Najden Gerow

Najden Gerow

Najden Gerow (auch Nayden Gerov transliteriert, bulgarisch Найден Геров; * 23. Februar 1823 in Kopriwschtiza, Bulgarien, als Najden Gerow Chadschidobrewitsch, Найден Геров Хаджидобревич; † 9. Oktober 1900 in Plowdiw) war ein bulgarischer Sprachwissenschaftler, Volkskundler, Pädagoge und Autor und Aktivist der Bulgarischen Wiedergeburt.

Familie

Er war eines von 12 Kinder von Chadschi Gero Dobrewitsch Muschek und Stojka. Gerows Vater, Chadschi Gero war Lehrer, hatte eine eigene Zellenschule in Kopriwschtiza und diente als Prototypen für die Figur Chadschi Gentscho in der Novelle Bulgaren der alten Zeit: Erzählungen von Ljuben Karawelow.[1] Seine Schwester Iwana und sein Bruder Konstantin waren ebenfalls Pädagogen. Sein Familienname der sich aus dem Zusatz Chadschi und den Familiennamen seines Vaters ableitet, deutet darauf hin, dass Gero Dobrewitsch oder einer seiner Vorfahren an einer Pilgerfahrt ins Heiliges Land oder nach Athos teilnahmen. Die bulgarische Schreibweise des Familiennamens bis zur der von den Kommunisten nach derer Machtbergreifung durchgeführten Reform 1945 war Найденъ Геровъ хаджи Добревичъ /Najden Gerow chadschi Dobrewitsch.

Leben

Najden Gerow wurde 1823 in das im Sredna Gora, damals osmanische liegende Kopriwschtiza geboren. Von 1834 bis 1836 besuchte Najden eine griechische Schule in Plowdiw; bis 1839 setzte er seine Ausbildung wieder in seiner Heimatstadt fort, wo er Schüler des Gelehrten Neofit Rilski war. Als begabter Schüler, wurde er Stipendiat und seine weitere Ausbildung wurde von Christo Stojkowitsch, Kaufmann aus Kopriwschtiza finanziert. Mit dessen Hilfe gelang 1839 Najden im russische Odessa, das in dieser Zeit ein wichtiges Zentrum der Bulgarischen Wiedergeburt war. 1841 wurde Najden Gerow am Lycée Richelieu, die spätere Kaiserliche Neurussische Universität zugelassen und studierte Verwaltung, Finanzen und Wirtschaft. Als Student nahm er an einer wissenschaftlichen Expedition auf die Halbinsel Krim teil, und das Tagebuch, das er dabei führte, wurde von der russischen Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht. Daneben nahm er Privatunterricht bei Dimitar Mutew, den ersten bulgarischen Doktor (der Humboldt-Universität) der Physik.[2] In dieser Zeit war Gerow Teil des bulgarischen Literarischen Kreises von Odessa (bulgarisch Одески литературен кръжец), dem auch Dobri Tschintulow, Iwan Bogorow, Dimitar Mutew, Elena Mutewa und Botjo Petkow angehörten.[3][4] Hier verfasste Najden seine ersten Liebesgedichte. Sie sind einer »Schwester« (bulgarisch посестрима) und »Landsfrau« (bulgarisch сънародница) gewidmet, wahrscheinlich der 12-jährigen Elena Mutewa.[2] In den 1840er Jahren organisierte der Literarische Kreis in Mutewis Haus der erste bekannte bulgarische literarische Wettbewerb zu einem bestimmten Thema statt: die Anbetung Gottes. Als Ergebnis dieser erschienen zwei Gedichte, die in den Archiven von Najden Gerow aufbewahrt wurden – sein poetisches Werk »Ode an Gott« (bulgarisch Ода БогуOda Bogu) und das Gedicht von Elena Mutewa »Gott« (bulgarisch БогBog), welches den Wettbewerb gewonnen hat. Aus dieser Zeit stammen auch seine Freundschaften und Bekanntschaften mit den Brüdern Toschkow (Nikolaj Toschkow und Stefan Toschkewitsch) und Palausow (Nikola Palausow und Spiridon Palausow) sowie mit Nikola Michailowski, Bruder von Ilarion Makariopolski und weitere Prominentere Vertreter der Wiedergeburtszeit.[5][2]

Mit einer Abschlussarbeit über die Herstellung verschiedener Glasarten erlangte 1845 Najden Gerow am Lycée Richelieu seinen Abschluss mit Auszeichnung. Gerow nahm die russische Staatsbürgerschaft an[6] und bat um ein Stipendium, um nach Wien zu gehen um Landwirtschaft zu studieren. Die Regierung verweigerte ihm jedoch das Stipendium und bot ihm einen Beamtenposten. Gerow beschloss daraufhin ins osmanische Bulgarien zurückzukehren, womit er einer der ersten Bulgaren war, der seinen Abschluss im Ausland und alle günstigen Möglichkeiten für eine Karriere in Russland ignorierte.[5] In einem späteren Brief, wahrscheinlich an den russischen Konsul von Plowdiw, schrieb Gerow dazu:

«По скончанiи курса наук, я присягнул на верност подданства Россiи и през 1846 году возвратился в прежнее свое отечество Болгарiю, что-бы по возможности, передат своим соотечественникам приобретенния мною в Россiи познания в науках»

„Am Ende des Studiums der Wissenschaften habe ich einen Eid auf die Staatsbürgerschaft Russlands geschworen und bin 1846 in meine ehemalige Heimat Bulgarien zurückgekehrt, um mein in Russland in den Wissenschaften erworbenes Wissen nach Möglichkeit an meine Landsleute weiterzugeben.“

Najden Gerow: [5]

Mit seine 23 Jahren zog Najden Gerow 1846 in seiner Heimatstadt Kopriwschtiza zurück, wo er seine eigene Grundschule, benannt nach Kyrill und Method. Im Gegensatz zu der einfachen Zellenschule seines Vater, führte Najden in seine ein Zweiklassen Model ein, eine für Anfänger und eine für Fortgeschrittene Schüler. Seine Gelehrsamkeit erregte Aufmerksamkeit und er wurde von der Kaufmannsschafts in Plowdiw gebeten, ein Gymnasium dort zu eröffnen, was er auch tat. Und obwohl die Schule an der Kirche angesiedelt war, griff Gerow bei der Gestaltung des Schulunterrichts auf das weitgehend seküläre russischen Gymnasialprogramm zurück.[7] Dies ist auch der Grund wieso sie Klassen-Eparchie-Schule Kyrill und Method genannt wurde. Im Ersten Schuljahr unterrichtete zunächst Gerow bulgarische Sprache und Geschichte, Türkisch, Griechisch, das Gesetz Gottes (Religion) und Mathematik.[8] Später kamen noch Physik, Naturgeschichte und Handel dazu.[5]

In Plowdiw, in dieser Zeit auch Filibe oder Philipopel genannt, wuchs die bulgarische Bevölkerung stetig und entwickelte sich als größte und wirtschaftlich wichtigste Stadt Thrakiens zu einem Symbol des Kampfes der Bulgaren gegen die Phanarioten und den griechischen Nationalismus.[9][10] Als Schulleiter und Publizist bekämpfte Gerow beinahe alltäglich die Assimilation der Bulgaren in die griechische Kultur, den Druck des örtlichen griechischen Bischofs, die panhellenische Bildung an der griechischen Schule und die alteingesessenen Phanarioten.[5][11]

Während des Krimkrieges 1854 bis 1856 war Gerow als russischer Bürger zeitweilig gezwungen, das Land zu verlassen. Nach dem Krieg kehrte Gerow 1857 in Plowdiw zurück und wurde „Erster Vize-Konsul“ Russlands. In dieser Funktion engagierte er sich weiterhin für die nationale bulgarische Bewegung; als Mitglied und Vertreter des Bulgarischen Kuratoriums von Odessa half er unter anderem jungen Bulgaren (wie 1858 Marin Drinow[12]), ein Stipendium im Ausland zu erhalten.[5]

Gerow setzte sich für die Befreiung Bulgariens vom Osmanischen Reich. Dabei vertraute er auf die Unterstützung Russlands und stand damit in Opposition zu radikalen revolutionären Emigranten wie Ljuben Karawelow, Wassil Lewski und Christo Botew, die einen unabhängigen Aufstand wollten. Während des Aprilaufstands 1876 wurde Gerow verdächtigt, einer der Organisatoren zu sein und war gezwungen sich zu verstecken. Er suchte Zuflucht in der Russischen Gesandtschaft in Konstantinopel. Nach der Befreiung 1878 übernahm er einige administrative Aufgaben, gab sie kurze Zeit später jedoch wieder auf und widmete sich ausschließlich der Philologie.

Gerows Hauptwerk ist sein Wörterbuch der bulgarischen Sprache (Речникъ на блъгарскый языкъ). Er sammelte 50 Jahre lang bei einfachen Leuten eine große Anzahl von Wörtern, Ausdrücken, Volkslieder und Eigennamen. In Russland wurden die ersten drei Schriften in den Jahren 1855 bis 1856 veröffentlicht, das gesamte Wörterbuch erschien 1895 bis 1904 in fünf Bänden. 1908 fügte Gerows Mitarbeiter T. Panchev einen Anhang hinzu. Einschließlich des Anhangs umfasst das Wörterbuch um die 100.000 Einträge. Es gilt als wertvolle Quelle für das Studium der bulgarischen Sprache des 19. Jahrhunderts.

Trivia

Der Gerow-Pass in den Tangras Mountains auf der Livingston-Insel in der Antarktis ist nach Najden Gerow benannt.

Quellen

  • Куманов, Михаил и Колинка Исова. 2006. Историческа енциклопедия България
  • Eine Biographie von Nayden Gerov, Autor Georgi Konstantinov, Online (Bulgarian)
  • Samuil Schiwatschew[13], Saschka Aleksandrowa: Das Erste Gymnasium in Bulgarien (1868-2019). Festschrift anlässlich des 170. Jährigen Bestehens des Gymnasiums Kyrill und Method (aus dem Bulg. Първата гимназия на България), Plowdiw, S. 11, Online Version. Offizielle Webseite der Schule, abgerufen am 1. März 2021 (bulgarisch).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Familienstammbaum der Familie Gerowi. Familie Gerowi, abgerufen am 30. Dezember 2021 (bulgarisch).
  2. a b c Andrana Spassowa: Biographie von Najden Gerow (mit Sekundärquellen). In: sesdiva.eu.
  3. Enzyklopädie Bulgarien, Band 7., Verlag Marin Drinow der Bulgarische Akademie der Wissenschaften, Sofia, 1996, S. 469.
  4. Kurze Biographie von Elena Mutewa. In: Webseite der Zeitschrift literaturen swjat /Литературен свят. Abgerufen am 29. Dezember 2021 (bulgarisch).
  5. a b c d e f Georgi Konstantinov: Eine Biographie von Nayden Gerov
  6. Dimitris Tziovas: Greece and the Balkans. Identities, Perceptions and Cultural Encounters Since the Enlightenment, Verlag Taylor & Francis, 2017, ISBN 9781351932189, S. 36
  7. siehe Schiwatschew, Aleksandrowa, S. 2
  8. Geschichte der Schule. In: Offizielle Webseite der Schule. Abgerufen am 28. Februar 2021 (bulgarisch).
  9. Iwan Geschow: Errinerungen aus Kämpfe und Siege (aus dem Bulg. Спомени из години на борби и победи), Verlag Синева, Sofia, 2008, ISBN 978-954-9983-74-6. S. 16.
  10. Gunnar Hering: Der Konflikt des Ökumenischen Patriarchats und des bulgarischen Exarchats mit der Pforte 1890. (1988) in: Südost-Forschungen 47 (1988) S. 187–208
  11. Für die Dominanz der Griechischen Sprache und Phanarioten in Plowdiw, siehe Dimitris Tziovas: Greece and the Balkans. Identities, Perceptions and Cultural Encounters Since the Enlightenment, Verlag Taylor & Francis, 2017, ISBN 9781351932189, S. 32ff
  12. Roumen Daskalov: Master Narratives of the Middle Ages in Bulgaria, Brill, 2021, S. 57, ISBN 9789004464780
  13. Samuil Schiwatschew ist Historiker, promovierte 2019 an der Universität Sofia mit der Arbeit Die Sowjetisch-deutschen Beziehungen zwischen 1918–1939 (aus dem Bulg. Съветско-германските отношения 1918-1939) und ist Dozent an der Universität Plowdiw

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