Larry Sanger

Larry Sanger (2023)

Lawrence Mark „Larry“ Sanger (* 16. Juli 1968 in Bellevue, Washington) ist ein US-amerikanischer Internet-Projektentwickler. Er wurde von Jimmy Wales von März 2000 bis Februar 2002 als Chefredakteur des Enzyklopädie-Projekts Nupedia angestellt und in dieser Position im Januar 2001 Mitbegründer der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia, deren Entwicklung er als Cheforganisator und einziger bezahlter Bearbeiter bis März 2002 maßgeblich beeinflusste.

Auf Sanger gehen viele der ursprünglichen, noch immer geltenden Prinzipien der Wikipedia wie das der Neutralität zurück. Seit seinem Abschied distanzierte er sich jedoch zunehmend von Wikipedia und tritt inzwischen als Kritiker der Enzyklopädie auf. Im Juni 2026 wurde er in der englischsprachigen Wikipedia unbefristet gesperrt.

Leben und Werk

Larry Sanger wuchs in Anchorage in Alaska auf. Er erhielt 1991 einen Bachelor of Arts (B.A.) im Fach Philosophie vom Reed College und im Jahr 2000 den Doctor of Philosophy (Ph.D.) von der Ohio State University.

Nupedia

Nupedia hatte ein aufwändiges Peer-Review-Verfahren, das einen hohen Qualitätsstandard der Artikel sicherstellen sollte. Dies führte dazu, dass sich die Nupedia nur sehr langsam entwickelte. Als das Projekt im September 2003 eingestellt wurde, waren lediglich 27 Artikel fertiggestellt, 74 weitere waren in Arbeit.

Wikipedia

Mitarbeit

Hinweis Larry Sangers bei der Bestimmung der richtigen Domain für die deutschsprachige Wikipedia am 30. März 2001

Angeregt von Ward Cunninghams WikiWikiWeb, beschlossen Sanger und Wales, das Nupedia-Projekt durch das Wiki-Prinzip zu erweitern. Am 15. Januar 2001 wurde das Nebenprojekt Wikipedia gestartet.

Sanger arbeitete hauptberuflich an beiden Projekten weiter, bis ihm Jimmy Wales’ Internetfirma Bomis im Februar 2002 kein Gehalt mehr zahlte. Sanger setzte seine Tätigkeit als freiwilliger Mitarbeiter der Wikipedia fort. Zudem begann er als Philosophie-Dozent an der Ohio State University zu arbeiten.

Im Dezember 2004 regte er in einem Artikel auf der Website kuro5hin an, dass die Wikipedia die Arbeit und die Meinungen von Fachleuten höher gewichten sollte als die von Laien.[1]

Später kam es zu schweren Differenzen zwischen Sanger und Wales, da beide die Urheberschaft an Wikipedia beanspruchen. Sanger beansprucht, die zündende Idee für die Umsetzung gehabt zu haben. Er führte später sein Motiv zum Aufbau eines Online-Lexikons in Konkurrenz zu Wikipedia zurück auf Streitigkeiten mit dem anderen Wikipedia-Begründer Wales um Prioritäten und Ausrichtung der Internet-Enzyklopädie. Ende 2001 protestierten Benutzer gegen das Löschen von vandalisierten Inhalten durch Sanger in der frühen Wikipedia. Daraufhin rechtfertigte er sich mit dem Essay Is Wikipedia an Experiment in Anarchy? und legte darin seine Vorstellung von einem Lexikon dar: Er plädierte für weitaus mehr Kontrolle und Hierarchie bei der Organisation einer Enzyklopädie als Wales.

Am 1. Dezember 2001 legte ihm Bomis als damalige Betreiberfirma von Wikipedia nahe, das Projekt zu verlassen.[2] Seit Februar 2002 zahlte ihm Bomis kein Gehalt mehr. Sanger kündigte am 1. März 2002 als Chefredakteur (editor-in-chief) von Nupedia und als chief organizer der damals noch neuen Wikipedia.[3]

Wikipedia-Kritiker

Larry Sanger (2006)

Sanger vertrat (Stand 2005) lange die Ansicht, dass die Meinungen von Experten höher gewichtet werden sollten als die einfacher Internet-Nutzer. Für den Unternehmer Joe Firmage war er ab Herbst 2005 Angestellter der Digital Universe Foundation und erarbeitete mit Digital Universe eine erste Wikipedia-Alternative bzw. einen Fork.[4]

2010 zeigte Sanger die Wikimedia-Foundation wegen Verbreitung von Kinderpornographie auf Wikimedia Commons beim FBI an. Konkret nannte er die Commons-Kategorien Pedophilia und deren Unterkategorie Lolicon Lolicon als Beispiele für Darstellungen, die in den USA illegal seien. Der von ihm zitierte § 1466A verbiete auch die zeichnerische Darstellung von Kinderpornographie, wie im Manga-/Anime-Genre Lolicon. Namentlich griff Sanger in seiner Anzeige den Deputy Director der Wikimedia-Foundation Erik Möller an. Wikimedia-Justitiar Mike Godwin wies die Vorwürfe in einer Diskussion mit Sanger zurück.

Beginnend ab ca. 2015 wandelte sich Sanger vom enttäuschten Enzyklopäden zu einem Kulturkämpfer. Drehte sich seine Kritik zuvor um Fachkompetenz und Steuerung der Wikipedia, ging es ihm ab dem Jahr 2020 um ideologische Aspekte.[5] Sanger warf der Wikipedia vor, nicht neutral zu sein und bei Themen wie Verbrechen, Klimawandel und Religion politisch linke Ansichten zu vertreten.[6] Auch schrieb er, die Wikipedia sei „eines der wirksamsten Organe der Propaganda des Establishments in der Geschichte“ geworden.[7] Den einflussreichsten Wikipedia-Autoren wirft er eine GASP-Weltanschauung vor: sie seien globalistisch, akademisch, säkular und progressiv.[6]

Im September 2025 veröffentlichte er auf Wikipedia ein auf Martin Luther anspielendes Essay mit neun Thesen,[8] wie die Wikipedia reformiert werden solle. Darin fordert er u. a., die Neutralität strikter auszulegen, die einflussreichsten Autoren offenzulegen und sogenannte Blacklists (Listen mit von Wikipedianern als unzitierfähig eingeordnete Quellen) abzuschaffen. Anschließend wurde er von Tucker Carlson in seiner wöchentlichen Show interviewt; die Video-Ausschnitte daraus wurden gerade unter Republikanern weit geteilt. Elon Musk teilte Sangers Beitrag und kündigte am selben Tag an, eine eigene KI-basierte Online-Enzyklopädie mit Namen Grokipedia zu entwickeln. Sanger kündigte derweil an, Hunderte amerikanische Konservative dazu bewegen zu wollen, in der Wikipedia mitzuarbeiten, um Artikel wie zum Krieg in Israel und Gaza seit 2023, dem Hindu-Nationalismus in Indien, der Sicherheit von Impfstoffen und den Ursachen des Klimawandels umzuschreiben.[6]

Im Juni 2026 wurde Sanger in der englischsprachigen Wikipedia unbefristet gesperrt, weil er gegen das Verbot des Canvassing verstoßen habe, indem er in Sozialen Netzwerken dazu aufgerufen hatte, sich dem von ihm initiierten Wiki-Projekt Intellectual Diversity anzuschließen und sich nicht konstruktiv an der Artikelarbeit in der englischen Sprachversion der Enzyklopädie beteiligt habe. Dem Community Ban war eine umfangreiche Diskussion in der englischsprachigen Wikipedia vorausgegangen.[9][10][11][12][5]

Citizendium

Am 15. September 2006 machte Sanger auf der Wizards-of-OS-Konferenz in Berlin die offizielle Ankündigung zum Projektstart für Citizendium als einem weiteren Fork der Wikipedia. Citizendium (Abkürzung von: The citizens’ compendium, d. h. Kompendium für Bürger) ist eine MediaWiki-basierte Webpräsenz zur Erarbeitung eines englischsprachigen Nachschlagewerkes. Im Unterschied zu Wikipedia erlaubt Citizendium keine anonymen Beiträge, die Qualität sollen Fachlektoren (editors) gewährleisten. Dadurch soll Citizendium zu einer „besseren Wikipedia“ werden. Citizendium stellt wie Wikipedia auch freie Informationen ins Netz.

Nach einer Pilotphase, in der das Wiki nur angemeldeten Mitarbeitern zugänglich war, wurde Citizendium am 25. März 2007 für Leser geöffnet. Seitdem änderte Sanger mehrfach das Konzept seines Lexikons: Sollte Citizendium zunächst ein „top-down“-Modell sein, bei dem eine Hierarchie von Wissensexperten über die Wahrheit eines Eintrages entscheidet, stellte er im Dezember 2006 diese Vorgehensweise auf den Kopf.[13] Bei Citizendium sollten nun „Leute, die akademisch oder wissenschaftlich in weniger etablierten Positionen tätig sind“, wie etwa „Lehrer, Uni-Assistenten, Journalisten“, Lexikon-Artikel erstellen, und zwar jetzt „in einem Modell von der Basis nach oben, statt von oben herab“.[13]

Auch die anfängliche Absicht, den gesamten Inhalt der englischsprachigen Wikipedia auf die Server von Citizendium zu überspielen, gab Sanger wieder auf zugunsten des Anspruchs, Artikel autonom zu entwickeln. Finanziert wurde Sangers Projekt bis 2010 vom Tides Center, einer Stiftung, die soziale Projekte in den USA unterstützt, seitdem durch Einwerbung von Spenden.

Infobitt News

Im November 2014 wurde das Projekt Infobitt News zur allgemeinen Registrierung freigegeben. Dort soll eine Community von Benutzern Nachrichten aller Art sammeln und kurz zusammenfassen. Die Benutzer können einzelne Beiträge durch die Vergabe von Stimmen unter die zehn wichtigsten Meldungen des Tages insgesamt oder zu einem bestimmten Thema wählen. Ziel des Projekts ist es, die allgemeine Berichterstattung überschaubarer zu machen und die relevanten Meldungen von eher unwichtigen zu trennen.[14]

Am 8. Juli 2015 informierte Sanger die Community via Newsletter, dass Infobitt insolvent sei und das Projekt vor dem Aus stehe.[15]

Persönliche Ansichten

Glauben

Obwohl lutheranisch aufgewachsen, verlor Sanger eigenen Angaben zufolge in seiner Jugend den Glauben an Gott und fühlte sich lange Zeit als skeptischer Agnostiker. Beginnend 2020 rekonvertierte er jedoch und bezeichnet sich inzwischen als Anhänger „von etwas wie einem orthodoxen christlichen Glauben“. 2020, während der COVID-19-Pandemie, begann er zunächst die Evangelien zu studieren und sich eine Kirche zu suchen, ohne jedoch fündig geworden zu sein. Neben dem Bibelstudium beschäftigte er sich mit den Werken christlicher Apologeten wie Stephen C. Meyer und William Lane Craig, die ihn seiner Darstellung zufolge dazu brachten anzuerkennen, dass „so vieles, was über diese Gottheit geglaubt wird, aus der Bibel stammt und nicht durch ‚reine Vernunft‘ entdeckt werden kann“. Etwa zur selben Zeit stellte er seinen eigenen Angaben zufolge fest, dass Wikipedia „stark voreingenommen“ geworden sei. In diesem Kontext verwies er exemplarisch auf den [englischsprachigen] Wikipedia-Artikel zu Jesus Christus, der Aussagen beinhalte, die „viele Christen beanstanden“ würden, woraus er eine fehlende Neutralität der Wikipedia ableitete.[16] Im August 2025 trat er der Anglican Church in North America bei. Als Grund für seine Wahl gab er an, dass diese den theologischen Grundsatz der sola scriptura vertrete, der besagt, dass die Bibel die einzige verlässliche Informationsquelle über Gott sei.[17]

Politik

Sanger gab 2025 an, in den vergangenen Jahren zunehmend konservativer geworden zu sein und bei der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2024 für Donald Trump gestimmt zu haben. Die Washington Post bescheinigte ihm ein Driften nach rechts.[6]

2021, während der der Delta-Welle der COVID-19-Pandemie, behauptete er, dass COVID-19-Impfstoffe „keine Impfung“ seien. Außerdem schrieb er, dass er eine vom damaligen US-Präsidenten Joe Biden angeordneten Impf- bzw. Testpflicht für direkt und indirekt im Staatsdienst stehende Arbeitnehmer nicht befolgen werde.[18]

Schriften

Commons: Larry Sanger – Sammlung von Bildern

Siehe auch

  • Das Wikipedia Versprechen – 20 Jahre Wissen für alle?

Einzelnachweise

  1. Larry Sanger: Why Wikipedia Must Jettison Its Anti-Elitism. In: larrysanger.org. 31. Dezember 2004, abgerufen am 20. März 2012 (englisch).
  2. Kerstin Kohlenberg: Internet: Die anarchische Wiki-Welt. In: Zeit Online. Abgerufen am 5. Januar 2016.
  3. Larry Sanger: My resignation, 1. März 2002 (englisch).
  4. „Wikipedia-Mitgründer plant neues Projekt“ (Memento vom 17. Oktober 2013 im Internet Archive) In: Netzeitung, 21. Dezember 2005.
  5. a b Jake Orlowitz: Not Here to Build an Encyclopedia. In: Medium.com, 24. Juni 2026. Abgerufen am 25. Juni 2026 (englisch).
  6. a b c d A Wikipedia cofounder is fueling the right’s campaign against it. In: The Washington Post, 24. Oktober 2025. Abgerufen am 31. Oktober 2025 (englisch).
  7. The Culture Wars Came for Wikipedia. Jimmy Wales Is Staying the Course. In: The New York Times, 18. Oktober 2025. Abgerufen am 31. Oktober 2025 (englisch).
  8. Nine Theses on Wikipedia. In: LarrySanger.org. 29. Oktober 2025, abgerufen am 1. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  9. A Wikipedia Founder is Barred From Editing Articles on the Site. In: The New York Times, 25. Juni 2026. Abgerufen am 4. Juli 2026 (englisch).
  10. Bruce Gil: One of Wikipedia’s Cofounders Banned From the Site Over Influence Campaigns . In: Gizmodo, 24. Juni 2026. Abgerufen am 24. Juni 2026 (englisch).
  11. Martin Holland: Lange Vorgeschichte: Wikipedia-Mitgründer auf der Online-Enzyklopädie gesperrt. In: heise online. 24. Juni 2026, abgerufen am 24. Juni 2026.
  12. Wikipedia:Administrators' noticeboard/Incidents/Possible off-wiki canvassing by User:Larry Sanger. In: Wikipedia. 23. Juni 2026 (englisch, wikipedia.org [abgerufen am 24. Juni 2026]).
  13. a b Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger über seinen Abgang beim Online-Lexikon, den Konsens der Massen und sein neues Projekt (Memento vom 21. November 2007 im Internet Archive). In: SonntagsZeitung, 17. Dezember 2006.
  14. Larry Sanger Blog: How we can organize the news (long version). In: larrysanger.org. Abgerufen am 5. Januar 2016 (englisch).
  15. Larry Sanger: Important: Infobitt's future, and mine. In: larrysanger.org. Abgerufen am 5. Januar 2016 (englisch).
  16. Ian M. Giatti: Wikipedia co-founder Larry Sanger details journey from skeptic to 're-conversion' to Christianity. In: Christian Post, 13. Februar 2025. Abgerufen am 31. Oktober 2025 (englisch).
  17. Wikipedia co-founder joins traditionalist Anglican Church following conversion to Christianity. In: Christian Today, 28. August 2025. Abgerufen am 31. Oktober 2025 (englisch).
  18. #IWillNotComply Trends on Twitter After Joe Biden Orders Vaccine Mandate. In: Newsweek, 10. September 2021. Abgerufen am 25. Juni 2026 (englisch).

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