Liste der Herrschaftsformen

Herrschaftsformen charakterisieren die tatsächliche Art und Weise der Herrschaftsausübung und berücksichtigen hierbei unter anderem, welche Personen oder Gruppen politische Macht ausüben.

Davon abzugrenzen sind die Regierungssysteme, welche sowohl nach der Stellung des Staatsoberhauptes, Regierungschefs und Parlaments als auch nach deren Wechselbeziehung unterschieden werden. Es muss ebenfalls zwischen Herrschaftsformen und den Staatsformen, die sich heutzutage in der Regel nach der verfassungsrechtlichen Stellung des Staatsoberhauptes richten, differenziert werden.

Bei Untersuchungen von Fallbeispielen ist oftmals festzustellen, dass mehrere Herrschaftsformen parallel auftreten können.

Bei Gesellschaftsformen wie den „Jäger und Sammler“-Kulturen, die vorwiegend in der Jungsteinzeit zu finden sind, und auch bei Nomaden ist häufig die segmentäre Gesellschaft, bei der kein dauerhafter Herrscher existiert, sondern allenfalls Respektspersonen, die aufgrund gemeinschaftlicher Entscheidungen zeitweilig führende Aufgaben übernehmen dürfen.

Der Fall, dass keine Herrschaftsform vorliegt und somit faktisch niemand Herrschaft ausübt, wird als Anarchie bezeichnet. Im Gegensatz zur segmentären Gesellschaft muss die Anarchie jedoch als bewusst gewählte „Rückkehr“ aus einer vorher existierenden Herrschaftsform verstanden werden.[1]

Übersicht über Herrschaftsformen

BezeichnungHerrschaft durch …Anmerkungen
Absolutismusein von Kontrollen losgelöster MonarchSonderform der Monarchie (siehe dort). Beispiele: Frankreich (Ludwig XIV.), Fürstentümer im Römisch-Deutschen Reich. Absolutistisch regierende Herrscher handelten aus eigener Machtvollkommenheit; Zeitalter des Absolutismus in Europa zwischen 1648 und 1789.
AisymnetieSchlichterAisymneten waren in der Antike Schlichter, die Stadtstaaten nach Krisensituationen wiedervereinen sollten, sie besaßen große Machtfülle.
Akephalie („Herrschaftsfreiheit“)höchstens zeitweilige informelle und provisorische AnführerSozialstruktur ohne dauerhafte Oberhäupter, beispielsweise bei Wildbeuter-Horden von Jägern, Fischern und Sammlern (Hordengesellschaft) oder in segmentären Gesellschaften
AlgokratieRechner (Algorithmen)Die Herrschaft der Algorithmen[2]
AnarchieniemandenAnarchismus bezeichnet einen Zustand der Abwesenheit von Herrschaft.
AndrokratieMänner
Aristokratieden Adel bzw. die „BestenIn der Regel bezeichnet die Aristokratie die Herrschaft des Adels (auch über einen Senat als Senatsaristokratie), seltener auch eine Priesteraristokratie oder frühbürgerliche Städtearistokratie (Patrizierherrschaft). In sozialistischen Schriften taucht auch der Begriff Arbeiteraristokratie auf. Im übertragenen Sinne findet auch die Bezeichnung Geldaristokratie Verwendung.
Autokratieeine einzelne Person oder Gruppewörtlich „Selbstherrschaft“, durch sich selbst legitimierte Herrschaft; siehe auch Autokrat
Bierokratie (Bierdemokratie)das BierHerrschaft des Biers; Herrschaft der Biertrinkenden. Entwurf einer perfekten Gesellschaft durch Marco Pogo der Bierpartei Österreich.
BürokratieBeamteAnordnung, Kontrolle, Sanktion
Demarchiedas Volkdemokratische Herrschaftsform, in der Regierung und Volksvertreter durch das Losverfahren und nicht durch Wahlen bestimmt werden; eine Variante der Demokratie
Demokratiedas Volk (direkt) bzw. von diesem ausgewählte Mandatsträger (indirekt)direkte oder indirekte Herrschaftsausübung durch das Volk; in der Antike negativ besetzt, siehe Ochlokratie (entartete Form der Demokratie): Herrschaft des Pöbels, des Mobs. Für die verschiedenen Varianten der Demokratie im Detail siehe hier.
Despotismuseinen Herrschertotalitäre Herrschaft eines Tyrannen
Diktaturden BefehlendenZwangsherrschaft durch einen Diktator, eine politische Partei oder eine andere Gruppe. Ausprägung bewegt sich zwischen den Polen „autoritär“ und „totalitär“. Für mögliche Varianten einer Diktatur siehe hier.
Dyarchiezwei gleichberechtigte Personenwörtlich „Doppelherrschaft“
EcclesiarchieKleriker
EpistokratiePhilosophennach Platon nicht Herrschaft der Intellektuellen; Kant favorisiert Koexistenz von Herrschern und Philosophen
ExpertokratieExpertenvgl. Technokratie
ExarchieBischöfe
FeudalismusLehnsherrensiehe auch Grundherrschaft
Gerontokratiedie Altenauch durch den Ältestenrat
Globokratieinternationale Regime bzw. Organisationenz. B. UNO, WTO oder noch zu schaffende internationale Organisationen, EU
Grundherrschaftden Grundbesitzerähnlich wie Gutsherrschaft durch den Gutsbesitzer
GynarchieFrauen
Häuptlingstumdauerhaft anerkannter AnführerBindung an ein vererbbares Amt, jedoch zumeist nur eingeschränkte Macht
HierokratiePriester
IdiokratieDumme
InfokratieMassenmedienvgl. Telekratie (Problem: Informationsselektion der Medien)
Kakistokratieden Schlimmstenals „Herrschaft der Schlechtesten“ analog zu Aristokratie („Herrschaft der Besten“)
Kleptokratiedie Korruptenals Herrschaft derer, die willkürliche Verfügungsgewalt über Besitz und Einkünfte der Beherrschten haben und entweder sich oder ihre Klientel auf Kosten der Beherrschten bereichern
Kommunismusalle gemeinsamIdee einer herrschaftsfreien und klassenlosen Gesellschaft
KorporatokratieUnternehmenpolitische Ordnungen oder politische Systeme werden von führenden Konzernen, den sogenannten Global Playern, beeinflusst und bestimmt („Konzernherrschaft“)
KritarchieRichterals unzulässige Herrschaft von Richtern. Insbesondere im Kontext, dass sich Richter willkürlich Verfügungsgewalt über Freiheit, Leben, Besitz und Einkünfte der Beherrschten anmaßen und entweder sich oder ihre Klientel auf Kosten der Beherrschten bereichern.
Kyriarchateinen „Herren, Gebietersteht für miteinander verbundene, interagierende Systeme von Herrschaft und Unterwerfung.
Kyriarchieden PotentatenEinflussnahme eines weltlichen Herrschers auf kirchliche Hierarchien
MatriarchatMütter/die Ältestein einer von Frauen dominierten Gemeinschaft
Meritokratieverdiente PersönlichkeitenHerrschaft durch Amtsträger, welche aufgrund ihrer Leistung oder ihres Verdienstes ausgewählt wurden, damit es keinen Machtmissbrauch gibt.
Minarchie (Minimalstaat)„Freiheit und das Eigentum jedes Individuums“Minimale Herrschaftsausübung durch Parlamente; Herrschaft begrenzt auf Justiz, Polizei, Gefängnisse und Streitkräfte
Monarchieeine – oft angeblich von Gott autorisierte – Einzelpersonwörtlich „Alleinherrschaft“, durch Erbfolge oder durch Wahlen

(Absolute Monarchie: König kann ohne ständische Vertretung, ohne Parlament und Verfassung regieren; Konstitutionelle Monarchie: König ist einer Verfassung unterworfen; Parlamentarische Monarchie: König ist nur Chef der Exekutive, Parlament ist Legislative)

MonokratieAlleinherrscher, Einenkann sowohl eine legitime Monarchie als auch eine Tyrannei oder Diktatur darstellen und ist somit ein Oberbegriff für diese Herrschaftsformen. Das Gegenteil ist die Polykratie.
NekrokratieToteStaatsoberhaupt ist ein Gestorbener
NeopatrimonialismusGünstlingsherrschaftMischform aus den beiden Weberschen Herrschaftstypen der patrimonialen und der rational-legalen Herrschaft; zwischen Demokratie und Autokratie. Kennzeichen sind Klientelismus, Korruption und Rentenökonomie. Vor allem in der Neuzeit (insbes. in Afrika) verbreitet.
NomokratieHerrschaft des GesetzesIn einer Nomokratie kann der Herrscher die Regeln (Gesetze) nicht oder kaum verändern.
Oligarchieeine Minderheit/eine eigennützige kleine Gruppe, wörtlich „Herrschaft weniger“Bei einer Oligarchie herrschen einige, die allerdings nur an ihrem Eigennutz interessiert sind. Sie bildet im Verfassungskreislauf so das Gegenstück zur Aristokratie.
Ochlokratiedie Masse/den „PöbelIm Verfassungskreislauf neben der Demokratie die entartete Form der Politie
Panarchiealle SystemeTrennung von Regierung und Territorium – d. h. in einem Territorium können „alle“ Systeme bestehen
Pantisokratiealle gleichermaßenS. T. Coleridge, R. Southey und R. Lovell nutzten Ende des 18. Jahrhunderts den Begriff als Namen für ihre zu gründende Kolonie in der Neuen Welt. Siehe auch: Utopischer Sozialismus
PaidoarchatKinderals Nachfolge der Zeitalter des Patriarchats und des Matriarchats[3]
PatriarchatVäter/den Ältestenin einer von Männern dominierten Gemeinschaft
Plutokratiedie ReichenUnterform der Oligarchie; Staatsämter sind nur den Reichen zugänglich (auch Plutarchie).
PolitieVernünftige, BesonneneGemäß Aristoteles im Verfassungskreislauf die beste Form der legalen Herrschaft.
PolyarchieViele, Mehrereim Gegensatz zur Monarchie
PolykratieViele parallelGegenstück zur Alleinherrschaft eines Einzelnen (Monokratie).
PornokratieMätressenBeeinflussung der Regierenden durch ihre (offizielle) Geliebte
Ptochokratiedie Armen
SozialismusHerrschaft des Proletariats (Arbeiterklasse)nach Karl Marx und Friedrich Engels (Marxismus) kann und sollte das in einer Partei organisierte Proletariat die Macht erobern, diese Herrschaft des Proletariats (Sozialismus) hat ihre Hauptaufgabe in der Aufhebung des wirtschaftlichen Privateigentums und kann zur klassenlosen Gesellschaft (Kommunismus) führen.
Soziokratiedie (gesamte) Bevölkerungkeine klare Abgrenzung zur Demokratie bzw. Ochlokratie möglich; schließt jedoch meist auch normalerweise nicht wahlberechtigte Einwohner mit ein.
StratokratieMilitärbürgerliche Regierung mit militärischer Intervention der Streitkräfte
Synarchievon vielen Menschen gleichzeitigHerrschaftsform, bei der die Regierung gleichzeitig von vielen Menschen ausgeführt wird; viele Verschwörungstheorien sehen in Synarchien „Weltregierungen“ wie zum Beispiel die Freimaurer oder den Illuminatenorden. Der Begriff existiert seit dem 19. Jahrhundert.
Synkratievon VielenHerrschaftsform eines Staates, bei der das Volk beteiligt ist an Gesetzgebung und Regierung, etwa durch Abstimmung oder gewählte Vertreter.
TechnokratieExperten-Kommissionenabwertend für Entscheidungen nach Sachzwängen durch Fachleute und Politiker, meist fortschrittsgläubig
Thalassokratiedes MeeresHerrschaftsform eines maritim-kommerziell ausgerichteten Staates oder einer Vereinigung von Staaten, die über eine auf der Seemacht beruhende Überlegenheit zur Sicherung ihres Handelsmonopols sowie über eine leistungsfähige Wirtschaft und Handelsflotte verfügen.
Theokratieeine göttlich erwählte Person oder die Priesterklassewörtlich „Gottesherrschaft“; Herrschaftsform, bei der der Herrschende von seinen Anhängern als göttlich erwählte Person verehrt wird und seine Macht allein religiös legitimiert wird. Siehe auch „Cäsaropapismus“ mit einem weltlichen und geistlichen Herrscher in einer Person
Timokratiedie Angesehensten/die Besitzendenwörtlich „Ehrenherrschaft“
Tyranniseinen absoluten Herrschervorwiegend antike Form der Alleinherrschaft, in welcher der Herrscher gemäß Aristoteles absolut regieren kann.
XenokratieFremde„Fremdherrschaft“

Demokratie- und Diktaturvarianten

Die folgenden Tabellen sollen zusätzlich eine Übersicht über die verschiedenen Varianten von Diktaturen und Varianten der Demokratie geben:

HerrschaftsformBedeutung bzw. VariantenVerbreitungAnmerkungen
DemokratieVolksherrschaft (griechisch)Griechische Antike bis heuteDemokratie bezeichnete ursprünglich im antiken Griechenland die direkte Volksherrschaft, heute beschreibt der Begriff alle Herrschaftsformen, deren Grundlagen aus dem Volk abgeleitet werden.
Varianten der DemokratieDirekte Demokratie (auch unmittelbare Demokratie genannt)Direkte Ausübung der Macht durch das Volk (oder besser: durch die Bürger)
BasisdemokratieForm der direkten Demokratie, d. h. unmittelbare von Vertretern unabhängige Volksherrschaft "von unten her"
Partizipatorische DemokratieZiel der politischen Mitwirkung vieler in möglichst vielen Bereichen
Liquid DemocracyDer Bürger kann zu Gesetzen oder dergleichen selbst abstimmen oder seine Stimme (zusammen mit gegebenenfalls übernommenen) jemand anderem übertragen. Die Übertragung kann er jederzeit und zu jeder Entscheidung zurücknehmen oder ändern. Das Ganze wird über ein Computernetz organisiert.
Demarchie (auch aleatorische Demokratie genannt)z. B. Attische DemokratieRegierung oder Volksvertreter werden durch Losverfahren und nicht durch Wahlen bestimmt
Repräsentative Demokratie (auch mittelbare Demokratie genannt)Entscheidungen nicht durch das Volk selber, sondern durch zyklisch gewählte Volksvertreter
Rätedemokratie
Deliberative Demokratie
Illiberale Demokratie
PanarchismusDie Wahlentscheidung gilt für den betreffenden Wähler; Personenbindung statt Territorialbindung
ParteiendemokratieDemokratisches System mit entscheidender Rolle von politischen Parteien
KanzlerdemokratieSondertypus der repräsentativen Demokratie mit besonderer Machtstellung des Kanzlers
Plebiszitäre DemokratieMischtyp; repräsentative Demokratie mit zahlreichen Möglichkeiten zur direkten politischen Einflussnahme durch das Volk bzw. die Bürger
HerrschaftsformBedeutung bzw. VariantenVerbreitungAnmerkungen
Diktaturvorschreiben, befehlen (lateinisch)Römische Antike bis Neuzeit, im 20. Jahrhundert zum Beispiel Adolf Hitler und Josef StalinUrsprünglich war ein (römischer) Diktator ein mit Sondervollmachten legitimierter Befehlshabender über alle Bereiche auf Zeit in Notzeiten. In einer Diktatur regiert ein einzelner Diktator oder eine kleine Gruppe ohne freie Wahlen; (moderne) Diktatoren kommen meist anders als Monarchen nicht durch Erbschaft oder Wahl an die Macht, sondern illegitim, indem sie eine legitime Staatsform stürzen. Die Herrschaftsausübung kann entweder autoritär oder totalitär sein. Auch formelle Republiken oder Monarchien können diktatorisch geführt werden. Die Diktatur stellt zugleich philosophisch eine Herrschaftsform dar.
Varianten der Diktatur und Regierungsformen in diktatorischen StaatenDespotie/TyranneiMeist beschreibt der Begriff eine entartete diktatorische Monarchie, in der der Herrscher (Despot) die unumschränkte Herrschaft ausübt. Kennzeichen von einer Despotie sind Tyrannei und Willkür. Despot entspricht im Griechischen dem Herrscherbegriff.
Diktatur des ProletariatsPolitische Herrschaft speziell der Arbeiterklasse
EinparteiensystemDiktatorische Herrschaft durch eine Partei
MilitärdiktaturAusübung der Regierung durch ein militärisches System
Personelle Diktaturauf eine Führungsperson fixierte, weniger ideologische Diktatur und damit Sonderform der Charismatische Herrschaft
MischformenMischtypen aus den vorherigen Diktaturformen

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Walter Leisner: Die Demokratische Anarchie: Verlust der Ordnung als Staatsprinzip?, Duncker & Humblot, 1982.
  2. Aneesh Aneesh: Globale Arbeit: Technologically Coded Authority: The Post-Industrial Decline in Bureaucratic Hierarchies. (stanford.edu [PDF; abgerufen am 18. August 2018]).
  3. Paidoarchat – Das Zeitalter des Kindes. In: Der Mensch - das faszinierende Wesen. 7. Februar 2014, abgerufen am 22. April 2020.