Fitna (Islam)
Der islamische Ausdruck Fitna bezeichnet schwere Zeiten, in denen vermehrt mit Glaubensspaltung und Glaubensabfall gerechnet werden kann.
Das arabische Wort فتنة / fitna (pl. fitan) taucht im Koran mehrmals auf in der Bedeutung „schwere Prüfung“ bzw. „Versuchung durch Gott“. Gemeint ist eine Prüfung oder Versuchung, die so schwer ist, dass der Glaube (insbesondere der „Glaubensschwachen“) gefährdet ist.
Eine andere Bedeutung, die in zahlreichen Hadithen aufscheint, kann mit „Aufruhr gegen die göttliche Ordnung“ umschrieben werden, im Sinne von Glaubensspaltung und Glaubensabfall. Als Fitna par excellence (oder „große Fitna“) gelten die als 1. Fitna bezeichneten Ereignisse rund um die Schlacht von Siffin 657 und die Herrschaft Muʿāwiyas I., insbesondere die Abspaltungen der Schiiten und Charidschiten. Seitdem bezeichnet Fitna auch Unruhen, Zwist bzw. Aufruhr in der islamischen Gemeinschaft, meist in Verbindung mit Sekten, die von der Mehrheit der Gläubigen (al-dschumla) abgefallen sind.
Hintergründe

(Geographische Bezeichnungen in Spanisch)
Im Jahr 602 brach der letzte Krieg zwischen dem Byzantinischen Reich und seinem östlichen Rivalen, dem Sasanidenreich aus, er hielt bis zum Jahre 628 an. Im Jahr 613 fielen die Perser in die Levante ein und die jüdische Bevölkerung revoltierte gegen die Byzantiner in der Hoffnung, eine Autonomie für Jerusalem zu erreichen und sich der politischen, rechtlichen und religiösen Unterdrückung zu erwehren. Ihre Situation verschlechterte sich zunehmend. Im folgenden Jahr eroberten persisch-jüdische Truppen Caesarea und Jerusalem, zerstörten ihrerseits Kirchen, massakrierten die christliche Bevölkerung und erbeuteten das Heilige Kreuz und andere Reliquien als Trophäen. Der ost-römische Kaiser Herakleios startete eine erfolgreiche Gegenoffensive und rückte 627/28 bis in das persische Kernland vor.[1] Diese langanhaltenden, wiederkehrenden Kriege zwischen Byzanz und dem Sassanidenreich (502–628) schwächten beide Reiche erheblich und machte sie anfällig für die schnelle Expansion der arabisch-islamischen Mächte (Arabisch-Byzantinische Kriege). Nach Mohammeds Tod im Jahr 632 wurde Abu Bakr das Oberhaupt der muslimischen Gemeinschaft. Nachdem er die muslimische Kontrolle über die abtrünnigen Stämme Arabiens wiederhergestellt hatte, schickte er Armeen in den Kampf gegen die Reiche von Byzanz und der Sasaniden und leitete damit eine Eroberungswelle ein, die von seinem Nachfolger Umar (regierte 634–644) fortgeführt wurde. Diese gegenseitigen Schlachten führten zum fast vollständigen Zusammenbruch der Sasanidenherrschaft und beschränkten das Byzantinische Reich auf Anatolien, Nordafrika und seine Besitztümer in Europa.[2]

Historische Einteilung
Erste Fitna
Die erste Fitna (arabisch الفتنة الكبرى al-Fitna al-Kubrā ‚die große Versuchung/Spaltung‘) fand in den Jahren 656–661 n. Chr. statt. Sie war der erste Bürgerkrieg in der islamischen Geschichte und markierte eine entscheidende Spaltung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft:
- 656–661: Erster islamischer Bürgerkrieg. Längeres Ringen um das Kalifat nach dem Mord an Kalif Uthman ibn Affan (656).
Zweite Fitna
In diesem Bürgerkrieg kämpfen die umayyadischen Kalifen gegen Husain ibn ʿAlī, den Enkel des Propheten, sowie Abdallāh, den Sohn des Prophetengefährten az-Zubair. Der Bürgerkrieg zwischen Damaskus (Umayyaden) und Mekka (Zubairiten) endet mit der Eroberung Mekkas durch den umayyadischen Kalifen Abd al-Malik bzw. dessen General al-Haddschadsch ibn Yusuf im Jahr 692.
- 680–692: Der zweite islamische Bürgerkrieg fällt in die frühe Phase der umayyadischen Kalifate und beginnt mit dem Tode des ersten umayyadischen Kalifen Muʿāwiya I. im Jahr 680.
Dritte Fitna
Die Unruhen des Bürgerkriegs aber ermöglichten den Ausbruch der sog. „Abbasidischen Revolution“, die 750 die Umayyaden besiegte und als herrschendes Haus des Kalifats durch die Abbasiden ersetzte.
- 744–750: Der dritte Bürgerkrieg brach unter den Umayyaden-Prinzen aus, der vorerst zur Thronbesteigung von Marwan II. führte.
Vierte Fitna
Al-Ma'mun hatte seine Basis in Chorasan, während sein Bruder al-Amin in Bagdad residierte und von der Aristokratie der Hauptstadt unterstützt wurde. Ma'mun konnte sich 819 endgültig als Kalif durchsetzen, aber es dauerte bis 827, bis die westlichen Reichsteile wieder unter der Kontrolle der Regierung gebracht wurden.
Der Aufruhr der vierten Fitna brachte bei den Muslimen apokalyptische Erwartungen hervor. Ihre Vorhersagen über die Zukunft des Kalifats, kommende Kriege und das Ende der Welt wurden in die Form von Hadithen gekleidet. Sie haben in der umfangreichen Sammlung mit dem Titel Kitāb al-Fitan („Buch der Zwiste“) überlebt, die der Traditionist Nuʿaim ibn Hammād (gest. 844) in den 830er Jahren erstellte. Die hier gesammelten Hadithe haben das islamische Denken nachhaltig geprägt.[3]
- 809–827: Bürgerkrieg zwischen den Abbasiden um die Thronfolge Hārūn ar-Raschīds.
Fitna in al-Andalus
Weiter wird eine Periode blutiger Palastrevolten und Bürgerkriege im al-Andalus der Umayyaden ebenfalls als Fitna bezeichnet. Diese Periode begann im August 1009 mit einer Rebellion des Umayyaden Muhammad II. al-Mahdi gegen den Kalifen Hischam II. und endete mit dem Untergang des Kalifats von Córdoba im November 1031.[4]
Literatur
- The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden 1991. Band II, S. 930 (Fitna)
- David B. Cook: Studies in Muslim Apocalyptic (Studies in Late Antiquity and Early Islam). Darwin Press, 2003, ISBN 0-87850-142-8.
- Gilles Kepel: Die neuen Kreuzzüge. Die arabische Welt und die Zukunft des Westens. Piper, München 2005, ISBN 3-492-24533-1.
- André Clot: Das maurische Spanien. 800 Jahre islamische Hochkultur in Al Andalus. Aus dem Französischen von Harald Ehrhardt. Albatros, Düsseldorf 2004, ISBN 3-491-96116-5.
- Henri Laoust: Les schismes dans l'Islam. Payot, Paris 1965.
Weblinks
- The war for Muslim minds: an interview with Gilles Kepel. opendemocracy.net, 11. November 2004, abgerufen am 7. August 2010 (engl.)
- Fitna. Guerre au coeur de l’islam. Interview mit Gilles Kepel in: El Watan Newspaper, 7. September 2004, abgerufen am 28. Juli 2010 (franz.)
Einzelnachweise
- ↑ Peter Schäfer: The History of the Jews in the Greco-Roman World. Psychology Press, 2003, ISBN 978-0-415-30585-3, S. 195 f.
- ↑ Suleiman Mourad, Perry Anderson: Das Mosaik des Islam. Berenberg, Berlin 2018, ISBN 978-3-946334-31-6, S. 44 f.
- ↑ Vgl. dazu Jorge Aguadé: Messianismus zur Zeit der frühen Abbasiden: Das Kitâb al-Fitan des Nuʿaim ibn Hammâd. Tübingen 1979.
- ↑ Georg Bossong: Das maurische Spanien. München 2007, S. 28ff
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Conquests of Muhammad (black lines) and the Rashidun caliphs (green lines), 630-640 CE. At the top: The Byzantine empire and the Sassanid-Persian empire.
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Principales grupos tribales árabes antes del surgimiento del islam.