Mitternachtsspitzen (WDR)

Fernsehserie
TitelMitternachtsspitzen
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheDeutsch
Genrepolitisches Kabarett
Erscheinungsjahreseit 1988
Länge60 Minuten
TitelmusikQuincy Jones Soul Bossa Nova
Produktions-
unternehmen
Westdeutscher Rundfunk in Zusammenarbeit bis 2017 mit Mitternachtsspitzen GbR / seit 2018 mit Pro TV Produktion GmbH
Erstausstrahlung17. Sep. 1988 auf West 3
Besetzung
Mitwirkende in jeder Sendung

Gäste

  • siehe chronologische Auflistung

Die Mitternachtsspitzen sind die am längsten existierende Kabarettsendung im deutschsprachigen Fernsehen. Sie werden in unregelmäßigen Abständen donnerstagabends vor Publikum produziert. Ihre Verbreitung erfolgt donnerstagabends als Livestream und ab dem jeweils folgenden Freitag um 18.00 Uhr in der ARD-Mediathek. Die erste lineare Verbreitung geschieht samstags um 21.45 Uhr im WDR Fernsehen. Wiederholungen finden sich bei einzelnen Dritten Programmen der ARD sowie regelmäßig bei 3sat. Dort sind sie dann auch in der Mediathek abrufbar.

Der Sendungstitel spielt an auf die genrespezifischen verbalen Zuspitzungen und die anfangs späte Sendezeit bis in die letzte Stunde vor Mitternacht hinein. Eine Verwechslung mit dem gleichlautenden Spielfilm Mitternachtsspitzen von 1960 wurde billigend in Kauf genommen.

Sendungsaufbau und Stammbesetzung

Die Sendung besaß etwa ein Vierteljahrhundert lang eine relativ konstante Gliederung.

In einer Einleitung ging Gastgeber Jürgen Becker auf aktuelle Ereignisse ein. Danach folgte eine fingierte Live-Schalte nach Berlin, ins „Deppendorf“, benannt nach Ulrich Deppendorf, dem ehemaligen WDR-Chefredakteur und Fernsehdirektor, der bis zu seiner Pensionierung 2015 als Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Erscheinung trat. In dieser Schalte persiflierte Wilfried Schmickler jahrelang mit zahlreichen satirischen Foto-Montagen die aktuelle Berichterstattung der ARD, zunächst als „Uli aus Deppendorf“, dann als „Thomas aus Deppendorf“ in Anspielung auf Thomas Roth. Zuletzt verkörperte Wilfried Schmickler u. a. einen dichtenden Hipster, weil sich der WDR Verjüngung verordnet hatte. Aus der Persiflage auf eine Nachrichtensendung wurde ein Vortrag wie beim Poetry Slam.

Im Anschluss an die „Neuigkeiten aus Deppendorf“ erfolgte der erste von drei Gastauftritten bekannter Kabarettisten oder aufstrebender Nachwuchskünstlern. Ein weiterer fester Bestandteil der Sendung waren fingierte Dialoge von Jürgen Becker mit Prominenten: Dazu wurden originale Bewegtbilder aus dem Archiv mit falschen Texten unterlegt, gesprochen von Stimmenimitator Elmar Brandt. Meist handelte es sich bei den Prominenten um in- und ausländische Politiker, Sportler, gekrönte Häupter oder den Papst. Erstmals im Sommer 2015 fanden Dialoge mit Käpt’n Blaubär (Imitation der Stimme des Originalsprechers Wolfgang Völz ebenfalls durch Elmar Brandt) statt, deren „Seemannsgarn“ bebildert wurde mit eigens angefertigten Legetrickanimationen. In jeder Sendung traten Mitglieder der Stammbesetzung auch paarweise auf: Lange Zeit waren dies Jürgen Becker und Wilfried Schmickler als die kölschen Zwillinge „Spitz & Spitz“. Es folgten „Loki & Smoky“ mit Wilfried Schmickler als Loki Schmidt und Uwe Lyko als Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Nach dem Tod von Loki Schmidt wurde die Sketch-Rubrik „Überschätzte Paare der Weltgeschichte“ etabliert, in der Wilfried Schmickler meist als Bundeskanzlerin Angela Merkel auftrat und Uwe Lyko in unterschiedlichen Rollen, zum Beispiel als Ehemann Joachim Sauer, Benedikt XVI., Silvio Berlusconi, Recep Tayyip Erdoğan, Adolf Hitler, Karl Lagerfeld, Jogi Löw, Wladimir Putin oder Nicolas Sarkozy. Bis 2015 verkörperte Uwe Lyko in dieser Rubrik und vor allem bei den „Neuigkeiten aus Deppendorf“ manchmal noch den Witwer Helmut Schmidt. Nach dem Tod des Altbundeskanzlers kommentierten „Loki & Smoky im Himmel“ das irdische Geschehen, jedoch nur bei ganz besonderen Anlässen. Auch eher selten parodierten Wilfried Schmickler und Uwe Lyko schillernde Paare wie etwa „die Geissens“ oder zuvor „die Wulffs“ und „die Guttenbergs“.

Im letzten Viertel einer jeden Sendung trat seit 1996 der Ruhrgebietsrentner Herbert Knebel auf, verkörpert gleichfalls von Uwe Lyko. Von 1992 bis zum Sommer 2015 schlüpfte Jürgen Becker anschließend unter ein ausladendes Geweih, setzte sich eine stark vergrößernde Hornbrille auf und schwadronierte in den Qualm einer Zigarre als derb-volkstümlicher „Heimathirsch“ über Gott und die Welt. Zuletzt agierte Jürgen Becker in unterschiedlichen Rollen, etwa als Horst Lichter, Richard David Precht oder fiktiver Kölner Hauptkommissar Peter Pütz. Ihm als Partnerin zur Seite stand dabei oft Susanne Pätzold, die entweder Ursula von der Leyen, Andrea Nahles, Frauke Petry, Sabine Rau, Claudia Roth, Jörg Schönenborn oder Sahra Wagenknecht parodierte. Mit dem Ruf „Aufhören, Herr Becker, aufhören!“ begann Wilfried Schmickler in jeder Sendung seit 1992 seine finale Moralpredigt, in der er mit großer Sprachgewalt aktuelle Missstände oder die jeweils aktuellen Übeltäter in Politik und Gesellschaft anprangerte.

Die Verabschiedung von Gastkünstlern (mit jeweiliger Überreichung eines Glases Kölsch) und Publikum beschloss Jürgen Becker mit dem Hinweis auf die nächste Ausgabe der Mitternachtsspitzen und dem Satz: „Machen Sie sich einen Knoten in die Fernbedienung!“ (mit einem entsprechend gestalteten Requisit in der Hand).

Mit dem neuen Gastgeber Christoph Sieber erhielt die Sendung neue Rubriken: wesentlich das so genannte Erklärstück, bei dem aufbauend auf ausführlichen Recherchen der Journalistin Kathrin Hartmann politische Missstände oder Zusammenhänge erklärt werden, ferner Ensemblestücke wie „Die Aktuellste Stunde“, „Das Lehrerzimmer“ oder „Die Ludolfs“ sowie eine finale, ironische Abrechnung unter der Überschrift „Weitermachen!“. Außerdem etablierten sich Philip Simon als moderner Diogenes, der in einem Spind haust, ferner Martin Maier-Bode in unterschiedlichen Rollen, Michael Hatzius mit seinen Puppen, Tobias Hebbelmann und Till Menzer als „Zwangsgebührenorchester“ sowie vorübergehend die Schauspielerin Luisa Charlotte Schulz und nach ihr die Schauspielerin Karen Dahmen.

Zur Stammbesetzung hinter den Kameras gehören seit etlichen Jahren Autor Dietmar Jacobs, Redakteur Klaus Michael Heinz und Regisseur Helmut Zanoskar. Mehr als ein Jahrzehnt lang gehörten zum Team Stimmenimitator Elmar Brandt sowie bis zum Tode 2004 Regisseur Alexander Arnz und bis zur Pensionierung 2005 der ehemalige Monitor-Redakteur Rolf Bringmann.

Aufzeichnungsort

Die Mitternachtsspitzen werden im Wartesaal am Dom unter dem Kölner Hauptbahnhof aufgezeichnet. Aufgrund von Renovierungsarbeiten wurde die Sendung von Februar bis Juni 2014 vorübergehend im Kulturgut Eltzhof in Köln-Wahn produziert.[1] Das Mitternachtsspitzen EXTRA im Januar 2015 fand statt im Comedia Theater in der Kölner Südstadt, die Sendungen im Dezember 2016 und 2017 wurden in der als Kulturkirche genutzten Lutherkirche im Kölner Stadtteil Nippes produziert. Das Mitternachtsspitzen EXTRA Ende März 2020 setzte sich aus vielen, jeweils im privaten Umfeld der Künstler aufgezeichneten Beiträgen zusammen, da wegen der Corona-Pandemie deutschlandweit Ausgangs- und Versammlungsbeschränkungen galten. Aus diesem Grund wurden auch drei reguläre Sendungen 2020 nicht im Wartesaal am Dom produziert, sondern Anfang Mai in einem begrünten Hof des neuen Clouth Quartier im Kölner Stadtteil Nippes, wo etwa 200 Anwohner auf Balkonen oder Terrassen sowie aus Wohnungsfenstern die Sendung mitverfolgen konnten, ferner Anfang Juni im Biergarten des Veranstaltungsortes Die Halle Tor 2 im Kölner Stadtteil Vogelsang, in den 100 Zuschauer Zutritt erhielten, und schließlich Mitte Oktober im Dortmunder Stadtteil Hörde auf dem Gelände des ehemaligen Hochofenwerkes Phoenix West, dessen Schalthaus 101 für 300 Personen bestuhlt werden konnte. Zwei weitere reguläre Sendungen durften zwar im Kölner Wartesaal am Dom produziert werden, jedoch nicht vor Saalpublikum, sondern nur vor den Teilnehmern einer Videokonferenz. Die Sendungen im ersten Halbjahr 2021 begnügten sich mit Applaus aus dem Archiv, boten dafür aber erstmals neue musikalische Kommentare zu den einzelnen Darbietungen.

Geschichte

Die Premierensendung fand am 17. September 1988 statt. Gastgeber und Moderator war Richard Rogler. Nach 28 Sendungen allerdings warf er im Herbst 1991 das Handtuch, nachdem sich der WDR-Rundfunkrat äußerst kritisch geäußert und einige Mitglieder Roglers Rücktritt gefordert hatten.[2] Am 14. Mai 1992 übernahm Jürgen Becker die Rolle des Gastgebers und Moderators. Und er setzte gleich in seiner ersten Sendung einen kräftigen Akzent: in einer „Hasspredigt“ über den damals gerade designierten Kölner Kardinal Joachim Meisner.

Am 9. November 1989 platzte der verspätet angereiste Gastkünstler Horst Schroth mit einer ganz besonderen Pointe in die von Richard Rogler moderierten Mitternachtsspitzen: „Die Mauer ist auf!“ Er hatte unterwegs im Autoradio erfahren, was allen anderen im Kölner Wartesaal noch nicht bekannt war.

Am 24. September 1998, unmittelbar vor der Bundestagswahl, präsentierten die Mitternachtsspitzen ein Wahlstudio der besonderen Art: Junge Frauen und Männer, oben vollkommen nackt, sortierten hinter Wilfried Schmickler als „Uli aus Deppendorf“ erste Ergebnisse aus einzelnen Wahlkreisen.

Nachträglich zum zehnjährigen Bestehen der Sendereihe reisten Jürgen Becker und Wilfried Schmickler für die Sendung am 29. April 1999 in die neue alte deutsche Hauptstadt Berlin und besuchten dort Kabarettkollegen im Westen und Osten der Stadt. Drehorte waren unter anderem die Kabarett- und Kleinkunstbühnen Die Distel, Die Wühlmäuse sowie die Bar jeder Vernunft, aber auch die Baustelle des Holocaust-Mahnmals und das Berliner Olympiastadion.

Am 23. Mai 2002 präsentierte Wilfried Schmickler als „Uli aus Deppendorf“ den fingierten Nachrichtenblock gemeinsam mit seinem echten Vorbild Ulrich Deppendorf, dem neuen Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin.

Zum 20. Geburtstag der Sendereihe 2008 waren neben anderen die WDR Big Band und Anke Engelke zu Gast.

Immer wieder Aufhören! – 25 Jahre Mitternachtsspitzen hieß 2013 die Sondersendung von Klaus Michael Heinz, in der Moderatorin Bettina Böttinger die Kabarettisten Jürgen Becker, Uwe Lyko, Richard Rogler und Wilfried Schmickler zu deren Tun befragte und dabei anhand zahlreicher Ausschnitte aus den über 200 Sendungen des letzten Vierteljahrhunderts auch Kritisches über das Kabarett zur Sprache brachte.

Anlässlich des Anschlags auf Charlie Hebdo wurde die Winterpause 2014/2015 unterbrochen und am 17. Januar 2015 ein Mitternachtsspitzen EXTRA gesendet.[3]

Nachdem Uwe Steimle in der Sendung vom Mai 2015 fragte „Wieso zetteln die Amerikaner und Israelis Kriege an und wir Deutsche dürfen den Scheiß bezahlen?“, dechiffrierte dies Jan-Philipp Hein für den SHZ dahingehend, dass die Juden mal wieder die Welt in Brand setzen würden, dabei die US-Regierung kontrollieren und die Mittel dafür den Deutschen abpressen, in dem sie aus deren schlechtem Gewissen bezüglich des Holocaust seit Jahrzehnten bekanntlich Profit schlagen. Hein wertete dies als Beleg dafür, dass antisemitische Ressentiments im deutschen Fernsehkabarett als Humor getarnt weiterleben.[4] Steimle muss sich u. a. aufgrund dieser Aussage gemäß einem rechtskräftigen Urteil des Amtsgerichts Meißen den Vorwurf gefallen lassen, „Völkisch-antisemitischer Jammer-Ossi“ zu sein.[5][6]

Im 30. Jahr der Mitternachtsspitzen präsentierte www.wdr.de von Februar 2018 bis zur Jubiläumssendung im September einen so genannten Countdown: 30 Wochen lang wurden Künstlerauftritte aus den Mitternachtsspitzen publiziert, in chronologischer Reihenfolge von 1988 bis 2017.

Anlässlich der Corona-Pandemie und weit reichender Ausgangsbeschränkungen wurde die Osterpause 2020 unterbrochen und am 30. März 2020 ein Mitternachtsspitzen EXTRA gesendet.

In der Weihnachtssendung am 19. Dezember 2020 übergab Jürgen Becker die von Requisiteuren verknotete Fernbedienung an Christoph Sieber, den neuen Gastgeber der Mitternachtsspitzen, und gemeinsam mit Uwe Lyko und Wilfried Schmickler verabschiedete er sich im Finale musikalisch: „Es ist vorbei / Bye bye Wartesaal“, eine Bearbeitung von Rio Reisers Song „Junimond“.

Weil die Corona-Pandemie Karnevalsveranstaltungen im Saal weitgehend unmöglich machte und also auch die alternative Kölner Stunksitzung abgesagt werden musste, kam am 5. Februar 2022 ein neunzigminütiges Mitternachtsspitzen EXTRA ins Programm. Darin präsentierten Mitglieder der so genannten Stunker und Sitzungspräsidentin Biggi Wanninger vier Ausschnitte aus dem abgesagten aktuellen Programm.

4 Sendungen 1988

10 Sendungen 1989

6 Sendungen 1990

6 Sendungen 1991 (Abschied von Richard Rogler)

6 Sendungen 1992 (Mit Jürgen Becker)

6 Sendungen 1993

8 Sendungen 1994

8 Sendungen 1995 (50. Sendung)

12 Sendungen 1996

11 Sendungen 1997

10 Sendungen 1998 (10 Jahre)

11 Sendungen 1999

10 Sendungen 2000

13 Sendungen 2001

10 Sendungen 2002 (10 Jahre mit Jürgen Becker)

8 Sendungen 2003 (Wechsel des Sendeplatzes)

9 Sendungen 2004

9 Sendungen 2005

10 Sendungen 2006

9 Sendungen 2007

8 Sendungen 2008 (20 Jahre)

8 Sendungen 2009

9 Sendungen 2010 (200. Sendung)

8 Sendungen 2011

8 Sendungen 2012

10 Sendungen 2013 (25 Jahre)

8 Sendungen 2014

9 Sendungen 2015

8 Sendungen 2016

9 Sendungen 2017

8 Sendungen 2018 (30 Jahre)

9 Sendungen 2019

9 Sendungen 2020 (Abschied von Jürgen Becker)

9 Sendungen 2021 (Mit Christoph Sieber)

8 Sendungen 2022

10 Sendungen 2023 (35 Jahre)

8 Sendungen 2024

Auszeichnungen

  • 1989 erhielten Redakteur Gerhard Honal und Kabarettist Richard Rogler für die Sendereihe einen Adolf-Grimme-Preis in Bronze.
  • 2019 wurde die Sendereihe mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet in der Rubrik "Beste Satire-Show".

Weblinks

Quellen

  1. Mitternachtsspitzen ziehen ins Ausweichquartier Eltzhof. Abgerufen am 30. März 2014.
  2. Heimathirsche und Ausputzer. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 18. Juni 2008, abgerufen am 23. September 2013.
  3. Mitternachtsspitzen EXTRA: Nous sommes Charlie. WDR, abgerufen am 1. Februar 2015.
  4. Jan-Philipp Hein Fernsehkabarett – Da wo der Antisemitismus blüht shz vom 7. Juni 2015
  5. Das muss sich Steimle gefallen lassen, Sächsische Zeitung vom 9. November 2017
  6. Steimle rechtskräftig „Jammerossi“ (Memento vom 4. Januar 2018 im Internet Archive), Sächsische Zeitung vom 17. November 2017