Paul Hector Mair

Wappen des Paul Hector Mair

Paul Hector Mair, auch Paulus, (* 1517 in Augsburg; † 10. Dezember 1579 ebenda) war Ratsdiener der Stadt Augsburg, ab 1541 auch Stadtkassierer und ab 1545 auch Proviantmeister.

Leben

Aus der Sammlung Mair: Gerichtskampf (etwa 1544)
Aus dem „Fecht-, Ring- und Turnierbuch“ (Mitte 16. Jahrhundert)

Paul Hector Mair begann seine berufliche Laufbahn 1537 als Ratsdiener in Augsburg. Als Stadtkassierer und Proviantmeister war er mit der Verwaltung großer Geldsummen betraut. Im selben Jahr heiratete er Felicitas Kötzler. Das Paar hatte 18 gemeinsame Kinder.[1]

Als Privatmann sammelte er Bücher und Antiquitäten aller Art, Silber- und Zinngeschirr, Münzen und Waffen.[2] Er ist als ein Sammler von Fechtbüchern bekannt (z. B. kaufte er 1544 Jörg Wilhalms Handschrift, 1556 den Codex Wallerstein), der schließlich auf den Gedanken kam, die „Feinheit der Lehre“ in einem neuen, alles bisherige übertreffenden Kompendium festzuhalten. Dazu warb er zwei erfahrene Fechter an, die alle ihm bekannten Techniken nachprüfen und verfeinern mussten, bis sie in perfektionierter Form abgemalt werden konnten. Als Illustrator engagierte er Jörg Breu den Jüngeren, dessen Anwesenheit in Augsburg ab 1543 gesichert ist. Dieses Unternehmen erwies sich als enorm aufwändig, und Mair gab dafür den größten Teil des Vermögens und Einkommens seiner Familie aus.

Mair war eine bekannte Figur in Augsburg. Er sah sich selbst als routinierten städtischen Eventmanager von Reichstagen und anderen Empfängen, bei denen ihm die Dekoration der Veranstaltungsorte, die Auswahl der Musiker und die Verpflegung der Gäste oblag.[3] Auch privat gab er aufwändige Feste und Empfänge, zunehmend finanziert durch Unterschlagungen aus der Stadtkasse. Entdeckt wurden diese nach einem Streit mit dem Stubenheizer Veit, nach welchem die beiden Mitarbeiter Mairs, die Schreiber Philipp Augstein und Balthasar Weinhardt, eine Schattenbuchhaltung erstellten und mit Mairs Rechnungsbüchern abglichen. Bei seiner Festnahme am 21. November 1579 versuchte Mair erfolglos, sich dem drohenden Gerichtsverfahren durch Selbsttötung zu entziehen. Er gestand Unterschlagungen ab dem Jahr 1545, die er auf bis zu 40.000 Gulden bezifferte. Auch hochstehende Persönlichkeiten wie der bayerische Herzog Wilhelm V. und der Bischof von Augsburg konnten durch ihre Fürsprache für den 62-jährigen die für Diebstahl gesetzlich vorgeschriebene Todesstrafe durch Hängen nicht abwenden.[1][4]

Werke

Drei Versionen seines Kompendiums sind erhalten, alle in zwei Bänden; eine lateinische Version, eine deutsche Version und eine synoptisch lateinisch-deutsche. Alle drei entstanden nach 1542, wahrscheinlich ab 1543 oder 1544, für welche Jahre die Anwesenheit Jörg Breus in Augsburg gesichert ist.

Außerdem erhalten ist eine kürzere, spätere Handschrift, angefertigt nach Aufzeichnungen des Anton Rast, die Mair 1552 erworben hatte. Rast († 1549) war Schwertfeger in Nürnberg und wahrscheinlich identisch mit einem 1522 erwähnten Hauptmann der Marxbrüder.

Die private Amberger Collection in Baltimore, Maryland, enthält weiterhin ein 17-seitiges Fragment einer illustrierten Fechthandschrift, die Mairs Umfeld zugeordnet werden kann. Während die Illustrationen zum größten Teil den bei Egenolph veröffentlichten Holzschnitten ähnlich sind, weisen die ursprüngliche falsche Zuordnung des Ms. an Dürer, die abgebildeten Waffen, sowie eine nicht in Egenolph abgebildete Illustration darauf hin, dass es sich um die Kopie eines früheren, evtl. Dürer zugänglichen Manuskripts handeln könnte.

Rezeption

Benedikt Mauer beurteilt Mair folgendermaßen:

„Seine Kunst- und Büchersammlung war für Mair von nicht zu überschätzender Bedeutung. Über sie und seine Tätigkeit als Geschichtsschreiber definierte er sich als Angehöriger der Führungs- und Geisteselite der Stadt. [...] Daß ihn sein Wunsch, mehr zu sein, als er werden konnte, am Ende [...] den Kopf kosten sollte und er schlußendlich sein symbolisches kulturelles Vermögen restlos verspielt hatte, seht auf der anderen Seite derselben Medaille.“

Benedikt Mauer: Sammeln und Lesen – Drucken und Schreiben. Die vier Welten des Augsburger Ratsdieners Paul Hector Mair. In: Medien und Weltbilder im Wandel der Frühen Neuzeit. 2000, S. 130 f.

Literatur

  • Paul von Stetten der Jüngere: Lebensbeschreibungen zur Erweckung und Unterhaltung bürgerlicher Tugend. Band 2. Conrad Heinrich Stage, Augsburg 1782, VD18 80078753, S. 329–358, urn:nbn:de:bvb:12-bsb10071021-4 (digitale-sammlungen.de).
  • Wilhelm Liebhart: Mair, Paul Hektor. In: Stadtlexikon Augsburg. Wißner, Augsburg (wissner.com).
  • Benedikt Mauer und Franz Mauelshagen: Medien und Weltbilder im Wandel der Frühen Neuzeit. In: Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg (Hrsg.): Documenta Augustana. Band 5. Wißner, Augsburg 2000, ISBN 978-3-89639-254-1 (mgh-bibliothek.de [PDF]).
  • Wolfgang Reinhard, Mark Häberlein, Ulrich Klinkert, Katarina Sieh-Burens, Reinhard Wendt: Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts: Prosopographie wirtschaftlicher und politischer Führungsgruppen 1500–1620. Walter de Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-05-007193-0, L1: Mair, Paul Hektor (Lfdnr: 768), S. 503 f., doi:10.1515/9783050071930.
  • Wilhelm Vogt: Mair, Paul Hector. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 20, Duncker & Humblot, Leipzig 1884, S. 121.

Weblinks

Commons: Paulus Hector Mair – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Benedikt Mauer: Sammeln und Lesen – Drucken und Schreiben. 2000, S. 109 ff.
  2. Wilhelm Liebhart: Mair, Paul Hektor. Abgerufen am 8. Mai 2022.
  3. Benedikt Mauer: Sammeln und Lesen – Drucken und Schreiben. Die vier Welten des Augsburger Ratsdieners Paul Hector Mair. 2000, S. 112.
  4. Paul von Stetten: Geschichte Der Heil. Röm. Reichs Freyen Stadt Augspurg : Aus Bewährten Jahr-Büchern und Tüchtigen Urkunden gezogen. 1. 1743, S. 628 f., abgerufen am 10. August 2021.

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MAIR, PAULUS HECTOR: Fech-, Ring- und Turnierbuch. Mitte 16. Jahrhundert
Gerichtskampf mair.jpg
Darstellung des gerichtlichen Zweikampfes zwischen Wilhelm Marschalk von Dornsberg und Theodor Haschenacker in Augsburg, Weinmarkt (1409). Marschalk’s Schwert zerbrach zu Beginn des Kampfes, aber er vermochte Haschenacker mit dessen eigenem Schwert zu töten. Die Schilde der beiden Kämpfer wurden in der Leonardskirche außerhalb Augsburgs aufbewahrt bis zu deren Abriss 1542.
Wappen des Paul Hector Mair.png
Hugo Gerhard Ströhl: "Heraldischer Atlas". Stuttgart 1899. Tafel VIII, Der Löwe, Bild 5, Wappen des Paul Hector Mair. Als Schildfigur erscheint ein, einen Pusikan (Streitkolben) schwingender Löwe.