Maggie Schauer

Margarete „Maggie“ Schauer (* 1964)[1] ist eine klinische Psychologin, spezialisiert im Bereich von Traumafolgestörungen.

Leben

Schauer promovierte 1998 im Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz.[2] Sie habilitierte (habil rer. nat.) sich an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Sektion, Universität Konstanz.[3] Sie arbeitet als Privatdozentin und Forscherin für Klinische Psychologie an der Universität Konstanz[4] und leitete dort mehrere Jahrzehnte das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie.[5]

Zudem führte sie zahlreiche internationale Workshops und Trainings zur Psychotraumatologie für Universitäten, klinische Ausbildungszentren und Flüchtlingsambulanzen durch und entwickelte Online- und Präsenzschulungen für Fachkräfte in Krisenregionen und Versorgungskontexten, zum Beispiel nach Flutkatastrophen. Schauer baute Lizensierungs- und Trainingsstrukturen für die Narrative Expositionstherapie auf.[6]

Sie ist Gründungsmitglied und ehemalige Präsidentin von vivo international, einer NGO zur Prävention und Behandlung von traumatischem Stress[5] und ist im Gründungsvorstand und Beirat des Babyforums, einem Netzwerk von Fachkräften zur Betreuung von Schwangeren, Vorsorge bei Kindswohlgefährdung und Frühe Hilfen.[7]

Wirken

Ihre Forschungskooperationen befassen sich mit multipler und komplexer Traumatisierung sowie zu transgenerationalen Folgen von Gewalt und Vernachlässigung.

Trauma wird von Schauer als „Verletzung der Seele“ beschrieben und bezeichnet eine starke psychische Erschütterung, die insbesondere durch Gefühle von extremer Hilflosigkeit und massiver Angst gekennzeichnet ist.[1] Trauma mache Betroffene laut Schauer häufig sprachlos und beeinträchtige Erinnerungs- sowie Einordnungsprozesse. Traumatische Erfahrungen seien dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht als abgeschlossene Vergangenheit verarbeitet werden können, sondern innerlich als fortdauernde Gegenwart erlebt werden. Dies könne unter anderem mit intensiven Scham- und Schuldgefühlen verbunden sein.[8]

Auslöser können unter anderem Gewalt, sexueller Missbrauch, Unfälle, Naturkatastrophen oder Terrorereignisse sein, aber auch Vernachlässigung und emotionale Gewalt in der Kindheit. Schauer betont zudem, dass auch das bloße Miterleben belastender Ereignisse traumatisierend wirken kann. Bei sogenannten Beziehungstraumata in der Kindheit spielen Abhängigkeit, fehlende Schutzmöglichkeiten und der Verlust eines sicheren Bindungsortes eine zentrale Rolle, insbesondere wenn die Gewalt von Bezugspersonen ausgeht.[1]

Schauer beschäftigt sich seit Mitte der 1990er-Jahre mit Kindern und erwachsenen Überlebenden organisierter und familiärer Gewalt. Im Rahmen ihrer Feldforschung in Katastrophen- und Konfliktregionen arbeitete sie unter anderem mit Überlebenden geschlechtsbezogener Gewalt sowie weiteren Opfergruppen organisierter Gewalt.[9]

Zusammen mit Frank Neuner und Thomas Elbert hat sie die Narrative Expositionstherapie (NET) zur Behandlung von Traumafolgestörungen nach multipler und komplexer Traumatisierung gegründet und als Therapieform entwickelt.[4]  Traumafolgestörungen entstehen nach ihrer Darstellung häufig nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch die Kumulation verschiedener Belastungen und Stressoren über die Zeit.[1] Unbehandelte Traumafolgen können nach ihrer Darstellung sowohl psychische als auch körperliche Erkrankungen begünstigen und mit Verhaltensweisen wie Substanzkonsum, Depressionen oder erhöhter Impulsivität einhergehen, was wiederum soziale Problemlagen verstärken kann.[8]

Traumafolgen können sich nach ihrer Darstellung auch erst viele Jahre oder Jahrzehnte nach belastenden Ereignissen zeigen und äußern sich teilweise in unspezifischen Gefühlen innerer Störung ohne klar zuordenbare Ursache.[10] Die Narrative Expositionstherapie wird als evidenzbasiertes Kurzzeitverfahren beschrieben, das es Betroffenen ermöglicht, traumatische Erlebnisse in einem geschützten therapeutischen Rahmen narrativ zu rekonstruieren und dadurch eine zeitliche sowie räumliche Einordnung der Erinnerungen zu erreichen.[9] Die Narrative Expositionstherapie wurde ursprünglich für den Einsatz in ressourcenarmen Krisensituationen konzipiert, in denen nur begrenzte therapeutische Kapazitäten verfügbar sind. Sie basiert auf dem Ansatz, dass das sprachliche Durcharbeiten traumatischer Erinnerungen deren belastende Wirkung reduzieren kann.[8] Das Verfahren findet Anwendung in Konfliktregionen und wird auch in der Behandlung von Flüchtlingen in Deutschland eingesetzt.[9]

Schauer koordiniert Therapie- und Hilfsprojekte in Kriegs- und Krisengebieten, in Flüchtlingslagern nach humanitären und Naturkatastrophen, in Demobilisierungsprojekten für Kindersoldaten und mit Überlebenden von Folter und Menschenrechtsverletzungen in den Herkunftsländern und in Deutschland mit Flüchtlingen und Asylbewerbern.[7] Ihre therapeutische und humanitäre Arbeit führte sie unter anderem zu Überlebenden des Kosovokrieges, zu Sudanvertriebenen in Uganda, Kindersoldaten in der Demokratischen Republik Kongo und in Kolumbien, Waisenkindern in Tansania, drogenabhängigen Ex-Kombattanten in Somalia, politischen Gefangenen in Rumänien und der Türkei sowie zu Tsunami- und Kriegsüberlebenden in Sri Lanka.[4]

In einem Dialog mit dem Fernsehjournalisten Michael Krons von 2016 warnte Schauer vor den weitreichenden psychischen Folgen von Flucht und Kriegserfahrungen. Sie betont, dass ein erheblicher Anteil von Geflüchteten traumatisiert sei und fordert den Ausbau therapeutischer Versorgungsstrukturen, da rein organisatorische Maßnahmen nicht ausreichten. Ohne entsprechende Behandlung drohten langfristige individuelle und gesellschaftliche Folgewirkungen, auch im Hinblick auf Integration und Stabilität in Herkunfts- und Aufnahmeländern.[11]

Ihr 2024 erschienenes Buch Die einfachste Psychotherapie der Welt machte die Narrative Expositionstherapie für ein breiteres Publikum zugänglich.[7] In ihm postuliert Schauer, dass Traumata nicht nur durch Krieg oder Katastrophen, sondern auch in alltäglichen Lebenssituationen entstehen. Dazu gehören zum Beispiel häusliche Gewalt, sexueller oder emotionaler Missbrauch, Ausgrenzung, schwere Erkrankungen oder wiederholte belastende Erfahrungen. Traumatische Erfahrungen können dazu häufig innerhalb von Familien weitergegeben werden. Menschen, die selbst Gewalt oder schwere Belastungen erlebt haben, haben später oft Schwierigkeiten in Beziehungen oder im Umgang mit eigenen Kindern. Dadurch könne sich ein Kreislauf aus Belastung und Gewalt über Generationen fortsetzen.[12] Schauer erläutert in diesem Werk, wie die Betroffenen therapeutisch unterstützt werden können, etwa indem diese zunächst einzelne Sinneseindrücke schildern und erst anschließend ihre Gedanken und Bewertungen zu den Erlebnissen formulieren. Schauer nennt zudem weitere Strategien zur Strukturierung des Erzählens.[13]

In einem Interview mit Kathrin Fischer thematisiert Schauer Aspekte der Traumaverarbeitung im Kontext von Beziehung und therapeutischer Begleitung. Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Bedeutung stabiler zwischenmenschlicher Beziehungen für die Regulation von Stress- und Erschöpfungszuständen bei traumatisierten Menschen. Dabei wird erläutert, dass Erholung nach belastenden Erfahrungen häufig nicht durch reine Entspannung, sondern durch sichere Beziehungserfahrungen unterstützt wird.[14]

Preise und Auszeichnungen

2015 erhielt Schauer den August-Forel-Preis des Stiftungsrates der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur, Schweiz,[15] sowie die Jaap-Chrisstoffels-Gastprofessur der Universität Amsterdam.[16] 2016 wurde Maggie Schauer gemeinsam mit Thomas Elbert der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Preis zugesprochen,[3] der vom Stifterverband und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina vergeben wird. Die Auszeichnung würdigte insbesondere ihr Engagement in der therapeutischen Behandlung von Gewaltopfern im Kontext weltweit steigender Flucht- und Migrationsbewegungen.[9]

Publikationen

  • Maggie Schauer, Frank Neuner, Thomas Elbert: Narrative Exposure Therapy (NET). A Short-Term Intervention for Traumatic Stress Disorders. 2. Auflage. Hogrefe & Huber Publ. Cambridge, Mass. 2011, ISBN 978-0-88937-388-4 (NET Manual; EA 2005).
  • Maggie Schauer, Frank Neuner, Thomas Elbert: Narrative Exposure Therapy (NET) for Survivors of Traumatic Stress. 3. Auflage. Hogrefe Publishing, 2025.
  • Maggie Schauer, Thomas Elbert, Nataly Bleuel: Die einfachste Psychotherapie der Welt: Wie wir die Ursache von Stress und Krankheit behandeln und den Kreislauf von Trauma und Gewalt durchbrechen. Rowohlt Polaris, 2024, ISBN 978-3-499-01303-4.
  • M. Schauer, E. Schauer: Trauma-Focused Public Mental-Health Interventions: A Paradigm Shift in Humanitarian Assistance and Aid Work. In: E. Martz (Hrsg.): Trauma Rehabilitation After War and Conflict. Springer, New York 2010, S. 361–430.
  • M. Schauer, T. Elbert: Dissociation following traumatic stress: etiology and treatment. In: Journal of Psychology. Vol. 218, Nr. 2, 2010, S. 109–127.
  • M. Schauer, M. Ruf-Leuschner: Die Lifeline in der Narrativen Expositionstherapie (NET). In: Psychotherapeut. Band 59, 2014, S. 226–238. doi:10.1007/s00278-014-1041-9
  • M. Schauer, M. Ruf-Leuschner, M. Landolt: Dem Leben Gestalt geben: Die Lifeline in der Traumatherapie von Kindern und Jugendlichen. In: K. Priebe, A. Dyer (Hrsg.): Metaphern, Geschichten und Symbole in der Traumatherapie. Hogrefe, 2014, S. 177–186.
  • M. Schauer, I. Schalinski: Zur Biologie des Überlebens – Ätiologie und Behandlung traumainduzierter Dissoziation. In: J. Müller, M. Ruf-Leuschner, B. Grimmer, C. Knaevelsrud, B. Dammann (Hrsg.): Traumafolgen: Forschung und therapeutische Praxis. Kohlhammer, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-037563-5.
  • M. Schauer, T. Elbert, F. Neuner: Narrative Expositionstherapie nach Gewalt und Flucht. In: W. Machleidt, U. Kluge; M. Sieberer, A. Heinz (Hrsg.): Praxis der interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie. Migration und psychische Gesundheit. 2. Auflage. Urban & Fischer, München 2018, Kap. 24, S. 261–271.
  • M. Schauer, F. Neuner, T. Elbert: Narrative Exposure Therapy for Children and Adolescents (KIDNET). In: M. Landolt, M. Cloitre, U. Schnyder: Evidence-Based Treatments for Trauma Related Disorders in Children and Adolescents. Springer Publishers, 2017, S. 227–250. doi:10.1007/978-3-319-46138-0_11
  • M. Schauer: Narrative Exposure Therapy. In: J. Wright: International Encyclopedia of Social & Behavioral Sciences. 2. Auflage. 2015, S. 198–203. (online)
  • M. Schauer, E. Schauer: Trauma-Focused Public Mental-Health Interventions: A Paradigm Shift in Humanitarian Assistance and Aid Work. In: E. Martz (Hrsg.): Trauma Rehabilitation After War and Conflict. Springer, New York 2010, S. 361–430.
  • M. Schauer, M. Ruf-Leuschner, KINDEX: Pränatale Erfassung psychosozialer Risiken für die Entwicklung über die Lebensspanne - der Konstanzer INDEX. (online)
  • M. Schauer, K. Robjant: Commentary on Scheidell et al.: En‐counting adversities; the ‘building blocks’ of psychopathology. In: Addiction. Band 113, Nr. 1, 2018, S. 57–58. doi:10.1111/add.14067
  • M. Schauer: The Mass Refugee Movement – Better Reframed as Mental Health Crisis? In: Global Perspectives of the International Society for Traumatic Stress Studies ISTSS StressPoints, a quarterly eNewsletter. March 2016. (online) doi:10.13140/RG.2.1.4113.1926
  • M. Schauer, I. Schalinski, T. Elbert: Shutdown Dissoziationsskala (Shut-D). Universität Konstanz. Creative Commons 2013. (doi:10.23668/psycharchives.4596) (German, English, Norwegian)
  • M. Schauer, I. Schalinski, T. Elbert: Shutdown Dissociation Scale (Shut-D). University of Konstanz, 2011.

Rezeption

Im Deutschlandfunk kommentierte der Journalist und Schriftsteller Jan Drees in seiner Besprechung des Buches Die einfachste Psychotherapie der Welt, dass die von Schauer dargestellte Narrative Expositionstherapie entgegen der im Titel angedeuteten Vereinfachung keineswegs eine einfache Therapieform sei. Vielmehr stelle sie hohe Anforderungen, da sie darauf abziele, traumatisierten Menschen das Sprechen über belastende und durch das Trauma häufig blockierte Erinnerungen zu ermöglichen. Insgesamt bewertet Drees das Werk als fachlich fundiert und bedeutsam, insbesondere auch für Personen, die sich mit narrativen Schreibprozessen beschäftigen.[17]

Einzelnachweise

  1. a b c d Heike Le Ker: Jeder bricht irgendwann. Der Spiegel, 9. April 2026, abgerufen am 15. Mai 2026.
  2. Dissertation, Website der Universität Konstanz, abgerufen am 12. Jänner 2017.
  3. a b Nationalakademie Leopoldina und Stifterverband ehren die Psychologen Maggie Schauer und Thomas Elbert mit dem Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Preis 2016, Website der Leopoldina, abgerufen am 14. Januar 2017.
  4. a b c PD Dr. Maggie Schauer. Universität Zürich, abgerufen am 15. Mai 2026.
  5. a b Maggie Schauer. Campus-Verlag, abgerufen am 19. Mai 2026.
  6. CV_Maggie Schauer 2022. Universität Urbino, abgerufen am 15. Mai 2026.
  7. a b c Thomas Laggner: Psychotraumatologin: Trauma geht uns alle an! ABC Councelorakademie, 25. November 2024, abgerufen am 15. Mai 2026.
  8. a b c Katrin Brenner: Was ist die Narrative Expositionstherapie (NET)? Psychologie Heute, 11. September 2024, abgerufen am 15. Mai 2026.
  9. a b c d Kristin Kahl: Maggie Schauer: Engagierte Traumatherapeutin von Flüchtlingen. Deutsches Ärzteblatt, 18. April 2024, abgerufen am 15. Mai 2026.
  10. einbiszwei – der Podcast über sexuelle Gewalt: Du hast die „einfachste Psychotherapie der Welt“ erfunden – wie funktioniert die „Narrative Expositionstherapie“ (NET), Dr. Maggie Schauer? Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, abgerufen am 15. Mai 2026.
  11. Im Dialog: Michael Krons mit Dr. Maggie Schauer am 18.03.2016. Phoenix (Fernsehsender), 21. März 2016, abgerufen am 15. Mai 2026.
  12. Die einfachste Psychotherapie der Welt. Rowohlt Verlag, abgerufen am 15. Mai 2026.
  13. Jan Drees: Maggie Schauer – Die einfachste Psychotherapie der Welt. Deutschlandfunk, 1. Dezember 2024, abgerufen am 15. Mai 2026.
  14. Trauma-Heilung durch Beziehung | Folge 29 | Podcast. Erschöpfung statt Gelassenheit, 14. März 2025, abgerufen am 15. Mai 2026.
  15. Konstanz: Konstanzer Psychologen sind topp. In: Südkurier Online. 19. November 2015 (suedkurier.de [abgerufen am 2. Januar 2017]).
  16. Maggie Schauer. Beltz, abgerufen am 15. Mai 2026.
  17. Maggie Schauer – Die einfachste Psychotherapie der Welt. Perlentaucher, abgerufen am 15. Mai 2026.