Jullienella

Jullienella

Mikro-CT-Bilder von J. foetida,
Querschnitt (a) & Schnitt in der Testa-Ebene (b)

Systematik
ohne Rang:Retaria
ohne Rang:Foraminiferen (Foraminifera)
Ordnung:Astrorhizida
Überfamilie:Astrorhizoidea
Familie:Schizamminidae
Gattung:Jullienella
Wissenschaftlicher Name
Jullienella
Schlumberger, 1890[1]

Jullienella ist eine Gattung benthischer Foraminiferen in der Familie Schizamminidae der Ordnung Astrorhizida.[2][3][4][5] Die Typusart ist Jullienella foetida.[6][7]

Die Gattung wurde 1890 von Charles Schlumberger[8] mit der Typusart J. foetida erstbeschrieben. Typlokalität ist vor Wedabo Beach (alias Watabo oder Warabo), gegenüber dem Po River (auch Poor River), Republik Liberia,[9] in 7 Faden Tiefe (knapp 13 m), 1 km von der Küste entfernt, in schwarzem Schlamm.[1] Es wurden keine fossilen Exemplare gefunden, alles bekannte Material ist daher rezent,[7] und der chronostratigraphische Bereich erstreckt sich über das Holozän/Anthropozän.

In früheren Klassifizierungen wurde Jullienella in eine Unterordnung Textulariina der Ordnung Textulariida eingeordnet.[10]

Beschreibung

Die Gattung zeichnet sich durch ihre Größe aus (sie wird bis zu 70 mm lang); dazu kommt ihre fächerartige (flabelliforme) und nicht unterteilte (septierte) Gestalt.[7]

Artenliste

Zu Jullienella gehören die folgenden Arten:[11][12][6][7]

  • Jullienella foetida Schlumberger, 1890[5] (Typusart)[7]
    – Vorkommen: Vor der Westküste Afrikas (4° bis 23° Nord), in einer Tiefe von 10–90 m[7] bzw. nach anderen Angaben über 100 m[5]
  • Jullienella pearceyi Nørvang, 1961[13]
    – Vorkommen: Vor der Küste Südafrikas (30° Süd), in einer Tiefe von 100–125 m[7]
  • Jullienella zealandica Hayward & Gordon, 1984[7]
    – Vorkommen: Vor der Westküste Neuseelands, Südinsel (42° bis 45° Süd)

Etymologie

Der Gattungsname ist benannt zu Ehren von M. Jullien, einem Kollegen des Erstbeschreibers Charles Schlumberger.[1]

  • Beim Aufsammeln der ersten Exemplare von J. foetida wurde festgestellt, dass sie einen „übelriechenden Duft“ verströmen, was dieser Spezies das Art-Epitheton foetida – vom lateinischen Wort für ‚stinkend‘ – einbrachte.[5]
  • Das Art-Epitheton zealandica ist neulateinisch und bedeutet ‚von Neuseeland‘ oder ‚zu Neuseeland gehörig‘.

Jullienella foetida

Karte mit allen bekannten Orten, an denen J. foetida nachgewiesen wurde (Stand 2022)

Die Typusart Jullienella foetida ist eine Spezies riesiger agglutinierter Foraminiferen mit einem blatt- oder fächerartigen Gehäuse (englisch test),[A. 1] diese erreichen eine maximale Größe von 14 cm. Die Gattung ist in einigen Teilen des westafrikanischen Kontinentalschelfs verbreitet.[5]

Normalerweise werden Foraminiferen nur wenige Millimeter groß, aber eine Gruppe dieser Agglutinierten kann erstaunliche Größen von mehreren Zentimetern erreichen. Eine Gruppe der sogenannten agglutinierenden Foraminiferen vergrößern ihr Gehäuse, indem sie winzige Sand- und Mineralkörner auf ihrer Oberfläche aufkleben und so mehrere Zentimetern groß werden.[5]

Morphologie (J. foetida)

Die Wand des Gehäuses besteht aus einer glatten, äußeren Schicht aus mit kleinen (weniger als 10 µm großen) Mineralkörnern, die über einer viel dickeren inneren Schicht mit einer porösen Struktur aus Körnern von mehreren hundert µm Größe liegen. Mikro-CT-Scans deuten darauf hin, dass ein Großteil des Schaleninneren mit Zytoplasma gefüllt ist, während Röntgenaufnahmen ein komplexes System strahlenförmiger interner Trennwände zeigen. Es wird vermutet, dass diese dazu dienen, den Zytoplasmafluss zu kanalisieren und das Gehäuse zu verstärken. J. foetida ähnelt in Bezug auf Größe und Morphologie des Gehäuses einigen Xenophyophoren (riesigen Tiefsee-Foraminiferen), verfügt aber nicht über deren charakteristische innere Organisation. Aus diesem Grund hält man diese Ähnlichkeiten für wahrscheinlich konvergent. Aufgrund von Mikro-CT-Scandaten wurde Zytoplasma-Biomasse von 3,65 mg (Nassgewicht) bestimmt.[5]

Ökologie (J. foetida)

Daraus erschließt sich, dass J. foetida in Gebieten, in denen die Art besonders häufig vorkommt, ihre Biomasse u. U. mehr als 7,0 g (Nassgewicht) betragen kann.[5] Nach diesen Beobachtungen gehört J. foetida unter den heute lebenden Foraminiferen zu denen mit der größten Biomasse. Um eine solche Biomasse zu bilden und stabil zu erhalten, ist die Spezies auf entsprechende Nahrungs-Ressourcen angewiesen.[5]

Das relativ begrenzte Verbreitungsgebiet dieser Art vor der nordwestafrikanischen Küste in Tiefen von über 100 m ist vermutlich bedingt durch die Oberflächenproduktivität entlang dieser Linie, wo aufgrund des Auftriebs genügend Nahrung für diese hohe Biomasse zur Verfügung steht. In den benthischen Ökosystemen, in denen die Art reichlich vorkommt, gibt es kaum andere gerüstbildende Organismen wie Korallen. Infolgedessen spielt sie dort eine bedeutende Rolle oder gar Schlüsselrolle, weil sie das Hartsubstrat darstellt, auf dem sich dann andere sessile Organismen ansiedeln können. Daher spielt die Art für die Biodiversität der dortigen lokalen Ökosysteme eine wichtige Rolle.[5]

Jullienella zealandica

J. zealandica ist eine weitere Art von großen agglutinierten Foraminiferen der Gattung Jullienella. Sie wurde in rezenten (neuzeitlichen) Sedimenten in 950-1.400 m Tiefe vor der Westküste der Südinsel Neuseelands gefunden. Dies ist offenbar der erste Nachweis der Gattung

  • außerhalb der afrikanischen Küste
  • in Tiefen von mehr als 125 m
  • und in kühleren als tropischen oder subtropischen Gewässern.[7]

Fundgeschichte (J. zealandica)

Zunächst gab es zwei Proben dieser Spezies, die von Dennis P. Gordon bei Arbeiten an den Moostierchen (Bryozoen) vor der Westküste der Südinsel Neuseelands gesammelt wurden und ursprünglich irrtümlich auch für Bryozoen gehalten wurden. Eine eingehende Untersuchung ergab dann aber, dass es sich bei diesen Exemplaren um die ersten Nachweise der Gattung Jullienella außerhalb der afrikanischen Küste handelte und dass sie sich hinreichend von den beiden bis dato bekannten Arten unterschied, um als eigene Spezies klassifiziert zu werden. In der Folge wurde diese neue Art noch in zwei weiteren Baggerproben von 1982 aus demselben Gebiet gefunden.[7]

Beschreibung (J. zealandica)

Das Gehäuse ist mit bis zu 30 mm lang (meist 10–18 mm), fächerförmig schmal bis breit (bis zu 25 mm, meist 10–15 mm), flach zusammengedrückt (Dicke 0,8–1,2 mm). Die Oberfläche des Gehäuses ist fein gestreift mit deutlichen, sichelförmig gekrümmten Wachstumslinien. Die Farbe ist grau-braun mit Orangetönen. Die Wand ist ohne Perforationen aus mineralischen (lithischen) Körnern zusammengesetzt und gelegentlichem Bioklasten,[A. 2] (Schwammnadeln und Kieselalgen); die Zwischenräume zwischen größeren Körnern sind meist mit kleineren Schluffpartikeln gefüllt. Die Wand hat eine Dicke von etwa 0,3 mm und umschließt einen zentralen Hohlraum von etwa 0,25–0,35 mm.[7]

Vergleich von J. zealandica mit der Typusart

Beim Vergleich zeigen sich folgende Unterschiede:[7]

  • J. zealandica ist mit bis zu 30 mm kleiner und in seinem fächerförmigen (flabelliformen) Wachstum und seiner Verzweigung deutlich konservativer als die Typusart J. foetida, die bis zu 70 mm groß werden kann.
  • J. zealandica ist nicht faltig-blättrig (englisch plicately foliate), wie es bei J. foetida entlang des distalen Randes üblich ist.
  • Schmale, röhrenförmige Äste sind bei J. zealandica nur gelegentlich vorhanden, bei J. foetida dagegen reichlich und allgegenwärtig.

Bildergalerie: J. foetida

Anmerkungen

  1. testat, von lateinisch testātus, englisch testified, siehe Wiktionary:testate (zoology).
  2. Bioklasten sind fossile Skelettfragmente von einst lebenden Meeres- oder Landorganismen

Einzelnachweise

  1. a b c Charles Schlumberger: Note sur un foraminifère nouveau de la côte occidentale d'Afrique. In: Mémoires de la Société zoologique de France, Band 3, 1890, S. 211–213; WoRMS:146836, PDF (französisch).
  2. M. A. Kaminski: The Year 2000 Classification of the Agglutinated Foraminifera. In: M. Bubík, M. A. Kaminski (Hrsg.): Proceedings of the Sixth International Workshop on Agglutinated Foraminifera. Grzybowski Foundation Special Publication, Band 8, 2004, S. 237–255 (englisch).
  3. Alfred R. Loeblich Jr., Helen Tappan: Present Status of Foraminiferal Classification. In: Studies in Benthic Foraminifera in Benthos, Sendai (1990), Tokai University Press, 1992, S. 93–102 (englisch).
  4. B. K. Sen Gupta: Systematics of modern Foraminifera. In: B. K. Sen Gupta (Hrsg.): Modern Foraminifera. Kluwer Academic Publishers, 1999, S. 7–36 (englisch).
  5. a b c d e f g h i j Martin R. Langer, Anna E. Weinmann, Walid A. Makled, Janine Könen, Andrew J. Gooday: New observations on test architecture and construction of Jullienella foetida Schlumberger, 1890, the largest shallow-water agglutinated foraminifer in modern oceans. In: PeerJ, Band 10, 15. Februar 2022, S. e12884; doi:10.7717/peerj.12884 (englisch). Dazu:
  6. a b WoRMS: Jullienella Schlumberger, 1890 (Genus). Siehe auch:
  7. a b c d e f g h i j k l Bruce W. Hayward, by Dennis P. Gordon: A new species of the agglutinated foraminifer Jullienella (Schizamminidae) from New Zealand. In: Journal of Foraminiferal Research, Band 14, Nr. 2, 1. April 1984, S. 111–114; doi:10.2113/gsjfr.14.2.111, ResearchGate:250084458 (englisch).
  8. Wikidata: [:d:Q23616977|Charles Schlumberger] (Q23616977).
  9. Po River & Eadabo Beach, Grand Kru County, Liberia. Auf: Mapcarta (de).
  10. Alfred R. Loeblich, Alfred R. Loeblich Jr., Helen Tappan: Foraminiferal genera and their classification. Van Nostrand Reinhold Company, 1987/1988; doi:10.1007/978-1-4899-5760-3 (englisch).
  11. Encyclopedia of the Life, en http://eol.org/
  12. Classifications Browser en http://www.ubio.org/browser/classifications.php?conceptID=13894357&expand=1&namebankID= Página 1 de 134
  13. A. Nørvang: Schizamminidae, a new family of Foraminifera. In: Atlantide Report, Scientific Results of the Danish Expedition to the Coasts of Tropical West Africa 1945–1946, Nr. 6, Kopenhagen 1961, S. 169–201; WoRMS:359643 (englisch).

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Map showing all known localities where Jullienella foetida has been recorded. The unpublished record from off Ghana is based on a sample in the collections of the National Oceanography Centre, Southampton, of uncertain provenance. The label in the bottle reads ‘Plant material. Agazziz Trawl No 3. 2-5-51 (i.e., 2nd of May 1951). Gold Coast. R. Barrindale’.
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Jullienella foetida; light photographs and corresponding X-ray photographs of 10 specimens. The radiating linear structures in the X-ray images are interpreted as internal partitions. In some cases, these features are strongly developed along their entire length, but in others they resemble dashed lines, with prominent sections separated by gaps where they are weakly developed or absent.
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Jullienella foetida; scanning electron micrographs.
(A) Complete specimen.
(B–D) Progressively closer views of a broken edge with the coarsely agglutinated test wall overlain by a very thin, fine-grained surface veneer; the test lumen is interrupted by internal agglutinated grains that form, either cross-sections of partitions or more isolated columnar structures.
(E) Detail of broken test wall showing large agglutinated grains with intervening spaces filled by fine-grained mortar.
(F) Detail of fine-grained mortar.
Jullienella-foetida-Schlumberger-v3.png
Jullienella foetida.
Fig. 1. Individu complet de Jullienella foetida (grandeur naturelle) avec une évolution secondaire opposée à la première.
Fig. 2. Individu présentant une évolution secondaire de meme sens que la première (grandeur naturelle).
Fig. 3. Section transversale demi-schématique de la plaque d'un Jullienella, grossie 12 fois.
Fig. 4. Section longitudinale demi-schématique d'une tubulure bifurquée, grossie 12 fois.
Fig. 5 et 6. Individus jeunes.
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Greyscale micro-CT images of the Jullienella foetida specimen illustrated in Figs. File:PeerJ12884-fig-2-2x.jpg A, A’ and File:PeerJ12884-fig-4-2x.jpg A, B with two density components.
(A) Cross section.
(B) Section in the plane of the test.
The agglutinated test wall (=aw) and internal test partitions (=itp) are well defined as dense and bright white in greyscale scan images. The cytoplasm (=cy) occurs as low-density, material (coloured yellow) and is patchily distributed throughout the test.
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Light microscope images of “apertural” features along the margin of Jullienella foetida.
(A–H) Specimens from off Ghana.
(A) Tubular and wider, flattened processes at the peripheral margin of a test.
(B), (C) Details of the terminal surfaces of marginal processes with plugs of large grains.
(D) Second specimen with tubular processes that arise from the surface of a plate in different directions, and wider, flattened marginal processes.
(E) Blunt ends of tubular processes with plugs of large grains.
(F) Arcuate and uninterrupted peripheral margin. Note that the marginal area comprises an inner orange-coloured zone and a narrower, pale edge; it presumably indicates recent growth.
(G), (H) Detail showing a damaged section of the margin, exposing greyish cytoplasm.
(I) Specimen fragment from off Mauritania partly broken open to show cytoplasm.
Note the attached epifauna in (A) and (D).
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Jullienella foetida; micro-CT scans of the two specimens shown in Figs. File:PeerJ12884-fig-2-2x.jpg A, F.

(A), (C) Test surface; note the protruding grains. (B), (D) Test lumen showing the interface between the test wall and the inner cavity. In effect, this is a view of the inner surface of the wall in reverse. The interface is covered with small-scale irregularities reflecting the labyrinthic nature of the test wall.

Note that the internal partitions in (B), (D), indicated by open spaces, are developed intermittently, particularly in (B).
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Jullienella foetida; scanning electron micrographs.
(A) Complete specimen.
(B) Test surface showing smooth, fine-grained outer layer with larger grains projecting through it from the underlying wall.
(C) Detail of area enclosed by rectangle in figure
(A) showing area where the wall has been removed to show internal features and remnant of dried cytoplasm (smaller rectangle).
(D) Detail of area indicated by the larger rectangle in figure (C) showing inner surface of test wall with complex pattern of pits and upstanding areas.
(E) Detail of area indicated by smaller rectangle in figure (C) showing surface of cytoplasmic remnant.
(F) Detail of area indicated by rectangle in figure (E) showing surface of cytoplasm with diatoms.