Dysphagie

Klassifikation nach ICD-10
R13Dysphagie
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Klassifikation nach ICD-11
MD93Dysphagie
ICD-11: EnglischDeutsch (Vorabversion)

Eine Dysphagie oder Schluckstörung ist eine bei bestimmten Erkrankungen auftretende Veränderung des Schluckaktes. Der komplexe Schluckvorgang, der bei gesunden Menschen pro Tag mehr als 500 Mal fehlerfrei abläuft, ist dabei beeinträchtigt. Nahrung, Flüssigkeiten und Sekret können nicht mehr sicher von der Mundhöhle in den Magen transportiert werden.

Beim Schlucken spielen willentliche, automatische und reflektorische Vorgänge eine Rolle.[1] Zu den häufigsten Ursachen einer Dysphagie gehören neurologische Erkrankungen, wie der Schlaganfall oder Morbus Parkinson, Langzeitbeatmungen bzw. Critical-Illness-Polyneuropathie und strukturelle Erkrankungen im Bereich der Mundhöhle, des Rachens, des Kehlkopfes und der Speiseröhre (z. B. bei Kopf-Hals-Tumoren.)[2]

Da Schluckstörungen erhebliche Beeinträchtigungen des körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens nach sich ziehen, bedürfen sie immer einer Abklärung.[3]

Symptome

Mögliche Symptome[1] einer Schluckstörung sind

  • Husten während der Mahlzeit als Ausdruck einer Penetration (Eindringen von Nahrung bzw. Flüssigkeiten in die oberen Atemwege vor dem Schlucken) oder Aspiration (des Übertritts von Nahrung bzw. Flüssigkeiten in die unteren Atemwege)
  • ein Hochwürgen von bereits geschluckter Nahrung (z. B. bei Ösophagusdivertikeln (Ausbuchtungen der Speiseröhre))
  • Hypersalivation, bedingt durch die Unfähigkeit, den eigenen Speichel abzuschlucken (Sialorrhö)[4]
  • Essensreste verbleiben nach der Mahlzeit auf der Zunge, an den Zähnen oder der Mundschleimhaut
  • Schmerzen, ein Druck- oder Kloßgefühl im Hals
  • im Extremfall eine generelle Unfähigkeit zur Nahrungsaufnahme und Notwendigkeit einer künstlichen Ernährung

Als Begleitsymptome können je nach Ursache ein nasaler Stimmklang (besonders bei der Schlucklähmung), ein abnorm gesteigerter oder ausbleibender Würgreflex, einseitige Gesichtslähmungen sowie Heiserkeit auftreten.
Nicht alle Patienten mit einer Schluckstörung sind sich dieser auch bewusst. Vor allem bei Menschen mit Parkinson kann es beispielsweise zu stillen Aspirationen kommen. Das bedeutet, dass das Verschlucken von den Betroffenen nicht bemerkt wird und der eigentlich reflektorisch auftretende Husten ausbleibt.

Folgen

Dysphagien können zu verminderter Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme führen, wodurch langfristig eine Mangelernährung und Flüssigkeitsmangel auftreten kann. Besonders kritisch ist dies, wenn durch den anhaltenden Nährstoffmangel eine muskuläre Schwäche hervorgerufen wird, welche die Schluckstörung wiederum verstärkt.[1] Zudem können häufige Aspirationen im Zuge einer Schluckstörung Fieber, Lungenentzündungen und Atelektasen verursachen.[4]

Ursachen

Es gibt vielfältige Gründe für eine Schluckstörung. Prinzipiell ist jede Schluckstörung sorgfältig abzuklären, um möglicherweise zugrundeliegende Erkrankungen auszuschließen.

Neurologische Erkrankungen

Strukturelle Ursachen

Verletzungen und Tumoren der Mundhöhle, des Rachens und der Speiseröhre, Störungen der motorischen Innervation der am Schluckvorgang beteiligten Muskeln.

Mundhöhle und Rachen

Speiseröhre

Schilddrüse

Psychische Ursachen

Der ungestörte Schluckvorgang ermöglicht die lebenserhaltende Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, aber auch das Erleben von Genuss und Wohlbefinden. Somit kann eine Störung des Schluckakts unter Umständen selbst auf Störungen der psychischen Befindlichkeit hinweisen – nachdem körperliche Ursachen ausgeschlossen wurden. Eine psychische Ursache kann umso eher angenommen werden, je jünger der Patient ist und je wechselnder die Beschwerden sind.

Siehe auch: Globussyndrom.

Häufigkeit

Die Häufigkeit von Dysphagien variieren je nach Alter und Ursache.

Im Bereich der neurologischen Erkrankungen besagen aktuelle Zahlen[5] ein Auftreten von

  • mindestens 50 % bei Pflegeheimbewohnern und mehr als 70 % bei geriatrischen Krankenhauspatienten
  • bis zu 80 % nach verlängerter Entwöhnung von Langzeitbeatmungen
  • mindestens 50 % bei Schlaganfällen
  • etwa 60 % bei schweren Schädel-Hirn-Traumen
  • 20–30 % bei Demenz
  • bis zu 30 % bei amyotropher Lateralsklerose

Kopf-Hals-Tumoren und durch die Tumortherapie bedingte Schluckstörungen sind die zweithäufigsten Ursachen für Dysphagien. Bei Kopf-Hals-Tumoren werden in 59 % der Fälle bereits bei Tumoren geringerer Ausdehnung Auffälligkeiten im Schluckvorgang festgestellt. Nach Radiochemotherapie kommt es bei 55–88 % der Fälle zu Dysphagien.[2]

Diagnostik

Klinische Schluckuntersuchungen werden von Logopäden oder Sprachtherapeuten mittels standardisierten klinischen Befundbögen durchgeführt. Darin enthalten ist:

  • die klinische Anamnese (Krankenakte, Interview mit Betroffenen und Angehörigen)
  • deskriptive Beobachtungen (Körperhaltung, Atmung) inklusive Mundinspektion (Prothesenversorgung, Schleimhäute, Atrophien, Beläge etc.)
  • die Beobachtung des Schluckakts (Beweglichkeit des Kehlkopfes)
  • die Überprüfung der orofazialen Beweglichkeit und Sensibilität (sowohl außen wie im Mundraum)
  • die Überprüfung der Reflexe (Palatalreflex, Würgereflex, Hustenreflex, Schluckreflex)
  • eine Beurteilung des Schweregrades der Schluckstörung mittels Screening (z. B. "Daniels-Test" [Daniels et al., 1998],[6] Stufenkonzept der neurogenen oropharyngealen Dysphagie (NOD) mit Einteilung in vier Schweregrade.[7] Die Graduierung steigert sich von NOD-Grad 0 (= keine Dysphagie, also Normalkost) über NOD-Grad 1 (= leichte Dysphagie) und NOD-Grad 2 (= mittelschwere Dysphagie mit angedickter Flüssigkeit und passierter Kost) bis NOD-Grad 4 (= massive Dysphagie mit 100 % intravenöser Sondenkost).).

Eine erste Einschätzung über den Schweregrad einer Dysphagie sowie das Aspirationsrisiko kann über folgende Kriterien getroffen werden:

  • abnormaler willkürlicher Husten beim Wasserschluck
  • abnormaler Würgreflex beim Wasserschluck
  • Dysarthrie
  • Dysphonie
  • Husten nach dem Trinken von vorbestimmten Wassermengen
  • Veränderung des Stimmklangs nach einem Wasserschluck

Zusätzlich zur klinischen Schluckuntersuchung werden apparative Verfahren zur bildgebenden Untersuchung empfohlen[5][1]:

  • Fiberendoskopische Schluckuntersuchung (fiberendoscopic evaluation of swallowing, FEES) – Überprüfung der Nahrungsaufnahme (breiig, flüssig, fest und krümelig) mittels einer flexiblen Endoskopie über die Nase
  • Röntgenuntersuchung:
    • Ösophagusbreischluck (Videokinematographie des Schluckakts) zur funktionellen Beurteilung
    • Videofluoroskopie zur funktionellen zeitkritischen Beurteilung unterschiedlicher Konsistenzen (breiig, flüssig, fest, krümelig)
    • noch experimentell: Hochgeschwindigkeits-MRT[8]
    • Röntgen der Halswirbelsäule
  • Magenspiegelung (Gastroskopie)

Weitere diagnostische Bereiche können sein

Komplikationen

Jeder Schluckakt birgt dabei die Gefahr, sich an Nahrung und Flüssigkeit (auch am eigenen Speichel) zu "verschlucken" und diese letztlich in tiefere Lungenanteile zu aspirieren. Demzufolge kann sich eine Aspirationspneumonie entwickeln, die bei Schlaganfallpatienten z. B. für 20 % der Todesfälle im ersten Erkrankungsjahr verantwortlich ist.

Da im Alter auch das Geschmacks- und Geruchsempfinden beeinträchtigt sind und der Appetit aus meist unbekannten Gründen abhandengekommen ist, kann eine auch geringfügige Schluckstörung letztlich zur vollständigen Nahrungsverweigerung mit allen Folgeproblemen wie Gewichtsabnahme, Exsikkose und weiterer Reduktion des Allgemeinzustands führen.

Therapie

Die Behandlung richtet sich nach den Ergebnissen der körperlichen oder psychosomatischen Untersuchungen. Eine nasogastrale Sonde oder eine PEG (Sonde mit perkutaner endoskopischer Gastrostomie) kann indiziert sein, wenn eine orale Ernährung nicht möglich ist und der Patient mittels Magensonde ernährt werden muss.

Es gibt in jeder Schluckphase (präoral, oral, pharyngeal und ösophageal) therapeutische Interventionsmöglichkeiten durch die Sprach- und Schlucktherapie. Ziele sind zunächst die Wiederherstellung der intraoralen Sensibilität und der Aufbau der Schutzreflexe (Würgreflex, Hustenreflex, Schluckreflex). Das Spektrum reicht von motorischen Übungen einzelner Muskelpartien, Massagen, thermischer Stimulation über Veränderungen der Körperhaltung beim Essen (z. B. durch Änderung der Kopfposition) bis zu Veränderungen der Nahrungskonsistenzen (z. B. dem Pürieren der Speisen oder Andicken von Flüssigkeiten). Evidenzbasiert sind die sogenannten Schluckmanöver (z. B. Mendelsohn-Manöver oder Supraglottisches Schlucken), die einen verbesserten Schutz der Atemwege beim Schlucken ermöglichen und somit ein Aspirieren von Nahrung verhindern können.

Etymologie

Dysphagie leitet sich von der altgriechischen Vorsilbe δυς- (die etwas Unglückliches bzw. Widriges bezeichnet, entsprechend im Deutschen dem Präfix ‚miss-‘ bzw. ‚un-‘) sowie dem Verb φαγεῖν phagein ‚essen‘ ab.[9] Wörtlich bedeutet Dysphagie also eine Störung beim Essen. Bei Odynophagie lässt sich der erste Wortbestandteil auf ὀδύνη odýnē ‚Schmerz‘ zurückführen.

Literatur

  • S1-Leitlinie Neurogene Dysphagien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). In: AWMF online (Stand 29.02.2020)
  • G. Bartolome; H. Schröter-Morasch: Schluckstörungen - Diagnostik und Rehabilitation. 6. Auflage. Elsevier, München 2018, ISBN 978-3-437-44417-3.
  • U. Frank; P. Pluschinski; S. Hofmayer; S. Duchac (Hrsg.): FAQ Dysphagie. Antworten - prägnant und praxisnah. 1. Auflage. Elsevier, München 2021, ISBN 978-3-437-44720-4.
  • M. Prosiegel (Hrsg.) u. a.: Praxisleitfaden Dysphagie – Diagnostik und Therapie von Schluckstörungen. Verlag Hygieneplan, 2002.
  • J. A. Logemann: Evaluation and Treatment of Swallowing Disorders. Pro-ed Verlag, 1998.
  • R. Nusser-Müller-Busch (Hrsg.): F.O.T.T. Die Therapie des Facio-Oralen Trakts nach Kay Coombes. 5. Auflage. Springer, Berlin 2023, ISBN 978-3-662-67527-4.
  • W. Herbst: Neurogene Dysphagien und ihre Therapie bei Patienten mit Trachealkanüle. Schulz-Kirchner Verlag. Idstein 2002.
  • C. Graz, D. Woite: Die Therapie des fazio-oralen Traktes bei neurologischen Patienten. Schulz-Kirchner-Verlag, 2000.
  • C. M. Morales: Die orofaziale Regulationstherapie. Pflaum Physiotherapie, 1998.
  • D. Steube, M. Hermes: Neurogene Dysphagie; Diagnose, Klinisches Management und Nachsorge. Wissenschaftlicher Verlagsabteilung ABBOTT GmbH, 1999.
  • Friedel Schalch: Schluckstörungen und Gesichtslähmungen – Therapeutische Hilfen. Fischer, Stuttgart 1992, ISBN 3-437-46470-1.
  • S. Stanschus (Hrsg.): Methoden in der Klinischen Dysphagiologie. Schulz-Kirchner-Verlag 2002.
  • G. Kolb (Hrsg.): Dysphagie; Kompendium für Ärzte und Sprachtherapeuten in Klinik. Rehabilitation und Geriatrie, Medizin und Wissen 2000.
  • H. Behrbohm, O. Kasche, T. Nawka: Endoskopische Diagnostik und Therapie in der HNO. Gustav Fischer 1997.
  • P. A. Sullivan, A. M. Guliford: Swallowing Intervention in Onkology. Singular Publishing Group, 1999.
  • J. C. Arvedson, L. Brodsky: Pediatric Swallowing and Feeding – Assessment and Management. Singular Verlag. Early childhood Intervention Series. 2002.
Commons: Dysphagie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d Susanne Weber, Tobias Braun, Mario Prosiegel: Dysphagie: Diagnostik und Therapie von Dysphagien bei Erwachsenen (= Praxiswissen Logopädie). Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2024, ISBN 978-3-662-66429-2, doi:10.1007/978-3-662-66430-8.
  2. a b Gudrun Bartolome, Heidrun Schröter-Morasch (Hrsg.): Schluckstörungen: interdisziplinäre Diagnostik und Rehabilitation (= German Medical Collection. Nr. 79). 6. Auflage. Elsevier, München 2018, ISBN 978-3-437-44417-3.
  3. Dysphagie und Odynophygie. In: Urban & Schwarzenberg (Hrsg.): Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage. Urban & Schwarzenberg 2003.
  4. a b Ulrike Frank, Petra Pluschinski, Andrea Hofmayer, Stefanie Duchac (Hrsg.): FAQ Dysphagie: Antworten - prägnant und praxisnah (= FAQ). 1. Auflage. Elsevier, München 2021, ISBN 978-3-437-44720-4.
  5. a b S1-Leitlinie Neurogene Dysphagien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). In: AWMF online (Stand 29.02.2020)
  6. Daniels, S. K.: Aspiration in patients with acute stroke. In: Arch Phys Med Rehabil. Band 79, Nr. 1, 1998, S. 14–19 (englisch).
  7. Guntram W. Ickenstein et al.: Standardisation of diagnostic and therapeutic procedures for neurogenic oropharyngeal dysphagia (NOD), in: Neurol. & Rehabil. 2009; 15 (5): S. 290 – 300.
  8. A. Olthoff, S. Zhang, F. Frahm: Hochgeschwindigkeits-Magnetresonanztomographie zur dynamischen Darstellung des normalen Schluckaktes. In: Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte. 2011;19, S. 44–47.
  9. Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. G. Freytag Verlag / Hölder-Pichler-Tempsky, München / Wien 1965.