Mehrstimmigkeit

Mehrstimmigkeit ist in der Musiktheorie ein Oberbegriff für um 1200 in der Kirchenmusik entstandene, seit dem 15. Jahrhundert auch zunehmend in der weltlichen Musik verbreitete Musizierweisen, bei denen mehrere Stimmen (oder Melodien) gleichzeitig erklingen. Mehrstimmigkeit ist das Gegenstück zu Einstimmigkeit oder Monophonie, die in der abendländischen Musik bis zum 9. Jahrhundert üblich war.

Die wichtigsten Formen bilden hierbei die Homophonie (beim homophonen Satz bzw. Akkordsatz mit Haupt- und Nebenstimmen) sowie die Polyphonie (Vielstimmigkeit: polyphoner Satz mit melodisch und rhythmisch selbständigen Stimmen). Heterophonie ist dabei in der abendländischen Musizierpraxis eher eine Ausnahme als die Regel. Auf Englisch nennt man die Mehrstimmigkeit polyphony, im Deutschen wird die Bedeutung von Polyphonie zumeist enger gefasst.

Geschichte

Mehrstimmigkeit existierte in der Instrumentalmusik, etwa mit Bordunsaiten, lange bevor man anfing, mehrstimmig zu singen. Die sogenannte Crota oder Rota, war ein meist mit drei Saiten bespanntes altes Streichinstrument mit flachem Steg und ohne die Seiteneinbuchtungen des modernen Geigenkörpers. Dadurch war der Bogen gezwungen, zu gleicher Zeit über alle drei Saiten zu streichen, wodurch zur auf der ersten Saite gespielten Melodie der Grundton und die Quinte nach Art eines Dudelsackes mitklangen.[1]

Erst mit der Entwicklung des Organums setzte, aufbauend auf dem einstimmigen gregorianischen Gesang, die vokale Mehrstimmigkeit (zunächst als Zweistimmigkeit) ein. So fügten Sänger der Choralschola ihren gregorianischen Chorälen ab dem 12. Jahrhundert Texte (als Tropierungen) und dem cantus firmus einen discantus als zweite Stimme hinzu. Die vorherrschenden mehrstimmigen musikalischen Satzarten sind Homophonie und Polyphonie. Nebenbei existiert noch die Heterophonie, die in der abendländischen musikalischen Praxis deutlich seltener auftritt.

Bedeutende Vertreter der Mehrstimmigkeit im 15. und 16. Jahrhundert waren die Komponisten Guillaume Dufay, Josquin Desprez, Giovanni Pierluigi da Palestrina (dessen Kyrie aus der Messe Assumpta est Maria bereits eine sechsstimmige Komposition ist), Orlando di Lasso und Carlo Gesualdo. Kunstvolle Mehrstimmigkeit schaffende Komponisten der Franko-flämischen Schule, zu denen auch Jacob Obrecht und Heinrich Isaac gezählt werden, wird auch als niederländischer[2] Stil und deren Komponisten als „Niederländer“[3] bezeichnet.

Formen

Eine besondere Form der Mehrstimmigkeit findet sich ab Mitte des 17. Jahrhunderts in Werken für Melodieinstrumente ohne Begleitung. Man unterscheidet eine manifeste und eine latente Mehrstimmigkeit. Am bedeutendsten sind die Solowerke von Johann Sebastian Bach (BWV 1001–1013) für Violine, Violoncello und Flöte. Manifeste Mehrstimmigkeit bedeutet, dass tatsächlich zwei oder mehr Töne gleichzeitig erklingen. Diese werden z. B. durch Doppelgriffe bei den Streichern hervorgebracht. Latente Mehrstimmigkeit bedeutet, dass die Linienführung wie ein zwei- oder mehrstimmiger Satz zu hören und zu verstehen ist.

Sätze für mehrere Gesangs- (SATB) oder Instrumentalstimmen, gespielt von in der Renaissance zu homogenen Familien erweiterten und auch neu entwickelten Musikinstrumenten, werden in der Notation häufig in Akkoladen (auch: „Systemen“) zusammengefasst.

Mehrstimmigkeit existiert nicht nur in der abendländischen Musik, sondern in verschiedenen Kulturen. Beispielsweise untersuchte der französisch-israelische Musikethnologe Simha Arom afrikanische Formen der Mehrstimmigkeit und Polyrhythmik.[4]

Literatur

  • Rudolf Flotzinger: Mehrstimmigkeit. In: Oesterreichisches Musiklexikon. Online-Ausgabe, Wien 2002 ff., ISBN 3-7001-3077-5; Druckausgabe: Band 3, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2004, ISBN 3-7001-3045-7.
  • René Frank: Mehrstimmiges Singen. Einführung der Mehrstimmigkeit in Kinder- und Jugendchören. Praxisbuch. Tectum, Marburg 2005, ISBN 3-8288-8884-4.
  • Wieland Ziegenrücker: Allgemeine Musiklehre mit Fragen und Aufgaben zur Selbstkontrolle. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1977; Taschenbuchausgabe: Wilhelm Goldmann Verlag, und Musikverlag B. Schott’s Söhne, Mainz 1979, ISBN 3-442-33003-3, S. 152–155 (Homophoner und polyphoner Satz),

Einzelnachweise

  1. Musik. In: E. Götzinger: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885, S. 674–698. bei Zeno.org.
  2. Vgl. etwa J. Wolf: Der niederländische Einfluss in der mehrstimmigen gemessenen Musik bis zum Jahre 1480. In: Tijdschrift van de Vereniging voor nederlandse muziekgeschiedenis. Nr. 6, 1900, und Nr. 7, 1904.
  3. Vgl. etwa Oesterreichische Musiklexikon online.
  4. Simha Arom: African Polyphony and Polyrhythm: Musical Structure and Methodology. Cambridge University Press, 1991. ISBN 0-521-24160-X.