Meloxicam

Strukturformel
Strukturformel von Meloxicam
Allgemeines
FreinameMeloxicam
Andere Namen
  • 4-Hydroxy-2-methyl-N-(5-methyl-2-thiazolyl)-2H-1,2-benzothiazin-3-carboxamid-1,1-dioxid (IUPAC)
  • Meloxicamum (Latein)
SummenformelC14H13N3O4S2
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer71125-38-7
EG-Nummer (Listennummer)615-253-8
ECHA-InfoCard100.113.257
PubChem54677470
ChemSpider10442740
DrugBankDB00814
WikidataQ414028
Arzneistoffangaben
ATC-Code

M01AC06
M01AC56 (Kombinationen)

Wirkstoffklasse

nichtsteroidales Antirheumatikum

Wirkmechanismus

Cyclooxygenase-Hemmer

Eigenschaften
Molare Masse351,40 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

254 °C[1]

pKS-Wert

4,08[1]

Löslichkeit

praktisch unlöslich in Wasser (7,15 mg·l−1 bei 25 °C)[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung[2]

Gefahr

H- und P-SätzeH: 301
P: 301+310[2]
Toxikologische Daten
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).

Meloxicam ist ein Arzneistoff, genauer ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR, NSAID) aus der Gruppe der Oxicame. Es ist ein hellgelbes, in Wasser nahezu unlösliches Pulver.

Forschung und Entwicklung

In den 1970er Jahren synthetisierten Chemiker der Dr. Karl Thomas GmbH eine Vielzahl von Enolcarboxamiden, um Wirkstoffe mit antiinflammatorischen oder/und antithrombotischen Eigenschaften zu entwickeln. Dabei ragte der von G. Trummlitz konzipierte und synthetisierte sowie von G. Engelhardt pharmakologisch charakterisierte Wirkstoff UH-AC 62 (Meloxicam) heraus.[3] In präklinischen Untersuchungen zeigte Meloxicam eine hohe antiinflammatorische Wirkung im pharmakologischen Adjuvans Arthritis Model bei nur geringer antithrombotischer Wirkung (gemessen in der Blutplättchenaggregation) und gutem Verhältnis von antiinflammatorischer Wirkung und gastrointestinaler Verträglichkeit.[4] Auch Wirkstoffe mit hoher antithrombotischer bei niedriger antiinflammatorischer Wirkung wurden gefunden.[5] UH-AC 62 wurde 1977 mit dem deutschen Basispatent DE2756113 geschützt und das Patent in weiteren Ländern angemeldet.[6]

Erst nach der Internationalisierung der Forschung und Entwicklung und der nachfolgenden Integration der Dr. Karl Thomas GmbH in die Boehringer Ingelheim Pharma KG wurde die klinische Entwicklung weltweit durchgeführt. Das internationale Projektteam unter G. Trummlitz leitete die Entwicklung und nachfolgende Registrierung. In Europa wurde Meloxicam 1996, in USA 2000 und in Japan 2002 eingeführt.

Das Meloxicam-Präparat Mobic erreichte nach A. Banchi, Sprecher der Unternehmungsleitung von Boehringer Ingelheim, 2005 weltweit 850 Mio. Euro Umsatz (entsprechend 1,05 Mrd. US-$).[7] In den folgenden Jahren folgten Generika (Nachahmerprodukte) auf dem US-amerikanischen Markt und weiteren Märkten und sorgten für rückläufige Umsätze.

In Parallel dazu wurde im Veterinärbereich von der Boehringer Ingelheim Vetmedika Meloxicam für Kleintiere und Nutztiere entwickelt und unter dem Handelsnamen Metacam 1994 eingeführt[8].

Sowohl in der Humananwendung als auch in der Veterinärmedizin wurden nach den Patentabläufen eine sehr große Anzahl von Generika – meist unter Benutzung des INN (Meloxicam) –, neue Anwendungsformen und Kombinationen eingeführt; siehe Angaben unten. Im Jahr 2023 war Meloxicam mit über 20 Millionen Verschreibungen das am 27. häufigsten verschriebene Medikament in den Vereinigten Staaten.[9][10]

Die Synthese erfolgte ausgehend von Saccharin durch Umsetzung mit Chloressigsäuremethylester, anschließender Gabriel-Colman-Umlagerung und N-Methylierung zu 4-Hydroxy-2-methyl-2H-1,2-benzothiazin-3-carbonsäuremethylester-1,1-dioxid, das mit 2-Amino-5-methyl-1,3-thiazol zu Meloxicam reagiert. Die Struktur-Wirkungs-Beziehungen wurden analysiert.[11]

In Abhängigkeit vom pH-Wert und dem Lösungsmittel kristallisiert Meloxicam in vier unterschiedlichen prototropen Formen: Anion, Enol, Zwitterion und Kation. Im neutralen Medium liegt die Anionform vor.[12]

Pharmakologie

Wirkungsmechanismus

Wie alle nichtsteroidale Antirheumatika hemmt Meloxicam die Cyclooxygenase (COX), wobei es eine bevorzugte (preferential) COX-2-Hemmung aufweist. Eine X-Ray-kristallographische Analyse und computerunterstützte Docking Studien der Meloxicam Bindung an die Cyclooxygenase Isoformen zeigte, dass die Methylgruppe des Thiazolringes in einen „flexible Extraspace“ bindet, der in COX-2 durch die Anwesenheit des Valin 434 im Gegensatz zum Isoleucin 434 in COX-1 und der damit verbundenen Flexibilität des Phenylalanin 518 gebildet wird.[13] Eine spätere X-ray Analyse von COX-2 mit gebundenem Meloxicam und „Site directed mutagenesis studies“ in denen Isoleucin 434 für Valin 434 in COX-2 substituiert wurde, bestätigten diese Hypothese.[14]

Aufgrund der bevorzugten Hemmung von COX-2[15][16] sollten weniger starke Nebenwirkungen zu erwarten sein, die vor allem bei Wirkstoffen mit COX-1-Präferenz auftreten.[17] Außerdem vermindert Meloxicam die Einwanderung von Leukozyten in Entzündungsgebiete. Die Thrombozytenaggregation wird nur gering gehemmt.

Meloxicam wird schnell resorbiert. Die Plasmaproteinbindung beträgt 99,4 Prozent, die Plasmahalbwertszeit 15 bis 20 Stunden. Der Abbau erfolgt in der Leber über das Enzym CYP2C9, die Ausscheidung über Galle und Niere.

Indikationen

Meloxicam wird vor allem bei chronischen Gelenkserkrankungen angewendet (Arthritis, Arthrosen), da es sich in der Gelenkflüssigkeit anreichert. Es kann aber auch bei anderen schmerzhaften Prozessen (Gicht, Morbus Bechterew, Rheuma) und zur Schmerztherapie vor und nach Operationen eingesetzt werden.

Das Mittel sollte nicht bei Erkrankungen der Magen- oder Darmschleimhaut, Niereninsuffizienz, Störungen der Blutgerinnung und Kindern bzw. sehr jungen Tieren (< 6 Wochen) angewendet werden. In der späten Schwangerschaft oder Trächtigkeit ist das Mittel kontraindiziert.

Nebenwirkungen

Wie alle NSAR kann Meloxicam Störungen des Magen-Darm-Trakts (Ulcus, Appetitlosigkeit, Durchfall, Erbrechen), der Blutgerinnung und der Nierenfunktion verursachen. Auch Unverträglichkeitsreaktionen oder Hautveränderungen können auftreten.

Umweltrelevanz

Da die Verwendung von Diclofenac zur vorbeugenden Behandlung von Rindern in Südasien zu einem Rückgang von drei Geierarten (Gyps bengalensis, Gyps indicus, Gyps tenuirostris) um mehr als 95 % geführt hat,[18] wird teilweise das für Geier ungiftige Meloxicam eingesetzt.[19][20][21]

Handelsnamen

Monopräparate in der Humanmedizin
Mobec (D), Mobic (A), Mobicox (CH), Movalis (A), Loxitan (GR).

Es ist als Generikum erhältlich.[22] Im Jahr 2023 war es mit über 20 Millionen Verschreibungen das am 27. häufigsten verschriebene Medikament in den Vereinigten Staaten.[9][10]

Tiermedizin
Acticam, Animeloxan, Contacera, Emdocan, Flexicam (außer Handel), Inflacam, Loxicom, Melosolute, Melosus, Melovem, Meloxidolor, Meloxidyl, Meloxivet, Meloxoral, Metacam, Novem, Recocam, Rheumocam, Vetoxicam (außer Handel), Vexxocam, Zeleris
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Einzelnachweise

  1. a b c d e f Eintrag zu Meloxicam in der DrugBank der University of Alberta
  2. a b Datenblatt Meloxicam-d3 bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 13. Mai 2017 (PDF).
  3. PubChem: Meloxicam: Therapeutischer Fortschritt durch bevorzugte COX-2-Hemmung. Abgerufen am 13. Oktober 2025 (englisch).
  4. Stuart Noble, Julia A. Balfour: Meloxicam. In: Drugs. Band 51, Nr. 3, 1. März 1996, S. 424–430, doi:10.2165/00003495-199651030-00007 (englisch).
  5. Patent EP0106214B1: Neue 4-Hydroxy-2H-1,2-benzothiazin-3-carboxamid-1,1-dioxide, Verfahren zu ihrer Herstellung, ihre Verwendung und diese Verbindungen enthaltende Arzneimittel. Angemeldet am 24. September 1983, veröffentlicht am 4. Dezember 1985, Anmelder: Thomae GmbH, Erfinder: Günter Trummlitz et al.
  6. Patentanmeldung DE2756113A1: Neue 4-Hydroxy-2H-1,2-benzothiazin-3-carboxamid-1,1-dioxide, Verfahren zu ihrer Herstellung und diese enthaltne Arzneimittel. Angemeldet am 16. Dezember 1977, veröffentlicht am 21. Juni 1979, Anmelder: Dr. Karl Thomae GmbH, Erfinder: Gunter Trummlitz, Wolfhard Engel, Ernst Seeger, Gunther Engelhardt.
  7. Boehringer Ingelheim 2005 wieder mit starkem Wachstum. Abgerufen am 21. April 2026.
  8. Google Scholar. Abgerufen am 11. Januar 2026 (englisch).
  9. a b The Top 300 of 2023. Abgerufen am 20. Oktober 2025 (englisch).
  10. a b Meloxicam - Drug Usage Statistics, ClinCalc DrugStats Database. Abgerufen am 20. Oktober 2025 (englisch).
  11. E. S. Lazer, C. K. Miao, C. L. Cywin, R. Sorcek, H. C. Wong, Z. Meng, I. Potocki, M. Hoermann, R. J. Snow, M. A. Tschantz, T. A. Kelly, D. W. McNeil, S. J. Coutts, L. Churchill, A. G. Graham, E. David, P. M. Grob, W. Engel, H. Meier, G. Trummlitz: Effect of structural modification of enol-carboxamide-type nonsteroidal antiinflammatory drugs on COX-2/COX-1 selectivity. In: Journal of Medicinal Chemistry. Band 40, Nr. 6, 14. März 1997, S. 980–989, doi:10.1021/jm9607010, PMID 9083488 (englisch).
  12. Peter Luger, Klaus Daneck, Wolfhard Engel, Günter Trummlitz, Klaus Wagner: Structure and physicochemical properties of meloxicam, a new NSAID. In: European Journal of Pharmaceutical Science. Band 4, 1996, S. 175–187 (englisch).
  13. EULAR Abstract Archive. Abgerufen am 21. April 2026.
  14. Shu Xu, Daniel J. Hermanson, Surajit Banerjee, Kebreab Ghebreselasie, Gina M. Clayton, R. Michael Garavito, Lawrence J. Marnett: Oxicams bind in a novel mode to the cyclooxygenase active site via a two-water-mediated H-bonding Network. In: The Journal of Biological Chemistry. Band 289, Nr. 10, 7. März 2014, S. 6799–6808, doi:10.1074/jbc.M113.517987, PMID 24425867, PMC 3945341 (freier Volltext).
  15. Trummlitz G, Wittneben H, van Ryn J, Harman C, Clayton G, Garavito RM (2003) X-ray crystallographic analysis and computational docking studies of cyclooxygenase isoform inhibitors. Ann Rheum Dis 62(Suppl): Abs FRI0230; [1]
  16. Oxicams Bind in a Novel Mode to the Cyclooxygenase Active Site via a Two-water-mediated H-bonding Network; PMC 3945341 (freier Volltext).
  17. Mutschler, Ernst: Arzneimittelwirkungen. Pharmakologie, klinische Pharmakologie, Toxikologie. 10. Auflage. Stuttgart. 2013.
  18. G. E Swan, R. Cuthbert, M. Quevedo, R. E Green, D. J Pain, P. Bartels, A. A Cunningham, N. Duncan, A. A Meharg, J Lindsay Oaks, J. Parry-Jones, S. Shultz, M. A Taggart, G. Verdoorn, K. Wolter: Toxicity of diclofenac to Gyps vultures. In: Biology Letters. 2. Jahrgang, Nr. 2, 2006, S. 279–282, doi:10.1098/rsbl.2005.0425, PMID 17148382, PMC 1618889 (freier Volltext) – (englisch).
  19. Rachel Becker: Cattle drug threatens thousands of vultures. In: Nature. 2016, doi:10.1038/nature.2016.19839 (englisch).
  20. Michael Hopkin: Switching vet drug could save vultures. In: news@nature. 2006, doi:10.1038/news060130-2 (englisch).
  21. Gerry Swan, Vinasan Naidoo, Richard Cuthbert, Rhys E Green, Deborah J Pain, Devendra Swarup, Vibhu Prakash, Mark Taggart, Lizette Bekker, Devojit Das, Jörg Diekmann, Maria Diekmann, Elmarié Killian, Andy Meharg, Ramesh Chandra Patra, Mohini Saini, Kerri Wolter, Georgina Mace: Removing the Threat of Diclofenac to Critically Endangered Asian Vultures. In: PLoS Biology. Band 4, Nr. 3, 2006, S. e66, doi:10.1371/journal.pbio.0040066 (englisch).
  22. AHFS Drug Information 2025. ASHP, 2025, ISBN 978-1-58528-761-1, doi:10.37573/9781585287611 (englisch).

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Meloxicam (turned for similarity to other oxicams)