Frieda Freise

Frieda Freise (Chemnitz, um 1930)

Frieda Freise, geborene Kalmanowitsch (geboren 7. November 1886 in Dissna (Gouvernement Wilna, Russisches Kaiserreich); gestorben 28. November 1938 in Rosenheim), war eine deutsche Kinderärztin und Stadtschulärztin von Chemnitz. Sie förderte maßgeblich die Gründung der Chemnitzer Mütterschule.[1] Freise wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als Jüdin verfolgt und verlor Ämter und Stellung.[2]

Leben und Wirken

Frieda Freise war die Tochter des baltisch-jüdischen Rechtsanwalts und Abgeordneten der I. russischen Duma Abel Kalmanowitsch (1856–1916) und seiner Frau Sarah geborene Mindlin (1855–1915).[1.1][3] Sie hatte drei Brüder, Simon (* 1882 oder 1883), Ilja (* 1889) und Jakob (* 1892). Die Geschwister studierten alle in Westeuropa.[1.2] Simon, der nach dem Studium als Kreisarzt in Disna tätig war, wurde 1919 zusammen mit seiner Frau in Omsk von Bolschewiki erschossen.[1.3]

Frieda Kalmanowitsch studierte von 1906 bis 1911 in Bern und Straßburg Medizin. 1911 wurde sie mit einer Dissertation über den Einfluss der Schwangerschaft und der Geburt auf die Tuberkulose in Straßburg promoviert.

Die Universität Bern erlaubte bereits im 19. Jahrhundert das Frauenstudium. Angesichts mangelnder Ausbildungschancen im Zarenreich war das besonders für junge Russinnen und, nach Einführung eines Numerus clausus für Juden 1886, vor allem auch für jüdische Frauen unter ihnen attraktiv. Bevorzugtes Studienfach war Medizin.[4][5] An der Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg konnte erst 1903, also nur acht Jahre vor Frieda Kalmanowitsch, mit Else Gütschow im Fach Geschichte zum ersten Mal eine Frau den Doktorgrad erwerben. Sie hatte die Unterrichtsveranstaltungen noch als Gasthörerin besuchen müssen.[6]

Von 1911 bis 1913 war Frieda Kalmanowitsch am Bürgerhospital und an der Hebammenschule Straßburg tätig. Im Mai 1912 legte sie das ärztliche Staatsexamen nach russischem Standard in Sankt Petersburg ab. 1913 und 1914 war sie Volontärärztin am Chirurgisch-Poliklinischen Institut der Universität Leipzig, von 1915 bis 1916 Assistenzärztin an der Universitäts-Kinderklinik in Göttingen.[1.4]

Im Jahr 1916 heiratete sie in einer Kriegstrauung den Oberarzt der Leipziger Universitäts-Kinderklinik Dr. Eduard Freise. „Die kirchliche Trauung fand nachträglich in der evangelisch-reformierten Kirche St.-Ansgarii im Bremer Stadtteil Schwachhausen statt, weil es dort „einen Pfarrer gab, der bereit war, einen evangelischen Christen und eine ungetaufte Jüdin zu verheiraten, d. h. eine ökumenische Trauung vorzunehmen“.[1.5] Kennengelernt hatte sich das Paar während des Studiums in Straßburg. Eduard Freise stammte aus einer Göttinger Akademiker-, insbesondere Architektenfamilie.[1.6] Am 20. Januar 1918 wurde ihr Sohn Valentin Freise in Wilhelmshaven geboren,[7] wo Eduard Freise „als Marinestabsarzt der Reserve, Dezernent für das Gasschutzwesen in der Marinestation der Nordsee war“. Auch Frieda Freise leistete ärztliche Kriegsdienste in der Marinefestung Wilhelmshaven.[1.7]

Bereits am 16. März 1921 starb ihr Ehemann an einem Nierenleiden, das er sich im 1. Weltkrieg zugezogen hatte.[1.8] Am 6. Juli 1921 erhielt Frieda Freise ihre deutsche Approbation. Sie war von 1921 bis 1922 als Assistenzärztin erneut an der Universitäts-Kinderklinik Leipzig tätig. Dort war sie auf der Säuglingsstation beschäftigt und hielt die poliklinische Sprechstunde. Daneben leitete sie die angeschlossene Mütterberatungsstelle.[3]
Im Oktober 1922 wurde sie in das Amt der Bezirkswohlfahrtsärztin beim Bezirksverband der Amtshauptmannschaft Stollberg berufen und war im Erzgebirge bis 1925 als Stadt-, Schul- und Bezirks-Wohlfahrtsärztin tätig. In ihren Zuständigkeitsbereich fiel auf dieser Position die Betreuung der Schüler an 14 Lehranstalten sowie der Dienst an der städtischen Mütterberatungsstelle.[3] 1924 konvertierte sie, um ihrem Sohn „Konflikte mit der christlichen Umwelt und Anfeindungen“ zu ersparen, trat der Evangelisch-reformierten Kirche bei und ließ sie sich in Stollberg taufen.[1.9] 1925 wurde sie Stadtschulärztin in Chemnitz. Freise engagierte sich insbesondere im Bereich der Schulhygiene und der Wohlfahrtspflege und förderte maßgeblich die 1927 gegründete Chemnitzer Mütterschule in der Dresdner Str. 7. Dort hielt sie bis zu ihrer Entlassung Kurse für Mütter. Sie engagierte sich darüber hinaus in der freien Jugendpflege, etwa beim Christlichen Verein Junger Männer (CVJM).[8][1.10]

„Am 31. Juli 1933 wurde Dr. Freise […] im Zuge des ‚Reichsgesetztes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ vom 7. April 1933 auf Grund ihrer jüdischen Herkunft in den dauerhaften Ruhestand versetzt.“ Auch der Einspruch des Rates der Stadt vom 24. Oktober 1933 konnte keine Ausnahmebewilligung erwirken. Sowohl der Erste Stadtschulrat Dr. Max Rothfeld (1876–1945), als auch der erste Stellvertreter des Oberbürgermeisters Dr. Otto Härtwig (* 1875) hatten sich „mit Nachdruck“ für Freises Wiedereinstellung eingesetzt.[1.11]

Nach ihrer Entlassung erhielt sie ein Ruhegeld von der Stadt, das jedoch nicht ausreichte, um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn zu bestreiten. Sie eröffnete deshalb bereits am 1. Dezember 1933 in ihrer Wohnung in der Zschopauer Str. 173 eine eigene Praxis. In der Folgezeit sah sie sich zunehmend Repressalien ausgesetzt (so wurde sie als „jüdische Gewerbetreibende“ geführt[9]). 1937 wurde sie Opfer einer Verleumdungskampagne durch einen nationalsozialistischen Ratsherrn.[1.12]

Nachdem ihr bekannt wurde, dass den noch im Deutschen Reich verbliebenen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen werden sollte, zog Frieda Freise im Juli 1938 nach Prutting bei Rosenheim in die Nähe ihres Sohnes, der in München ein Studium der Chemie aufgenommen hatte. Im November 1938 wurde sie wegen eines Schlaganfalls in das Städtische Krankenhaus in Rosenheim eingeliefert, wo sie von den Novemberpogromen erfuhr. Sie starb am 28. November 1938 und wurde auf dem Städtischen Friedhof in Rosenheim beigesetzt. Eine Überführung der sterblichen Überreste nach Göttingen, wo sich das Grab ihres Mannes Eduard befand, war auf Grund der Rechtslage nicht möglich.[1.13]

Bis zum Jahr 1938 war Frieda Freise Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde.[9]

Gedenken

Infotafel an der Altstadtschule Stollberg/Erzgeb.

Anlässlich der 875-Jahr-Feier der Stadt Chemnitz im Jahr 2018 erschien ein Dokumentarfilm der Chemnitzer Filmemacherin Beate Kunath unter Mitarbeit von Ursel Schmitz über Frauenpersönlichkeiten, die im Laufe der Jahrhunderte die Stadt mitgeprägt haben, unter dem Titel Hurra! Es ist ein Mädchen! Darin ist eine biografische Skizze über Frieda Freise enthalten, neben 24 anderen Frauenpersönlichkeiten der Stadt.[10]

Frieda Freises Biografie ging im Jahr 2018 daneben in die Ausstellung Bruchstücke des Historikers Daniel Ristau ein, die zeitgleich in Chemnitz, Leipzig und Dresden zu sehen war.[11]

Seit 2022 befindet sich an der Altstadtschule in Stollberg (früher: Bürgerschule), einem der Wirkungsorte Freises, eine Gedenktafel der Initiative Frauenorte Sachsen.[9]

Am 28. Juni 2023 beschloss der Chemnitzer Stadtrat, nahe der früheren Mütterschule eine Erschließungsstraße im Baugebiet „Neue Johannisvorstadt“ im Chemnitzer Stadtzentrum nach Frieda Freise zu benennen.[12]

Literatur

  • Jürgen Nitsche: Die Stadtschulärztin Dr. Frieda Freise (1886–1938) und die „Chemnitzer Mütterschule“. Eine Medizinerin mit jüdischen Wurzeln. In: Caris-Petra Heidel (Hrsg.): Die Frau im Judentum. Jüdische Frauen in der Medizin. Schriftenreihe Medizin und Judentum, Bd. 12, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-86321-221-6, S. 143–165.
    [Dem Verfasser standen umfangreiche Informationen von der Enkelin Dorothea Freise zur Verfügung.[1.14]]
  • Jürgen Nitsche: Freise, Dr. med. Frieda. In: Stadtarchiv Chemnitz: Von Alberti bis Zöppel: 125 Biografien zur Chemnitzer Geschichte. Heft 4. Radebeul 2000, S. 30.
  • Pia Richter: Frauen in der Wissenschaft. Die ersten Habilitandinnen an der Leipziger Medizinischen Fakultät (1925–1970). Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Reihe B, Bd. 5, Leipzig 2005, ISBN 3-374-02281-2, S. 40–41.
Commons: Frieda Freise – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Jürgen Nitsche: Die Stadtschulärztin Dr. Frieda Freise (1886–1938) und die „Chemnitzer Mütterschule“. In: Caris-Petra Heidel (Hrsg.): Die Frau im Judentum. Jüdische Frauen in der Medizin. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-86321-221-6, S. 143–144.
    1. S. 144 und 146.
    2. S. 146 und 164.
    3. S. 146.
    4. S. 146–148.
    5. S. 148–149.
    6. S. 164.
    7. S. 149.
    8. S. 149 und 164.
    9. S. 150–151.
    10. S. 151–152.
    11. S. 152.
    12. S. 152–153.
    13. S. 153–155.
    14. S. 163.
  2. Daniel Ristau: Frieda Freise (1886-1938) – eine Ärztin und die zweifache Pogromerfahrung. In: bruchstuecke1938.de. HATiKVA e.V. – Die Hoffnung Bildungs- und Begegnungsstätte für Jüdische Geschichte und Kultur Sachsen, abgerufen am 9. März 2020.
  3. a b c Frieda Freise, geb. Kalmanowitsch. In: Datenbank Ärztinnen im Kaiserreich – geschichte.charite.de. Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité, Berlin, abgerufen am 11. Juni 2026.
  4. Geschichte des Frauenstudiums. Universität Bern, abgerufen am 12. Juni 2026.
  5. Angela Wittwer, Carmen Scheide: Die russische Kolonie in Bern zur Jahrhundertwende (1900). Bildungsoase und revolutionärer Schmelztiegel (Abstract). 2020, abgerufen am 12. Juni 2026.
  6. Annette Marquard-Mois: Eine Frau will Geschichte studieren. Schätze aus 200 Jahren MGH-Geschichte, Folge 18. 9. März 2021, abgerufen am 12. Juni 2026.
  7. Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Abgerufen am 12. März 2020.
  8. Erst 1985 erfolgte offiziell die Umbenennung in "Christlicher Verein Junger Menschen". Siehe CVJM: Aus der Geschichte. Abgerufen am 12. Juni 2026.
  9. a b c Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V.: Frieda Freise Dr. med., Kinderärztin, Stadtschulärztin. Abgerufen am 11. Juni 2026.
  10. Beate Kunath: Hurra! Es ist ein Mädchen! In: b-k-productions.de. Abgerufen am 6. März 2020.
  11. Hendrik Lasch: Polizei: Synagogen nicht schützen! Eine Dreifach-Ausstellung belegt flächendeckende Novemberpogrome 1938 in Sachsen. In: neues-deutschland.de. 6. Oktober 2018, abgerufen am 9. März 2020.
  12. Stadtrat beschließt zwei neue Straßennamen in der Innenstadt. Pressestelle der Stadt Chemnitz, 28. Juni 2023, abgerufen am 24. Oktober 2023 (Pressemitteilung 444).

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Frauenorte Sachsen, Infotafel Frieda Freise an der Altstadtschule Stollberg (Erzgeb.)
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Frieda Freise, Chemnitz, um 1930. Photoatelier Maria Schmid, Chemnitz, Weststraße 36. Aus Privatbesitz.