Jürgen Radel

Juergen Radel
Jürgen Radel (2019)

Jürgen Radel (* 16. Dezember 1975 in Aachen) ist ein deutscher Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin. Er lehrt insbesondere im Schwerpunktbereich „Personal und Organisation“.

Leben

Nach seinem Abitur am Pius-Gymnasium Aachen, studierte er Betriebspädagogik, Psychologie, sowie Wirtschaft- und Sozialgeschichte an der RWTH Aachen. Neben seiner ersten beruflichen Tätigkeit bei der Viega GmbH & Co. KG, Attendorn, promovierte er extern, am Institut Technik und Bildung (ITB), der Universität Bremen, wo er im Jahr 2010 mit „magna cum laude“ im Themenfeld „Change-Management“ abschloss.

Nach der Promotion wechselte er als Prokurist zu Leschaco, einem Logistik-Dienstleister in Bremen. In Bremen war er Mitglied der Wirtschaftsjunioren Bremen.

Im Jahr 2014 erhielt er einen Ruf an die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin. Seit 2023 ist er Mitglied des NTL Institute for Applied Behavioral Science[1].

Forschung und Lehre

In der Forschung beschäftigt sich Jürgen Radel mit dem Thema Change-Management und dem Widerstand gegen Veränderungen, die aufgrund von Dynamik in Gruppen entstehen oder verstärkt werden können.

Durch den Einsatz von „experiential learning“ lässt er Teilnehmende an seinen Kursen konkrete Effekte, etwa im Zusammenhang mit Widerstand gegen Veränderung, im Hier und Jetzt erleben, anstatt abstrakt zu diskutieren. Für diesen Ansatz wurde er hochschulintern mit dem „Preis für gute Lehre“ ausgezeichnet.[2] Neben der Forschung im Bereich Change-Management ist er zusammen mit Michael Müller-Vorbrüggen Mitautor eines Buches zu Personalentwicklung.[3]

Experience Centered Teaching/Training Approaches (ECTA)

Gemeinsam mit dem an der FH des BFI Wien tätigen Kollegen, Roland Schuster, hat er den Ansatz der Experience Centered Teaching/Training Approaches (ECTA) entwickelt, bei dem es darum geht, die Polarität zwischen klassischen Lehr-Lernformaten und gruppendynamischem Erleben zu erforschen.[4]

Ein Ziel von ECTA ist es, den Ansatz der Harvard Business Cases[5][6][7][8][9][10][11][12][13] weiterzuentwickeln und Cases aus der aktuellen Situation, in der sich die Lernenden und Lehrenden (ebenso als Lernende) im Hier und Jetzt befinden, gemeinsam zu entwickeln. Dadurch entsteht eine emotionale Beziehung in Echtzeit zu den aus und von der Gruppe entwickelten Cases. Diese dann kognitiv zu erforschen, ist Aufgabe der Gruppe, womit sich der Ansatz dem einer Trainingsgruppe (T-Gruppe) ähnelt, ohne aber vergleichbare starke emotionale Reaktionen hervorzurufen, die in Trainingsgruppen entstehen können. Dadurch findet der Ansatz auch im Unternehmenskontext Akzeptanz, wo etwa Widerstand von Führungskräften untersucht wird.[14]

Um gezielt Emotionen zu erzeugen und Handlungen einer Gruppe analysieren zu können werden, je nach Zielgruppe, unterschiedliche Interventionen eingesetzt.[15]

49-Punkte-Übung

Eine der bekannteren und veröffentlichten Interventionen, die „49-Punkte-Übung“,[16][15][17] führt dazu, dass sich Studierende im realen Dilemma befinden, ob sie ein vermeintliches Geschenk, 49 Punkte in einer Klausur, annehmen sollten oder nicht. Die Intervention ist darauf ausgelegt, verschiedene gruppendynamische Elemente zu verdeutlichen. Dazu gehören unter anderem:

  • Gruppendruck
  • Individuelle Werte
  • Competing Commitments
  • Bürokratie und die Rolle von Autoritäten

Ziel ist es, den Lernenden zu einer tiefen Reflexion der eigenen Rolle in einer Gruppe, eigenen Werten und der Wechselwirkung mit übergeordneten Systemen zu verhelfen.

The Candy Box Intervention

Diese Übung basiert auf einer Installation von Hans-Peter Feldmann aus der Ausstellung One-on-One[18] am KW Institute for Contemporary Art in Berlin. In der Originalinstallation steht eine Schachtel mit Milky-Way-Riegeln in einem Raum, und es ist ein Schild mit dem Wort „Nein!“ angebracht. Man darf die Riegel also nicht nehmen, auch wenn man unbeobachtet ist.[19] Der Gedanke der Installation wurde im Rahmen der „Candy Box Intervention“,[20] von Radel in den Lehr-Lern-Kontext übertragen[21].

Ablauf und Reflexion

Den Studierenden wird in dieser Übung im vermeintlich abgeschlossenen Raum der Vorlesung die Möglichkeit eröffnet, in die „Candy Box“ zu greifen, ohne dass es jemandem außerhalb des Raumes auffällt. Die Süßigkeit ist in diesem Fall allerdings keine reale Süßigkeit, sondern Punkte, die die Studierenden für die Klausur benötigen – also ein sehr realer Mehrwert, bezogen auf die Situation der Studierenden. Der Lehrende eröffnet diese Möglichkeit und lässt die Studierenden – unter Zeitdruck – entscheiden, ob sie 50, 10 oder 0 Punkte aus der „Candy Box“ nehmen wollen. Dabei wird die individuelle Wahl nicht kommuniziert. Nehmen aber mehr als 2 Studierende 50 Punkte – womit sie die Klausur definitiv bestanden hätten – dann bekommt niemand aus der Gruppe Punkte. Hierbei werden Elemente aus der Spieltheorie bzw. dem Gefangenendilemma genutzt.

Während Unsicherheit entsteht, welche Wahl unter Zeitdruck am günstigsten ist, werden Fragen der Ethik (ist es angemessen und erlaubt so etwas zu tun?) oft ausgeblendet und können später in der Diskussion aufgegriffen werden. Ebenso stellt sich die Frage nach Vertrauen in der Gruppe (wird jemand 50 wählen und damit die 10 Punkte der anderen riskieren? Ist jemand so mutig oder „dreist“ es zu tun?) und der Autorität gegenüber. Oft wird von den Gruppen ein Screenshot der Abstimmung gefordert.

Nachdem die Abstimmung vollzogen wurde, wird die Reflexion des Prozesses bis hier hin moderiert. Dabei fällt auf, dass womöglich nicht alle Studierenden im Raum waren, während abgestimmt wurde. Dadurch entsteht das Problem, dass es in der Gruppe ein Gefälle derer gibt, die „haben“ und derer, die „nichts haben“. An dieser Stelle bietet es sich an, das Konzept der „have-nots“ von Saul Alinsky zu illustrieren. Es beginnt dann eine Diskussion über Fairness und Leistung, aber auch darüber, ob diejenigen mit Punkten bereit sind, mit denen zu teilen, die nichts haben. Gleichzeitig entsteht bei den Studierenden eine sehr milde Form der Survivors Guilt. Sie fühlen sich schuldig, dass sie da waren, abgestimmt haben und sich etwas aus der „Candy Box“ genommen haben. Andere, die nichts genommen haben fühlen sich möglicherweise moralisch überlegen und verstärken die Spannung in der Gruppe.

Undoing

In diesem zweiten Schritt des „Undoings“ geht es darum, den Studierenden die Möglichkeit eines psychologischen Abwehrmechanismus zu eröffnen, die Situation „ungeschehen zu machen“. Dazu gibt es folgendes Angebot:

  1. Die Studierenden können ihre Punkte zurückgeben, müssen es aber mit einem Verweis auf Besitzstandswahrung nicht tun.
  2. Alle zurückgegebenen Punkte werden dann summiert und in einem Pool gesammelt.
  3. Alle Punkte aus dem Pool werden durch alle im Kurs eingeschriebenen Studierenden geteilt.
  4. Alle haben die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie Punkte aus dem Pool wollen oder nicht.

In den beiden extremen Ausprägungen bedeutet dies, dass sich jemand Punkte aus der Candy Box genommen hat, alle zurückgibt und keine aus dem Pool haben möchte. Ebenso kann jemand 50 Punkte aus der Candy Box genommen haben, diese nicht zurückgeben und zusätzlich die Punkte aus dem Pool bekommen.

Die Anwendung der Intervention erzeugt Konflikte in der Gruppe, die auch über die Veranstaltung hinaus wirken können, von daher sollte sie möglichst früh geplant werden, damit der Prozess reguliert werden kann.

Transformation von Organisationen

Im Rahmen der Forschung im Bereich Change-Management interessiert sich Jürgen Radel vor allem für die Frage, inwieweit sich Veränderungen in der Organisation auf Führungskräfte auswirken, die von Veränderungen der Organisation betroffen sind. Während er anwendungsorientiert forscht und hierzu auch coacht, betrachtet er vor allem den Effekt von Rollenveränderungen auf das Individuum.[14] Theoretische Grundlagen sind hierbei unter anderem Rollenanalyse und Objektbeziehungstheorie von Melanie Klein und John Bowlby.

Ein konkretes Anwendungsfeld dieser Forschung ist die Optimierung von agilen Teams und der Effizienz von Scrum Mastern in der Interaktion mit Teams.

Weiterhin begleitet und beforscht er Netzwerkorganisationen und die Auswirkungen der Organisationsform auf die Beschäftigten.

Forschungsprojekte

Neben den unten genannten Forschungsprojekten arbeitet Jürgen Radel an umsetzungsorientierten Projekten, oft eingebettet in die Lehre[22] an der HTW Berlin. Seine Projektschwerpunkte liegen derzeit in den Bereichen soziotechnische Systeme, agile Teams, Executive Coaching und Gruppendynamik[23].[24]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Prof. Dr. phil. Jürgen Radel - Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin University of Applied Sciences - HTW Berlin. Abgerufen am 1. März 2023.
  2. Preis für gute Lehre an der HTW Berlin. In: HTW-Berlin.de. Abgerufen am 6. Februar 2020.
  3. Michael Müller-Vorbrüggen, Jürgen Radel (Hrsg.): Handbuch Personalentwicklung: Die Praxis der Personalbildung, Personalförderung und Arbeitsstrukturierung. 5. aktualisierte und erweiterte Auflage. Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-7910-5558-9.
  4. Roland Schuster, Jürgen Radel: A Reflection on the (Harvard) Case Method from a Group Dynamics Perspective: Connecting Transcendent Knowledge with Immanent Phenomena. Springer, abgerufen am 6. Februar 2020 (englisch).
  5. Radel, Jürgen: The New CRM System - Compact Case. The Case Centre, 27. März 2020, abgerufen am 27. März 2020 (englisch).
  6. Radel, Jürgen: The New CRM System - Teaching Note. The Case Centre, 27. März 2020, abgerufen am 27. März 2020 (englisch).
  7. Radel, Jürgen: Corporate Culture - The Beloved Husband. The Case Centre, abgerufen am 8. Juni 2020 (englisch).
  8. Radel, Jürgen: Corporate Culture - The Beloved Husband | Teaching Note. The Case Centre, abgerufen am 8. Juni 2020 (englisch).
  9. Radel, Jürgen: Corporate Culture - The Beloved Husband (Hindi). The Case Centre, abgerufen am 8. Juni 2020 (Hindi).
  10. Radel, Jürgen: Corporate Culture - The Beloved Husband (Französisch). The Case Centre, abgerufen am 8. Juni 2020 (französisch).
  11. Radel, Jürgen: Corporate Culture - The Beloved Husband (Chinesisch). The Case Centre, abgerufen am 8. Juni 2020 (chinesisch).
  12. Radel, Jürgen: Corporate Culture - The Beloved Husband (Spanisch). The Case Centre, abgerufen am 8. Juni 2020 (spanisch).
  13. Radel, Jürgen: Corporate Culture - The Beloved Husband (Russisch). The Case Centre, abgerufen am 8. Juni 2020 (russisch).
  14. a b Jürgen Radel, Roland Schuster: Ego Defense Mechanisms as a tool of managers to cope with boundaries during organizational transformation. In: HTW Berlin (Hrsg.): Grenzen in Zeiten technologischer und sozialer Disruption. BWV Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-8305-3957-5, S. 24–33.
  15. a b Roland Schuster & Jürgen Radel: Negotiating Boundaries. A brief reflection of a power and discipline focused intervention in a hierarchical public sector organization. In: HTW Berlin (Hrsg.): Grenzen in Zeiten technologischer und sozialer Disruption. BWV Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-8305-3957-5, S. 262–267.
  16. J. Radel, R. J. Schuster: Hierarchie und Demokratie in Organisationen – Die 49-Punkte-Intervention. In: Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO). 16. Juli 2021, ISSN 2366-6218, doi:10.1007/s11612-021-00586-6 (springer.com [abgerufen am 19. Juli 2021]).
  17. Lange N8 der Wissenschaften. 28. Mai 2020, abgerufen am 8. Juni 2020 (Die Übung wird ab der Minute 16:18 dargestellt.).
  18. One on One. 18. November 2012, abgerufen am 9. Juli 2020 (deutsch).
  19. Milky Way und Michel Foucault | Monopol. Abgerufen am 9. Juli 2020.
  20. The Candy Box Intervention, auf mediathek.htw-berlin.de.
  21. Jürgen Radel: Das gute Geschäft. Ein unmoralischer Deal? In: Uwe Lübbermann (Hrsg.): Wirtschaft Hacken. Von einem ganz normalen Unternehmer, der fast alles anders macht. Büchner-Verlag, Marburg 2021, ISBN 978-3-96317-770-5, S. 87–97.
  22. Master-Projekte an der HTW Berlin. In: HTW-Berlin.de. Abgerufen am 6. Februar 2020.
  23. „Gruppendynamik“ auf Apple Podcasts. Abgerufen am 12. Juni 2021 (deutsch).
  24. Prof. Dr. phil. Jürgen Radel. In: Hochschule › Personen. Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Auf HTW-Berlin.de, abgerufen am 10. Mai 2021.

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