Nomen Agentis

Ein Nomen Agentis (von lateinisch nomen „Name“, und agentis, Genitiv des Partizips von agere „tun, handeln“) ist ein Substantiv (Hauptwort), das von einem Verb oder einem anderen Substantiv abgeleitet ist und ein mit ihm verbundenes Subjekt bezeichnet (eine Person nach ihrer Rolle in einem Geschehen). Beispielsweise lässt sich aus dem deutschen Verb lehren das deverbale Nomen Agentis der Lehrer formen, aus dem Substantiv Stadt das denominale Nomen Agentis ein Städter. Hierbei findet eine Transposition von einer Bezeichnungsklasse in eine andere statt. Nomina Agentis sind in Sprachen mit Genus-Unterscheidung meist grammatisch männlich und haben häufig die Bedeutung eines generischen Maskulinums (geschlechterübergreifend); in einigen dieser Sprachen kann von männlichen (maskulinen) Nomen Agentis eine weibliche Form abgeleitet werden (Femininform).

Deutsche Sprache

Wortbildungsmorpheme

Nomina Agentis werden im Deutschen oft mit folgenden Suffixen gebildet, die auch Wortbildungsmorpheme oder Derivateme genannt werden:

  • {-er} (häufig mit Umlaut): jagen → Jäger; Tat → Täter
  • {-ler} oder {-ner} (ebenfalls häufig mit Umlaut): handeln → Händler; Zoll → Zöllner
  • {-el} (häufig mit umgelautetem Ablaut): weiben → Weibel; bieten → Büttel; saufen → Süffel
  • {-ist}: Polizei → Polizist
  • {-it}, {-ite}
  • {-an}, {-aner}, {-ianer}

Aus dem Lateinischen:

  • {-or} (auch griechisch): Direktor
  • {-a-nt}: Demonstrant
  • {-e-nt}: Student, Dirigent
  • {-arius} → {-ar}: biblothecariusBibliothekar

Aus dem Französischen:

  • {-eur}/{-ör}: Friseur/Frisör, Masseur/Massör
  • {-ier}: Polier, Kanone → Kanonier

Alle der mit diesen Suffixen gebildeten Personenbezeichnungen sind grammatisch männlich (maskulin) – von allen kann eine grammatisch feminine Form abgeleitet werden, meist mit der Endung -in, beispielsweise:

  • der Jäger → die Jägerin; Polizist → Polizistin; Student → Studentin; Frisör → Frisörin

Bei allen abgeleiteten Femininformen besteht eine eindeutige Übereinstimmung (Kongruenz) zwischen ihrem grammatischen Geschlecht (Genus) und dem „natürlichen“ Geschlecht (Sexus) der gemeinten Person: Als Polizistin kann nur eine Frau bezeichnet werden.

Merkmale

In einer umfassenden Vergleichstudie zum Englischen untersuchte die Anglistin Heike Baeskow 2002 die verschiedenen Ableitungsformen. Zur Markiertheit merkte sie am Beispiel des {-er}-Morphems an: „So sind beispielsweise alle [der] aufgelisteten deutschen -er-Derivate Fahrer, Dichter, Lehrer etc. für das Maskulinum markiert. Diese Eigenschaft wird hier durch das Suffix vermittelt, das den Kopf der Derivate bildet und in seinem deutschen Lexikoneintrag über die inhärente Merkmalkombination [+ masc, - fem] verfügt. Bei maskulinen Personenbezeichnungen markiert diese sowohl das natürliche als auch das grammatische Genus, während Sachbezeichnungen auf -er (z. B. Wecker, Staubsauger), die ebenfalls durchweg Maskulina darstellen, nur über ein grammatisches Genus verfügen.“[1]

Häufigkeiten

Der Linguist Peter Eisenberg nennt unter Bezugnahme auf ein rückläufiges Wörterbuch von 1983 für den „Substantivierer“ -er ein Vorkommen von „15 000 Einheiten, deren Bestand sich ständig erweitert“. Die Produktivität dieses Wortbildungsmusters sei in den letzten vier Jahrhunderten stark angewachsen. Der Anteil des „Agensnominalisierers“ -er läge im Gegenwartsdeutschen bei 85 % aller -er-Bildungen – das entspräche 12.750 Personenbezeichnungen.[2] 1997 ermittelte eine Studie insgesamt rund 15.000 Personenbezeichnungen in der deutschen Gegenwartssprache,[3] entsprechend bilden Nomen Agentis auch 85 % der deutschen Substantive zur Bezeichnung von Menschen.

Generischer Gebrauch

Eisenberg macht einen wesentlichen Unterschied zwischen dem maskulinen Nomen Agentis und seiner (nur) abgeleiteten Femininform: „Während die feminine Form Lehrerin ein Sexusmerkmal hat, weist die maskuline Form Lehrer ein solches Merkmal nicht unbedingt auf. Das Wort kann sich auf Männer beziehen, muss es aber nicht, während dem Wort Lehrerin der Bezug auf weibliche Wesen fest eingeschrieben ist.“ Deshalb hätten Nomen Agentis als „unmarkiertes Genus“ aus sich heraus eine „generische Bedeutung“ und würden als generisches Maskulinum geschlechterübergreifend einfach nur „Tätige bezeichnen“.[2]

Siehe auch

Literatur

  • Heike Baeskow: Abgeleitete Personenbezeichnungen im Deutschen und Englischen (= Studia Linguistica Germanica. Band 62). De Gruyter, Berlin/New York 2002, ISBN 3-11-017382-4, S. 3–5, 71 ff. (Anglistin, Bergische Universität Wuppertal; Leseprobe und alternative Ansicht in der Google-Buchsuche).
  • Peter Eisenberg: Die Vermeidung sprachlicher Diskriminierung im Deutschen. In: Der Sprachdienst. Themenheft Geschlechtergerechte Sprache. Nr. 1–2, Januar–April 2020, S. 15–30, hier S. 23–28, Abschnitt 4: Kern des generischen Maskulinums: das Suffix „-er“.
  • Helmut Glück: Metzler Lexikon Sprache. 3., neubearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02056-7, Stichwort: „Nomen agentis“.
  • Walter Henzen: Deutsche Wortbildung. Halle an der Saale 1947; 3. Auflage Tübingen 1965 (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte B; Ergänzungsreihe. Band 5).

Weblinks

Wiktionary: Nomen Agentis – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Heike Baeskow: Abgeleitete Personenbezeichnungen im Deutschen und Englischen (= Studia Linguistica Germanica. Band 62). De Gruyter, Berlin/New York 2002, ISBN 3-11-017382-4, S. 74–76, Abschnitt 3.3.1: Genus und Movierung, hier S. 74 (Anglistin, Bergische Universität Wuppertal; Seitenvorschau und alternative Ansicht in der Google-Buchsuche).
  2. a b Peter Eisenberg: Die Vermeidung sprachlicher Diskriminierung im Deutschen. In: Der Sprachdienst. Themenheft Geschlechtergerechte Sprache. Nr. 1–2, Januar-April 2020, S. 15–30, hier S. 25–27.
  3. Peter Braun: Personenbezeichnungen: Der Mensch in der deutschen Sprache (= Reihe Germanistische Linguistik. Band 189). De Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-484-31189-4, S. VII (Zitatansicht: doi:10.1515/9783110940824-001).