Kaste
Kaste (portugiesisch/spanisch casta „Rasse“, von lateinisch castus „rein“) bezeichnet in der Ethnologie und Soziologie ein vorrangig aus Indien bekanntes sowie religiös begründetes und legitimiertes soziales Phänomen der hierarchischen Einordnung und Abgrenzung gesellschaftlicher Gruppen. Heute wird es zunehmend als ein umfassendes System zur sozialen Unterdrückung gesehen.[1]
Die Einteilung nach Sozialstrukturen betrifft vor allem Status, Heirat und Arbeitsteilung. Kennzeichen einer Kaste ist, dass man in sie hineingeboren wird und sie so gut wie nicht verlassen oder wechseln kann und dass sie das Lebensumfeld ihrer Angehörigen umfassend und in allen Aspekten, insbesondere im endogamen Heiratsverhalten, bestimmt, sie unterscheidet sich insofern von anderen gesellschaftlichen Einteilungen wie Stand oder Klasse[2].
Die Bezeichnung wird aber auch umgangssprachlich oder polemisch benutzt und auf einzelne Gruppierungen auch in modernen Gesellschaften angewandt.
Ein Kastenwesen im eigentlichen Sinne findet sich insbesondere in Indien und Nepal, auf den Inseln Sri Lanka und Bali, sowie bei der ethno-religiösen Gruppe der Jesiden.
Indien
Das Kastensystem
Indien ist so sehr durch das Kastensystem geprägt, dass die Frage gestellt wird, ob es seine Identität ausmacht.[3] Charakteristisch für das Kastensystem ist, dass in ihm seit langer Zeit zahlreiche eng abgeschlossene Gemeinschaften leben, die gleichzeitig endogame Heiratsgemeinschaften bilden und in hierarchischen Beziehungen zueinander stehen. Bezeichnet werden diese Heiratsgemeinschaften als Jati, dieser Begriff ist allerdings missverständlich, da er – neben Begriffen wie Caste oder Community – auch für größere Gemeinschaften ebenso wie deren Unterkasten gebraucht wird. Sinnvoll ist es, jede endogame Heiratsgemeinschaft als Jati zu verstehen, im Hinterkopf sollte jedoch behalten werden, dass der Begriff nicht alleine für diese kleinsten Einheiten verwendet wird, sondern mehrdeutig ist.[3.1] Der Begriff Kaste für das Gesamtphänomen wurde von den Portugiesen eingeführt. Befragungen ergaben, dass 98 % der Inder sich selbst einer Kaste zuordnen, darunter auch jene Inder, die religiös gar keine Hindus sind, sondern Religionen angehören, die das Kastensystem ablehnen.[4] Das Kastensystem geht folglich über den Hinduismus hinaus. Die Einteilung der Gesellschaft in vier Varna genannte Hauptkasten ist mit den Jati nur locker verbunden und von eher theoretischem Wert, auch wenn der Begriff Varna – der sich im Rigveda findet – die Wahrnehmung des Kastensystems lange beeinflusste.
Die Anzahl der Kasten ist unbekannt, es sind jedoch tausende. In der Literatur werden beispielsweise nach Auswertung statistischer Untersuchungen wie des von der indischen Regierung angeforderten Mandal-Berichts 7.000 Kasten genannt, bei Feststellung, dass die Zählung und Schätzung unvollständig ist, u.a weil besagter Report die höheren Kasten von vorneherein nicht berücksichtige.[3.2]
Eine neuere anthropologische Publikation nimmt 40.000 endogame Gemeinschaften als Grundlage, davon 37.000 hinduistische.[5] Das Kastensystem bestand nicht seit Anbeginn der indischen Geschichte und auch nicht seit der Zeit der Veden. Stattdessen setzte es sich erst relativ spät vor 1.900 Jahren durch, nachdem zuvor die unterschiedlichen Populationen Indiens sich lange und stark vermischt hatten.[6]
Gliederung der Kasten
Gliederungsebenen: Beim „Kastensystem“ wird unterschieden in:
- die vier Hauptkasten (Varna)
- diese gliedern sich in Untergruppen (Jatis) auf
Varna
Varna bedeutet „Klasse, Stand, Farbe“. Es gibt vier Varnas:
- Brahmanen (traditionell die intellektuelle Elite, Ausleger heiliger Schriften (Veda), Priester)
- Kshatriyas (traditionell Krieger und Fürsten, höhere Beamte)
- Vaishyas (traditionell Händler, Kaufleute, Grundbesitzer, Landwirte)
- Shudras (traditionell Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner)
Darunter stehen die „Unberührbaren“, auch Dalit (die „Niedergetretenen“), Paria oder Harijans genannt. Traditionell nimmt man an, dass mit dem Begriff Varna die Hautfarbe gemeint war: je höher die Kaste, desto heller die Haut – worin sich die Volkszugehörigkeit der verschiedenen Einwanderer- bzw. Erobererwellen widerspiegele. Diese Theorie ist jedoch umstritten. Andere stellen den Begriff in Zusammenhang mit den „geistigen“ Farben der Gunas, den Qualitäten und Eigenschaften in Mensch und Natur.[7] Diese Ansicht weist jeder Kaste eine bestimmte Farbe zu.
Das System der Varnas lässt sich als die geistig-ideologische Ebene des Kastensystems beschreiben, da es eine Legitimation für die gesellschaftliche Hierarchie bietet.
Im täglichen Leben geht es um die Jatis. Die Frage nach dem Ursprung ist ungeklärt, oft wird sie auf den Mythos des Purusha zurückgeführt, des göttlichen Urmenschen, aus dessen Körperteilen die ersten Kasten entstanden sein sollen (die erste aus dem Kopf, die zweite aus den Armen, die dritte aus den Schenkeln, die vierte aus den Füßen).
„Als sie den Purusha [Urmenschen] zerlegten, in wie viele Teile teilten sie ihn? Wie nannten sie seinen Mund, wie seine Arme, wie seine Schenkel, wie seine Füße? Sein Mund wurde zum Brahmanen, seine beiden Arme zum Krieger [Rajanya], seine beiden Schenkel zum Vaishya, aus seinen Füßen entstand der Shudra.“
Das Purushasukta ist die einzige Hymne im Rig Veda, in der die vier Varnas erwähnt werden. In den drei anderen Veden und den Upanishaden finden die Varnas kaum Erwähnung. Im Purushasukta findet sich keine Hierarchie der Kasten[8].
Texte wie die Manusmriti - Verschärfung der Einteilung, besondere Rolle der Brahmanen
Eine Hierarchie wurde in Texten wie den Gesetzesbüchern der Dharmaśāstra gesetzt[9]. In der Manusmriti (zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. entstanden; auf verschiedene Autoren zurückgehend, möglicherweise aber nach der Konzeption eines Hauptautoren[10]) postuliert Manu eine Hierarchie der vier Hauptkasten, das Werk glorifiziert dazu die Rolle der Brahmanen.[11] Überwiegend beschäftigt es sich mit den Brahmanen und dem König, dennoch beansprucht das Buch, eine umfassende Weltdeutung mitsamt verbindlichen Regeln zu liefern. Es handelt sich dabei nicht um ein Spiegelbild seiner Zeit des frühen Gupta-Reiches, sondern um ein Programm, wie diese Welt restaurativ zu ordnen sei. Es begründet elitäre – eigene – Gruppenansprüche und lehnt missliebige mit Entschiedenheit ab. Das Mischen der Gruppen wird als Verunreinigung und Gefahr aufgefasst, Abgrenzung der Gruppen (und Ausgrenzung) wird als Mittel des Erhalts der Ordnung gesehen. Rituale und Speisevorschriften schützen die Ordnung, ebenso wie die Vermeidung potentiell verunreinigenden Kontaktes. Die Brahmanen erscheinen bei Manu als Hüter der Veda, mehr noch, sie sind mit ihr identisch, da sie ihnen in einer langen Kette vom Vater zum Sohn weitergegeben wird. Die ursprüngliche vedische Religion und ihre Anrufung wird so zu einer Ideologie der Eliten.[12] Die Speisevorschriften der Manusmritri weisen niedrigen Kasten verschmutzende Qualitäten zu, so sehr, dass ein Brahmane, der von einem Shudra berührtes Essen zu sich nahm, sich rituell reinigen muss und niedrigen Kasten verboten wird, überhaupt Essen für andere Kasten zuzubereiten. Jede Mahlzeit bekräftigte so die Hierarchie.[13] Kastenmischung wird scharf missbilligt, Abkömmlinge aus solchen Verbindungen stünden unter der ihres jeweils höheren Elternteils, Kinder eines niedrigen männlichen Shudra und einer Brahmanin seien Chandala, solche müssten abgesondert leben. Während Verbindungen von Männern höherer Kasten mit Frauen niederer Kasten als falsch, aber weniger verurteilenswert gesehen werden, gilt dies für Verbindungen und Nachkommen von niederen Männern und Frauen aus höheren Kasten nicht, solche Pratiloma-Verbindungen (Pratiloma= gegen den Strich) werden als vollkommen verurteilenswert und abscheulich bewertet.[14][15] Auf die antike abfällige Betrachtung und Schlechterbehandlung generell von Mischkasten und insbesondere von Chandala, die als völlig rechtlos und rituell unrein beschrieben werden, gehen die Unberührbaren zurück, die heutigen Dalits.[16]
Andere Hindu-Schriften akzeptieren das System als erstrebenswert, setzen sich aber auch immer wieder kritisch damit auseinander. Das Mahabharata stellt es einerseits an verschiedenen Stellen als wünschenswerte Institution dar, andererseits lehnen andere Aussagen im selben Epos die erbliche Gesellschaftshierarchie ab.
Nach hinduistischer Vorstellung sind mit der Kastenzugehörigkeit bestimmte Pflichten (Dharma) verbunden. So ist es traditionelle Pflicht eines Kshatriya, in den Krieg zu ziehen, zu kämpfen und die Gesellschaft zu führen (vgl. Bhagavadgita), wogegen Brahmanen die Schriften studieren, lehren und den Vollzug der Riten sicherstellen sollen.
In der frühen vedischen Zeit war die Restriktion in Bezug auf Beruf und soziale Mobilität deutlich geringer. Eine Hymne des Rig Veda lautet:
„Ich bin Poet, mein Vater ist Arzt, meine Mutter füllt den Mahlstein auf.“
Jati
Die Varnas gliedern sich in zahlreiche von Jatis auf. Der Begriff leitet sich ab aus dem Begriff jan für „geboren werden“. Dies weist auf die Hauptbedeutung von Jati hin: „Geburtsgruppe“, auch im Sinne von Großfamilie oder Clan.[17] Jatis sind somit die soziale und familiäre Dimension des Kastensystems und erinnern in gewissem Maße an die mittelalterliche Ständeordnung in Europa. Durch rituelle Festsetzung einer auch physischen Trennung höherer von niedrigeren Kasten sind die Grenzen jedoch hermetischer als bei Ständen[18]. Der Anthropologe Louis Dumont ging von etwa 2000 bis 3000 Jatis aus.
Die Kastenzugehörigkeit des Individuums wird durch die Geburt bestimmt, wobei Ein- oder Austritt nicht möglich sind: „Der einzelne Mensch wird in eine soziale Gruppe, eine Jati, hineingeboren, und es ist diese Gruppenzugehörigkeit, durch die ihm eine selbst-verständliche, völlige und normalerweise unwiderrufliche Identität zugeschrieben wird“[19]. Die Jati dient neben der beruflichen auch der ethnischen, sozioökonomischen und kulturellen Differenzierung; sie verbindet eine Volksgruppe durch besondere, gemeinsame, sittliche Normen. Früher war damit eine strenge Heiratsordnung verbunden bei mehr oder weniger strenger Abschließung gegenüber anderen Jatis. In Indien sind heute alle durch das Kastenwesen bedingten Benachteiligungen gesetzlich verboten. Trotzdem ist das Kastenwesen aus dem praktischen Leben nicht völlig verschwunden, besonders da es noch heute wichtige soziale Aufgaben erfüllt.[20] Die Jatis etwa haben in gewisser Weise auch die Funktion eines Sozialversicherungssystems, das in der kulturellen und sozialen Tradition verankert ist. Als solche erschweren sie die soziale Mobilität, da Wegzug und Heirat außerhalb der Kaste die Möglichkeiten, Hilfestellung wie etwa Kredite abzurufen, reduzieren.[21] Selbst der Besuch einer englischsprachigen Schule – die für höhere Bildung steht – kann sich in Großstädten für männliche Angehörige einer körperlich arbeitenden Kaste negativ auswirken, da sie eine Abkehr von der Kastenidentität und den Hilfsnetzwerken der Ursprungskaste impliziert. Für Mädchen – die auf diese Hilfestellungen keinen direkten Zugriff haben – gilt dies interessanterweise nicht.[22]
Die Jatis gliedern sich in Subjatis auf. Politisch werden Jatis - bzw. zusamengerückte Subjatis - wichtiger, denn sie ermöglichen die Bildung starker Lobbyverbände und Wählerblöcke, die überregional agieren.[23]
Die soziale Mobilität innerhalb der Jati ist nicht sehr groß. Jedoch können bestimmte Jatis als ganze sozial aufsteigen, wie dies im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Einfluss der britischen Kolonialherrschaft vor allem den Kaufmanns- und Schreiber-Jatis gelungen ist. In der Praxis kommen auch Abspaltungen sozial höher oder niedriger rangierender Teilpopulationen mit Bildung neuer Jatis vor.
Verbunden ist das entweder mit machtpolitischem oder ökonomischen Aufstieg oder Abstieg von Teilgruppen (wie etwa Familien) einer Jati: In beiden Fällen wird die Kooperation innerhalb der Jati schwieriger, so dass die auf- oder absteigende Gruppe mit der Zeit eine neue Jati wird, und sich zu diesem Zwecke vielleicht auch mit einer Teilgruppe einer anderen Jati zusammentut, die in einer ähnlichen Situation ist. Es bildet sich eine neue Heiratsgemeinschaft mit gemeinsamen, spezifischen Regeln und Institutionen wie dem Kastenrat, Brahmanen werden dies mit einer fiktiven Kastengeschichte unterfüttern und die neue Jati ist entstanden. Der Mechanismus der Bildung neuer Jatis aus Unterkasten sorgt für eine Ausdifferenzierung und an Anpassung an veränderte Umstände, er widerspricht der Vorstellung eines starr vorgegebenen Systems.[24]
Den Aufstieg ganzer Jatis bezeichnete der indische Soziologe M. N. Srinivas als „Sanskritisierung“ (sanskritization). Jatis von niedrigem Rang übernehmen den Lebensstil, die Rituale und die Symbole höherer Jatis und steigen dadurch langfristig auf. Dabei werden nicht nur die Elemente der klassischen indischen Kultur übernommen, sondern parallel dazu auch westliche Symbole. Als Vorbilder dienen meist Jatis mit hohem wirtschaftlichen Status.
Historisch gab es auch den Aufstieg durch das Schwert. Nach dem Varna-System wird man als Kshatriya, also als Krieger, geboren, tatsächlich gab es in der indischen Geschichte aber auch kriegerische und militärisch kompetente Gruppen, deren Vorfahren nicht als Krieger aufgetreten waren. Die Stammesföderation der Marathen beispielsweise entstammte keinem Kriegeradel, sondern Bauern, die lernten Kriegsdienst zu leisten und damit aufstiegen, ihr Führer Shivaji schaffte es, sich mit ihnen ein Reich zu erobern, das politisch nicht ignoriert werden konnte. Er fand willige Brahmanen, die ihm in aufwendigen Opferzeremonien die heilige Schnur der Zweimalgeborenen umlegten und ihm bestätigten (nachdem sie vorher die einfache Shudra-Herkunft mit einer fiktiven Genealogie wegdefiniert hatten[25]), dass er den Status eines Kriegers besäße, so wurden die Marathen zu Kshatriya. Shivaji betonte den gewonnenen Kastenstatus um zu regieren und unterfütterte erfolgreich militärische mit ideologisch-religiöser Macht.[26] Die Marathen (mehrdeutige Sammelbezeichnung) unterteilten sich mit durchlässigen Grenzen u.a in Marathen und Kunbi, letztere waren weiterhin Bauern, mit den kämpfenden Marathen aber durch Verwandtschaft und Heirat immer noch eng verbunden, während der nun entstehende Maratha-Adel familiäre Abkunft von Kriegern behauptete. Unter britischer Kolonialherrschaft beanspruchten alle Gruppen der Marathen, inklusive der Kunbi, insgesamt Kriegerstatus und schafften es von den Briten als sogenannte martial race anerkannt zu werden (die für die Briten im Militär tätig werden durfte). Inzwischen gibt es in der indischen Republik jedoch besondere Förderung und Einstellungsquoten für benachteiligte Kasten, darunter auch solche der Kategorie der Other Backward Classes. Für die Kunbi wurde es nun attraktiver als solche Kaste anerkannt zu werden, während früher eine Anerkennung als Krieger wertvoller war. Das führt heute folglich politisch zu einer komplizierten und widersprüchlichen Situation, zumal sie mit nicht als besonders förderungswürdig anerkannten anderen Marathen immer noch verwandt sind.[27] Dieses Beispiel demonstriert, dass im indischen Kastenwesen und seinem Mit- und Gegeneinander kooperierender und konkurrierender Jatis immer eine Dynamik herrschte, die bis heute anhält.
Wenn ein Inder wissen möchte, zu welcher Kaste ein anderer gehört, fragt man in Hindi nach der Jati oder im Englischen nach der community, aber nie nach der caste, da dieser Begriff zu viele unangenehme Konnotationen hat und die gesellschaftliche Relevanz eher in der Jati liegt. Den Begriff Varna würde man ebenso nicht verwenden.
Zwischen dem Varna-System und der Vielzahl der Jatis gibt es aber eine Verbindung, diese wird durch die Brahmanen moderiert. Die Religiosität der Tempelstädte und der Texte wird von ihnen mit der Volksreligiosität und ihrer Vielgestaltigkeit verbunden, die Jatis werden von ihnen grob in das Varna-System eingeordnet. Dass das einfache Schema die komplexe soziale Realität nicht erfasst, ermöglicht gerade Einordnung und brahmanische Bestätigung, nebst Rechtfertigung des Systems aus dem Wiedergeburtsglauben.[28]
Neben orthodoxen Hindus, die das Kastensystem noch heute als wünschenswerte Form des Zusammenlebens propagieren, und jenen, die Privilegien und Ausbeutung mit dem alten System legitimieren, hat es zu allen Zeiten auch hinduistische Bewegungen gegeben, die Auswüchse und Ungerechtigkeiten angeprangert und eine Überwindung der strikten Kastenschranken gefordert haben. Besonders wichtig waren dabei die religiösen Bhakti-Bewegungen, die schon seit einigen Jahrhunderten die indische Gesellschaft beeinflusst haben. Das Kastendenken hat sich allerdings bisher behauptet, so zerteilte sich die bhaktistische Bewegung der Lingayats, die bei ihrer Gründung das Kastensystem strikt ablehnte, mit der Zeit selber in verschiedene Subkasten[29]. Ablehnung der Kastentrennung bezog sich nach Auffassung von Bhimrao Ramji Ambedkar bei den Bhakti-Heiligen auch auf die Gemeinschaftlichkeit in der momentanen Anbetung, nicht auf Überwindung des Systems insgesamt, der Religionswissenschaftler Jon Keune hält es für möglich, dass eine ursprünglich möglicherweise vorhandene schärfere Ablehnung des Kastensystems durch Bhakti-Heilige später im Sinne einer versöhnlichen und integrativen Interpretation ihres Wirkens in den Hintergrund gedrängt wurde[30].
Kritik am Kastensystem wurde auch von hinduistischen Reformintellektuellen und Mystikern wie Swami Vivekananda geübt, der Kastenvorurteile ablehnte und sich gegen die Unberührbarkeit wandte, die er als eine Form der Geisteskrankheit bewertete, die nicht hinduistisch sei. Er ging allerdings davon aus, dass Kasten ursprünglich anders gemeint waren und hielt an diesem Ideal fest, gegenüber westlicher Kritik verwies er darauf, dass im Westen Geld im Zentrum stünde, in Indien werde das durch die Kasten verhindert, die darum neben Nachteilen auch Vorteile hätten. Man müsse durch Bildung den unteren Kasten Möglichkeiten bieten, eigene Ideen zu entwickeln, der Gedanke, Kontakt mit ihnen verunreinige, sei absurd.[31]
Das Kastenwesen hat sich dennoch bis heute gehalten. Die Vorstellung des Karma lässt die Einteilung in hierarchische Kasten als gerecht erscheinen, da sie auf Fehlverhalten in früheren Leben zurückgeführt werden kann. In der indischen Bevölkerung lässt sich dementsprechend Unterstützung des Kastensystems nachweisen.[32]
Allerdings weniger unter den Verlierern der Ordnung. Unter den Unberührbaren ist die Akzeptanz zentraler hinduistischer Konzepte wie Samsara, Karma und Dharma, die zur Rechtfertigung des Systems herangezogen werden, deutlich geringer ausgeprägt und das Gefühl seiner Ungerechtigkeit größer.[33]
„Unter den Unberührbaren in Indien gibt es überzeugende Belege, dass die Hindu-Doktrin, die die Dominanz einer Kaste gegenüber einer anderen legitimieren soll, abgelehnt wird. Angehörige der aufgelisteten Kasten glauben mit viel geringerer Häufigkeit als Brahmanen, dass die Doktrin des Karma ihre gegenwärtigen Lebensbedingungen bestimmten; stattdessen führen sie ihre Situation auf ihre Armut und auf einen ursprünglichen, mythischen Akt der Ungerechtigkeit zurück.“[34]
Studium des Veda durch die oberen Kasten (Varnas)
Die ersten beiden Varnas machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung Indiens aus. Die ersten drei Varnas betrachten sich als „Zweimalgeborene“ (dvija). Damit ist gemeint, dass es nach der natürlichen Geburt noch eine „kulturelle/geistige“ Geburt gibt, die in Form eines Initiationsritus (Upanayana) für Männer vollzogen wird. Früher berechtigte nur diese „zweite Geburt“ zum Studium der heiligen Texte (Veda), heute steht dies jedem offen, im privaten und akademischen Bereich oder bei einem Guru.
Die Zugehörigkeit zu den oberen Varnas war eng gekoppelt mit Kenntnissen des Veda, der heiligen indischen Texte. Man unterschied zwischen Chaturvedi (jene, die alle vier Veden studiert hatten), Trivedi (drei Veden) und Dvivedi (zwei Veden). Dies sind heute noch häufige Familiennamen. Das Wissen und das Privileg zu dessen Weitergabe waren früher ein wichtiges Abgrenzungskriterium der ersten zu den übrigen Varnas: Das Studium der Veden betrachteten sie nicht nur als ihre Pflicht, sondern auch als ihr Vorrecht, die Weitergabe dieses Wissens an Außenstehende mit Ausnahme der „Zweimalgeborenen“ war lange Zeit tabuisiert.
Kasten konnten und können faktisch mit der Zeit aufsteigen, wenn sie sich den Verhaltensweisen, Speisevorschriften und Bildungstraditionen der oberen Kasten anpassen und diese imitieren. Für diesen Vorgang wird der Begriff Sanskritisierung verwendet. Das Kastensystem ist insofern in der Praxis flexibler als in der Theorie.[35]
Entstehung und Alter des Kastensystems

Die Herausbildung des indischen Kastensystems fand nach lange gängiger Einschätzung bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. statt, als das Rigveda entstand. In der Anfangsphase des Rigveda werden zwei Gruppen (Varnas, Sanskrit „Farbe“) nach hellerer und dunklerer Hautfarbe unterschieden. In späteren Texten des Rigveda wird die hellere Gruppe in die drei Schichten Brahma (Priester), Kshatra (Krieger) und Vis (gemeines Volk) eingeteilt.[36]
Diese zeitliche Einschätzung lässt sich nach neueren Untersuchungen nicht halten. Einer 2013 veröffentlichten und auf genetischen Untersuchungen beruhenden Studie[37] über 73 indische Kasten zufolge gab es ursprünglich in Indien zwei getrennte genetische Gruppen: die Ancestral South Indians (ASI) im Süden von Indien und die Ancestral North Indians (ANI) im Norden, die mit den Bewohnern Zentralasiens, den Kaukasiern und den Europäern verwandt sind. Vor 4.200 Jahren begannen sich diese beiden Großgruppen zu vermischen. Dieser Prozess der Vermischung stoppte erst wieder vor 1.900 Jahren und es wurde üblich, nur noch endogam, also innerhalb von Gruppen, zu heiraten.[6] Dieses endogame Heiratsverhalten innerhalb abgrenzbarer Gruppen bietet auch eine Erklärung für das gruppenspezifisch hohe Auftreten bestimmter Erbkrankheiten in Indien.[38][39] Genetisch lässt sich damit die Zeit der Durchsetzung des Kastensystems relativ genau eingrenzen; die vorherige sehr lange Phase weitgehender Vermischung umfasste praktisch alle Regionen, Gruppen und Kasten Indiens, unter Einschluss abgeschiedener tribaler Gruppen[40]. Eine weitere Studie kam zur Auffassung, dass sich die Durchsetzung des Kastensystems auf das – relativ späte – Zeitalter des Guptareiches eingrenzen lasse, welches sich dazu vermutlich auf brahmanische Vorstellungen berief.[41][42] Sie sei in den oberen Kasten recht schnell und in allen Gebieten des Reiches erfolgt, was auf eine politische Anordnung hindeute.[43]
Kastenwesen und Kolonialismus
Das Kastensystem gilt als eine ideale und althergebrachte, theoretische Ordnung. Historisch ging es jedoch auch eine Querverbindung mit dem kolonialisierten und sich modernisierenden Indien ein. Unter dem Generalgouverneur Warren Hastings verfuhren die Briten nach der Annahme, dass es politisch klug wäre, die Inder gemäß deren eigenen Gesetzen zu regieren, dies setzte aber voraus, dieses indische Recht erst einmal zu erfassen und festzuhalten. Um dies zu tun, baten die Briten englischsprachige Brahmanen um ihre Mithilfe, die bei der Ausarbeitung eines Rechtes mitwirkten, das von den Briten für althergebracht gehalten wurde, in vielerlei Hinsicht aber auf Missverständnissen beruhte. So beriefen sich die Brahmanen auf ihre Bücher des Dharmasastra, die unter Rückgriff auf die Veden die Ausarbeitung und Anwendung des Begriffs Dharma regelten, dessen komplexe Bedeutung die Briten aber nicht ansatzweise verstanden. Sie hielten Textaussagen der Dharmasastras für unmittelbar anwendbares religiöses Recht, das für alle Hindus verbindlich war, stattdessen handelte es sich oft eher um ein Feld von theoretischen Annahmen und Überlieferungen mit bisher begrenzter praktischer Bedeutung, die von Hindus unterschiedlich beachtet wurden. Zwar war historisch oft im Namen solcher Texte Recht geübt worden, aber regional eben sehr unterschiedlich gemäß verschiedener Traditionen verschiedener Gruppen. Im Lauf der Zeit wuchs das Misstrauen der Briten gegen ihre an den Gerichten als Berater (sog. Panditas, Pandits) beschäftigten Brahmanen und sie entfernten diese und setzten auf die Fortentwicklung der bereits erreichten Präzedenzfälle durch Juristen, ein Einfluss auf das indische Recht besteht jedoch noch heute.[44] Die Einrichtung dieser kolonialen Gerichte (und anderer Institutionen) erlaubte die Ausdehnung des hierarchischen Denkens der Brahmanen auf periphere Gegenden, wo es zuvor eine geringere Rolle gespielt hatte, insgesamt trug die koloniale Modernisierung des Landes dazu bei, das zuvor regional verwurzelte Kastenwesen von seinen territorialen Einschränkungen zu befreien.[45]
Nach postkolonialistisch orientierter Lesart hat sogar erst der Kontakt mit den Kolonialherren und deren Versuche, die indische Gesellschaft einerseits zu verstehen und andererseits zu beherrschen, dem Kastensystem seine umfassende und gesellschaftsdurchdringende Bedeutung verliehen; das Kastensystem als zentrales Ordnungsmerkmal sei also weniger indisch als gedacht, sondern ohne den Kolonialismus in der heute bekannten Form nicht denkbar gewesen.[46][47][48] Diese Sicht jedoch deckt sich nicht mit neueren Erkenntnissen, die das Entstehen von Kasten als abgegrenzten Heiratsgemeinschaften deutlich in vorkolonialer Zeit sehen. Genetische Analysen konnten tatsächlich nachweisen, dass strenge Endogamie in vielen indischen Gruppen seit sehr langer Zeit – bis zu Jahrtausenden – dominant gewesen sein muss und zu Flaschenhals-Effekten führte; Indien besteht insofern genetisch aus vielen voneinander getrennten Teilpopulationen.[49] Dazu passt, dass bereits vor-europäische Quellen und Quellen aus der Frühzeit europäischer Kontakte mit Indien Hinweise auf damals bereits gesellschaftsbestimmende hierarchische Kastenvorstellungen geben.[50] Wie immer der Einfluss der Kolonialherren zu bewerten ist, welches Bild sie sich von Indien machten und welche Herrschaftsmechanismen sie nutzten, sie fanden so etwas wie Kasten bereits vor. Indien wurde nicht zur Kastengesellschaft, weil die Briten sie als solche wahrnahmen und zu einer machten[51].
Allerdings interagierten sie dann mit der vorgefundenen Gesellschaft. Brahmanen und schriftnahe Gruppen stellten sich schnell auf die Kultur der neuen Herren ein, sie wurden von den Briten in Verwaltung und Militär darum anfangs deutlich bevorzugt, was ihre Stellung stärkte. Der indische Aufstand von 1857 ging jedoch dann von Militäreinheiten aus, die sich gerade aus diesen bevorzugten Kasten rekrutierten, eine Erfahrung, die die Briten dazu bewog als Gegengewicht auch andere Gruppen zu fördern und im kolonialen Militär zu verwenden, was nun deren Aufstieg bewirkte. Die Schaffung überregionaler Märkte durch die Briten erlaubte Gruppen, die dort gefragte Produkte anbieten konnten, gleichfalls ökonomisch aufzusteigen, was auch manchen zuvor benachteiligten Kasten zugutekam, der relativen Position anderer – bislang bessergestellter – Gruppen aber schaden konnte. Durch Sanskritisierung (d. h. Übernahme ursprünglich brahmanischer Bildungstraditionen) konnten die durch die Briten direkt und indirekt aufsteigenden Kasten den erworbenen Status nach außen verdeutlichen. Mit der unter den Briten in der Spätphase ihrer Herrschaft beginnenden demokratisierenden Verlagerung von Macht auf indische Bevölkerungsteile wurden Kastenidentitäten, von der Nationalbewegung ungewollt, eher noch wichtiger, weil sie die Akkumulation von Wählergruppen erlaubten, ein Widerspruch, der Eingang in die Politik des unabhängigen Indien nahm.[52] Die Briten ermöglichten durch ihre verkehrstechnische Erschließung des Landes die Verbreitung brahmanischer Bildungskonzeptionen, in gewisser Weise übernahmen die Briten in den Augen der Brahmanen die Rolle der politisch bestimmenden Kshatriyas, der Brahmanen zur Seite standen. Dass dabei kulturelle Unterschiede bestanden (die Briten bekämpften entschieden von ihnen als barbarisch angesehene Sitten wie die Witwenverbrennung oder Menschenopfer, und aßen Fleisch und tranken Alkohol, was wiederum den Brahmanen nicht gefiel) erschwerte die Zusammenarbeit, war für die Brahmanen, die den Umgang mit der politischen Macht Anderer gewohnt waren, aber nicht gänzlich neu.[53]
Die Briten beeinflussten also das Kastensystem, ebenso wie Brahmanen das Bild der Briten von Indien beeinflusst hatten. Diese Interaktionen jedoch rechtfertigen es nicht, das Kastensystem selbst als ein koloniales Konstrukt zu sehen: Brahmanen hätten in der indischen Geschichte seit dem Gupta-Reich die Herrschaftsideologie beeinflusst, ihr Zusammenspiel mit den Briten passe in dieses Muster. Historische Quellen für das Vorhandensein eines sozial ausgrenzenden Kastensystems vor dem Kolonialismus seien nicht zu übersehen, ebenso wie offenkundig sei, dass von den Briten geschaffene Bildungsinstitutionen sowohl höhere Kasten förderten, wie gleichzeitig das Kastensystem bekämpfende Sozialreformer aus untersten Kasten wie B.R. Ambedkar ausbildeten. Der Kolonialismus hätte insofern auf das Kastensystem unterschiedlich eingewirkt, es aber nicht erschaffen.[54]
Sanskritisierung
Sanskritisierung kann nach dem indischen Soziologen M. N. Srinavas als allgemeines Phänomen gesehen werden, das mit dem Aufstieg von Kasten verbunden ist. Es bedeutet, dass eigentlich nicht-brahmanische Kasten Rituale, Gewohnheiten, Lebensweisen und Bildungstraditionen der Brahmanen übernehmen, ohne selber zu Brahmanen zu werden. Es dient sowohl dem Aufstieg von Kasten wie auch dazu, den Aufstieg nach außen kenntlich zu machen. Es ist nicht identisch mit Brahmanisierung, denn einerseits ist ein wirklicher Übergang zu den Brahmanen nicht möglich, andererseits sind lokal häufig gar nicht die Brahmanen die effektiv höchste und mächtigste Kaste, der niedrigere Kasten sich annähern wollen. Generell lässt sich feststellen, dass sobald eine Kaste sozioökonomisch aufgestiegen ist, ihre Sanskritisierung folgt. Diese setzt die Gegebenheit einer hierarchischen Kastengesellschaft voraus, sucht jedoch danach, den eigenen Platz in dieser Gesellschaft zu verbessern. Merkmale sind die Hinwendung zu einer vegetarischen Lebensweise, oder zumindest die Abkehr von einer Lebensweise und Ernährung, die mit verschiedenen als unrein betrachteten Tieren (wie etwa Schweinen) verbunden ist. Umgehungsmechanismen ermöglichen die Annäherung an ursprünglich brahmanische Traditionen. So kann ein Brahmane bei Ritualen anderer Kasten zumindest anwesend und beteiligt sein, angestimmt werden Mantras auf Sanskrit, die nicht direkt den Veden entstammen, sondern anderen Quellen und vedische Mantras (die allein Brahmanen nutzen dürfen) ersetzen. Sanskritisierung ist dabei auch mit westlicher Modernisierung verbunden, denn als Vermittler zwischen europäischer Bildung und indischer agierten die den Briten nahestehenden Brahmanen. Die Bewunderung für und Erforschung und Erfassung alter Sanskrit-Texte durch westliche Gelehrte wie Friedrich Max Müller wurde erfreut zur Kenntnis genommen und Teil eines indischen Selbstbewusstseins.[55]
Sanskritisierung orientiert sich folglich an den oberen Kasten. Innerhalb der Dalit-Bewegung wird jedoch gerade Orientierung an den oberen Kasten abgelehnt, beziehungsweise bestritten, dass diese für die Verbesserung der Dalits notwendig sei, schließlich sei das Streben nach Besserung allgemein menschlich, es bedürfe dafür keiner Imitation der gehobenen Kasten. Sondern die kulturelle Entwicklung der Dalits müsse aus eigenem Recht und mit eigenen Inhalten stattfinden.[56] Hebung durch Sanskritisierung steht vor allem mittleren Kasten offen, Dalits wird nicht zugestanden, dass sie durch sie vom Merkmal der Unberührbarkeit befreit werden.[57]
Soziale Bedeutung
Die Kastenzugehörigkeit hat in Indien bis heute kulturelle und soziale Auswirkungen auf viele Lebensbereiche und kann das Verhalten der Kastenangehörigen in diesen Bereichen prägen.
Beruf und Partner: Noch heute bestimmt sie weitgehend, wenn auch längst nicht mehr ausschließlich, unter anderem die Partnerwahl (vgl. Endogamie) und die Berufswahl. Auf alles, was „roṭī aur beṭī“ (Hindi „Brot und Tochter“) betrifft, hat die traditionelle Gesellschaftsordnung weiterhin Einfluss. Eheschließungen werden zum großen Teil innerhalb der Kaste organisiert.
Freundschaften: Die Bindung an die eigene Kaste zeigt sich auch in Freundschaften: 24 % der Inder sagen in einer Umfrage des Pew Research Center, dass alle ihre engen Freunde derselben Kaste entstammen, 46 %, dass das immerhin für die meisten ihrer engen Freunde gälte.[58]
Gemeinsame Mahlzeiten: Waren früher grundsätzlich keine gemeinsamen Mahlzeiten erlaubt, weil Hochkastige das gemeinsame Mahl mit Niedrigkastigen als verunreinigend empfanden, ist heute besonders in urbaner Umwelt die traditionelle Trennung zwischen den einzelnen Gesellschaftsgruppen auch in diesem Bereich großteils aufgehoben. In ländlichen Gegenden dagegen finden sich die alten Strukturen noch fester verankert, obwohl ihnen auch hier nicht mehr absolute Gültigkeit zukommt.
Der Verzehr von Speisen und Getränken steht nach wie vor nicht außerhalb der Kastenordnung, sondern ist ein Teil von ihr. Auch in jüngerer Zeit wurden Dalits an Teeständen andere Becher zugewiesen als anderen Kunden, oder es wurde ihnen schlechteres Essen gegeben. Eine Untersuchung zeigte, dass das im südindischen Madurai bei 60 % der Teestände passierte. Die Politik, den Verzehr von Rindfleisch administrativ einzuschränken und damit den Gewohnheiten der höheren Kasten zu folgen, richtet sich gegen die Dalits, die traditionell Rindfleisch essen. Schulessen, das von Dalit-Köchen zubereitet wird, führt lokal zu Widerstand der Angehörigen oberer Kasten, darunter Lehrer.[59] Auf die Frage, ob sie Angehörige niedriger Kasten auch in die eigene Küche lassen würden, antworten 27 % insgesamt mit Nein, darunter Brahmanen mit 52 %. Vermutlich ist die Zahl derjenigen, die Niedrigkastrige nicht in ihre Küche lassen würden tatsächlich höher, da die Befragten wissen welche Antwort von ihnen gesellschaftlich erwartet wird.[60]
Bedeutung heute - Fortbestehen im Heiratsverhalten und parallele Machtstruktur dörflicher Kastenräte
Das Kastensystem ist eine sehr differenzierte Gesellschaftsordnung, die auch eine gewisse Dynamik aufweist. Die Kriterien werden regional recht unterschiedlich gehandhabt, darum wäre es in vielen Fällen besser, von „Kastenwesen“ zu sprechen statt von einem „Kastensystem“. Die Zuordnung einer Person zu einer Kaste sagt wenig über ihren Wohlstand aus. Es handelt sich weitgehend um eine Einteilung nach ritueller Reinheit und Aufgabenbereich, nicht jedoch um „Oberschicht“ oder „Unterschicht“, die sich nach finanziellen Kriterien richtet. Durch jahrhundertelange Ausbeutung findet sich Armut jedoch tendenziell mehr bei Shudras und Unberührbaren, obwohl auch brahmanische Familien, Angehörige der obersten Kaste, wirtschaftlich sehr schlecht gestellt sein können.
Entgegen verbreiteten Annahmen ist das Kastensystem auch während der Industrialisierung stabil geblieben. Unabhängig davon ob Inder in ländlichen oder industrialisierten Bundesstaaten leben oder in den Großstädten, Ehen werden ganz überwiegend innerhalb der Kasten eingegangen. Lediglich 5,8 % der Ehen wurden 2011 kastenübergreifend geschlossen, 19 von 20 Heiraten fanden innerhalb der Kaste statt. In den letzten Jahrzehnten hat sich am Heiratsverhalten diesbezüglich wenig in den etwa 40.000 (!) endogamen Gruppen Indiens geändert.[61] Davon abweichendes Verhalten wird in den Familien teilweise auch mit Gewalt bis hin zum Ehrenmord geahndet.[62] Genauere Betrachtungen zeigen allerdings, dass die geäußerte Einstellung, kastenübergreifende Beziehungen einzugehen, steigt, wenn Wohlstands- oder Statusgewinn zu erwarten ist. 2004 befürworteten noch 60 % in einer Befragung, kastenübergreifende Ehen zu verbieten, Bewohner urbaner Gebiete allerdings nur zu 47 %.[63] All dies vor dem Hintergrund, dass 73 % aller Ehen arrangiert sind und 70 % der Frauen in arrangierten Ehen ihren Mann erst am Tag der Hochzeit kennenlernen. Die Familien spielen bei Eheanbahnungen eine dominierende Rolle. Entgegen den Erwartungen korreliert eine höhere Bildung der Brautleute nicht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine kastenübergreifende Ehe,- sehr wohl aber eine höhere Bildung der Mutter des Bräutigams.[64]
Im ländlichen Raum sind informelle Ältestengerichte oder -räte der Kasten, sogenannte khap panchayats tätig, die Druck ausüben, am althergebrachten Modell festzuhalten.[65] Dazu können auch Ehrenmorde gehören, der indische Staat schaffte es bislang nicht, diese parallele Machtstruktur aufzubrechen.[66][67][68]
Berufszuordnungen
Die ursprünglichen Berufszuordnungen in den Jatis sind heute weitgehend theoretischer Natur, praktisch kann jeder jeden Beruf ausüben. Lediglich ein Bruchteil der Brahmanen ist Priester. Beliebt sind Brahmanen dagegen als Köche in besseren Restaurants, da noch heute einige Höherkastige keine von Niederkastigen zubereiteten Speisen essen würden, wogegen ihre traditionellen Aufgaben, selbst das Priesteramt, heute zuweilen auch von Angehörigen anderer Varnas ausgeübt werden. So werden in staatlich kontrollierten Tempeln Nicht-Brahmanen, sogar Dalits, zu Priestern ernannt[69], das Obergericht von Karnataka in Madras wies die Klage eines Brahmanen ab[70], Beschwerden über Diskriminierungen dieser neuen Priester kommen allerdings auf[71]. Nur wenige Kshatriyas sind tatsächlich Soldaten. K. R. Narayanan war von 1997 bis 2002 der erste Staatspräsident, der aus einer Kaste der ehemals „Unberührbaren“ stammte; Mahatma Gandhi, der Indien in die Unabhängigkeit geführt hat, sowie der wichtige religiöse Führer Swami Vivekananda waren Vaishya. Jedoch gibt es noch Übereinstimmungen ursprünglicher Berufsidentitäten auf lokaler Basis, so etwa die Dhobi oder Wäscher von Benares, wo nach wie vor eine Mehrheit der ehemals „Unberührbaren“ im Wäschereigewerbe ihren Lebensunterhalt verdient. Die traditionellen Kastenräte erfuhren hier eine Modernisierung als quasi-gewerkschaftliche Selbstorganisation.[72]
Nachnamen
In Indien korrelieren viele Nachnamen mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kaste. So sind beispielsweise Sharma oder Banerjee typische Namen der Priesterklasse (Brahmanen), andere Namen lassen darauf schließen, dass der Betreffende mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den Unberührbaren (Dalit) gehört.[73][74]
Heirat
Jatis dienen nicht allein der beruflichen, sondern auch der sozialen und ethnischen Zuordnung. Sie unterscheiden sich innerhalb Indiens je nach Region erheblich. Auf indischen Websites zur Partnersuche finden sich oft Suchfunktionen nach Kastenkriterien, sowohl in Bezug auf die Varna als auch Jati. Auch wenn es im modernen Indien Liebesheiraten gibt, und selbst arrangierte Ehen Kastenschranken überwinden können, so haben doch die traditionellen Regeln ihre Bedeutung überwiegend nicht verloren. Oft beschränken sich Subjatis (Unterkasten) bei der Partnerwahl auf bestimmte andere Subjatis, und so gibt es viele „Heiratsbündnisse“ zwischen einigen Subjatis. Ehen innerhalb von Subjatis mit demselbem Gotra, einem gemeinsamen Vorvater, werden aus Gründen der Inzestverhinderung traditionell strikt vermieden.
Reinheit und Unreinheit
Für die Hierarchie zwischen verschiedenen Jatis spielen die Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit eine große Rolle. Als besonders rein gelten Brahmanen, die Priesterkaste, als besonders unrein hingegen jene Jatis, die mit unreinen Berufen zu tun haben, wie zum Beispiel die Wäscher,[75] Friseure und Müllbeseitiger. Die reinen Kasten sind bestrebt, sich möglichst von den unreinen Kasten fernzuhalten. Aus diesem Grund wird heute noch Unberührbaren oftmals der Zugang zu Tempeln verwehrt. Allerdings ist strikte Separation nur in ländlichen Bereichen möglich, da man im städtischen Umfeld über die Kaste einer anderen Person nur informiert ist, wenn man sie persönlich oder wenigstens den Namen, ein wichtiges Kriterium der Jati, kennt. Außerdem folgt das Zusammenleben in Städten anderen Regeln als auf dem Lande, und das tägliche Leben dort macht eine stete räumliche Trennung fast unmöglich. Für das gemeinsame Essen in Betriebskantinen beispielsweise sind Kriterien wie rituelle Reinheit schwer durchsetzbar. Subtile Mechanismen und daraus entstehende Konflikte bestehen allerdings, so folgt die Betonung eines strikt vegetarischen Kantinenessens sehr wohl den Vorstellungen der höheren Kasten[76]. Zwischen den lokalen Gruppen „bildet sich eine Reinheitsskala, die trotz der Unterschiedlichkeit der in ihr wirksamen Begründungen fast immer weitgehend deckungsgleich zu dem Gefälle an Macht und Einkommen zwischen den Kasten verläuft.“[77]
Unberührbare Kasten - Dalits
Die westlichen Vorstellungen von „Kastenlosen“ (Paria) beruhen initial auf Berichten von Europäern über das Kastensystem. Dabei ist der französische Missionar (und Indologe) Abbé Dubois zu nennen, der als Missionar im südindischen Mysore tätig war. Der französische Geistliche erkannte die Bedeutung des indischen Kastenwesen und bewertete es vorsichtig positiv. Es hätte Indien vor der Barbarei geschützt, da es jedem Einzelnen seinen Platz im Leben zuweise.[78] Dubois beschrieb die Kasten, ihm fiel jedoch auch auf, dass unterhalb der Shudras noch andere Gruppen standen, die so behandelt würden, als seien sie geradezu eine andere Art von Wesen. Sie würden wie geborene Sklaven behandelt, dürften kein Land besitzen und müssten die schwersten Arbeiten für minimalen Lohn verrichten. Stünde er, Dubois, vor der Wahl Sklave in einer europäischen Kolonie zu sein oder ein solcher Paria in Indien, er zöge das erste Schicksal vor. Dabei verrichteten diese Personen den Großteil der Arbeit, ohne sie wäre Landwirtschaft kaum möglich. Sie ertrügen ihr Los klaglos, dabei würden sie außerordentlich schlecht behandelt, insbesondere von den Brahmanen. Jeder Kontakt mit ihnen, auch der leiseste, sei beschmutzend und fordere Reinigungsrituale und würde ein Brahmane eine Beschmutzung sehen (die darin bestehen könnte, dass ein Unberührbarer es wagte eine Straße zu betreten, in der Brahmanen wohnten), so würde er den Schuldigen nichtmal selber verprügeln, da ihn das erneut verunreinigen würde, sondern er würde die körperliche Züchtigung befehlen. In die Häuser von Shudras hingegen dürften sie manchmal so weit gehen, wie auch das Vieh es dürfe. Da sie nichts zu verlieren hätten, seien sie im Verhalten unmoralisch, ihre Frauen verprügelten sie regelmäßig. Sie ernährten sich von bereits verderbenden Lebensmitteln, darunter das Fleisch verendeter Tiere, dessen Geschmack sie in ihren Speisen übertönen müssten. Dubois beschrieb unterschiedliche Gruppen der Unberührbaren.[79] Dubois sah angesichts der Beharrungskraft des seiner Ansicht nach unveränderlichen Kastensystems (er führte den Terminus „Kastensystem“ ein) und der Dominanz der Brahmanen wenig Chancen, viele Inder zum Christentum zu bekehren, seine grundsätzlichen Auffassungen prägten die Sicht der Briten und Europäer von Indien.[80] Die Beobachtungen der schlechten Behandlung der Unberührbaren gelten als korrekt, nicht als orientalistische Imagination. Gefragt wird jedoch, ob es sich dabei zum Zeitpunkt der Beobachtung durch Europäer um eine althergebrachte Erscheinung, oder im Ausmaß um eine relativ neue handelte.[81]
Der chinesische Reisende Faxian berichtete allerdings schon früh von Chandala, die außerhalb der Ortschaften leben müssten.[82] Xuanzang machte ähnliche Beobachtungen, er berichtete von Menschen die als Abdecker oder Henker arbeiteten und außerhalb lebten, bei Betreten der Stadt mussten sie sich bemerkbar machen, so dass ihnen ausgewichen werden konnte.[83]
Echte „Kastenlose“ gibt es kaum. Die so genannten „Unberührbaren“ sind Angehörige der niedrigsten Kasten beziehungsweise Unterkasten, wovon wahrscheinlich über 3000 existieren.
Für diese Unberührbaren waren zahlreiche Bezeichnungen üblich, das weltweit verbreitete Paria leitet sich von einer spezifischen südindischen Unterkaste (Paraiyar) ab. Dalits – wie sie selbst sich bevorzugt nennen – machen bis zu 20 % der indischen Bevölkerung aus.[84][85] Erste Schulen für die Unberührbaren wurden ab den 1840ern mit administrativer Unterstützung der britischen Kolonialherren von christlichen Missionaren gegründet, - und damit wurde in Indien erstmalig die „radikale Idee“ vertreten, dass Bildung auf Dalits ausgedehnt werden sollte. Aus diesen ersten Generationen von gebildeten Dalits kamen jene Aktivisten und Intellektuellen, die begannen eine grundsätzliche Verbesserung ihrer Position zu fordern, ohne die britische Kolonialherrschaft wäre das – so eine sehr skeptische Einschätzung – möglicherweise nie passiert.[86]
Auch innerhalb der Unberührbaren gibt es Jatis mit unterschiedlichem Status, Konflikte zwischen Jatis und Diskriminierung unterer Jatis, die brahmanische Sicht einer harten Hierarchie wird gewissermaßen außerhalb des Varna-Systems gespiegelt.[87] Unter den Dalits gibt es Priester-Kasten, die eine gewisse Mittelstellung haben, die ihnen in Grenzen erlaubt auch mit Kastenindern umzugehen, da sie als Heiler der Volksmedizin gelten und ihnen besondere Kräfte zugeschrieben werden, dabei grenzen sie sich von besonders niedrigen Unberührbaren ab.[88]
Seit der indischen Unabhängigkeit werden den Angehörigen unberührbarer Kasten und der Stammesbevölkerung (Scheduled Castes und Scheduled Tribes) bestimmte Quoten bei der Besetzung von Stellen in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungswesen zugestanden. Dies hat dazu geführt, dass in diesem Bereich Unberührbare nicht mehr benachteiligt, sondern bewusst gefördert werden. Auch in der Politik hat sich einiges verändert: Der erste Staatspräsident aus einer unberührbaren Kaste war K. R. Narayanan, der von 1997 bis 2002 amtierte. Es hat sich aber gezeigt, dass die formale Emanzipierung von Mitgliedern niedriger Kasten noch nicht überall in dem Maße zu einer Emanzipierung im sozialen Leben beitrug.
Der in Indien auch gebräuchliche Begriff Harijan für Unberührbare stammt von Mahatma Gandhi. Er bedeutet wörtlich in etwa „Kind Gottes“ oder präziser „Vishnu-geboren“. Die offizielle Bezeichnung für Unberührbare ist Scheduled Castes. Der vom Reformer B. R. Ambedkar genutzte Begriff Dalit für Unberührbare hat eine eher kämpferische Konnotation und bedeutet „Unterdrückte, Ausgebeutete“. Ambedkar lehnte den Begriff Harijan strikt ab, da er ihn als Ausdruck des Versuches sah, das Kastensystem durch Hilfestellung für die Unberührbaren lediglich zu verbessern, er jedoch seine vollständige Abschaffung und Überwindung anstrebte[89].
Ambedkar selbst trat mit zahlreichen Dalits zum Buddhismus über, da er wenig Vertrauen in die Reformfähigkeit des Hinduismus hatte. Diese neo-buddhistische Bewegung ist klar gegen das Kastensystem ausgerichtet. Die meisten Angehörigen des Neo-Buddhismus sind ehemalige Angehörige unberührbarer Kasten. Auch das Christentum ist bei vielen Dalits und der so genannten Stammesbevölkerung relativ stark vertreten.
Andere benachteiligte Gruppen
1953 wurde eine Kommission eingesetzt, die neben den amtlich erfassten Stämmen und Kasten (Scheduled Tribes und Scheduled Castes, abgekürzt ST und SC) „weitere rückständige Klassen“ (Other Backward Classes, OBC) identifizieren sollte. Die Liste von 2399 other backward classes, die diese Kommission 1955 vorlegte, fand jedoch damals nicht den Zuspruch der Regierung. 1979 wurde eine zweite Kommission beauftragt, die unter dem Namen Mandal-Kommission bekannt wurde. Sie legte 1980 ihren Bericht vor, der 3743 other backward classes auflistete und Vorschläge zur Förderung dieser Gruppen beinhaltete. Diese Vorschläge wurden 1982 vom Parlament angenommen. 1990 wurde ein Memorandum erlassen, das die Reservierung von Stellen im öffentlichen Dienst für die ST, SC- und OBC-Kategorie auf insgesamt 49,5 % erhöhte (ST 7,5 %, SC 15 %). Der Versuch, die Vorschläge der Mandal-Kommission bundesweit in die Tat umzusetzen, führte jedoch zu massiven Protesten vor allem in Nordindien. Studenten der Mittelschicht demonstrierten, verbrannten sich öffentlich und zündeten Busse an. In Südindien – vor allem in Tamil Nadu – hingegen wurden die Regelungen weitgehend umgesetzt.
2006 lösten Bestrebungen, diese Regelungen auch auf die indischen Eliteuniversitäten – die IITs (Indian Institute of Technology), die IIMs (Indian Institute of Management) und das AIIMS (All India Institute of Medical Sciences) – anzuwenden, massive Proteste und Hungerstreiks aus. Diskriminierungen aufgrund der Kastenzugehörigkeit sind an diesen Universitäten heute allgegenwärtig.[90]
Diskriminierung nicht-hinduistischer Kastenloser
Diese besondere Förderung der benachteiligten Kasten wurde zunächst nur den hinduistischen Kastenlosen zugestanden und später auf Buddhisten und Sikhs erweitert. Alle anderen religiösen Gruppen, darunter auch Christen und Moslems, blieben ausgeschlossen.[91] Im Dezember 2009 präsentierte die „Nationale Kommission für religiöse und sprachliche Minderheiten“ (NCRLM) in der Lok Sabha, dem indischen Parlament, einen Bericht mit der Empfehlung zur Änderung des Gesetzes zur Förderung benachteiligter Kasten von 1950.[92] Erstmals seit der Unabhängigkeit Indiens diskutierte das indische Parlament über die rechtliche Gleichstellung aller Kastenlosen. Inzwischen beschäftigt sich der Oberste Gerichtshof mit dem Thema.[93]
Christliche und muslimische Kasten, Kastenwesen unter Sikhs
Obwohl das Christentum das Kastenwesen offiziell ablehnt, ist es unter christlichen Indern gelebte Realität,[94] so etwa in Kerala. So gibt es selten Heiraten zwischen Angehörigen der unteren und denen der oberen Kasten. Oft sitzen sie sogar in Kirchen getrennt und selbst auf dem Friedhof werden sie auf verschiedenen Plätzen begraben.[92]
Das jahrhundertelange Zusammenleben zwischen indischen Muslimen und Hindus hat trotz der prinzipiell auf sozialer Gleichheit aller Muslime ausgerichteten muslimischen Gesellschaftsform dazu geführt, dass sich auch unter Muslimen in Indien und Pakistan im Alltag ein Kastenwesen entwickelt hat. Besonders die Wahl der jeweiligen Ehepartner innerhalb der eigenen Kaste ist von großer Bedeutung.[95] Das Kastenwesen unter Moslems wird natürlich nicht hinduistisch begründet, aber ähnlich dem bei aufstiegsorientierten Hindukasten beobachteten Phänomen der Sanskritisierung (Übernahme brahmanischer Bildungstraditionen und Verhaltensweisen) gibt es den vergleichbaren Vorgang der Ashrafisierung, die Übernahme spezifischer islamischer Traditionen und Herkunftsvorstellungen. Indische Moslemkasten lassen sich unterteilen in Ashrafs, Ajlafs und Arzals. Die hochgestellten Ashrafs behaupten von sich, entweder vom Propheten Mohammed selbst oder seinen arabischen Gefährten abzustammen, oder von zentralasiatischen oder afghanischen Moslems. Bereits sie unterteilen sich in zahlreiche Unterkasten. Die Ajlafs sollen von unterworfenen Hindus abstammen, die zum Islam konvertierten, gleichzeitig aber zuvor nicht den unberührbaren Kasten angehörten, sondern als rein angesehenen Berufen. Die Arzals wiederum sollen von unberührbaren Dalits abstammen. Durch fortgesetzte und nach außen getragene, ostentative Identifikation mit dem Islam und Abgrenzung von Hindus versuchen niedere Moslemkasten sich den höheren Ashrafs kulturell gleichwertig zu machen.[96]
Auch unter Sikhs spielen Kasten eine Rolle. Obwohl die Gründerfiguren des Sikhismus ebenso wie religiöse Texte sich deutlich vom Kastenwesen distanzierten, hat es im tatsächlichen Leben der Sikhs Bedeutung. Zwar kennen Sikhs keine den Brahmanen analoge Priesterklasse und in ihren religiösen Begegnungsstätten wird darauf geachtet, dass alle gemeinsam essen, ohne sehen zu können, wer genau das Essen kocht, was die Beachtung kastenspezifischer Reinheitsvorschriften ganz bewusst erschwert. Im Heiratsverhalten und im alltäglichen Leben spielt Kaste dennoch eine Rolle, ländliche Gurdwaras im Punjab können lokal einzelnen Kasten zuzuordnen sein. Die landbesitzenden Jats sind von herausgehobener Stellung und dominieren das politische Leben der Sikhs, dies wirkt sich auch auf die Behandlung der Dalits aus.[97] Kastendenken ist auch unter eingewanderten Sikhs in Großbritannien aufzeigbar, so bestehen Konflikte zwischen den hochgestellten Jats und den ihnen in Indien einst unterstellten Ramgarhias, einer Tischlerkaste und den Ravidassias, einer niederen Kaste mit Herkunft in der Lederverarbeitung.[98]
Paradoxe Erhaltung des Kastendenkens durch die staatlichen Versuche es zu überwinden
Die Politik der positiven Diskriminierung hat in Indien nach Ansicht des Wissenschaftlers Purushottam Agrawal das Kastenwesen in die Gesellschaft zementiert.[99]
Shashi Tharoor stimmt dem partiell zu: Er selbst sei von seinen Eltern in bewusster Unkenntnis der eigenen (gehobenen) Kaste erzogen worden, mittlerweile sei aber eine Gegenbewegung zu erkennen, die die Kastenzugehörigkeit wieder viel stärker betone. Denn die Privilegierung von Dalits und OBC-Kasten etwa bei Einstellung oder Bildungszugang habe paradoxerweise dazu geführt, dass nun zunehmend Gruppen und Personen darum konkurrierten, wer vom Kastensystem früher stärker unterdrückt worden sei, um Anspruch auf stärkere Förderung heute zu haben. Das verfestige Kastenidentitäten eher als sie aufzulösen. Auch politisch könne sich die Adressierung von Kasten-Identitäten durch Wählergewinnung auszahlen. Und längst etablierte und gehobene Familien aus niedrigeren Kasten, die sozial und wirtschaftlich den Aufstieg in die Eliten geschafft hätten, profitierten weiterhin von gesetzlichen Fördermaßnahmen. Gleichzeitig bestünde neben diesen neuartigen Verschiebungen in der Privilegierung das alte Kastensystem fort, und unterdrücke insbesondere auf dem Land weiterhin die traditionell niedrigen Kasten.[100]
Sri Lanka
Im Kastensystem in Sri Lanka wird die Kastenzugehörigkeit nicht nur von der tamilischen Bevölkerungsgruppe beachtet, sondern auch von den buddhistischen Singhalesen, die jedoch die Kaste der Unberührbaren nicht kennen. Der Buddhismus bietet jedoch keine religiöse Legitimation des Kastensystems, wie dies beim Hinduismus der Fall ist. Es gibt aber auch keine eindeutige Opposition gegen das Kastensystem.
Bali
Auf Bali wurde zwar das vierteilige Varnasystem übernommen, dennoch gibt es deutliche Unterschiede zum indischen Kastensystem. Auf Bali gibt es die Brahmana, Satria, Wesia und Sudra. Die Zweimalgeborenen heißen Triwangsa. In Bezug auf gesellschaftlichen Status spielt die Majapahit-Einwanderungslegende eine wichtige Rolle. Das Pendant zu der indischen Jati bildet die Dadia, die Titelgruppe. Diese Titel haben jedoch im Gegensatz zu Indien nichts mit Berufen zu tun. Im Wettbewerb um Prestige wird der relative Status einer Titelgruppe durch Zeremonien signalisiert und etabliert. Auf Bali gibt es keine Unberührbarkeit, eingeschränkte Kommensalität (gemeinsames Essen) gibt es nur in den höheren Rängen.
Japan
In Japan gab es die Kaste der Burakumin, deren Vorfahren in als unrein angesehenen Berufen arbeiteten. Ethnisch und religiös unterscheiden sie sich nicht von anderen Japanern, denen sie mittlerweile rechtlich gleichgestellt sind. Dennoch bestehen gesellschaftliche Diskriminierungen fort.
Korea
In Korea gab es über Jahrhunderte die Minderheit der Paekchŏng, die auf unterster Ebene der Gesellschaft standen, noch unter den Sklaven, deren Status immerhin abänderbar war. Sie lebten in abgesonderten Wohngegenden, waren häufig Schlachter (was im buddhistischen Korea als keine anständige Arbeit angesehen wurde) oder hatten sonst mit toten Tieren zu tun und wurden auch zwangsweise als Henker eingesetzt. Sie waren verpflichtet den anderen Bevölkerungsgruppen jederzeit große Unterwürfigkeit zu zeigen, sogar deren Kindern, ihre Toten mussten sie abgesondert beerdigen. Ihre Herkunft ist unklar, sie wurden aber als fremd wahrgenommen. Sie hätten mit den feindlichen Kitan zusammengearbeitet, und auch mit den Mongolen. Sie unterlagen keinem Zensus und durften nicht zum Militärdienst herangezogen werden und niemanden außerhalb ihrer Gruppe heiraten. Für sie galten besondere Bekleidungsvorschriften. In der Yi-Dynastie gab es Versuche sie durch politische Anordnungen der restlichen Bevölkerung anzugleichen, diese Versuche scheiterten jedoch und ihr rechtlicher Status verschlechterte sich nach zeitweiser Verbesserung wieder deutlich. Erst die unter japanischem Druck erfolgten Gabo-Reformen besserten ihre Lage, die Reformen wurden in Bezug auf diese Unterkaste jedoch nur zögerlich umgesetzt und von der Bevölkerung nur widerwillig angenommen.[101]
Jesiden
Die religiöse Ethnie der Jesiden kennt drei Hauptkasten, die Scheichs, die Pîren und die Mirîden. Pîren und Scheichs sind Priesterkasten mit religiösen Aufgaben, die Mirîden sind Laien. Die Jesiden sind endogam als Großgruppe, heiraten also keine Nicht-Jesiden, und auch ihre drei Kasten - die bei Pîren und Scheichs wiederum Subkasten kennen, die gleichfalls endogam sind - heiraten untereinander nicht. Die drei Kasten sind gleichberechtigt.[102]
Frankreich und Spanien
Im westlichen Frankreich und den Pyrenäen sowie im Norden Spaniens wurde über Jahrhunderte hinweg die Gruppe der Cagots (in Spanien Agotes genannt) unterdrückt und von der restlichen Gesellschaft abgelehnt, so sehr dass Cagots nur unter sich heiraten konnten, nur in bestimmten Berufen tätig werden durften und abgesondert von den Anderen leben mussten. In Kirchen durften sie nur durch bestimmte und sehr kleine Türen eintreten, auf Friedhöfen lagen ihre Gräber von der Normalbevölkerung getrennt. Für sie galten besondere Bekleidungsvorschriften, die sie als Cagots auswiesen. Die Ursprünge dieser Gruppe liegen im Dunkeln, genauso wie die Gründe ihrer Ausgrenzung. Vermutungen, es habe sich bei ihnen um Nachfahren von Sarazenen oder Westgoten gehandelt, gelten heute als substanzlos. Die Cagots wurden allerdings in einem Schreiben des französischen Königs Karl VI. erwähnt, in dem der König seinen Beamten in der Gascogne Anweisung gab, auf ihre strenge Ausgrenzung zu achten, weil sie „an einer Krankheit erkrankt sind, die eine Art Lepra ist, [...] und isoliert leben müssen, damit die gesunden Menschen nicht davon infiziert oder verdorben werden“. Offenbar brachte man sie mit Lepra zusammen, wobei im Mittelalter davon ausgegangen wurde, dass Lepra sowohl erblich sei, wie auch in milderen Ausprägungen und bei unklarer Symptomatik vorkommen könne. Dass die Cagots tatsächlich Leprakranke waren oder von ihnen abstammten, gilt als falsch. 1515 wehrten die Cagots sich per Schreiben an den Papst (vergeblich) gegen ihre Unterdrückung, und gaben an, diese sei auf ihre Teilnahme an den Rebellionen der Grafen von Toulouse, auf die mit dem Albigenserkreuzzug geantwortet wurde, zurückzuführen. Sie seien aber längst wieder zur Kirche zurückgekehrt, so dass der Grund für ihre schlechte Behandlung fortgefallen sei. Die vom Papst daraufhin angeordnete Untersuchung hatte ebenso wie eine bischöfliche Anweisung, die schlechte Behandlung der Cagots aufzuheben, keine Wirkung, die Bevölkerung – weniger die Obrigkeit – hielt an ihrer Ausgrenzung bis ins 19. Jahrhundert fest, und zwar auch dann, wenn höhere Adlige versuchten ihnen zu helfen und sich für sie einsetzten. Cagots spielten eine Rolle in der Holzverarbeitung, als gefragte Zimmerleute wurden sie auch für den Adel und die Kirche tätig. Berufe in der Lebensmittelverarbeitung waren ihnen untersagt. Die Unterdrückung de Cagots wurde mit ihrem unterschiedlichen Aussehen begründet, der Arzt Guy de Chauliac wies ihnen 1363 üblen Körpergeruch (wenn nicht gar Gestank), wulstige Augenbrauen und einen Blick „ähnlich dem eines wilden Tieres“ zu. Es gibt aber keine Hinweise, dass sie sich von der restlichen Bevölkerung unterschieden, das Parlement von Toulouse fand 1600 keine Unterschiede zu anderen Menschen. Ihre Ausgrenzung wird heute mit mittelalterlicher Ausformung der Gesellschaft begründet, in der Arme an den Rand gedrängt und zu einer Gruppe gemacht worden seien, worauf ihre Ausgrenzung verfestigt und kodifiziert worden sei.[103] Ihre Existenz zog sich über Jahrhunderte: Für 1288 wurde das erste Mal das Wort Cagot belegt (Hinweise auf Ausgrenzung unter anderen Namen gab es bereits deutlich vorher), 1514 beschwerten sie sich vergeblich bei Papst Leo X., 1491, 1495, 1522 und 1530 gab es Vertreibungen in der Gascogne, 1787/1788 gab ihnen das Edikt von Versailles gemeinsam mit Juden und Protestanten das staatliche Bürgerrecht, 1819 wurde ihre Diskriminierung auch im spanischen Navarra aufgehoben, das letzte Wohnviertel Bozate im baskischen Arizkun bestand noch bis ins zwanzigste Jahrhundert[104]. 1724 nahm sich der Aufklärer Montesquieu ihrer an, als er für das Parlement von Bordeaux als Richter gegen lokalen Widerstand die Durchsetzung eines Urteils forderte, dass den Cagots in Biarritz recht gegeben und ihnen Zutritt zu Versammlungen und Kirchen zugesprochen hatte[105]. Heinrich Heine erwähnte sie mitfühlend 1841 in seinem Gedicht Atta Troll[106]. Im Gefolge der Französischen Revolution besserte sich ihre Lage, Cagots sollen in ihr Archive mit ihren Stammbäumen bewusst zerstört haben, heute gelten sie als verschwunden[107].
Afrika
Das Kastensystem auf Madagaskar geht auf die königliche Familie der Merina zurück. Durch Christianisierung und Kolonialisierung verloren die Andriana offiziell an Einfluss. Dennoch gehören die Angehörigen des Rats der Könige und Fürsten von Madagaskar bis heute zur privilegierten Oberschicht und es gab 2011 Bestrebungen, die Monarchie wieder einzuführen.
Die frühere Gesellschaftsordnung der Dizi, einer kleinen Ethnie in Südwest-Äthiopien, wurde als striktes hierarchisches System von drei freien und drei abhängigen Kasten analysiert.
Sonstige
Vorwiegend durch Kasten geprägte Gesellschaften sind bei einigen Volksstämmen im übertragenen Sinne anzunehmen, in der Neuzeit sonst nicht mehr vorhanden. Doch können in nach sozialen Schichten und Funktionen reich untergliederten und sehr durchlässigen – d. h. mobilen – Gesellschaften einzelne Gruppierungen ausgeprägte „Kastenzüge“ aufweisen, so zum Beispiel im Klerus, im Offiziersstand, als Kader einer Diktatur. Sie werden dann meistens als andere soziale Muster ausgedeutet.
Im 21. Jahrhundert wird der Kastenbegriff von Isabel Wilkerson in ihrem 2020 erschienenen, viel beachteten Buch Caste: The Origins of Our Discontents auch auf unsere Gesellschaft angewandt, weil diese jenseits von Rasse, Klasse oder Geschlecht ähnlich wie ein Kastensystem geprägt sei. Denn die global herrschenden Eliten grenzten und kapselten sich mithilfe eines ethnisch-sozialen Rassismus ab. Wilkerson arbeitete folgende Herrschaftsprinzipien heraus:[108]
- Erbfolge,
- strenge Auswahl der Zulassung bzw. Endogamie,
- Förderung harter gesellschaftlicher Hierarchien,
- angebliche Reinheit und angeborene Überlegenheit der Mitglieder,
- Entmenschlichung und Stigmatisierung der anderen,
- Gewalt und Terror zur Abgrenzung.
Siehe auch
- Casta (Lateinamerika): Kastensystem im kolonialen Lateinamerika
- Kastenbasierte Prostitution
Literatur
- Dirk Bronger: Das Kastenwesen - die Identität Indiens? (= Asien - Wirtschaft und Entwicklung, Bd. 7). LIT, Münster 2021, ISBN 978-3-643-14102-6.
- Isabel Wilkerson: Caste: The Origins of Our Discontents, Allen Lane; 1. Edition 2020, ISBN 978-0-241-48651-1.
- Susan Bayly: Caste, Society and Politics in India from the Eighteenth Century to the Modern Age (= The New Cambridge History of India. Band 4 = The Evolution of Contemporary South Asia. Band 3). Reprint, Paperback Edition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2001, ISBN 0-521-79842-6.
- Monika Böck, Aparna Rao: Aspekte der Gesellschaftsstruktur Indiens: Kasten und Stämme. In: Dietmar Rothermund (Hrsg.): Indien. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39661-5, S. 112–131.
- Louis M. Dumont: Gesellschaft in Indien. Die Soziologie des Kastenwesens. Europaverlag, Wien 1976, ISBN 3-203-50558-4.
- Christophe Jaffrelot: India's Silent Revolution. The Rise of the Lower Castes in North India. Columbia University Press, New York 2003, ISBN 0-231-12786-3.
- Stefan Schütte: Kastenorganisation und die Politik von Kaste. Selbstbestimmung unberührbarer Arbeit am Beispiel der Wäscher von Banaras (Indien), in: Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft III/2016, S. 7–26.
- M. N. Srinivas: Caste in Modern India and Other Essays. Asia Publishing House, Bombay u. a. 1962.
Weblinks
- Kaste und Kastensystem in Indien. Bundeszentrale für politische Bildung, 2007
- Jürgenmeyer, Clemens; Rösel, Jakob: Das Kastensystem: Hinduismus, Dorfstruktur und politische Herrschaft als Rahmenbedingungen der indischen Sozialordnung. Südasien-Institut Heidelberg, 1998, abgerufen am 9. Februar 2014.
- Uwe Skoda: Kaste, das Kastensystem und die Scheduled Castes. In: Informationsportal zu Südasien. Südasien-Informationsnetz e. V., 18. Oktober 2003, abgerufen am 14. November 2013.
Einzelnachweise
- ↑ Isabel Wilkerson: Kaste. Die Ursprünge unseres Unbehagens. Kjona, München 2023.
- ↑ Frank Thieme: Kaste, Stand, Klasse. In: Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-13410-5, S. 221–245, doi:10.1007/978-3-658-13411-2_10.
- ↑ Dirk Bronger: Das Kastenwesen - die Identität Indiens? (= Asien - Wirtschaft und Entwicklung. Band 7). LIT, Berlin Münster 2021, ISBN 978-3-643-14102-6.
- ↑ Kelsey Jo Starr, Neha Sahgal: Measuring caste in India. In: Pew Research Center. 29. Juni 2021, abgerufen am 17. April 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Hussain, Ruqaiya & Shah, Ahsana & Fareed, Mohd & Afzal, Mohammad: Gene Diversity Analysis and Microdifferentiation Process in North Indian Muslim Populations. in: Antrocom Online Journal of Anthropology. Bd.9. Ausgabe 1, 2013, S,16
- ↑ a b Meldung: Erbgut-Analyse: Indiens Kastengesellschaft entstand vor 1900 Jahren. In: Spiegel Online. Hamburg, 9. August 2013, abgerufen am 13. August 2013.
- ↑ S. Radhakrishnan: Die Bhagavadgita R. Löwit Verlag, Wiesbaden
- ↑ Avatthi Ramaiah: (Ab-)Gründe des Kastenwesens: Der Begriff der Kaste: Theologische Perspektiven. In: Südasien. Band 33, Nr. 1, 2013, ISSN 2749-0254, S. 21–25, doi:10.11588/sueas.2013.1.16254.
- ↑ Marina Rimscha: Selbst Schuld: Unberührbarkeit im Hindu-Recht. In: Südasien. Band 33, Nr. 1, 2013, ISSN 2749-0254, S. 17–20, doi:10.11588/sueas.2013.1.16252.
- ↑ Patrick Olivelle, Suman Olivelle: Manu's code of law: a critical edition and translation of the Manava-Dharmasastra (= South Asia research). Oxford University Press, Oxford ; New York 2005, ISBN 978-0-19-517146-4, S. 5 ff.
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A page from the manuscript Seventy-two Specimens of Castes in India, which consists of 72 full-color hand-painted images of men and women of the various castes and religious and ethnic groups found in Madura, India at that time. Each drawing was made on mica, a transparent, flaky mineral which splits into thin, transparent sheets. As indicated on the presentation page, the album was compiled by the Indian writing master at an English school established by American missionaries in Madura, and given to the Reverend William Twining.
The manuscript shows Indian dress and jewelry adornment in the Madura region as they appeared before the onset of Western influences on South Asian dress and style. Each illustrated portrait is captioned in English and in Tamil, and the title page of the work includes English, Tamil, and Telugu.