Derivation (Linguistik)

Derivation oder deutsch auch (Wort-)Ableitung ist in der Linguistik die Bezeichnung für ein Verfahren der Wortbildung. Hierbei wird in der Regel durch Anhängen eines Affixes (z. B. einer Endung) aus einem Wortstamm ein neues Wort (bzw. ein neuer Wortstamm) gebildet. Das Ergebnis einer Derivation nennt man Derivat[um], Derivativ[um] oder deutsch abgeleitetes Wort oder Ableitung. Zusammen mit der Komposition (Zusammensetzung) ist die Derivation das wichtigste Wortbildungsmittel der deutschen Sprache.

Beispiele:

  1. Frei-heit
  2. mach-bar
  3. be-greifen
  4. un-be-greif-lich (abgeleitete Wörter (begreiflich) können auch selbst wieder abgeleitet werden)
  5. Ab-leit-ung (Das Wort „Ableitung“ ist selbst eine Ableitung, ist also ein Homolog.)

Abgrenzung von anderen Wortbildungstypen und Klassifikation

Die Derivation unterscheidet sich von der Zusammensetzung (Komposition) dadurch, dass bei letzterer beide Hauptbestandteile jeweils eine eigenständige lexikalische Bedeutung besitzen (meistens könnten sie selbst als Wörter erscheinen), während bei der Derivation nur ein Stamm mit lexikalischer Bedeutung vorliegt und mit einem Anhängsel versehen wird (dem Derivationsaffix), das eine abstrakte (synsemantische) Bedeutung hat. (Siehe auch: Komposition (Grammatik) #Die Abgrenzung zwischen Komposition und Derivation.)

  • Beispiel eines Derivats: Frei-heit aus frei (Adjektiv), -heit hat eine abstrakte Funktion. Das Gesamtwort ist ein Substantiv, das die Eigenschaft „frei zu sein“ als abstrakten Gegenstand fasst.
  • Beispiel eines Kompositums: Haus-wand (Substantiv) aus Haus (Substantiv) und Wand (Substantiv).

Unterschiede zur Flexion sind, dass bei der Derivation

  1. nicht eine neue Wortform entsteht, sondern ein neues Wort (Lexem) (bzw. wortfähiger Stamm): brauch-bar (Adjektiv) versus brauch-t (Verb, 3. Person Singular Präsens von brauchen),
  2. die Wortart sich ändern kann (siehe: Adjektivierung, Substantivierung),
  3. nie alle theoretisch möglichen Grundmorpheme erfasst werden: es gibt keine *Rausch-ung zu rausch(en), keine *Schwimm-ung zu schwimm(en).

Einige Forscher zählen auch Teile der Konversion zur Derivation. Bei der lexikalischen (auch: morphologischen) Konversion oder der Ablautbildung (manchmal auch: implizite Derivation oder Konversion) etwa wird die Kategorie, d. h. die Wortart, eines Grundmorphems so verändert, dass die Wortstämme und seine Bedeutung verändert werden:

  • öl(en) (Verb) → Öl (Substantiv), gesund (Adjektiv) → gesund(en) (Verb), Haus (Nomen) → haus(en) Verb

Folgende drei Gruppen von Wortbildungen können also – je nach grammatischer Theorie – zur Derivation gerechnet werden:

  1. die explizite Derivation (auf diese beschränkt sich dieser Artikel) mit Suffigierung, Präfigierung und Zirkumfigierung: Bildung durch Affixe (Mannmänn-lich, schönun-schön, renn(en)Ge-renn-e),
  2. die Motion / Movierung, Genuswechsel durch explizite Ableitung: (KönigKönig-in, Witw-eWitw-er),
  3. die implizite Derivation, manchmal als Derivation durch Ablautbildung ohne Affixe einbezogen (küss(en)Kuss),
  4. die Konversion: Bildung allein durch Wortartenwechsel, d. h. Umkategorisierung, lauf(en)(der) Lauf. In manchen Grammatiken wird die implizite Derivation auch Konversion durch Ablautbildung genannt. Grund: in beiden findet eine Umkategorisierung, d. h. ein Wortartenwechsel ohne Affigierung statt.

Morphologische Typen von (expliziter) Derivation

In morphologischer Hinsicht lassen sich Derivationen im Deutschen nach dem Typ der beteiligten Affixe einteilen, d. h. nach der Position relativ zum Wortstamm: Suffixe, Präfixe und Zirkumfixe. Diese Affixe verbinden sich nicht nur mit „Grundmorphemen“, sondern auch mit komplexen, bereits abgeleiteten Wortstämmen.

Derivationsaffixe verbinden sich in der Mehrzahl der Fälle nur mit Stämmen einer bestimmten Kategorie. Das Suffix -ung beispielsweise bindet sich fast nur an Verbstämme (Les-ung zu lesen, Muster-ung zu mustern, Betracht-ung zu betrachten). Das Verb zu Zeitung existiert heute nicht mehr. In der folgenden Übersicht wird jedoch nach der Kategorie des Produktes sortiert; mit „nominales Suffix“ ist dann also gemeint „Suffix, das ein Nomen erzeugt“ etc. (nicht „Suffix, das an einen nominalen Stamm anschließt“).

Suffigierung

Suffigierung nennt man das Anhängen von Suffixen („Endungen“) an Wortstämme. Nominale Suffixe legen nicht nur die Kategorie, sondern auch das Genus des abgeleiteten Wortes fest.

a) Nominale Suffixe: -heit, -keit, -tät, -ung. Beispiele: lässig (Adj.) → Lässigkeit (N, fem.); aufzähl(en) (V) → Aufzählung (N, fem.).
b) Adjektivische Suffixe: -bar, -lich, -sam. Beispiele: erleb(en) (V) → erlebbar (Adj.); gelb (Adj.) → gelblich (Adj., Bedeutungsunterschied).
c) Verbale Suffixe: -el-, -ier-. Beispiele: koch(en)köchel(n).[1] (Der Infinitiv -(e)n ist hier zur Vervollständigung der Form immer mit angegeben, ist aber kein Derivations-, sondern ein Flexionssuffix.)

Die Liste zeigt, dass Ableitungen auf -heit, -keit und -tät immer feminine Substantive ergeben. Abstrakta sind im Deutschen generell meistens feminin.

Präfigierung

Beispiele für Präfix-Derivation sind:

a) verbale Präfixe wie be-, er-, ver- oder zer-.
b) Negationspräfixe an Adjektiven: un- oder entlehnte Präfixe wie a- (areligiös).

Die Präfigierung hat als Derivationstyp einige ungewöhnliche Eigenschaften. Anders als Suffixe verhält sich die Mehrzahl der Präfixe wie ein eigenes Phonologisches Wort[2] (vgl. auch den Artikel Silbenphonologie). Beispielsweise entsteht bei Stämmen mit Vokal als Anlaut auch nach einem Präfix weiterhin der Knacklaut (Glottisschlag) wie am Wortanfang: Eis [ʔaɪ̯s] – ver-eisen [fɛɐ̯ʔaɪ̯zən] (anders als beim Suffix in Zauber-ei [tsaʊ̯bə̯ʁaɪ̯], Silbenbildung: „Zau-be-rei“).

Für weitere Probleme im Zusammenhang mit Präfigierung siehe unter Trennbares Verb.

Zirkumfigierung

Bei der Zirkumfigierung wird ein Wortstamm sowohl am Anfang wie am Ende durch ein Element erweitert. Da diese beiden Elemente stets zusammen auftreten, nennt man sie zusammen ein Zirkumfix. Beispiele und Typen von Zirkumfigierungen sind:

a) V → N: hup(en) → (das) Ge-hup-e; zerr(en) → (das) Ge-zerr-e.
b) V → Adj/Partizip: mal(en)ge-mal-t; mahl(en)ge-mahl-en – Man beachte den Unterschied, dass beim Partizip das -en ein fester Teil des abgeleiteten Stamms ist (flektierbar: gemahlen-er Kaffee), wogegen das zufällig gleichlautende -en beim Stamm-Beispiel die zusätzlich angegebene Infinitivflexion war.

Die Zirkumfigierung ist ein im Sprachvergleich seltenes Phänomen; unter anderem finden sich solche Bildungen aber auch im Malaiischen und Georgischen. Die so entstandenen Formen nennt man auch Parasynthetika.

Literatur

  • Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0.
  • DUDEN: Die Grammatik. 7., völlig neu bearb. u. erw. Auflage. hg. v. Dudenred. Mannheim u. a. 2005, ISBN 3-411-04047-5.
  • G. Helbig, J. Buscha: Deutsche Grammatik. Berlin u. a. 2001, ISBN 3-468-49493-9.
  • A. Linke, M. Nussbaumer, P. R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 4. Auflage. Tübingen 2001, ISBN 3-484-31121-5.
  • Johannes Volmert (Hrsg.): Grundkurs Sprachwissenschaft: eine Einführung in die Sprachwissenschaft für Lehramtsstudiengänge. 4. Auflage. Fink, München 2000, ISBN 3-8252-1879-1.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. In Hentschel & Weydt, Handbuch der deutschen Grammatik wird dieses Affix -el fälschlich als Teil der Infinitivendung bezeichnet; es ist aber natürlich ein Stammbestandteil, der auch in den finiten Formen auftritt, wie „es köch-el-t“. – E. Hentschel & H. Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. 5. überarbeitete Auflage. de Gruyter, Berlin 2021. S. 38 und S. 131.
  2. Richard Wiese: The Phonology of German. Oxford University Press 1996. S. 65–66.