Nomen

Nomen (lateinisch nomen, Mehrzahl nominaName“; Deutsch: [das] Nomen, Mehrzahl: Nomina oder [die] Nomen; deutsch auch Nennwort) wird in der Grammatik in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet:

Die Mehrdeutigkeit überträgt sich auch auf das abgeleitete Adjektiv nominal.

Der deutsche Ausdruck Nennwort ist in derselben Weise mehrdeutig wie Nomen, d. h. taucht in Lateingrammatiken auch als Wiedergabe für Nomen im weiteren Sinn auf.[1]

Nomen als Synonym zu Substantiv

Die Verwendung von Nomen als Synonym zu Substantiv hat sich – vor allem unter dem Einfluss des Englischen und Französischen und deren grammatischer Fachsprache – im Deutschen heute in vielen Bereichen durchgesetzt, vor allem in der anglistischen, romanistischen und theoretischen Linguistik, aber auch in weiten Teilen der Schulgrammatik.[2][3]

Im Englischen wird für Substantive ausschließlich der Ausdruck noun (entstanden aus lat. nomen) verwendet. Da insbesondere in der Grammatiktheorie einflussreiche Strömungen im englischen Sprachraum entstanden sind (so etwa die Generative Grammatik Chomskys), wurde auch die deutsche Terminologie stark beeinflusst. Die Bezeichnung „Substantiv“ findet sich dann daneben als Variante, z. B. recht häufig in der Germanistik, der historischen Sprachwissenschaft, auch in Schulbüchern.[4] Die deutschsprachige Wikipedia benutzt das Lemma „Substantiv“, da es der eindeutigere Terminus ist.

Nomen als Oberbegriff der deklinierbaren Wortarten

Die lateinische Tradition

Der lateinischen Grammatiktradition folgend, kann mit Nomen eine weitere Bedeutung verbunden sein, die zunächst nur Substantive und Adjektive, umfasst, später auch Pronomina und Numeralia einschließt (sowie zumindest einige Adverbien[5]).

Diese Einteilung etablierte sich im Lateinischen in klassischer Zeit unter dem Einfluss der griechischen Grammatik, insbesondere durch den Grammatiker Dionysios Thrax, der zunächst acht Wortarten definierte. Diese können übersetzt werden als: Nomen, Verb, Partizip, Artikel, Pronomen, Präposition, Adverb und Konjunktion.[6]

Das lateinische Wort nomen („Name“) hatte in der Grammatik anfangs nur die Bedeutung „Eigenname“.[7] Als Hauptkriterium für die allgemeinere Wortart Nomen etablierte sich dann: Wortarten, die einen Kasus tragen können.[8] Da es im Lateinischen keine Artikel gab, entfiel die Notwendigkeit, in der Definition zu berücksichtigen, dass gemäß der griechischen Grammatik der Artikel (ἄρθρον) gegenüber dem „Nomen“ (ὄνομα) auszugliedern war. Die Deklination des Artikels stört also erst, wenn diese Definition fürs Deutsche übernommen wird.

Die Zusammenfassung von Adjektiv und Substantiv in eine Kategorie ergibt sich somit aus den Gegebenheiten der lateinischen und griechischen Grammatik, bzw. den Beobachtungen der antiken Grammatiker und deren lange einfach fortgeschriebenen Tradition.

Der Kontrast zwischen den Bezeichnungen Substantiv und Adjektiv entstand aus der Kürzung von spezielleren Bezeichnungen mit diesem Oberbegriff: nomen substantivum (svw. „Substanznomen“) bzw. nomen adiectivum („hinzugefügtes Nomen“). Im Französischen findet sich in älterer Literatur auch noch nom substantif, heute jedoch bevorzugt nom.[9] Das einfachere Wort nomen erscheint allerdings auch in vielen lateinischen Grammatikausdrücken, die nur Substantiva betreffen können, zum Beispiel nomen agentis (Agens-Nominalisierung), nomen actionis (Ereignisnominalisierung) etc.

Im Sinne dieser Terminologie können dann auch die Partizipien des Lateinischen als „Verbalnomen“ bezeichnet werden – in dem Sinn, dass sie adjektivische Formen von Verben sind (Verbaladjektive). Meist hat der Ausdruck Verbalnomen jedoch eine andere und spezialisiertere Bedeutung.

Sprachvergleichende Aspekte

Die Kategorie Adjektiv ist in den Sprachen der Welt sehr vielgestaltig, und nicht alle Sprachen haben überhaupt Adjektive als separate Wortart mit morphologisch anderem Verhalten als Substantive. Dort, wo Adjektive als eigene Wortart abgrenzbar sind, können die Unterschiede zu anderen Wortarten immer noch graduell sein.

Die Einteilung, die der Terminologie der lateinischen Tradition zugrunde liegt, ist daher zwar auf einen bestimmten Sprachtyp verallgemeinerbar, wo eine Nähe des Adjektivs zu Substantiven im Hinblick auf Kongruenzformen oder auch Wortbildungsmechanismen besteht; Beispiele hierfür liefern Sanskrit oder Fulfulde.[10] Andere Sprachen, wie etwa das Japanische, haben jedoch andere Systeme und zeigen auch „Adjektive“ mit verbalem Charakter.[11][12]

Die Ableitung nominal

Nominal in der Bedeutung substantivisch

Sowohl im Deutschen als auch im Englischen kann das Adjektiv nominal zu der engen Bedeutung Nomen = Substantiv gehören. Beispiele sind im Deutschen der Ausdruck „Nominalphrase“ (= Substantivgruppe) oder Verwendungen im Englischen, wo nominal das Adjektiv zu noun mit demselben engen Sinn bildet.[13]

(Für einen Ausdruck „das Nominal“ in einer nochmals anderen Bedeutung, die aber auf der Bedeutung „Substantiv“ basiert, siehe unter Nominalphrase #Zusammensetzung einer Nominalphrase.)

Nominal im weiten Sinn und in gemischter Terminologie

Das abgeleitete Adjektiv „nominal“ wird auch außerhalb der lateinischen Begrifflichkeit in deren weitem Sinn verwendet, z. B. wenn von „nominalen Wortarten“ die Rede ist und dabei deklinierbare Wortarten gemeint sind. Im Zusammenhang mit dieser Definition „nominal = deklinierbar“ wird es auch in deutschen Fachlexika uneinheitlich gehandhabt, ob unter „nominale Wortart“ Artikel eingeschlossen oder ausgeschlossen sein sollen.[14][15]

Im Englischen findet sich nominal manchmal im weiten Sinn auch in Kontexten, wo mit noun zugleich nur „Substantiv“ gemeint ist.[16]

Literatur

  • Helmut Glück (ed.): Metzler Lexikon Sprache. 4. aktualisierte u. überarbeitete Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart u. Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02335-3.
  • Christian Lehmann, Edith Moravcsik: Noun. = Kapitel 73 in: Geert Booij, Christian Lehmann, Joachim Mugdan (eds.): Morphologie / Morphology. Ein internationales Handbuch zur Flexion und Wortbildung / An international handbook on inflection and word-formation. De Gruyter Mouton, Berlin 2000. Band 1, S. 732–757.

Weblinks

Wiktionary: Nomen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

(Kurzzitate beziehen sich auf die obige Literaturliste)

  1. „Nennwort“ in Karl Bayer, Josef Lindauer (bearb.): Lateinische Grammatik. C. C. Buchners Verlag, Bamberg 1977. S. 12.
  2. Christa Dürscheid: Syntax. Grundlagen und Theorien. 5. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010 (UTB, 3319), ISBN 978-3-8252-3319-8, S. 22.
  3. IDS/KMK Grammatische Terminologie. In dieser Handreichung für die Kultusministerkonferenz wird Nomen als das Lemma geführt und Substantiv als Variante dazu.
  4. Letzteres laut Glück (ed.): Metzler Lexikon Sprache, S. 460.
  5. Hans Rubenbauer, J B. Hoffmann: Lateinische Grammatik. C. C. Buchners Verlag, Bamberg 1977 (siehe Inhaltsverzeichnis).
  6. In seiner Schrift Τέχνη Γραμματική heißt es in §13: Τοῦ δὲ λόγου μέρη ἐστὶν ὀκτώ· ὄνομα, ῥῆμα, μετοχή, ἄρθρον, ἀντωνυμία, πρόθεσις, ἐπίρρημα, σύνδεσμος.[1] „Es gibt acht Wortarten: Nomen, Verb, Partizip, Artikel, Pronomen, Präposition, Adverb und Konjunktion.“ und in §14: παρέπεται δὲ τῷ ὀνόματι πέντε· γένη, εἴδη, σχήματα, ἀριθμοί, πτώσεις. „Es (das Nomen) hat fünf Begleiterscheinungen: Geschlecht, Art, Form, Zahl und Fall“ (vgl. [2]). Innerhalb der Nomina wiederum unterscheidet er folgende Arten, nach dem, was sie bezeichnen: Eigennamen, Appellativa, Adjektive, Relative, Quasi-Relative, Homonyme, Synonyme, Pheronyme, Dionyme, Eponyme, Ethnonyme, Interrogative, Indefinite, Anaphern (auch Assimilative, Demonstrative, und Retributive genannt), Kollektive, Distributive, Inklusive, Onomatopoetica, Allgemeine, Spezielle, Ordinale, Numerale, Partizipielle und Unabhängige: Ὑποπέπτωκε δὲ τῷ ὀνόματι ταῦτα, ἃ καὶ αὐτὰ εἴδη προσαγορεύεται· κύριον, προσηγορικόν, ἐπίθετον, πρός τι ἔχον, ὡς πρός τι ἔχον, ὁμώνυμον, συνώνυμον, διώνυμον, ἐπώνυμον, ἐθνικόν, ἐρωτηματικόν, ἀόριστον, ἀναφορικὸν ὃ καὶ ὁμοιωματικὸν καὶ δεικτικὸν καὶ ἀνταποδοτικὸν καλεῖται, περιληπτικόν, ἐπιμεριζόμενον, περιεκτικόν, πεποιημένον, γενικόν, ἰδικόν, τακτικόν, ἀριθμητικόν, ἀπολελυμένον, μετουσιαστικόν.
  7. Lehmann & Moravcsik 2000, S. 732.
  8. Lehmann & Moravcsik 2000, S. 732.
  9. Grand dictionnaire terminologique s.v. „nom“, mit Vermerk „Terme privilégié“.
  10. D.N.S. Bhat, Regina Pustet: Adjective = Kapitel 74 in: Geert Booij, Christian Lehmann, Joachim Mugdan (eds.): Morphologie / Morphology. Ein internationales Handbuch zur Flexion und Wortbildung / An international handbook on inflection and word-formation. De Gruyter Mouton, Berlin 2000. Band 1, S. 757–769. Insbesondere S. 761ff.
  11. Insgesamt hierzu: Harrie Wetzer: The Typology of Adjectival Predication. De Gruyter Mouton, Berlin 1996.
  12. R. M. W. Dixon, Where have all the adjectives gone? and other essays in semantics and syntax, Janua Linguarum Series Maior 107, Berlin (Mouton), 1982
  13. Verwendungsbeleg: „NPs without a nominal head (...) the rich and the poor.“ – Baas Aarts, Liliane Haegeman: English Word Classes and Phrases. = Kapitel 6 in: Bas Aarts, April McMahon (eds.): The Handbook of English Linguistics. Blackwell Publishing, Malden (MA) 2006. S. 117–145. Siehe S. 125.
  14. Belegstellen beispielsweise: Stefan Schierholz, Pál Uzonyi (Hrsg.): Grammatik: Formenlehre. (= Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK), 1.1). Walter de Gruyter, Berlin 2022. – S. 24: „Andere nominale Wortarten (Artikelwörter, ...)“. Hingegen S. 153 links oben: „Die Artikelflexion“ sei differenzierter als die Flexion der „nominalen Kategorien“.
  15. Helmut Glück (ed.): Metzler Lexikon Sprache. 2010, S. 460, Lemma: Nomen, Ziffer 2 erläutert „nominale Wortarten“ als: „Substantiv, Adjektiv, Pronomen und einige Numerale, mitunter eingeschränkt auf Substantiv und Adjektiv.“
  16. Beleg: „(...) the term nominal refers to a category used to group together nouns [sic!] and adjectives“. So in der englischen Wikipedia en:Nominal (linguistics) (erster Satz).