Krautrock

Krautrock

Entstehungsphase:späte 1960er
Herkunftsort:Deutschland
Stilistische Vorläufer
Beat, Psychedelic Rock, Space Rock
Pioniere
Amon Düül, Ash Ra Tempel, Guru Guru, Neu!, Popol Vuh
Genretypische Instrumente
E-GitarreE-BassSchlagzeugElektronische OrgelSynthesizer
Stilistische Nachfolger
Neue Deutsche Welle
Verwandte Themen
Improvisation (Musik)Psychedelische Kunst

Krautrock (alternative Schreibweise Kraut Rock, abgeleitet von dem im Englischen meist stereotypisierend verwendeten Begriff Kraut als Bezeichnung für einen Deutschen) ist ein Sammelbegriff für die Musik verschiedener westdeutscher Rockbands der späten 1960er und 1970er Jahre, die Einflüsse afroamerikanischer und angloamerikanischer Musik mit der experimentellen und elektronischen Musik europäischer Komponisten verbanden.[1]

Begriffsprägung

Der Begriff „Krautrock“ geht auf die abschätzige Bezeichnung Krauts für die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zurück. Die erstmalige Verwendung und die Entwicklung des Begriffs lässt sich jedoch nicht eindeutig nachvollziehen. Die gängige und verbreitete Darstellung, dass er von der britischen Musikpresse geprägt wurde, kann nicht bestätigt werden, da westdeutsche Akteure den Begriff Kraut in Verbindung mit westdeutsche Popmusik bereits zu einer Zeit verwendeten, bevor die Szene im Vereinigten Königreich wahrgenommen wurde:

  • So veröffentlichte 1969 Amon Düül auf ihrem Debütalbum Psychedelic Underground den Titel Mama Düül und Ihre Sauerkrautband spielt auf.[2]
  • 1970 ließ sich der Tonmeister Conny Plank den Begriff Kraut in Verbindung mit Popmusik mit der Gründung des Kraut-Musikverlags schützen.[3]
  • 1971 veröffentlichte die Firma Popo Managements Inc. aus Neu-Isenburg in der US-Zeitschrift Billboard eine Werbeanzeige für das Label Bacillus Records in der der Begriff Kraut Rock verwendet wurde.[4][5]
  • Sowohl auf der 1973 erschienenen vierten LP der Hamburger Gruppe Faust, als auch auf der Veröffentlichung Rot von Conrad Schnitzler aus dem gleichen Jahr, befindet sich jeweils ein Musikstück mit dem Titel Krautrock.[2]

Teilweise wurde der Begriff von den deutschen Musikern wie Harald Grosskopf (Wallenstein) oder Mani Neumeier (Guru Guru) als selbstironische Bezeichnung und damit letztendlich als positiv besetzter Begriff für ihre Musik verwendet, von anderen Musikern wie beispielsweise Michael Rother oder Klaus Schulze jedoch abgelehnt.[6]

Vorgeschichte und Frühphase (vor 1970)

Zwar gab es bereits früh Bands, die völlig selbstverständlich auf Deutsch sangen (Ihre Kinder, Prof. Wolfff), jedoch galten deutsche Texte in der damaligen Rockmusik noch keineswegs als selbstverständlich und statt auf das Englische auszuweichen, entschieden sich einige Krautrockbands dafür, nahezu oder gänzlich auf Texte zu verzichten (so z. B. Ash Ra Tempel).

Hauptphase (1970–1980)

Bemerkenswert ist die Nähe vieler Bands zum außerparlamentarischen Widerstand und zu linken Gruppierungen (Floh de Cologne, Ton Steine Scherben, Lokomotive Kreuzberg). Agitation Free hatten ihren Übungsraum in der K1 und spielten oft bei Aktionen der Haschrebellen. Bemerkenswert ist auch, dass Gruppen wie Omega (Ungarn) und Nektar (GB/USA) wegen ihres Erfolgs in Westdeutschland oft zu den Krautrockern gezählt werden.

Als einzig gemeinsame Grundtendenz wäre die Neigung zu komplexeren Strukturen zu nennen, wodurch eine enge Verwandtschaft zu Progressive Rock/Artrock und Jazzrock besteht. Aus heutiger Sicht ist hervorzuheben, dass hier auffällig viele Musiker mit der damals neuartigen Synthesizer-Technik experimentierten. Dies gilt neben Can vor allem für Tangerine Dream und deren Umfeld (Klaus Schulze, Ash Ra Tempel), die so möglicherweise die Basis für den späteren Welterfolg von Kraftwerk (Autobahn, 1974) lieferten.

Österreichische Krautrockbands sind z. B. Ixthuluh und Gipsy Love (mit Karl Ratzer und Harri Stojka).

Nachwirkung (nach 1980)

Da sich angefangen vom Hip-Hop-Pionier Afrika Bambaataa bis hin zu Techno-„Originator“ Juan Atkins international viele Musiker der folgenden Generationen explizit auf diesen „elektronischen“ Bereich bezogen, kommt dem Krautrock rückblickend eine durchaus große pop-historische Bedeutung zu, auch wenn dies seinerzeit weder beabsichtigt noch absehbar gewesen ist. Deutliche Krautrock-Einflüsse sind bei Indie-Bands wie Sonic Youth (vor allem Can) und Stereolab (vor allem Neu!) zu bemerken.

Um die Jahrtausendwende kam es zu einer Renaissance alter Krautrock-Bands, zunächst in den USA, in der Folge auch in Deutschland. Diese Entwicklung hielt an und führte dazu, dass es zu Wiedervereinigungen kam, dass vergriffene Tonträger neu aufgelegt wurden und dass auch neue Bands, wie die 2001 gegründeten Space Debris, ihre Musik als „Krautrock“ bezeichneten.

Wichtige Vertreter und Stile

Abgesehen von der Verwendung des nicht schmeichelhaft gemeinten Wortes „Kraut“ wird durch diese Zusammenfassung verschiedenster Stilrichtungen und die Reduzierung auf ihre geographische beziehungsweise nationale Herkunft der Begriff Krautrock auch oft als eine abwertende Bezeichnung verstanden. So waren beispielsweise Amon Düül und Agitation Free dem Psychedelic Rock verpflichtet, Tangerine Dream neigten eher dem Bereich der elektronischen Musik zu, Guru Guru praktizierten zunächst Space Rock à la Hawkwind, Birth Control waren dem Hardrock zuzuordnen, während Can eine nahezu avantgardistische Kompositionshaltung wählten. Insgesamt zeichneten sich die Bands oft durch eigene Interpretationen der anglo-amerikanischen Muster aus, was auch internationale Anerkennung mit sich brachte.

Bands, die dem Krautrock zugeschrieben werden:


Musiker und Bands der Elektronischen Musik

Literatur

  • Dag Erik Asbjørnsen: Cosmic Dreams at Play – A guide to German Progressive and Electronic Rock. Borderline Productions, London 2008, ISBN 1-899855-01-7.
  • Julian Cope: KrautRockSampler. One Heads Guide To The Grosse Kosmische Musik. Übers. von Clara Drechsler und Ronald Rippchen. Werner Pieper’s MedienXperimente, Löhrbach 1996 (= Der Grüne Zweig 186), ISBN 3-925817-86-7.
  • Christoph Dallach: Future Sounds. Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-46598-1.
  • Henning Dedekind: Krautrock – Underground, LSD und kosmische Kuriere. Hannibal Verlag, Höfen 2008, ISBN 978-3-85445-276-8.
Neuauflage: Zweitausendeins, Leipzig 2021, ISBN 978-3-96318-117-7 (EPUB ISBN 978-3-96318-139-9)
  • Ulrich Klatte: Cosmic Price Guide to original KRAUTROCK records. 4. Auflage. CPG-Verlag, Hamburg 2018, ISBN 978-3-9810109-4-7.
  • Nikos Kotsopoulos: Krautrock. Cosmic Rock And Its Legacy. Black Dog Publishing, London 2009, ISBN 978-1-906155-66-7.
  • Uwe Schütte (Hrsg.): The Cambridge Companion to Krautrock. Cambridge University Press, Cambridge 2023, ISBN 978-1-316-51107-7
  • Wolfgang Seidel: Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, Reeducation. Ventil Verlag, Mainz 2016, ISBN 978-3-95575-052-7.
  • Alexander Simmeth: Krautrock transnational. Die Neuerfindung der Popmusik in der BRD, 1968–1978. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3424-2.
  • Christoph Wagner: Klang der Revolte: die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground. Schott, Mainz 2013.

Filme

  • Kraut und Rüben – Über die Anfänge deutscher Rockmusik, 6-teilige WDR-Rockpalast-Dokureihe (2006)
  • Roboter essen kein Sauerkraut, Regie: Stefan Morawietz, 90 min. Dokumentation (2008)
  • Klatschmohn, Dokumentation vom German Rock Super Concert in der Festhalle Frankfurt (1973)
  • Kraut-Rock – Zustand einer Musikprovinz, Autor: Michael Stefanowski, 47 min. Doku (1975)
  • Krautboys – Die einzig wahre Al Gringo Story , Regie: Hansjörg Thurn, Darsteller: Francesco Pahlevan, Nicka v. Altenstadt, Hans Uwe Bauer, Rolf Zacher, die Krautboys, u. a., Musik: Al Gringo and the Original Psychobilly Krautboys on Moonshine, 88 min., Farbe, 16 mm, Deutschland (1992), Komödie
Commons: Krautrock – Sammlung von Bildern und Audiodateien

Musikbeispiele:

Einzelnachweise

  1. Ulrich Adelt: The Cambridge Companion to Krautrock. Hrsg.: Uwe Schütte. Cambridge University Press, Cambridge 2023, ISBN 978-1-316-51107-7, Krautrock - Definitions, Concepts, Contexts, S. 15, doi:10.1017/9781009036535.
  2. a b Alexander Simmeth: Krautrock transnational. Die Neuerfindung der Popmusik in der BRD, 1968–1978. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3424-2, S. 53–54.
  3. Pop aus der Fabrikhalle. Musikpionier Conny Plank. In: Spiegel Geschichte. Spiegel-Gruppe, 18. Januar 2013, abgerufen am 30. Mai 2026.
  4. Nielsen Business Media Inc. (Hrsg.): Billboard. 29. Mai 1971, S. 57 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Christoph Wagner: Der Klang der Revolte. Schott Music, Mainz 2013, ISBN 978-3-7957-0842-9, S. 320–322 (Dokumentation der Begriffsprägung „Kraut Rock“ durch Popo Music (1971)).
  6. Christoph Dallach: Future Sounds. Wie ein paar Kraurocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp, ISBN 978-3-518-46598-1, Kraut, S. 11 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).