Fluganzug

Pilot der USAF-Thunderbird im Fluganzug

Als Fluganzug, auch Fliegeranzug oder Fliegerkombi genannt, wird der Overall oder die aus einem Uniformstück bestehende Ganzkörperbekleidung bezeichnet, die Piloten und Besatzungen von (meist militärischen) Luftfahrzeugen tragen. In den NATO-Luftstreitkräften und anderen Streitkräften ist sie Teil der Spezialbekleidung fliegender Besatzungen, beispielsweise von Kampfflugzeugen, Gleitern und Hubschraubern. In der Luftwaffe der Bundeswehr wird er offiziell als Flugdienstanzug bezeichnet.[1]

Anwendung

Der Fluganzug soll den Träger in erster Linie vor Unterkühlung schützen, zugleich aber auch praktisch (mittels zahlreicher Taschen), zweckdienlich (schwer entflammbar), strapazierfähig, atmungsaktiv und bequem (nicht einschränkend) sein. An militärischen Fliegeranzügen sind zudem in aller Regel Rangabzeichen, Hoheitsabzeichen und Insignien (Patches) des betreffenden Kampfverbandes angebracht.

Beispiele von Anwendungen des Fliegeranzugs außerhalb fliegender Kampfverbände sind Close Quarters Battle und Visit, Board, Search, and Seizure. Ein verwandtes Kleidungsstück ist der von Fallschirmverbänden verwendete Jumpsuit (Springerkombi).

Geschichte

Fluganzug, 1925

Die ersten Flugzeuge aus der frühen Luftfahrt hatten offene Cockpits, so dass es zwingend warmer Bekleidung und festen Schuhwerks bedurfte. Gegenstände und Unterlagen sollten aber auch bequem und sicher untergebracht werden und griffbereit am Körper bzw. in und an der Kleidung in Taschen sein. Mit zunehmender Mobilität und Fluggeschwindigkeit bis hin zur Kunstflug-Manöverfähigkeit von Luftfahrzeugen musste der ungewollte Verlust von Gegenständen verhindert werden, die sich in den Uniformtaschen befanden.

Erster Weltkrieg

Zunächst standen Erfindung, Erprobung und Verbesserung sogenannter Fliegerjacken und Beinbekleidungen im Vordergrund, die im Ersten Weltkrieg für Piloten Standard wurden. Als bevorzugtes Material, auch für Fluganzüge, setzte sich schnell Leder durch, da es strapazierfähig war und zudem Schutz vor Fremdkörpereinschlägen bot, wie beispielsweise Insekten und Ölpartikeln.

1917 entwickelte der australische Flugpionier Sidney Cotton den Sidcot suit aus Baumwolle, ein Anzug, der Piloten im offenen Cockpit auch bei niedrigen Temperaturen ausreichend Wärmeschutz bot.[2][3] Diese verbesserte Variante des Fluganzugs verwendete die Royal Air Force noch bis in die 1950er Jahre.

Zweiter Weltkrieg

(c) Bundesarchiv, Bild 101I-341-0496-31 / Folkerts / CC-BY-SA 3.0
Luftwaffenoffiziere des Zerstörergeschwaders 26 in Fluganzügen des Typs K So/34, Westfrankreich 1940

Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde Ganzkörperbekleidung intensiv weiterentwickelt. Das Unternehmen Lion-Vallen Industries brachte in Zusammenarbeit mit General Electric Bekleidung für die Besatzung von Bombern und Patrouillenflugzeugen auf den Markt, die schon damals in Höhenbereichen oberhalb der 30.000-Fuß-Grenze operierten. Dort können derart niedrige Lufttemperaturen auftreten, dass jegliche Metallberührungen ungeschützter Körper- oder Hautpartien sofort zu Erfrierungen führen.

Mit Einführung von Druckkabinen ging der Bedarf an schaffellgefütterten Fliegerjacken und -hosen zurück. So trugen Piloten, Flugnavigatoren und Bombardiers von B-17-Bombern, die bis 1944 in Europa eingesetzt wurden, unter der A-2-Fliegerjacke ihre Dienstuniform, da dieser Flugzeugtyp bereits über eine geschlossene und beheizbare Druckkabine verfügte. Die Bordschützen benötigten jedoch nach wie vor warme Fluganzüge, da die Bordwaffen aus offenen Waffenständen gefeuert wurden.

Mit der Boeing B-29 wurde ab 1944 wegen neuartiger unbemannter Waffenstände, die aus dem beheizten Cockpit fernbedient werden konnten, spezielle Wärmeschutzbekleidung auch für Bordschützen überflüssig.

Während die Bomberbesatzung fortan die Luftwaffenuniform als Fliegeranzug tragen konnte, benötigten Jagdflieger eine spezielle Uniform, die im schmalen und engen Cockpit eines Jagdflugzeugs brauchbar war. Als Folge wurde die AN-S-31 Flying suit für das US Army Air Corps entwickelt. Diese verfügte über zwei tiefe Brusttaschen und zwei tiefe Beintaschen, die auch in sitzender Position vom Piloten erreichbar waren. Die US Navy nutzte ein ähnliches Modell, das über schräge Taschen mit Reißverschlüssen verfügte. Als Material wurden Wolle oder dicht gewebte Baumwollstoffe verwendet, die schwer entflammbar und windabweisend waren.

Bereits zu Beginn des Krieges konnte – wenn auch kurzzeitig – Schutz vor Brandverletzungen erreicht werden. Mit fortschreitender technischer Entwicklung entstanden schließlich schwer entflammbare Fluganzüge, vor Feuer schützende Pilotenhelme, Schutzbrillen, Gesichtsmasken, Handschuhe und Schuhwerk. Mit Absicht wurde beispielsweise das Schuhwerk der zivilen Mode angepasst, so dass nach Absturz oder Notlandung die betroffenen Crews weniger auffallen sollten.

Die Einführung von schnellen Düsenkampfflugzeugen führte zur Entwicklung des Anti-g-Anzugs: Mit Kammern im Beinbereich, die bei Bedarf aufgepumpt oder mit Wasser gefüllt werden, stützen sie bei Flugmanövern mit hohen g-Belastungen den Blutkreislauf des Piloten, damit das Blut nicht in die unteren Extremitäten absackt und das Gehirn (mit potenziell tödlichen Folgen) unterversorgt wird.

Flüge in sehr großen Flughöhen (ab ca. 18 000 Metern, wo der Außendruck für den Einsatz von Sauerstoffmasken nicht mehr ausreicht), wie sie in den 1950er Jahren möglich wurden, erforderten die Entwicklung des Druckanzugs. Dieser druckdichte Anzug umschließt den Körper des Piloten komplett und wird aufgepumpt, damit der Träger ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird und der Siedepunkt von Körperflüssigkeiten nicht bis auf Körpertemperatur (~37 °C) absinkt. Durch Weiterentwicklung entstand schließlich der Raumanzug für Einsätze im Weltraum.

Luftstreitkräfte der NVA

Rangabzeichen Generalmajor der NVA-LSK auf einem Fluganzug

Für Flugzeugführer der Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee wurde eine „blaue Fliegerkombination“ aus nationaler Produktion eingeführt und bis 1990 als Fluganzug genutzt. Die Fliegerkombination der 1960er Jahre wurde im Fliegerjargon auch als „Knochensack“[4] bezeichnet. Am linken Oberarm bzw. an der linken Brustseite war das betreffende Rangabzeichen in Form eines Aufnähers angebracht. Flugzeugführer von Überschallkampfflugzeugen trugen bei zu erwartenden großen Beschleunigungen aus Sicherheitsgründen zusätzlich einen Druck- bzw. Anti-g-Anzug.

Gegenwärtige Standards

Rang­ab­zei­chen GenLt auf ei­nem Flug­dienst­an­zug der Bun­des­wehr

Gegenwärtig sind für Luftwaffe und Marineflieger Flugdienstanzüge in Nutzung, die aus versponnenen Aramidfasern bestehen. Diese Materialien sind leicht und feuerhemmend. Bevorzugte Farben sind olivgrün bis wüstengelbbraun, zudem bergen Flugdienstanzüge zahlreiche Taschen (auch wasserdichte und mit Klarsichtfolie) und Unterbringungsmöglichkeiten von lebenswichtigen Ausrüstungsgegenständen (beispielsweise Notfunkstation, Rettungsweste) bis hin zu Kartenmaterialien und eigenen Aufzeichnungen sowie den Einsatzauftrag oder die Mission betreffende Unterlagen (geplante Flugroute, Einsatzauftrag etc.).

Farbe und Zuschnitt variieren von Land zu Land je nach den einsatzspezifischen Forderungen. Zum Beispiel verwenden die US-Streitkräfte das Modell CWU 27/P, das in salbeigrün und sandfarben verfügbar ist. Auf dem freien Markt sind Fliegerkombinationen für zivile Anwendungen (allerdings aus Baumwoll-Polyester-Mischgewebe) verfügbar, die häufig von Kunstfliegern, Hubschrauberbesatzungen sowie fliegendem SAR-Personal einschließlich Flugingenieuren und medizinischem Personal genutzt werden.

Die Hubschrauberstaffeln der deutschen Landespolizeien tragen Flugdienstanzüge, die denen der Bundeswehr nachempfunden sind.

Raumfahrt

Die ersten NASA-Astronauten trugen Ganzkörper-Fluganzüge während der Bodenausbildung und zu Northrop-T-38-Trainingsflügen. Gegenwärtig finden praktische und bequeme königsblaue und hellblaue Fluganzüge Verwendung, die aus Nomex-Materialien gefertigt sind. Die orangefarbenen Fluganzüge sollen vor allem die bessere Auffindbarkeit der Astronauten unterstützen.

Literatur und Quellen

  • Jon A. Maguire: Gear Up! Flight Clothing & Equipment of USAAF Airmen in World War II. Schiffer, Atglen PA 1995, ISBN 0-88740-744-7.
  • Mick J. Prodger: Luftwaffe vs. RAF. Flying Clothing of the Air War, 1939–45. Schiffer Publishing, Atglen PA 1997, ISBN 0-7643-0234-5.
  • Gordon L. Rottman: US Army Air Force. Band 1–2. Osprey Publishing, London 1993–1994, ISBN 1-85532-295-1 (Bd. 1), ISBN 1-85532-339-7 (Bd. 2).

Weblinks

Commons: Flying suit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Uniformen (Memento vom 29. Juni 2011 im Internet Archive) – Informationsbroschüre des Bundesministeriums der Verteidigung PDF, 1,5 MB.
  2. Sidney Cotton - The Lockheed File. Abgerufen am 6. Januar 2022.
  3. Sidcot Flying Suit (Memento vom 8. April 2016 im Internet Archive)
  4. „Fliegergeschichten – Vom Start zur Landung“, Tatsachen und Erlebnisse – aufgeschrieben von Angehörigen der Fliegerkräfte der NVA, Strausberg 2013, Originalausgabe (S. 309): ISBN 978-3-9814822-3-2, Strausberg, Berlin, 2013.

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Dienstgradabzeichen der Bundeswehr. Aufschiebeschlaufe nach ZDv 37/10. Für eine nähere Beschreibung → siehe hier.
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Militärisches Rangabzeichen der Deutschen Demokratischen Republik bis 1990, hier:
  • Chevron für Sonderbekleidung Generalmajor (vergleichbar mit OF-6 NATO)
  • Farbe: Steingrau Fliegeranzug der Fliegeroffiziere für –
  • Nationale Volksarmee:
    • Landstreitkräfte, Armeefliegerkräfte
    • Luftstreitkräfte, alle Fliegerkräfte.
Expedition 21 crew members with three EMU spacesuits in the Columbus lab of the International Space Station - 20091117.jpg
Expedition 21 crew members pose with three Extravehicular Mobility Unit (EMU) spacesuits in the Columbus laboratory of the International Space Station. From the left in the front row are Canadian Space Agency astronaut Robert Thirsk, NASA astronaut Jeffrey Williams and Russian cosmonaut Roman Romanenko, all flight engineers. Pictured on the back row are European Space Agency astronaut Frank De Winne (center), commander; along with NASA astronaut Nicole Stott and Maksim Surayev, both flight engineers.
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On January 4, 2004 Clark flew with the U.S. Air Force Thunderbirds at speeds of 1.1 Mach, catching 9.4 G's, and doing acrobatic stunts.
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Ottoman Empire: Palestine. Informal portrait of Lieutenant (Lt) Adrian Trevor Lindley Cole, MC, Australian Flying Corps, of Malvern, Vic, wearing his flying suit. Lt Cole enlisted on 28 January 1916 and embarked from Melbourne aboard HMAT Orsova on 16 March 1916 as a corporal with B Flight, No 1 Squadron, Australian Flying Corps. He was promoted to 2nd Lieutenant on 15 June 1916, graduated as Flying Officer on 7 November 1916, Lieutenant on 7 February 1917 and Captain on 15 August 1917. 2nd Lt Cole was awarded the Military Cross on 16 August 1917 and later the Distinguished Flying Cross on 8 February 1919. He enlisted with the RAAF on 31 March 1921 and as a Group Captain he was awarded a Commander of the Order of the British Empire on 11 May 1937. He served with the RAAF during the Second World War and was awarded the Distinguished Service Order on 2 October 1942. He was discharged with the rank of Air Commodore on 17 April 1946.
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Bekleidet mit einem fellgefütterten Leder-Fluganzug, bereitet sich NACA-Testpilot Paul King zum Start mit einer Vought VE-7 vor.