Hausmeier

Das Amt des Hausmeiers (oder Majordomus bzw. maior domus, aus lateinisch maior „der Verwalter“ und domus „das Haus“, also des „Verwalters des Hauses“) zählte zu den Ämtern des frühmittelalterlichen Hofes. Im Merowingerreich gewannen die Hausmeier großen Einfluss und bestimmten maßgeblich die Politik des Reiches.

Merowingisches Frankenreich

Das Amt des Hausmeiers entstand während der Völkerwanderungszeit und ist sowohl bei den Merowingern als auch bei Burgunden und Goten (so im Ostgotenreich Theoderichs des Großen) belegt; für das Vandalenreich in Nordafrika ist dies umstritten.[1] Während dem Hausmeieramt in den meisten germanisch-romanischen Nachfolgereichen des Weströmischen Reiches aber keine größere Bedeutung zufiel, entwickelte es sich im merowingischen Frankenreich seit dem späten 6. Jahrhundert zu einem der einflussreichsten Hofämter.

Den fränkischen Hausmeiern oblag zunächst lediglich die Oberaufsicht über das unfreie „Hausgesinde“ des Hofes.[2] Bei der Entstehung spielten womöglich Elemente spätantiker Verwaltungspraktiken eine Rolle.[3] Ursprünglich existierten mehrere Hausmeier im Frankenreich, wobei der König, die Königin und Prinzen über eigene Hausmeier verfügten. Nachdem das Merowingerreich immer wieder Herrschaftsteilungen erfahren hatte, wurde auch das Amt des Hausmeiers aufgewertet, der nun für die Verwaltung des gesamten Königsgutes zuständig war und zu einem der wichtigsten Vertrauten des Königs wurde. Mit Zunahme ihrer Macht seit dem späten 6. Jahrhundert wurden die Hausmeier im Frankenreich damit ab dem 7. Jahrhundert faktisch Leiter der Regierungsgeschäfte. Der Hausmeier ernannte nun Beamte und stellte Urkunden im Namen des Königs aus, wobei zunächst jedes der Teilreiche (Neustrien, Burgund und Austrasien) über je einen eigenen Hausmeier verfügte. Das Amt wurde nun von Adligen bekleidet, die gleichzeitig ihre Position nutzten, um die Macht des Königs so weit wie möglich zu beschneiden und Wert darauf legten, Einfluss auf die Ernennung der Hausmeier zu nehmen. Während in Neustrien die Hausmeier noch eine gewisse Königsnähe anstrebten, war das Hausmeieramt in Austrasien unter den Arnulfingern-Pippiniden ein reines Instrument des Adels geworden. Es wurde innerhalb dieser Familie, die seit 687 die Geschicke des gesamten Frankenreichs lenkte, sogar erblich.[4] Die nachfolgenden Hausmeier legten allerdings selbst Wert darauf, die Einflussnahme des Adels auf ihre Politik so gering wie möglich zu halten.

Die Merowingerkönige nach Dagobert I. regierten faktisch wohl nur noch als Schattenherrscher, wenngleich manche Forscher dem in späteren Quellen vermittelten Bild der machtlosen Merowingerkönige durchaus skeptisch gegenüberstehen (etwa Johannes Fried).[5] Die Grimoaldaffäre hatte jedenfalls gezeigt, dass die Hausmeier noch nicht offen die Königswürde für sich bzw. ihre Familie beanspruchen konnten. Erst Mitte des 8. Jahrhunderts wagten die Karolinger den entscheidenden Schritt und setzten den letzten Merowinger im Jahr 751 ab. Das Hausmeieramt wurde von den Karolingern bezeichnenderweise abgeschafft.

Liste fränkischer Hausmeier

Austrasien

NameIm AmtFamilieAnmerkungen
Parthenius548 ermordethöchster Beamter am Hof von Theudebert I., fraglich als Hausmeier
...
Gogo575–581
Wandalenus581–583Waltriche
...
Florentianusum 589
...
Gondulphus600–612Merowinger (unges.)
Warnachar II.613kurzfristig nach der Ermordung Sigiberts II.
Rado613–616/617
Chucus (Hugo)617/18 belegt
Pippin der Ältere624/25–634PippinidenErste Amtszeit
Adalgisel634–639
Pippin der Ältere639–640PippinidenZweite Amtszeit
Otto640–643
Grimoald der Ältere643–657 oder 662Pippiniden
Ansegisel657 oder 662–662Arnulfinger
Wulfoald662–679Etichonen (unges.)
Pippin der Mittlere679–714Pippinidenführte zusätzlich den Titel dux
Theudoald714–715Pippinidende jure unter der Großmutter Plektrud
Karl Martell715–741PippinidenNach der Schlacht bei Soissons (718) Hausmeier in allen drei Reichsteilen
Karlmann741–747PippinidenAustrasien umfasst zu dieser Zeit auch Alemannien
Pippin der Jüngere747–751PippinidenHausmeier für das Gesamtreich

Neustrien

NameIm AmtFamilieAnmerkungen
Mummolinum 566
...
Bodegiselbis 581Sohn des Mummolin
...
Waddobis 584
...
Landerich584–604
...
Gundoland613–629/39
Aegas629–641In Personalunion mit Burgund ab 639
Erchinoald641–658
Ebroin658–673
Wulfoald673–675Etichonen (unges.)
Leudesis675–676Sohn Erchinoalds
Ebroin676–680Zweite Amtsführung
Waratto681–682
Giselmar683–684Warattos Sohn, verdrängt zeitweise seinen Vater
Waratto684–686Zweite Amtsführung
Berchar686–687Warattos Schwiegersohn
Nordebert687–695Unter der Führung von Pippin II.
Pippin der Mittlere695–700Pippiniden
Grimoald „der Jüngere“700–714Pippinidenauch in Burgund
Theudoald714–715Pippinidende jure
Raganfrid715–718Letzter Hausmeier, der nicht zu den Pippiniden zählt
Karl „Martell“718–741PippinidenZuvor bereits Hausmeier in Austrasien
Pippin der Jüngere741–751Pippinidenab 747 Hausmeier für das Gesamtreich

Burgund

NameIm AmtFamilieAnmerkungen
Warnachar I.um 596–600
Bertoald600–604
Protadius605
Claudius (Hausmeier)606
Warnachar II.613–626/27
Godinus626–627
'königsunmittelbar'627–639627–629 Chlothar II., 629–639 Dagobert I.
Aegas639–641Zuvor schon in Neustrien
Flaochad642–643
Radobertus643–662Robertiner
Ebroin662–673
Wulfoald673–675Etichonen (unges.)
Leudesis675–676Sohn Erchinoalds
Ebroin676–680Wiedererlangung des Amtes nach Wiedereinsetzung Theuderich III.
Berchar680–687Warattos Schwiegersohn
Pippin der Mittlere688–697Pippiniden
Grimoald der Jüngere708–714Pippinidenzuvor schon Hausmeier in Neustrien
Theudoald714–715Pippinidende jure über die Mutter Plektrudis
Raganfrid715–718Letzter Hausmeier der nicht zu den Pippiniden zählt
Karl Martell718–741PippinidenZuvor schon Hausmeier in Austrasien
Pippin der Jüngere741–751Pippinidenab 747 nach dem Tod des Bruders Hausmeier für das Gesamtreich

Aquitanien

NameIm AmtFamilieAnmerkungen
Brodulf627–628

Im Jahr 751 ließ sich Pippin der Jüngere, Hausmeier in allen drei Reichsteilen, zum König wählen und schaffte zugleich das Amt des Hausmeiers ab.

Literatur

  • Gideon Maier: Amtsträger und Herrscher in der Romania Gothica. Vergleichende Untersuchungen zu den Institutionen der ostgermanischen Völkerwanderungsreiche (= Historia. Einzelschriften Bd. 181). Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08505-X.
  • Georg Scheibelreiter: Hausmeier. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 14: Harfe und Leier – Hludana-Hloðyn. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 1999, ISBN 3-11-016423-X, S. 70ff.
  • Horst Ebling: Prosopographie der Amtsträger des Merowingerreiches. Von Chlothar II. (613) bis Karl Martell (741), Fink, München 1974, ISBN 3-7705-1203-0 (online)
  • Josef Fleckenstein: Hausmeier. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 4. Artemis & Winkler, München/Zürich 1989, ISBN 3-7608-8904-2, Sp. 1974 f.
  • Karin Selle-Hosbach: Prosopographie merowingischer Amtsträger in der Zeit von 511 bis 613. Diss. Bonn 1974.
  • Hans-Werner Goetz: Der fränkische maior domus in der Sicht erzählender Quellen. In: Sabine Happ, Ulrich Nonn (Hrsg.): Vielfalt der Geschichte. Lernen, Lehren und Erforschen vergangener Zeiten. Festgabe für Ingrid Heidrich zum 65. Geburtstag. Wissenschaftliche Verlag Berlin, Berlin 2004, ISBN 3-86573-003-5, S. 11–24.

Weblinks

Wiktionary: Hausmeier – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Majordomus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen

  1. Allgemein dazu Gideon Maier: Amtsträger und Herrscher in der Romania Gothica. Stuttgart 2005, S. 147ff.
  2. Trotz des Alters ist die materialreiche Darstellung von Waitz immer noch nützlich: Georg Waitz: Deutsche Verfassungsgeschichte. Bd. 2, 1: Die Verfassung des Fränkischen Reichs. 3. Auflage. Homann, Kiel 1882, S. 89ff. und S. 397ff.
  3. Vgl. Gideon Maier: Amtsträger und Herrscher in der Romania Gothica. Stuttgart 2005, S. 147f.
  4. Zusammenfassend Georg Scheibelreiter: Hausmeier. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 14. Berlin u. a. 1999, S. 72f.
  5. Johannes Fried: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57829-8, S. 53.