Han (Ethnie)
Die Han (chinesisch 漢人 / 汉人, Pinyin Hànrén – „Mensch des Han-Reiches; Menschen des Han-Volkes“) bzw. das Han-Volk (漢族 / 汉族, Hànzú – „Volk der Han“)[1] sind mit rund 1,3 Milliarden die größte Volksgruppe der Welt und machen über 18 % der Weltbevölkerung aus.[2] Heute machen die Han[3] etwa 92 % der Gesamtbevölkerung der Volksrepublik China (Han-Chinesen),[4] rund 97 % der Gesamtbevölkerung der Republik China (Taiwan) (Han-Taiwaner),[5] rund 24 % der Gesamtbevölkerung Malaysias[6] und rund 70 % der Gesamtbevölkerung Singapurs aus. Neben den Han gibt es in der Volksrepublik China noch 55 und in der Republik China 16 weitere offiziell anerkannte Völker, amtlich auch „Nationalitäten“ genannt.
Bezeichnung
Der Begriff Han leitet sich von dem Han-Kaiserreich her, dessen Begründer Liu Bang seinen Machtbereich am Han-Fluss in der Hanzhong-Region aufbaute.
Die Untertanen der Tang-Dynastie und Song-Dynastien nannten sich generell „Tang“ (唐人, Tángrén – „Mensch des Tang-Reiches“). Sie wird weiterhin in Südchina als auch bei Auslandschinesen, unter anderem auch im südostasiatischen Ausland verwendet.
Das prähistorische und teilmythologische Reich der „Huaxia“ (华夏) soll der mutmaßliche Vorfahre der Bevölkerung von China gewesen sein. Heute wird der Name Huaren als Synonym für die Bewohner des heutigen chinesischen Kernlandes („China proper“), auch bekannt als Zhonghua (中华; 'Reich der Mitte') leitet sich davon ab.[7]
Moderne Definition und wissenschaftliche Einordnung
Die heutige Kategorie der „Han“ ist keine seit der Antike kontinuierlich bestehende ethnische Einheit, sondern eine moderne, staatlich definierte Nationalität. Im Rahmen des Nationalitätenklassifikationsprojekts (minzu shibie) der Volksrepublik China in den 1950er‑Jahren wurden zahlreiche historisch, sprachlich und kulturell unterschiedliche Bevölkerungsgruppen administrativ zur Nationalität „Han“ zusammengefasst. In der Region Yunnan entwickelten Ethnographen die Kriterien, nach denen Bevölkerungsgruppen entweder als Minderheiten oder – bei fehlender klarer Abgrenzung – als ‚Han‘ eingestuft wurden. Diese in Yunnan erarbeiteten Verfahren wurden anschließend auf das gesamte Staatsgebiet übertragen.[8]
Vorstellungen einer einheitlichen „Han‑Kultur“ oder einer über Jahrtausende unveränderten ethnischen Identität gelten als vereinfachend oder mythologisierend und werden in der wissenschaftlichen Literatur kritisch diskutiert. James Leibold beschreibt die Herausbildung einer einheitlichen ‚Han‘‑Nationalität im 20. Jahrhundert als politisch motiviertes Projekt im Kontext des chinesischen Nationalismus.[9] Dru Gladney weist darauf hin, dass ‚Han‘ im modernen China vor allem als Mehrheitskategorie fungiert, die verschiedene regionale Identitäten zusammenfasst.[10] Der Soziologe Fei Xiaotong formulierte 1988 das Konzept einer „Einheit aus Vielfalt“ (duoyuan yiti geju), das die ‚Han‘ als eine moderne Sammelkategorie innerhalb eines multiethnischen Staatsrahmens beschreibt.[11]
Das Ethnonym ‚Han‘ in seiner heutigen Bedeutung ist zudem relativ jung. In historischen Quellen erscheint ‚Han‘ als ethnische Kategorisierung erst im 9. Jahrhundert als Bezeichnung für die nicht‑tangutischen Untertanen der Westlichen Xia.[12]
Kultur
Laut einigen Studien sind die heutigen Han eines der homogensten Völker der Welt,[13] bilden jedoch kulturell keine homogene Gruppe. Besonders moderne staatliche Institutionen mit ihrem Drang zur Vereinheitlichung und Zentralisierung leugnen diese Heterogenität. Diese zeigt sich jedoch z. B. an den unterschiedlichen Sinitischen-Dialekten und der Selbstidentifizierung von Lokalbevölkerungen, die sich an die Namen anderer Dynastien anlehnen (z. B. Wu oder Shu).
Untergruppen sind zum Beispiel:
- die Gan in China (Jiangxi)
- die Hakka (Kejia) in China (Guangdong, Fujian, Jiangxi, Sichuan und Hainan), Indonesien, Malaysia, Singapur, Taiwan
- die Hoklo (Minnan) in China (Fujian, Guangdong und Hainan), Indonesien, Malaysia, Singapur, Taiwan
- die Kantonesen (Yue) in China (Guangdong, Guangxi), Indonesien, Malaysia, Singapur
- die Wu-Yue in China (Zhejiang, Jiangsu)
- die Tanka in China (Fujian, Guangdong, Guangxi, Hainan und Zhejiang)
- die Xiang in China (Hunan)
Die Kultur der Han ist deshalb teilweise durch Heterogenität und Variabilität gekennzeichnet. Die eigentlichen kulturbildenden Elemente sind die gemeinsame Han-Schrift, die zum Teil sehr unterschiedlichen Han-Dialekte und das Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte, Tradition und Abstammung.
Geschichte
Das Volk der Han entstand ungefähr im 5. Jahrtausend v. Chr.[14][15] Wie viele andere sinitische Völker sowie manche Nomaden der Mongolei gelten sie als Nachfahren der Huaxia und des Gelben Anführers Huangdi. Seit dem 7. Jahrhundert kam es immer wieder zu großen Wanderungsbewegungen der Han aus ihrem ursprünglichen Siedlungsraum heraus. Um die gemeinsame Abstammung zu betonen, werden Han-Chinesen, andere sinitische Völker und einige Nomaden wie Xianbei oder Tuoba als „Huaren“ (Hua-Volk) bezeichnet.[16]
Innerhalb Chinas stiegen die Han mit der Zeit zur dominierenden und staatstragenden Kultur auf – eine Entwicklung, welche von der Zentralregierung bis heute gefördert wird, zum Beispiel durch Maßnahmen der staatlichen Erziehung und gezielte Ansiedelung von Han (Sinisierung) in Grenzregionen Chinas (Tibet, Xinjiang), was vielfach zu Protesten geführt hat, welche mit staatlichen Repressalien beantwortet wurden. Die Entwicklung der Han-Chinesen ihrerseits wurde vom 17. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich durch das Volk der Mandschu beeinflusst, das immer nur eine kleine Minderheit der chinesischen Völkerfamilie darstellte, aber während der Qing-Dynastie die Geschicke Chinas lenkte.
Die Han haben sich mit der Zeit in zahlreichen Teilen der Welt angesiedelt, vor allem in Südostasien. In vielen der dortigen Staaten bilden sie mittlerweile sehr große Minderheiten, vor allem in Malaysia und Thailand (siehe auch: Chinesischstämmige Thailänder). In Singapur stellen Han sogar die klare Bevölkerungsmehrheit. In Kambodscha fiel ein großer Teil der Han-Minderheit der Terrorherrschaft der Roten Khmer zum Opfer. Auch in Vietnam kam es zu Verfolgungen von Han (Boatpeople). In Indonesien kam es nach der Machtergreifung von General Suharto zu einem Völkermord an der Han-Minderheit des Landes mit Zehntausenden von Todesopfern.[17] Heute leben nur noch etwa 3 Millionen Han-Chinesen in Indonesien und etwa 1 Million in Vietnam.[18] Außerhalb Chinas lebende Han werden auch als Auslandschinesen bezeichnet.
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Michael Rudolf: Taiwans multi-ethnische Gesellschaft und die Bewegung der Ureinwohner: Assimilation oder kulturelle Revitalisierung? 2003.
- ↑ Bo Wen: Genetic evidence supports demic diffusion of Han culture. In: Nature. Band 431, 2004, S. 302–305, doi:10.1038/nature02878, PMID 15372031 (englisch, nature.com).
- ↑ The upper Han. Economist (2016)
- ↑ The World Factbook:Central Intelligence Agency: „Han Chinese 91.6 %“ out of a reported population of 1,355 billion (July 2014 est.) ( vom 11. Oktober 2016 im Internet Archive) (englisch).
- ↑ Executive Yuan, Taiwan: The Republic of China Yearbook 2016. 2016 (gov.tw [abgerufen am 8. September 2017]).
- ↑ dosm.gov.my
- ↑ Xingwu Liu, Carol R. Ember, Melvin Ember (Hrsg.): Han. Springer US, ISBN 978-0-306-47754-6, S. 703–717.
- ↑ Thomas Shawn Mullaney: Coming to terms with the nation: ethnic classification in modern China (= Asia. Nr. 18). University of California Press, Berkeley 2011, ISBN 978-0-520-26278-2.
- ↑ James Leibold: Reconfiguring Chinese nationalism: how the Qing frontier and its indigenes became Chinese. 1st ed Auflage. Palgrave Macmillan, New York 2007, ISBN 978-1-4039-7479-2.
- ↑ Dru C. Gladney: Ethnic identity in China: the making of a Muslim minority nationality (= Case studies in cultural anthropology). Harcourt Brace College Publishers, Fort Worth, TX 1998, ISBN 0-15-501970-8.
- ↑ Zhonghua min zu duo yuan yi ti ge ju. Di 1 ban Auflage. Zhong yang min zu xue yuan chu ban she : Xin hua shu dian jing xiao, Beijing 1989, ISBN 7-81001-152-9.
- ↑ Nicola Di Cosmo: Ancient China and its Enemies: The Rise of Nomadic Power in East Asian History. Hrsg.: Cambridge University Press. 2002, ISBN 1-139-43165-X.
- ↑ Rui-Jing Gan, Shang-Ling Pan, Laura F. Mustavich, Zhen-Dong Qin, Xiao-Yun Cai, Ji Qian, Cheng-Wu Liu, Jun-Hua Peng, Shi-Lin Li, Jie-Shun Xu, Li Jin, Hui Li, The Genographic Consortium: Pinghua population as an exception of Han Chinese’s coherent genetic structure. In: Journal of Human Genetics. Band 53, 13. Februar 2008, S. 303–313, doi:10.1007/s10038-008-0250-x (nature.com [PDF; 635 kB]).
- ↑ James Minahan: Ethnic Groups of North, East, and Central Asia: An Encyclopedia. ABC-CLIO, 10. Februar 2014, ISBN 978-1-61069-017-1, S. 90.
- ↑ Qizhi Zhang: An Introduction to Chinese History and Culture. Springer 2016, ISBN 978-3-662-51507-5, S. 26.
- ↑ Charles Holcombe: A history of East Asia: From the origins of civilization to the twenty-first century. Cambridge: Cambridge University Press 2010, S. 7.
- ↑ Jochen Hippler, Nasr Hamid Abu Zaid, Amr Hamzawy:Krieg, Repression, Terrorismus. ( vom 26. März 2010 im Internet Archive; PDF; 697 kB) Politische Gewalt und Zivilisation in westlichen und muslimischen Gesellschaften. ifa, Stuttgart 2006, S. 55 ff.
- ↑ Kewarganegaraan, Suku Bangsa, Agama dan Bahasa Sehari-hari Penduduk Indonesia Hasil Sensus Penduduk 2010. Badan Pusat Statistik. 2011, ISBN 978-979-064-417-5.
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