch Reaktion von PO mit Propylenglycol
- Acrylsäure
- Buten – Monomere und Co-Monomere
- Isobuten – durch Reaktion mit Methanol zu MTBE und als Monomer für die Copolymerisation mit Isopren
- 1,3-Butadien – Monomer oder Co-Monomer für die Polymerisation zu Elastomeren
- Kautschuk – aus verschiedenen Dienen oder chlorierten Dienen
- Benzol:
- Ethylbenzol – aus Benzol und Ethen (ca. 7 % der Ethylenproduktion)
- Styrol – aus Dehydrierung von Ethylbenzol; Monomer
- Polystyrol – Polymers aus Styrol
- Styrol – aus Dehydrierung von Ethylbenzol; Monomer
- Cumol – Isopropylbenzol aus Benzol und Propen; Rohstoff für den Cumol-Prozess (ca. 7 % der Gesamtpropylenproduktion)
- Phenol – durch Oxidation von Cumol
- Aceton – durch Oxidation von Cumol
- Bisphenol A – zur Herstellung von Epoxidharzen
- Epoxidharze
- Polycarbonate – aus Bisphenol A und Phosgen
- Lösungsmittel
- Cyclohexan – durch Hydrierung
- Adipinsäure – Copolymer für Nylon.
- Nylon – Polyamid aus Adipinsäure und Diaminen
- Caprolactam – ein Amid zur Herstellung von Nylon
- Nylon – durch Polymerisation von Caprolactam
- Adipinsäure – Copolymer für Nylon.
- Nitrobenzol – durch Nitrierung von Benzol
- Anilin – durch Hydrierung von Nitrobenzol
- Methylendiphenyldiisocyanat (MDI) – Co-Monomer für die Herstellung von Polyurethanen
- Anilin – durch Hydrierung von Nitrobenzol
- Dodecylbenzol – ein Rohstoff für die Herstellung von Wasch- und Reinigungsmitteln
- Detergentien – enthalten oft Salze der Dodecylbenzolsulfonsäure
- Chlorbenzol
- Ethylbenzol – aus Benzol und Ethen (ca. 7 % der Ethylenproduktion)
- Toluol:
- Benzol
- Toluoldiisocyanat (TDI) – Co-Monomers für die Herstellung von Polyurethanen
- Benzoesäure – durch Oxidation von Toluol
- Xylolen:
Geschichte
Die wirtschaftliche Entwicklung während des Zweiten Weltkriegs verursachte plötzlich einen Mangel an Naturprodukten (z. B. Kautschuk – dank Petrochemie als Synthesekautschuk verfügbar), die durch künstliche Ersatzstoffe substituiert werden mussten.[14] Der Wechsel von der Kohle- zur Petrochemie fand mit dem Aufbau der Erdölindustrie zuerst in den USA statt und wuchs zu einem weltweiten Wirtschaftszweig an, der auch mit der chemischen Industrie verzahnt ist. Einige der Unternehmen gehören zu großen Erdölunternehmen, zum Beispiel ist Sabic ein Teil der Saudi-Aramco.
Wirtschaftliche Bedeutung
Branche
Die Petrochemische Industrie – teilweise auch Olefine-Industrie genannt – hat sich über viele Jahrzehnte zu einer Grundstoffindustrie entwickelt, deren Produkte von weiterverarbeitenden Industrien bezogen werden.[15] In diesem Chemiesektor sind zahlreiche Unternehmen tätig, darunter internationale Konzerne sowie Unternehmen, die Teil eines nationalisierten Konzerns, z. B. der iranischen National Petrochemical Company (NPC) sind. Zu den Unternehmen (Produzenten, meist Chemieunternehmen oder petrochemische Geschäftseinheiten von Mineralölkonzernen), die in diesem Industriesektor aktiv sind, zählen die BASF, ExxonMobil Chemical, Dow, LyondellBasell, Shell, BP, Chevron Phillips Chemical, TotalEnergies, Mitsui Chemicals, Ineos, China Petroleum & Chemical Corporation (CPCC), u. a. aber auch spezialisierte Zulieferer für Geräte, Apparate und Anlagen.
Kennzahlen
Als Kennzahlen der petrochemischen Industrie werden häufig, neben dem Ölpreis, die folgenden Parameter zitiert: Ethen (Ethylen), Propen (Propylen) und Benzol. Weiterhin verwendet man die Cracker-Kapazität (hier nur Steamcracker in kt Ethylen/Jahr[16]), den Naphtha-Verbrauch oder die Anlagenauslastung als Maß, um die wirtschaftliche Lage der Branche zu beschreiben.[17]
| USA | Japan | Westeuropa | Westdeutschland (BRD) | |
|---|---|---|---|---|
| 1921 | 0,01 | 0 | 0 | 0 |
| 1930 | 6 | 0 | 0 | 0 |
| 1941 | 21 | 0 | 0 | 0 |
| 1950 | 50 | 0 | 4 | 2 |
| 1960 | 88 | 4 | 58 | 50 |
| 1965 | 94 | 74 | 68 | 61 |
| 1971 | 96 | 93 | 91 | 91 |
Die Produktion von petrochemischen Produkten in Westeuropa, Asien und Nord- und Südamerika betrugen 2006 55,3 Mio. Tonnen für Ethen, 35,6 Mio. Tonnen für Propen und 27,8 Mio. Tonnen für Benzol.[19] Der Umsatz der Petrochemie betrug in Deutschland im Jahr 2007 ca. 66 Mrd. Euro. Der Umsatz lag im Jahr 2022 bei 75 Mrd. Euro.[10.1]
Laut Verband der Chemischen Industrie (VCI) machte die Gesamtbranche (Chemie und Pharma) im Jahr 2025 einen Umsatz von rund 222 Mrd. Euro (davon 60 % im Ausland), bei 480.100 Beschäftigten. Der Anteil der Petrochemikalien am Produktionswert von rund 157 Mrd. Euro ist 15,1 %.[20]
Weitere Faktoren
In dieser Branche spielen auch der Standort und viele weitere Faktoren eine Rolle. So argumentieren beispielsweise Branchenbeobachter, dass US-amerikanische Chemieunternehmen einen Kostenvorteil gegenüber den meisten anderen Weltregionen genießen. Sie können das bei der Erdgasförderung gewonnene Ethan in Cracker einspeisen und so Ethen (Ethylen) sowie – in geringerem Umfang – Propen (Propylen) produzieren.[21] Die Kapazitäten stammen von dem Schiefer-Boom (mittels Hydraulic Fracturing) der 2010er Jahre.[22][4] Im Kontext der USA ist es interessant zu wissen, dass der Kongress im Jahr 1975, also nach der Ölkrise von 1973/1974, den Energy Policy and Conservation Act (EPCA) verabschiedete. Dieses Gesetz wies den US-Präsidenten an, Rohölexporte mit Ausnahme ausgewählter Länder zu verbieten. Dieser Exportstopp wurde im Jahr 2015 aufgehoben.[23]
Marktveränderungen (Auswahl)
Bis in die 1980er Jahre war die petrochemische Industrie hauptsächlich in den Abnehmerländern des Westens angesiedelt.[12.1] Seit diesem Zeitpunkt haben jedoch auch ölproduzierende Länder in diesen Sektor investiert, eigene Anlagen errichtet und sich durch M&A in internationale Konzerne eingekauft.[24] So kaufte beispielsweise das 1976 gegründete saudi-arabische Unternehmen Sabic im Jahr 2002 die petrochemische Sparte der niederländischen DSM.[25] Sabic trennte sich jedoch im Jahr 2026 im Zuge einer neuen Strategie von seinen Vermögenswerten in den USA und Europa an die Private-Equity-Firmen Aequita und Mutares.[26] Ebenfalls veräußerte LyondellBasell seine petrochemischen Einheiten in Europa an Aequita.[27]
In der europäischen Petrochemiebranche kommt es seit der Energiekrise 2022 (vgl. der Russisch-Ukrainische Krieg) zu Veränderungen der Handelsbilanzen der petrochemischen Derivate Ethen (Ethylene), Propen (Propylene) und Benzol.[5][17][28]
Ab etwa 2007 wurden Informationen zu mehreren Großprojekten in der VR China bekannt.[29] Seit 2015 baut das Land seine petrochemischen Kapazitäten signifikant aus.[30] Die Fujian Refining and Petrochemical Company (FREP), ein internationales Joint Venture (JV) zwischen Saudi Aramco und ExxonMobil (je 25 % Anteile) und der Fujian Petrochemical Company aus China (50 % Anteile). Weitere Investitionen kommen von Sinopec und der Regierung von Fujian.[31] Der FREP-Raffinerie-Komplex besteht aus einen Ethen-Steamcracker mit einer Kapazität von 1,1 Mio. Tonnen pro Jahr, eine Polyethylen (PE)-Anlage mit 900.000 Tonnen pro Jahr, eine Polypropylen (PP)-Anlage mit 670.000 Tonnen pro Jahr sowie einen Aromatenkomplex.[32] Ein weiteres Beispiel ist das JV zwischen Fujian Energy Petrochemical und Sabic aus dem Jahr 2024.[33] Die Anlagen sollen im Jahr 2030 in Betrieb gehen.[29]
Ein weiteres neues Projekt ist der seit etwa 2022 angekündigte Silleno-Komplex in Kasachstan in der Atyrau-Region (Tengiz-Gasfeld).[34][35]
Umweltaspekte
Um eine zukünftige Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu reduzieren (Defossilisierung), hat das Wuppertal Institut mit weiteren Partnerorganisationen von 2022 bis 2025 das Forschungsprojekt „Green Feedstock for a Sustainable Chemistry“ durchgeführt.[36][37]
Experten beschäftigen sich mit der Zukunft der Petrochemie im Zusammenhang mit den Rohstoffen, Prozessen, Nullemission-Szenarien, Dekarbonisierung und integrierten Raffineriekomplexen.[38][39][40][41]
Trivia
- Haus der Kulturen der Welt (HKW): „Der Kultur- und Medientheoretiker Benjamin Steininger von der Gruppe Beauty of Oil erläutert die Verschmelzung der Kohle- mit der Petrochemie seit den 1920er Jahren und skizziert ihre weitreichenden Folgen vom Zweiten Weltkrieg bis heute.“[42]
Siehe auch
- American Fuel and Petrochemical Manufacturers (AFPM)
- American Petroleum Institute (API)
- Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) – Daten für Rohöl, Erdgas, Mineralöl[43]
- DGMK Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für nachhaltige Energieträger, Mobilität und Kohlenstoffkreisläufe
- European Fuel Manufacturers Association
- European Petrochemical Association (EPCA), 1967 gegründetes europäisches Netzwerk
- Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien
- Liste der größten Chemieunternehmen
- Petrochemicals Europe (Teil von Cefic)
- Wirtschaftsverband Fuels und Energie (en2x)
Literatur
Fachbücher
- Friedrich Asinger: Einführung in die Petrolchemie. Akademie-Verlag, Berlin 1959.
- Friedrich Asinger: Mono-olefins. Chemistry and Technology. Pergamon Press, Oxford 1968 (englisch, archive.org).
- Friedrich Asinger: Paraffins. Chemistry and Technology. Pergamon Press, Oxford 1968 (englisch, archive.org).
- A. Lawrence Waddams: Chemicals from Petroleum. An Introductory Survey. 4th Auflage. Gulf Publishing Company, Houston, TX 1980, ISBN 0-87201-104-6 (englisch, archive.org).
- Donald L. Burdick, William L. Leffler: Petrochemicals in Nontechnical Language (= PennWell Books). 2nd Auflage. PennWell Books, Tulsa, OK 1990, ISBN 978-0-87814-344-3 (englisch, archive.org).
- James G. Speight (Hrsg.): The Chemistry and Technology of Petroleum (= Chemical Industries. Band 76). 4. Auflage. CRC Press (Taylor & Francis), New York 2007, ISBN 978-0-8493-9067-8 (englisch, archive.org).
- Indra Deo Mall: Petroleum Refining Technology. CBS Publishers & Distributors Pvt Ltd, New Delhi, India 2017, ISBN 978-81-239-2543-1 (englisch, cbspd.com).
- James G. Speight: Handbook of Petrochemical Processes (= Chemical Industries. Band 57). CRC Press (Taylor & Francis), Boca Raton, FL 2019, ISBN 978-0-429-15561-1, doi:10.1201/9780429155611 (englisch).
- Robert A. Meyers (Hrsg.): Handbook of Petrochemicals Production Processes. 2nd Auflage. McGraw-Hill Education, New York, NY 2019, ISBN 978-1-259-64313-2 (englisch, accessengineeringlibrary.com).
- Santi Kulprathipanja: Modern Petrochemical Technology: Methods, Manufacturing and Applications. John Wiley & Sons, Incorporated, Newark 2021, ISBN 978-3-527-34522-9 (englisch, wiley.com).
- Chang Samuel Hsu, Paul R. Robinson: Petroleum Science and Technology: Downstream. Springer Nature Switzerland, Cham 2024, ISBN 978-3-031-46644-1, doi:10.1007/978-3-031-46645-8 (englisch).
- Collective: 2021 Petrochemical Processes Handbook (= Hydrocarbon Processing). Gulf Publishing Company LLC, Houston, TX 2025 (nxtbook.com).
Fachjournale
- Journal of Natural Gas Chemistry
- Journal of Carbohydrate Chemistry
- Petroleum Chemistry
- Erdöl & Kohle, Erdgas, Petrochemie (EKEP), Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für Mineralölwissenschaft und Kohlechemie (DGMK)
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Chang Samuel Hsu 許強, Paul R. Robinson: Petrochemicals. In: Petroleum Science and Technology. Springer Nature Switzerland, Cham 2024, ISBN 978-3-031-46644-1, S. 243–291, doi:10.1007/978-3-031-46645-8_9 (englisch, springer.com [abgerufen am 6. Juni 2026]).
- ↑ a b c Arno Behr, David W. Agar, Andreas J. Vorholt, Jakob Jörissen: Fossile Rohstoffe und Basischemikalien. In: Einführung in die Technische Chemie. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2025, ISBN 978-3-662-70147-8, S. 221–238, doi:10.1007/978-3-662-70148-5_14 (springer.com [abgerufen am 7. Juni 2026]).
- ↑ EIA: US exports of ethane and ethane-based petrochemicals rose 135% from 2014 to 2023. In: Hydrocarbon Engineering. Palladian Publications Ltd., 4. November 2024, abgerufen am 7. Juni 2026 (englisch).
- ↑ a b Gunther Kellermann: Veränderung in der Rohstoffbasis in der Petrochemie und die Auswirkungen auf Europa. In: Rohstoffwirtschaft und gesellschaftliche Entwicklung. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-48854-6, S. 135–139, doi:10.1007/978-3-662-48855-3_11 (springer.com [abgerufen am 7. Juni 2026]).
- ↑ a b European Market Overview - Petrochemicals Europe. In: Petrochemicals Europe. CEFIC, 2023, abgerufen am 7. Juni 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ A. Lawrence Waddams: Chemicals from Petroleum: An Introductory Survey. 4th Auflage. Gulf Pub. Co., Book Division, Houston 1980, ISBN 978-0-87201-104-5 (englisch, archive.org [abgerufen am 5. Juni 2026]).
- ↑ Reza Davarnejad, Jamal Azizi, Shaghayegh Bahari: A Look at the Industrial Production of Olefins Based on Naphtha Feed: A Process Study of a Petrochemical Unit. In: Alkenes - Recent Advances, New Perspectives and Applications. IntechOpen, 2021, ISBN 978-1-83969-535-3, doi:10.5772/intechopen.100017 (englisch, intechopen.com [abgerufen am 7. Juni 2026]).
- ↑ Reza Davarnejad: Introductory Chapter: Olefins - Past, Now and Future. In: Alkenes - Recent Advances, New Perspectives and Applications. IntechOpen, 2021, ISBN 978-1-83969-536-0 (englisch, intechopen.com [abgerufen am 7. Juni 2026]).
- ↑ The Future of Petrochemicals – Analysis. In: IEA. 4. Oktober 2018, abgerufen am 7. Juni 2026 (britisches Englisch).
- ↑ Alexander Scholz, Svenja Theisen, Clemens Schneider, Ylva Kloo: Structural analysis of petrochemical clusters in Germany: What can be learned for the transformation towards climateneutrality? 2024, doi:10.17879/47978440806 (uni-muenster.de [abgerufen am 7. Juni 2026] Nach BAFA: 15 %).
- ↑ Referenz: Chemiewirtschaft in Zahlen 2023, Verband der Chemischen Industrie e.V., Frankfurt, pp. 32-37.
- ↑ Zahra Gholami, Fatemeh Gholami, Zdeněk Tišler, Mohammadtaghi Vakili: A Review on the Production of Light Olefins Using Steam Cracking of Hydrocarbons. In: Energies. Band 14, Nr. 23, 6. Dezember 2021, ISSN 1996-1073, S. 8190, doi:10.3390/en14238190 (englisch, mdpi.com [abgerufen am 8. Juni 2026]).
- ↑ a b Klaus Peter Harms ; Deutsche BP AG (Hrsg.): Das Buch vom Erdöl. 5. Auflage. Reuter u. Klöckner, Hamburg 1989, ISBN 978-3-921174-10-4.
- ↑ Neben den genannten Gründen [Marktbereinigung seit 1973/74 und 1979/80], die zu einem moderaten Wachstum der europäischen Petrochemie führten, begann sich Mitte der achtziger Jahre der Ausbau der Petrochemie in Saudi-Arabien, Mexiko, Kanada und Südostasien auszuwirken. Exporte, zum Beispiel von Saudi-Arabien nach Westeuropa und in europäische Exportmärkte, bremsten den Produktionsanstieg in Westeuropa.
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A petrochemical refinery in Grangemouth, Scotland, UK.
Schema einer Kraftstoffraffinerie
