Gerhard Medicus

Gerhard Medicus, 2023

Gerhard Medicus (* 12. Juni 1950 in Salzburg) ist ein österreichischer Humanethologe und evolutionsbiologisch denkender Psychiater.

Leben

1982 promovierte Gerhard Medicus an der Universität Innsbruck in Medizin. Im darauf folgenden Jahr wurde er am Zoologischen Institut der Universität Wien Forschungsassistent bei Rupert Riedl. Zwischen 1985 und 1988 absolvierte er an der Klinik in Innsbruck die Ausbildung zum praktischen Arzt und danach am Landeskrankenhaus in Hall zum Facharzt für Psychiatrie (1989–1993). Von 1994 bis 2015 arbeitete er in Hall als Facharzt und zuletzt als Oberarzt der psychiatrischen Tagesklinik.

Seit 1988 ist Medicus freier Mitarbeiter der Gruppe Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft, zuerst in Andechs und später in Seewiesen. Als freier Mitarbeiter kooperierte er bei mehreren Forschungsprojekten auf den Trobriand-Inseln (Papua-Neuguinea), bei den Eipo im Hochland Westneuguineas (Indonesien), auf den Molukken (Indonesien), in Himbaland (Namibia) sowie in Vanuatu und Burkina Faso.

Von 1990 bis 2010 las Medicus gemeinsam mit Margret Schleidt und Wulf Schiefenhövel die Vorlesung Humanethologie am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck, seit 2010 liest er nur mit Schiefenhövel.

Die wissenschaftlichen Beiträge von Gerhard Medicus haben zum Teil Eingang in Fach- und Sachbücher sowie in Wissenschaftslexika gefunden: Übersichten zur Verhaltensevolution der Wirbeltiere (z. B. evolutionäre Wurzeln der Kognition,[1] des Besitzverhaltens und von Rangordnung und Hierarchie, Biopsychologie der Geschlechterdifferenz, Wurzeln der Moralfähigkeit,[2] zur Evolution des Bewusstseins). Er konnte zeigen, dass die Biogenetische Grundregel keine Relevanz für die psychomotorische Entwicklung des Kindes hat.[3][4] Seine Beiträge beinhalten auch Grundlagen für die Psychotherapie. Darüber hinaus befasst er sich in seinen Arbeiten auch wissenschaftstheoretisch mit der Interdisziplinarität in den Natur- und Geisteswissenschaften.[5]

In dem Buch Was uns Menschen verbindet – Angebote zur Verständigung zwischen Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften (2020 fünfte erweiterte Auflage) hat Medicus seine wichtigsten Beiträge zusammengefasst.[6] 2015 erschien die englische Ausgabe; im Vorwort weist Wulf Schiefenhövel darauf hin, dass sich das Buch als Beitrag zur Theorie der Psychologie erweisen könnte.[7][8][9] Der Philosoph Gerhard Vollmer schreibt zusammenfassend, in dem Buch gehe es um „eine Theorie der Interdisziplinarität, die Natur- und Geisteswissenschaften miteinander verbinden soll“.[10]

Publikationen

  • 1985: Evolutionäre Psychologie. In: J. A. Ott, G. P. Wagner, F. M. Wuketits (Hrsg.): Evolution, Ordnung und Erkenntnis. Berlin: Paul Parey, S. 126–150.[11]
  • 1987: Toward an Etho-Psychology: A Phylogenetic Tree of Behavioral Capabilities Proposed as a Common Basis for Communication between Current Theories in Psychology and Psychiatry. In: J.R. Feierman (Hrsg.): The Ethology of Psychiatric Populations; Ethology and Sociobiology, Vol. 8, No. 3S (Supplement). New York: Elsevier, S. 131–150 (doi:10.1016/0162-3095(87)90025-2).
  • G. Medicus & S. Hopf, 1990: The Phylogeny of Male/Female Differences in Sexual Behavior. In: J.R. Feierman (Hrsg.): Pedophilia, Biosocial Dimensions. New York: Springer, S. 122–149 (doi:10.1007/978-1-4613-9682-6_5).
  • 1992: The Inapplicability of the Biogenetic Rule to Behavioral Development. Human Development, 35, Heft 1, S. 1–8 (doi:10.1159/000277108).[12]
  • 1995: Ethological Aspects of Aggression. Evolution and Cognition, Vol. 1, No. 1, S. 54–63.
  • 2005: Mapping Transdisciplinarity in Human Sciences. In: J.W. Lee (Hrsg.): Focus on Gender Identity. New York: Nova Science Publishers, Inc, S. 95–114.[13]
  • 2010: Zoon politikon: Biopsychological Aspects. In: M. Brüne, F. Salter, und McGrew W.C. (Hrsg.): Building Bridges between Anthropology, Medicine and Human Ethology – Tributes to W. Schiefenhövel. Bochum: European University Press.
  • 2012: „Was uns Menschen verbindet – Angebote zur Verständigung zwischen Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften“. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung, (alle Auflagen je 600 Exemplare) 5. überarbeitete und erweiterte Auflage 2020, ISBN 978-3-86135-616-5; Übersetzungen ins Englische (2. Aufl., ISBN 978-3-86135-587-8) und Russische ISBN 978-5-907117-89-1.[14] Online verfügbar (6. Aufl. in der Digitalen Bibliothek der Universität Innsbruck): doi:10.25651/1.2022.0001
  • 2015: Being Human. Bridging the Gap between the Sciences of Body and Mind. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung. 2. Auflage 2017, ISBN 978-3-86135-584-7 (englische Ausgabe).[15] Online verfügbar in der Digitalen Bibliothek der Universität Innsbruck, 2. Aufl. doi:10.25651/1.2022.0005

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Biologie menschlichen Verhaltens – Grundriß der Humanethologie. 3. Auflage. Piper, München 1995, S. 206. Helmut Pechlaner schreibt dazu im Vetmed-Magazin (2012, 2, S. 32): „Ein faszinierendes Buch, das unsere tierlichen Spiegelbilder wissenschaftlich strukturiert und fundiert verständlich macht, damit die partielle Sonderstellung des Menschen prägnant herausarbeitet und so wichtige Erkenntnisse beisteuert zu der zentralen Frage, wer und was wir Menschen wirklich sind.“
  2. Lexikon der Biologie (1999–2004): Stichwort Humanität (2001, Band 7, S. 264). Heidelberg Spektrum Akademischer Verlag.
  3. Frans de Waal (2011): Das Prinzip Empathie, München, Hanser.
  4. Lexikon der Biologie (1999–2004), Stichwort Biogenetische Grundregel (1999, Band 2, S. 12 f.) Heidelberg, Spektrum Akademischer Verlag.
  5. Lexikon der Biologie (1999–2004): Stichwörter Ethologie (2000, Band 5, S. 210) und interdisziplinär (2001, Band 7, S. 410). Heidelberg, Spektrum Akademischer Verlag.
  6. Vgl. Rezension von Gerhard Vollmer, zuerst veröffentlicht in der Naturwissenschaftlichen Rundschau 7/2012.
  7. Vorwort zur englischen Ausgabe, S. 12: “To date, there is no comprehensive, unifying theory of psychology. The various subdisciplines, from psychoanalysis to the psychology of management and business, have their own theoretical underpinnings. It seems to me that Gerhard Medicus’ analytical concept lays the groundwork for a building in which all members of the family of psychology could feel at home.” Zitiert auf dem Buchcover der englischen Ausgabe, 2. Auflage 2017 (PDF).
  8. Vgl. auch Rezension von Jay Feierman (2015) in Human Ethology Bulletin 30, S. 13–15 (PDF, englisch).
  9. Vgl. auch Rezension von Luis Alonso (2015) in Mente y Cerebro 74, S. 92–94 (PDF, spanisch).
  10. Gerhard Vollmer: Im Lichte der Evolution. Hirzel, Stuttgart 2017, S. 497.
  11. Bereits Hoimar von Ditfurth hat die erste Arbeit von Gerhard Medicus in seinem Buch So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen in Fußnote 149 kommentiert mit „Eine sehr gute Übersicht gibt Gerhard Medicus ... Dort auch eine Fülle weiterführender Literatur“.
  12. uibk.ac.at (Memento desOriginals vom 9. Februar 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.uibk.ac.at
  13. uibk.ac.at (Memento desOriginals vom 9. Februar 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.uibk.ac.at
  14. http://www.vwb-verlag.com/Katalog/m616.html Angaben des Verlags zur 5. Auflage 2020, mit Inhaltsverzeichnis. Teil I: Theorie der Interdisziplinarität, Teil II: Beiträge zur Theoriebildung in Psychologie und Psychotherapie.
  15. Angaben des Verlags zur 2. Auflage 2017, mit Inhaltsverzeichnis.

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