Gertraudenfriedhof (Halle)

Blick über das Wasserbecken zur Aussegnungshalle

Der Gertraudenfriedhof in Halle (Saale) ist ein unter Denkmalschutz stehender, 1912 bis 1914 errichteter Friedhof im Norden der Stadt. Im Denkmalverzeichnis der Stadt Halle ist der Friedhof unter der Erfassungsnummer 094 04815 verzeichnet.[1] Den Entwurf schuf Stadtbaurat Wilhelm Jost.

Geschichte

Der Friedhof wurde zur Entlastung des Südfriedhofs errichtet. Seinen Namen erhielt er in Anlehnung an den ehemaligen innerstädtischen Friedhof der Pfarrkirche St. Gertruden, der im Zuge des Baus des Schiffes der Marktkirche und der Anlage des Marktplatzes beseitigt wurde.

Bauwerke

Vorhof mit Säulengalerie
Malsäule von Paul Horn mit Relief von Richard Horn

Der Gertraudenfriedhof ist mit ca. 37 ha Gesamtfläche der größte Friedhof in Halle (Saale). Zentraler Bestandteil der Architektur ist die turmartige, fast würfelförmige, monumentale tempelartige Aussegnungshalle mit Krematorium. Die Halle, die vom Vorplatz durch eine breite Freitreppe oder durch im rechten Winkel verlaufende Rampen von einer Terrasse zu erreichen ist, wurde mit einem flachen Walmdach gedeckt. Der Zentralbau wird von Säulenkolonnaden in dorischem Stil mit Aufenthaltsräumen flankiert, die ihren Abschluss in vorgezogenen Säulengalerien finden.

Bemerkenswert sind zwei, auf die Antike verweisende ca. 10 Meter hohe Malsäulen auf der Terrasse, auf denen ein Totentanzrelief abgebildet ist. Ursprünglich trugen sie überlebensgroße Figuren, die seit Dezember 1988 verschollen sind. Die Säulen wurden von Paul Horn geschaffen. Das Totentanzrelief schuf sein Sohn Richard Horn.

In Richtung Westen schließen sich die Funktionsbauten des Feuerbestattungsvereins an. Die an jedem Krematorium problematische Gestaltung der beiden Schornsteine wurde durch ihre Anordnung hinter der Kapelle und die Schaffung eines verbindenden Schwibbogens gelöst. Seit 1993 steht auf dem Gelände des Feuerbestattungsvereins hinter der kleinen Feierhalle eine neue Einäscherungsanlage

Innen besteht die Aussegnungshalle aus einer hohen Rotunde mit einer Kuppel, die von schlichten dorischen Säulen gestützt wird. Die Kuppel ist von Innen mit Fresken von Karl Völker geschmückt; darunter ein Bildmotiv „Engelszyklus“.

Vor der Halle befindet sich ein von hohen Pappeln umsäumtes großes rechteckiges Wasserbassin, in dem sich die Feierhalle spiegelt.

Das sich nördlich der Hauptachse in Höhe des Wasserbeckens befindliche Kolumbarium ist eine offene Anlage auf einem rechteckigen Grundriss, die erst 1936 fertiggestellt wurde. Die Kalksteinummauerung wird durch große Rundbögen gegliedert, in denen sich die Urnennischen befinden.

Auf dem Friedhof befinden sich des Weiteren 58 verschiedene Brunnen und Wasserentnahmestellen, die zumeist von Richard Horn geschaffen wurden.

Denkmale und Gräberfelder

Das Kunstwerk Die Endlose Straße von Richard Horn
Kalksteinrelief Passion von Herbert Volwahsen

Auf dem Friedhof stehen bzw. standen mehrere bedeutsame Denkmale, Kunstwerke und Anlagen; zu ihnen gehören:

  • Die aus 25 Figuren bestehende Skulpturengruppe Die endlose Straße innerhalb des Kolumbariums, angeführt durch den Tod, geschaffen 1972–1976 von Richard Horn
  • Denkmal für die Bombenopfer von 1944/45: Genau in der Mitte der Friedhofsanlage trägt ein großer Sockel (eines Vorgängerdenkmals) eine Friedenstaube und die Inschrift: Die 689 Bombenopfer auf diesem Friedhof mahnen zum Frieden. Die Gräberfelder mit den Opfern der Luftangriffe auf Halle (Saale) befinden sich unweit des Denkmals auf der "Abteilung 25". Jeder Tote erhielt einen liegenden Grabstein mit Namen, Geburts- und Sterbejahr. Die zerfallenen Kalksteine aus der Nachkriegszeit wurden 1995 durch witterungsbeständige Natursteine ersetzt.
  • Gedenkfeld für 679 "vom nationalsozialistischen Staat Gemordete": Obelisk und Einzelsteine vom Bildhauer Richard Horn von 1948/1949
  • Gedenkfeld des Anatomischen Instituts mit Stelen für anonym Bestattete, die ihren Körper der anatomischen Forschung zur Verfügung stellten
  • Gedenkanlage für die Gefallenen beider Weltkriege
  • Urnenfriedhof für Torgauer Häftlinge der Jahre 1950–1953
  • Mahnmal für die Toten der sowjetischen Garnison in Halle: Kunststeinpyramide und Kunststeinwand mit den Namen der Toten von Henry Cyrenius von 1948/1949
  • Ehrenmal für die Toten der sozialistischen Arbeiterbewegung: Obelisk von Edi Reissner und Heinz Stiller von 1965
  • Kalksandsteinrelief Passion: errichtet 1948 zum Gedenken an die Opfer des Faschismus vom Bildhauer Herbert Volwahsen
  • Denkmal für die in den Märzkämpfen in Mitteldeutschland gefallenen Zeitfreiwilligen: Es wurde aus Spenden der Bürgerschaft errichtet und am Himmelfahrtstag 1921 (5. Mai) feierlich enthüllt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört.[2] Die Kreuzinschrift war aus dem Johannesevangelium (15:13):
NIEMAND HAT GRÖSSRE LIEBE DENN DIE DASS ER SEIN LEBEN LÄSSET FÜR SEINE FREUNDE

Gräber bekannter Persönlichkeiten

Grabstein Wilhelm Jost

Zu den Gräbern bekannter Persönlichkeiten auf dem Gertraudenfriedhof gehört das Grab von Wilhelm Jost, der auch große Teile der Anlagen in seiner Funktion als Stadtbaurat entwarf.

  • Hans Vaihinger (* 25. September 1852 in Nehren bei Tübingen; † 18. Dezember 1933 in Halle (Saale)), Philosoph und Kant-Forscher; (ehemalige) Grablege zwischen Abteilung I und II (aufgelassen)
  • Reinhold Lohse (* 12. Oktober 1878 in Glaucha; † 16. November 1964 in Halle (Saale)), Straßenmusikant; Abteilung IX Wahlstelle 141 (Ehrengrab der Stadt Halle)
  • Richard Horn (* 21. Januar 1898 in Berlin; † 6. Oktober 1989 in Halle (Saale)), Bildhauer und Mitgestalter des Gertraudenfriedhofs, Kolumbarium
  • Walther Siegmund-Schultze (* 6. Juli 1916 in Schweinitz, Provinz Sachsen; † 6. März 1993 in Halle (Saale)), Musikwissenschaftler, Mitbegründer der Händel-Festspiele Halle; Grablege Abteilung XIII Sondergrab 31
  • Krystyna Wituska (* 12. Mai 1920 in Jerzew/Polen, † 26. Juni 1944 in Halle (Saale)), polnische Widerstandskämpferin, von den Nationalsozialisten ermordet; Grablege Abteilung V. Ehrenstele
  • Willi Sitte (* 28. Februar 1921 in Kratzau, Tschechoslowakei, heute Tschechien; † 8. Juni 2013 in Halle (Saale)), deutscher Maler und Grafiker, Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR; Grablege Abteilung XI Sondergrabstätte 126–127
  • Christa Susanne Dorothea Kleinert (* 21. September 1925 in Neurode/Schlesien; † 14. Februar 2004 in Halle (Saale)), deutsche Ökonomin; Grablege Abteilung V.c.119

Neuer Jüdischer Friedhof

Historische Grabsteine auf den Neuen Jüdischen Friedhof

Teil des Gesamtareals ist der Neue Jüdische Friedhof, der als getrennte Anlage errichtet wurde. 1929 wurde der Friedhof mit dem Eingang an der Dessauer Straße 24 als vierter jüdischer Friedhof eingeweiht. Der Leipziger Architekt Wilhelm Haller errichtete mit der Trauerhalle die zu diesem Zeitpunkt bedeutendste expressionistische Architekturschöpfung in Halle.

Der Umbau im Februar 1941 und ein Erweiterungsbau im Mai 1942 veränderte sie äußerlich jedoch völlig. Die Friedhofshalle wurde nun als jüdisches Altenheim und Sammellager für Juden aus Halle, dem Saargebiet, der Pfalz und aus Baden genutzt. Von hier aus erfolgten Deportationen nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz.

Zum Friedhof gehört auch ein jüdisches Denkmalfeld mit insgesamt 180 Grabmalen, zum Teil noch aus dem Mittelalter. Es entstand, als das Begräbnisfeld am Töpferplan, dem zweiten alten jüdischen Friedhof, im Jahre 1937 zwangsweise aufgelöst wurde und die besterhaltenen Grabmale in die Anlage des neuen jüdischen Friedhofs integriert wurden.

Träger des Friedhofs ist die Jüdische Gemeinde Halle.

Literatur

  • Verein für Friedhofskultur in Halle und dem Umland e.V. / Kathleen Hirschnitz (Hrsg.): Natur und Kunst – Architektur und Landschaft. 100 Jahre Gertraudenfriedhof in Halle (Saale). Hasenverlag, Halle 2014, ISBN 978-3-945377-07-9.
  • Holger Brülls, Thomas Dietzsch: Architekturführer Halle an der Saale. Dietrich Reimer, Berlin 2000, ISBN 3-496-01202-1.
  • Michael Pantenius: Stadtführer Halle. Gondrom, Bindlach 1995, ISBN 3-8112-0816-0.
  • Rose-Marie Frenzel, Reiner Frenzel: Kunst- und Kulturführer Leipzig-Halle. Edition Leipzig, Leipzig 1993, ISBN 3-361-00351-2.
  • Jüdische Gemeinde zu Halle (Hrsg.): 300 Jahre Juden in Halle. Leben, Leistung, Leiden, Lohn. Mitteldeutscher Verlag, Halle 1992, ISBN 3-354-00786-9

Weblinks

 Commons: Gertraudenfriedhof (Halle) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt / Stadt Halle. Fliegenkopfverlag, Halle 1996, ISBN 3-910147-62-3. S. 266.
  2. Aribert Schwenke: Zeitfreiwilligen-Verbände und Hallenser SC während der Unruhen in den Jahren 1919–21. In: Einst und Jetzt. Band 31, 1986, S. 47–72.

Koordinaten: 51° 30′ 17,3″ N, 11° 59′ 4,5″ O

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Historische Grabsteine auf dem neuen jüdischen Friedhof in Halle (Saale)
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Die "Endlose Straße" auf dem Gertraudenfriedhof in Halle
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Gertraudenfriedhof, Landrain, Halle (Saale)