Kimbanguistenkirche

Weihnachtsfeier am 25. Mai 2016 in Nkamba

Die Kimbanguistenkirche (offizielle Bezeichnung: Eglise de Jésus-Christ sur la terre par son envoyé spécial Simon Kimbangu, kurz: E.J.C.S.K.; deutsch Kirche Jesu Christi auf Erden durch seinen Boten Simon Kimbangu) ist eine afrikanische unabhängige christliche Kirche. Ihre Mitgliederzahl wird zwischen ein und acht Millionen Gläubigen geschätzt. Nach eigenen Angaben zählt sie über 20 Millionen Mitglieder, davon ca. ¾ in der Demokratischen Republik Kongo.

Geschichte

Simon Kimbangu wurde in der lokalen Baptistenmission (Baptist Missionary Society) Anfang des 20. Jahrhunderts zum Katechisten ausgebildet und hatte in der Folge spirituelle Berufungserlebnisse – nach eigenen Aussagen war ihm Jesus Christus persönlich erschienen und hatte ihm den Auftrag erteilt, sein Werk fortzuführen. Er begann zu predigen und als Wunderheiler zu wirken. Am 6. April 1921 läutete seine Frau, Mama Marie Muilu Kiawanga Nzitani, auf seine Bitte zum ersten Mal eine Glocke, um die anwesenden Anhänger zum gemeinsamen Gebet und Gottesdienst zu rufen. Dieses Datum gilt als Gründungsdatum, weshalb am 6. April 2021 die Hundertjahrfeier vorgesehen ist. Da die belgischen Kolonialbehörden die entstehende Bewegung als Bedrohung ihrer Herrschaft ansahen,[1] wurde Simon Kimbangu am 3. Oktober 1921 durch ein Militärgericht zunächst zum Tode verurteilt, anschließend aber zu einer lebenslangen Haftstrafe begnadigt.

Unter der Führung von Kimbangus Frau entstand eine Untergrundkirche. Bis 1958 wurden die Anhänger verfolgt und meist verbannt, weshalb die Bewegung sich nahezu über das gesamte Territorium von Belgisch-Kongo ausbreiten konnte. In der Tradition der Kirche spricht man von ca. 150.000 Einzelschicksalen bzw. von 37.000 betroffenen Familien – zu ihren Ehren zählt der 1981 in Nkamba eingeweihte Tempel offiziell 37.000 Plätze. Die Verfolgungen dauerten bis über den Tod Kimbangus am 12. Oktober 1951 hinaus an, nahmen ein Ende 1958 und mündeten in der offiziellen Anerkennung der Bewegung als Kirche am 24. Dezember 1959 durch die Kolonialbehörden Belgisch-Kongos.

Joseph Diangienda 1990

Erster „Mfumu’a Nlongo“ (Kikongo, in Französisch „Chef Spirituel“, Deutsch: „Spiritueller Leiter“) wurde Papa Joseph Diangienda Kuntima, jüngster Sohn von Papa Simon Kimbangu. Er organisierte zusammen mit seinen Brüdern, Papa Charles Daniel Kisolokele Lukelo und Papa Salomon Dialungana Kiangani, die Kirche nach den Anweisungen ihres Vaters, mit dem sie auch während dessen Haft in regelmäßigem Kontakt waren.

Nach dem Tod von Papa Diangienda 1992 übernahm sein Bruder, Papa Salomon Dialunganu Kiangani, Mfumu a Mbanza (Kikongo, in Deutsch „Herr von Mbanza“, Mbanza ist der heilige Bezirk innerhalb Nkambas, der Heiligen Stadt, die als das Neue Jerusalem angesehen wird) die Leitung der Kirche. Mit dem Tod von Papa Dialungana 2001 wurde sein ältester Sohn, somit Enkel des Gründers, Papa Simon Kimbangu Kiangani, geboren am 12. Oktober 1951, dem Todestag seines Großvaters, offizielles Kirchenoberhaupt.[2] Seine Ernennung führte zu einem Schisma der Kirche unter der Leitung eines Teils der leiblichen Nachkommen Simon Kimbangus. Die Linie der Kirchenleitung in Nkamba wird mit der Formel „3=1“ (Papa Simon Kimbangu Kiangani (1) ist der spirituelle Erbe und Nachfolger der 3 Papas) bezeichnet. Die Gruppe unter Führung der restlichen Enkel Kimbangus wird entsprechend mit der Formel „26=1“ bezeichnet. Sie heißt auch „Bana 26“ (Lingala für „(alle) 26 (Kindes)kinder“). Die Kirchenleitung von Nkamba deutet die Spaltung im Zusammenhang mit eschatologischen Prophezeiungen wie (2 Thess 2,3 ) und sieht sie als Erfüllung einer Voraussage von Papa Diangienda: „Il y aura des divisions et ça va commencer dans ma maison.“ („Es wird zu Spaltungen kommen, und es wird in meinem Haus anfangen.“)

Kimbanguisten in Portugal feiern Weihnachten am 25. Mai 2013 in einem Vorort von Lissabon.

Im Jahr 1969 wurde die Kimbanguistenkirche mit Unterstützung der Herrnhuter Brüdergemeine der Schweiz in den Ökumenischen Rat der Kirchen aufgenommen, als erste der afrikanischen unabhängigen Kirchen. Mitte der 2000er Jahre wurde die Mitgliedschaft jedoch aufgehoben, da Papa Simon Kimbangu Kiangani öffentlich erklärte, die in Joh 14,15-17  verheißene Inkarnation des Heiligen Geistes zu sein. Ihm wird göttliche Verehrung zuteil, ebenso wie dem Gründer, Simon Kimbangu, sowie dessen drei Söhnen. In der Lehre der Kirche wird das aktuelle Zeitalter als das Zeitalter des Heiligen Geistes angesehen. Simon Kimbangu wird als die erste Verkörperung des Heiligen Geistes angesehen, in der spirituellen Nachfolge sind zunächst Papa Diengienda, anschließend Papa Simon Kimbangu Kiangani die weiteren Verkörperungen unter Berufung auf Bibelstellen wie z. B. Hes 37,27 , Sach 8,8  oder 2 Kor 6,16 . Die drei Söhne Kimbangus werden als die Heilige Trinität (Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist) verehrt. An seinem Geburtstag im Jahr 2000, dem 25. Mai, verkündete Papa Dialungana der Gemeinde, dass er entsprechend Off 3,12  der neue Christus sei. Seitdem feiern die Kimbanguisten Weihnachten am 25. Mai.

Seit 2014 befindet sich ein fünfstöckiges Museum im Bau in Nkamba. Es soll anlässlich der Hundertjahrfeier der Kirche am 6. April 2021 feierlich eröffnet werden und die Geschichte der Kirche und Papa Simon Kimbangus für Pilger und Gäste aus allen Nationen veranschaulichen.

Kirchliches Leben

Doktrin

Die Doktrin der Kirche wird durch den Dreisatz „Bolingo, Mibeko, Misala“ zusammengefasst (Lingala für: Bolingo = Liebe (zu Gott und zum Nächsten), Mibeko = Gebote (Einhaltung der 10 Gebote und der Zusatzgebote der Kimbanguistenkirche, z. B. Verbot von Alkohol- und Drogenkonsum, Verbot von traditionellen Tänzen, die als obszön angesehen werden, Verbot von allen Formen der Magie, Zauberei und spiritistischer Heilkunde) und Misala = Werke, d. h. gute Werke der Nächstenliebe und Mitarbeit und materielle Beiträge an den Gemeinschaftswerken der Kirche). Grundlagen für das Lehren innerhalb der Kirche sind die Bibel, die Lehren der drei Söhne Kimbangus („les paroles des Papas“, Französisch wörtlich für „die Worte der Papas“, liegen in zahlreichen Audio-, Video- und schriftlichen Aufzeichnungen vor) sowie die als inspiriert geltenden Gesänge.

Organisation

Kirche in Nkamba

Sitz der Kirche ist Nkamba, der Geburtsort des Gründers. Hier befindet sich auch der Nkilongo (Kikongo für „Allerheiligstes“), dem Mausoleum mit dem intakten Leichnam von Papa Simon Kimbangu. Sein Leichnam wurde 1960 nach fast 9 Jahren auf dem Gefängnisfriedhof in Elisabethville/Lubumbashi exhumiert und in einem feierlichen Umzug bis nach Nkamba überführt. Bei Ankunft im Stadtteil Matadi Mayo des heutigen Kinshasa am 2. April 1960 führten Anfeindungen des Umzugs zur Gründung des Sicherheitsdienstes der Kirche (MSSK = Mouvement Social de la Surveillance Kimbanguiste, Deutsch: Kimbanguistischer Sozialdienst für die Überwachung, der heute für die Sicherheit an allen Kirchenstandorten und als Ehrengarde für die Würdenträger zuständig ist).

Regelmäßig sind hochrangige Persönlichkeiten aus Politik, Religion und Gesellschaft zu Besuch in Nkamba.

Liturgie

In der Liturgie spielt die Musik eine große Rolle. In fast allen Pfarreien weltweit gibt es Instrumentalgruppen (FAKI = Fanfare Kimbanguiste, Blechbläser, FLUKI = Flûtistes Kimbanguistes, Querflötenensembles mit meist Instrumenten aus Eigenherstellung, GGKI = Groupe des Guitaristes Kimbanguistes, Zupf- und Streichinstrumente, GAAKI = Groupe des Accordéonistes Kimbanguistes) und mehrere Chöre (CHOREKI = Chorale des Enfants Kimbanguistes/Chor der Kimbanguistenkinder, Grande Chorale des Dirigeants Kimbanguistes und GTKI = Groupe Thèâtral Kimbanguiste etc.).

Nach Aussage der Kimbanguisten sind alle verwendeten Lieder und Partituren inspiriert und Eigengut der Kimbanguistenkirche: die Gruppe der „Inspirierten“ empfangen die Lieder einschließlich der Melodie und des Textes oftmals in Träumen und Visionen. Vor der Freigabe zur liturgischen Verwendung werden sie durch den kircheneigenen Evangelisationsdienst überprüft.

Literatur

  • Joseph Diangienda Kuntima: Histoire du Kimbanguisme . 1984, Éditions Kimbanguistes EKI, Paris, édition 2003. ISBN 2951889739
  • Susan Asch: L'église du prophète Kimbangu. De ses origines à son role actuel au Zaire (1921–1981). Karthala, Paris, 2000 (19831), ISBN 2865370690
  • Heinrich Balz: Weggenossen am Fluss und am Berg: Von Kimbanguisten und Lutheranern in Afrika. Erlanger Verlag für Mission und Ökumene, Neuendettelsau, 2005, ISBN 3-87214-612-2
  • Marie-Louise Martin: Kirche ohne Weisse: Simon Kimbangu und seine Millionenkirche im Kongo. F. Reinhardt, Basel, 1971, ISBN 3-7245-0010-7
  • Werner Ustorf: Inkulturation des Evangeliums. In: „De Kennung“ – Zeitschrift für plattdeutsche Gemeindearbeit, 11 (1988), S. 5–31, ISSN 1433-5964
  • Andrea Böhm: Freude, schöner Götterfunken: über das Sinfonieorchester der Kimbanguisten in Kinshasa. Zeit-Magazin 48/2009, 19. November 2009
  • Claus Wischmann, Martin Baer: Kinshasa Symphony. Deutschland 2010, 95 Minuten, Produktionsfirma „Sounding Images“, Berlin (Dokumentarfilm über das Orchester der Kimbanguisten in Kinshasa)
  • Marsch zur Musik (Orchestre Symphonique Kimbanguiste). In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. September 2010, Seite 31

Siehe auch

Mandombe – Silbenschrift, die in Schulen der Kimbanguisten gelehrt wird

Weblinks

Commons: Kimbanguistenkirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Kirche Jesu Christi auf Erden durch seinen Boten Simon Kimbangu - World Council of Churches. (oikoumene.org): „The prophecies, healings and resurrections that followed were considered by the Belgian colonial authorities as a messianic movement that could destabilize the colonial fabric.“
  2. David Van Reybrouck: Kongo: Eine Geschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, ISBN 978-3-518-42307-3, S. 173–187.

Auf dieser Seite verwendete Medien

Temple de Nkamba.JPG
Autor/Urheber: Pandries, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Temple de Nkamba, Bas-Congo
Joseph Diangienda.jpg
Autor/Urheber: Evaelo15, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Joseph Diangienda
Kimbanguism1.jpg
Autor/Urheber: Cruks, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Members of the Kimbangu Church of Portugal celebrating New Year on May 25, 2013 outside Lisbon, Portugal.
Nkamba 25 mai 2016.jpg
Autor/Urheber: Ratelki Amerique, Lizenz: CC BY-SA 4.0
nkamba may 25 2016