Flugblatt

(c) Bundesarchiv, Bild 102-00886 / CC-BY-SA 3.0
Flugblätter anlässlich der Reichstagswahl 1924

Als Flugblatt, Handzettel, in Österreich Flugzettel, älter auch fliegendes Blatt und heute meist unter dem englischen Begriff Flyer bekannt, bezeichnet man ein beschriftetes Papierblatt, das eine Mitteilung transportiert und verbreitet. Flugblätter erscheinen nicht periodisch, oftmals sogar nur einmalig, und sie zählen zu den Druckerzeugnissen.

Flugblätter werden zu aktuellen Anlässen, für Ankündigungen oder zur Werbung herausgegeben und kostenlos durch Personen oder andere Methoden aktiv verteilt oder sie liegen zur Mitnahme aus. Beispiele sind lokale oder regionale Nachrichten, kleine Preislisten oder Veranstaltungslisten und -hinweise. Flugblätter wurden in der Frühphase der Presse oft als Extrablatt einer Zeitung beigelegt.

Merkmale

Der Engelsturtz, Einblattdruck aus Bayern (wohl 1848)

Typische Merkmale von Flugblättern sind:

  • Einfachheit der Herstellung (z. B. mittels Fotokopierer) und Verbreitung
  • niedrige Herstellungskosten
  • schwere Kontrollierbarkeit
  • große Illustrationen und Bilder
  • potenziell unbegrenzte Auflage, Distribution und Rezeption
  • Einmaligkeit
  • Syntax: Aufforderungssätze, direkte Ansprachen des Lesers, Ausrufe, Fragen an den Leser
  • sprachliche Mittel, welche die Aussage unterstreichen, z. B. die Anapher in Kombination mit der Frage: Wollt ihr auch ein Ende der Sparmaßnahmen an Schulen? Wollt ihr auch, dass Schüler bessere Bücher bekommen?
  • Unterstützung der inhaltlichen Aussage durch entsprechende graphische Gestaltung
  • auffällige Wörter
  • es sollen viele Adressaten erreicht werden
  • These (Forderung, Aussage, Werturteil) mit unterstützenden Argumenten.

Abgrenzungen

Es wird zwischen Flugblättern und den etwas umfangreicheren Flugschriften unterschieden. Flugblätter zu Werbezwecken werden als Flyer bezeichnet. Mehrseitige, gefaltete Druckschriften sind Faltblätter, mit Mehrfachfaltung (wie eine Ziehharmonika) nennt man sie Leporello. Druckschriften, die ein bestimmtes Produkt oder eine Dienstleistung beschreiben, nennt man Prospekt, allgemeine Informationsschriften sind Broschüren.

Geschichte und Entwicklung

Flugblätter vom Spätmittelalter bis zur Reformation

Das Flugblatt war das erste Massenkommunikationsmittel und ist seit 1488 nachweisbar. Die Autoren blieben zumeist anonym. Während man allerdings heute beim Begriff „Flugblatt“ an politische Flugblätter denkt, meint man, wenn man von Flugblättern im ausgehenden 15. Jahrhundert spricht, kommerzielle Einblattdrucke. Diese kommerziellen Flugblätter waren die „Bild-Zeitung“ des Spätmittelalters: eine Handelsware, hergestellt zum Geldverdienen, angeboten von Marktschreiern und fahrenden Händlern auf Jahrmärkten und vor Kirchentüren, aber auch im traditionellen Buchhandel, im Großhandel und auf Messen wurden sie vertrieben. Kostenlos waren sie jedoch nicht – im Gegensatz zum heute bekannten Protest-Flugblatt. Vielmehr schätzt man heute, dass das Einzelblatt mindestens soviel kostete, wie ein gelernter Handwerker in der Stadt in der Stunde verdiente. Einzelne Schätzungen gehen sogar von vier bis fünf Stunden aus. Damit waren Flugblätter für die einfache Landbevölkerung nahezu unerschwinglich.

Der Begriff Flugblatt wurde erst im 18. Jahrhundert verwendet. Zunächst bezeichnete man diese Form der Publikation als „fliegende Schrift“ oder „fliegendes Blatt“.

Lateinisch-deutsches Flugblatt von 1492 über den "Donnerstein von Ensisheim"

Große Illustrationen nahmen häufig ein Drittel der Blattgröße ein, produziert mit Hilfe der Holzschnitt-Technik. Wer Flugblätter besaß, hängte sie stolz zuhause an Wänden, Kisten und Schränken auf. Die Illustrationen waren zur Übermittlung der Botschaft des Flugblattes in dieser Zeit sehr wichtig, da nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung alphabetisiert war. Außerdem sollten sie zum Kauf anreizen. Sehr beliebt waren Abbildungen von fremden Tieren, unbekannten Gegenständen, Ländern oder Monstern. Das älteste illustrierte Flugblatt „Donnerstein von Ensishein“ (1492), das bislang bekannt ist, stammt von Sebastian Brant. Es stellt den Einschlag eines Meteoriten dar, was damals als Vorbote von weiterem Unglück und als Warnung an die Herrscher galt.

Vier Themenbereiche dominierten bei den Flugblättern: Sensationen und Wunder; katechistische Unterweisungen und Läuterungen, Seelentrost und Erbauung und schließlich politische und militärische Nachrichten und Informationen. Die illustrierten Flugblätter entwickelten auch erste Formen der Karikatur[1] und diente außerdem oft zum Aufruf, zu einer Stellungnahme oder zu Warnungen. Die frühen illustrierten Einblattdrucke waren also boulevardeske Informationsmedien, produziert zum Zwecke des Geldverdienens. Mit politischer Agitation hatten sie selten etwas zu tun. Dies änderte sich erst ab der Reformationszeit nach 1500.

Die Hexenverfolgung in Süddeutschland wurde durch Holzschnitt-Flugblätter, die Hexenzeitungen genannt wurden, beeinflusst.[2]

Flugschriften vom Spätmittelalter bis zur Reformationszeit

Flugschriften grenzen sich formal von den Flugblättern dadurch ab, dass sie mehr als eine Seite haben – sie sind also, technisch gesehen, Vorläufer der Tageszeitung, des modernen Romanhefts oder der Gebrauchsanweisung.

Flugschriften dienten der Publikation von Nachrichten und richteten sich damit an Menschen, die eher an „wirklichen“ Informationen interessiert waren als an der Sensationspresse. Wenn man sagt, das Flugblatt sei vor der Reformation so etwas wie die „Bild-Zeitung“ mit nur einem Artikel gewesen, dann war die Flugschrift in etwa die „Frankfurter Rundschau“ des späten Mittelalters.

Flugblätter ab der Reformationszeit

Ab der Reformationszeit wurde das Flugblatt politischer. Es diente als Mittel der Auseinandersetzung im Glaubenskrieg, wie auch im Bauernkrieg. Das traditionelle, primär sensationsheischende Flugblatt („Mann mit vier Köpfen gesehen!“) gab es parallel weiter, es verlor aber stetig an Bedeutung. Auch die politischen Flugblätter der Reformationszeit waren nicht kostenlos, denn dafür waren Papier und Druck allein schon zu teuer.

Im 17. Jahrhundert wurden die Flugschriften und -blätter immer politischer, was vor allem an der Situation im Land und dem Dreißigjährigen Krieg lag. Die Bevölkerung wollte vermehrt und genauer über die politische Situation im Land informiert sein und werden. Nachgewiesen wurden für das 17. Jahrhundert mehr als 7.000 deutschsprachige politische Flugschriften und Flugblätter.

Flugblatt heute

Heute wird das Flugblatt (als Werbeflugblatt oder Flyer bezeichnet) nicht breit gestreut, sondern ist meist zu Werbezwecken auf eine bestimmte Zielgruppe ausgelegt. Flyer stellen in der heutigen Zeit eines der meist genutzten Marketinginstrumente im Offlinebereich dar und werden professionell erstellt. Eine klare Aufteilung, interessante Texte und Bilder sind der bestimmte Zielgruppe angepasst. Mit einer ausdrucksstarken Überschrift wird ein erstes Interesse des Empfängers geweckt und ein Weiterlesen veranlasst. Werbeflugblätter werden als Streuwerbung an Haushalte verteilt, als Beilagen in Postsendungen oder als Produktinformation direkt auf eine bestimmte Personengruppe ausgerichtet. Sie werden allerdings auch von politischen Gruppen, Behörden oder Vereinen verbreitet: mit Wahlinformation, Veranstaltungshinweisen oder oft zur Mitgliederwerbung eingesetzt.[3]

Die Verteilung von Drucksachen zu gewerblichen Zwecken auf Straßen ist in Deutschland als Sondernutzung genehmigungspflichtig.[4]

Für Flugblätter gilt die Impressumspflicht der Landespressegesetze. Diese verpflichtet den Verfasser zur Angabe des Namens und der Adresse.[5]

Das politische Flugblatt in der Moderne

Widerstandsmedium in der Zeit des Nationalsozialismus

Besondere Bedeutung als Mittel des politischen Widerstandes erlangten die Flugblätter im Deutschland der 1940er Jahre durch die Geschwister Scholl und die Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Vom Sommer 1942 bis zu ihrer Verhaftung durch das deutsche Nazi-Regime im Frühjahr 1943 erstellten und verbreiteten sie 6 Flugblätter, in denen sie zum Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror aufriefen.

Propagandamittel

(c) Bundesarchiv, Bild 146-1971-080-26 / CC-BY-SA 3.0
Vorbereitung zum Abwurf von Flugblättern über der Westfront per Ballon

In der Kriegspropaganda des 20. Jahrhunderts bildeten Flugblätter in Gestalt von Flugblattbomben (sogenannte Kriegsflugblätter[6]) einen wichtigen Teil der psychologischen Kriegführung.

Sammlungen

Wichtige Flugblatt-Sammlungen besitzen unter anderem folgende Einrichtungen:

Ausstellung

  • Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip. Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin (bis 8. April 2018).[7]

Literatur

  • Emil Karl Blümml (Hrsg.): Lieder und Reime in fliegenden Blättern des 16. und 17. Jahrhunderts. Straßburg 1987 (Nachdr. d. Ausg. Straßburg 1911).
  • John C. Field: Aerial Propaganda Leaflets (The Aero Field Handbook; Bd. 15). Field Edition, Sutton Coldfield 1954.
  • Hermann Wäscher: Das deutsche illustrierte Flugblatt. Verlag der Kunst, Dresden 1955/56.
  1. Von den Anfängen bis zu den Befreiungskriegen. 1955.
  2. Von der Zeit der Restauration bis zur Gegenwart. 1956.
  • Rudolf Stöber: Deutsche Pressegeschichte (UTB; Bd. 2716). UVK-Verlagsgesellschaft, Konstanz 2005, ISBN 3-8252-2716-2.
  • Ruth Kastner: Geistlicher Rauffhandel. Form und Funktion der illustrierten Flugblätter zum Reformationsjubiläum 1617 in ihrem historischen und publizistischen Kontext. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-8204-6252-X (zugl. Dissertation, Universität Hamburg 1981).
  • Daniel Bellingradt: Die vergessenen Quellen des Alten Reiches. Ein Forschungsüberblick zu frühneuzeitlicher Flugpublizistik im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. In: Astrid Blome, Holger Böning (Hrsg.): Presse und Geschichte. Leistungen und Perspektiven der historischen Presseforschung. Edition Lumière, Bremen 2008, S. 77–95, ISBN 978-3-934686-58-8.
  • Daniel Bellingradt: Flugpublizistik und Öffentlichkeit um 1700. Dynamiken, Akteure und Strukturen im urbanen Raum des Alten Reiches (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte; Bd. 26). Steiner, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-515-09810-6 (zugl. Dissertation, Freie Universität Berlin 2010).
  • Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Gier nach neuen Bildern. Flugblatt, Bilderbogen, Comicstrip. Theiss Verlag, Darmstadt 2017, ISBN 978-3-8062-3638-5.

Weblinks

 Wikisource: Einblattdrucke – Quellen und Volltexte
 Commons: Flugblatt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Flugblatt – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Rudolf Stöber: Deutsche Pressegeschichte. Einführung, Systematik, Glossar. Konstanz 2000, S. 37.
  2. Wolfgang Behringer: Hexenverfolgungen im Spiegel zeitgenössischer Publizistik: die „Erweytterte Unholden Zeyttung“ von 1590 (PDF; 4,5 MB), Oberbayerisches Archiv. - 109. 1984, 2, S. 339–360, Fußnote Nr. 47, S. 348
  3. Flyer in der heutigen Zeit, M. Foerster, A. Heise, 2013
  4. Vgl. Oberlandesgericht Düsseldorf, Beschluss vom 21. September 2010, Az. IV-4 RBs25/10 (zum Anklemmen von Visitenkarten an parkende Autos).
  5. Schwarzwälder Bote, Oberndorf Germany: Dornstetten: Verfahren gegen Gemeinderäte eingestellt - Schwarzwälder Bote. Abgerufen am 31. März 2019.
  6. Markus Behmer: Deutsche Publizistik im Exil, 1933 bis 1945: Personen - Positionen - Perspektiven: Festschrift für Ursula E. Koch. LIT Verlag Münster, 2000, Seite 190; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  7. https://www.dhm.de/ausstellungen/gier-nach-neuen-bildern.html

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Flyer "Feldpost" from "Amerikanischen Armee in Westeuropa" Number 6, February 1945

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Lateinisch-deutsches Flugblatt von 1492 über den "Donnerstein von Ensisheim", ein Steinmeteorit, der im selben Jahr bei Ensisheim im Elsass niederging.
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NS Flugblatt (Rückseite) für Alliierte Truppen, Dezember 1944

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