David Van Reybrouck

David Van Reybrouck (2022)

David Grégoire Van Reybrouck (geboren 11. September 1971 in Brügge) ist ein flämisch sprechender belgischer Autor, Historiker und Archäologe.

Leben

David Van Reybrouck ist ein Sohn des Ingenieurs Dirk Van Reybrouck und der Lehrerin Bernadette De Bouvere. Sein Vater arbeitete nach der Unabhängigkeit der vormaligen belgischen Kolonie Kongo dort vier Jahre als Eisenbahningenieur. Van Reybrouck studierte Archäologie und Philosophie an der Katholieke Universiteit Leuven und der Universität Cambridge und wurde an der niederländischen Universität Leiden promoviert.

Van Reybroucks erstes Buch im Jahre 2002 war De Plaag (Die Pest). Es spielt in Südafrika nach dem Ende der Apartheid und wurde in den Niederlanden und in Belgien mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 2007 war er Mitautor an einem Situationsbericht über sein Heimatland, dem 2008 ein provozierendes Buch mit dem Titel Pleidooi voor populisme. Pamflet (Plädoyer für den Populismus) folgte. Sein bekanntestes Buch ist aus dem Jahre 2010 Congo. Een geschiedenis, das 2012 als Kongo: Eine Geschichte auf Deutsch erschien. Es schildert die Geschichte des Kongo von der Kolonialzeit bis in die jüngste Vergangenheit.

In der Demokratischen Republik Kongo organisierte Van Reybrouck Workshops für kongolesische Literaten sowohl in Kinshasa als auch im Osten des Landes in Goma.

Im Zusammenhang mit seinen späteren Arbeiten zur Klimakrise schilderte er eine prägende Erfahrung in den Pyrenäen: Beim Blick auf die Nordwand des Vignemale erlebte er einen Gletschersturz aus nächster Nähe und verortete dieses Erlebnis im Anthropozän als Folge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung.[1] Er berichtete überdies von einer mehrwöchigen Wanderung auf dem Pyrenäen-Höhenweg, die er überwiegend allein mit Zelt unternahm, ein Tagebuch führte und aus Gewichtsgründen Kartenstücke mitnahm; bei Nebel fand er in einer Dorfbibliothek Jean-Jacques Rousseaus Du contrat social, dessen Lektüre seine demokratietheoretischen Überlegungen weiter anregte.[1] Für den Sommer in Belgien und Nordfrankreich beschrieb er Hitzeperioden, extreme Regengüsse und ungewöhnlich schwere Obsternte, die unter der Last ganze Zweige brechen ließ.[1]

Auf diese Erfahrungen und seine umweltpolitischen Reflexionen bezog sich auch der Essayband Die Welt und die Erde. Wie können wir sie bewahren? (Suhrkamp, 2025).[1] Im August 2025 wurde Van Reybrouck in Weimar mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.[1]

2011 wurde Van Reybrouck zum Vorsitzenden des PEN Vlaanderen gewählt. An dem 2025 veröffentlichten Essayfilm The Tree of Authenticity war er als Drehbuchautor beteiligt.

Birepräsentatives System

In seinem 2016 auf Deutsch erschienenen Buch Gegen Wahlen: Warum Abstimmen nicht demokratisch ist plädiert Van Reybrouck, unter theoretischem Rückgriff auf die Praxis der antiken Demokratie, für ein „birepräsentatives System“ der Volksvertretung mit zwei Kammern – eine gewählt und eine gelost:

„Wahlen waren jedoch nie als demokratisches Instrument gedacht gewesen, sondern als Verfahren, um eine neue, nicht-erbliche Aristokratie an die Macht zu bringen.“[2]
„Ich glaube, dass der dramatischen Systemkrise der Demokratie abgeholfen werden kann, indem man dem Losverfahren eine neue Chance gibt.“[3]
„Ausgeloste Bürger haben vielleicht nicht die Expertise von Berufspolitikern, aber sie haben etwas anderes: Freiheit. Sie brauchen ... nicht wiedergewählt zu werden.“[3]
„Es wird ein Stück Ruhe wiederherstellen. Gewählte Bürger (unsere Politiker) werden dann nicht nur von kommerziellen und sozialen Medien gehetzt, sondern wissen sich durch ein zweites Gremium flankiert, für das Wahlfieber und Einschaltquoten vollkommen irrelevant sind.“[3]
„Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Gründe, die man heute gegen ausgeloste Bürger anführt, häufig mit den Gründen identisch sind, die man seinerzeit gegen die Verleihung des Wahlrechtes an Bauern, Arbeiter oder Frauen anführte.“[3]

Er zählt eine Reihe „birepräsentativer“ Vorschläge auf (S. 137 ff.), die eine ausgeloste Kammer betreffen, welche in einer Übergangszeit neben ein gewähltes Parlament treten, es also nicht ersetzen soll; die gewählte und die geloste Kammer sollen sich vielmehr gegenseitig ergänzen. Seine Vorschläge sehen eine gute Bezahlung und eine gute Ausstattung mit Mitarbeitern vor, damit das Mandat für möglichst viele attraktiv wird.

Vor dem Hintergrund existenzieller planetarer Umweltprobleme argumentierte Van Reybrouck später, dass die nach 1945 auf nationale Souveränität ausgerichtete Weltpolitik konsequente planetare Lösungen oftmals ausbremse, und plädierte ergänzend für eine „Erdpolitik“, welche den Schutz des Planeten jenseits staatlicher Grenzen ins Zentrum rückt.[1] Er verwies auf die Kluft zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischem Handeln sowie auf die Weltklimakonferenzen (etwa die COP 30 in Belém), bei denen nationale Reflexe Fortschritte behinderten.[1] Als Gegenmittel befürwortet er Weltbürgerparlamente mit nach sozialer Repräsentation gelosten Mitgliedern; Erfahrungen mit Bürgerräten gebe es von der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens bis zu Städten wie Aachen, Paris oder Marseille.[1] Er betonte, solche Gremien seien dialogorientiert, lernbasiert und gegenüber fossilen Lobbyinteressen schwerer zu beeinflussen.[1] In seiner intellektuellen Entwicklung verweist Van Reybrouck auf den Einfluss Bruno Latours, welcher die Trennung von Natur und Gesellschaft kritisierte; Ziel sei eine engere Verschränkung von „Welt“ und „Erde“ im politischen Denken.[1] Für die Zeit nach der COP in Belém kündigte er die Beteiligung eines ersten Weltbürgerrats an.[1]

Preise und Auszeichnungen

Geschwister-Scholl-Preis 2023

Für sein Buch Congo: Een geschiedenis erhielt Van Reybrouck eine Anzahl Preise, darunter:

  • 2016 wurde er beauftragt, das Boekenweekessay für die Stiftung CPNB zum Thema Deutschland zu schreiben

Schriften

  • From primitives to primates. A history of ethnographic and primatological analogies in the study of prehistory. Diss. (Universiteit Leiden), 2000. Veröffentlicht 2012: Leiden, Sidestone Press. ISBN 978-90-8890-095-2.
  • Pleidooi voor populisme. Querido, Amsterdam 2008, ISBN 978-90-214-3468-1.
    • deutsch: Für einen anderen Populismus: Ein Plädoyer, übersetzt von Arne Braun. Wallstein, Göttingen 2017, ISBN 978-3-8353-3157-0.
  • mit Peter Vermeersch: De Europese grondwet in verzen. Vrijdag, 2009.
  • Congo: Een geschiedenis. De Bezige Bij, Amsterdam 2010, ISBN 978-90-234-5663-6.
  • Tegen verkiezingen. De Bezige Bij, Amsterdam 2013, ISBN 978-90-234-7459-3.
    • deutsch: Gegen Wahlen: Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Wallstein, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1871-7.
  • Zink. CPNB, Amsterdam 2016, ISBN 978-90-5965-358-0.
    • deutsch: Zink. Suhrkamp, Berlin 2017, ISBN 978-3-518-75176-3.
  • Odes. De Bezige Bij, Amsterdam 2018, ISBN 978-94-031-3990-6.
    • deutsch: Oden. Übersetzt aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Insel, Berlin 2019, ISBN 978-3-458-17825-5.
  • Revolusi - Indonesië en het ontstaan van de moderne wereld. De Bezige Bij, Amsterdam 2020, ISBN 978-94-031-8340-4.
    • deutsch: Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt. Übersetzt aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-43092-7.
  • De kolonisatie van de toekomst. De Bezige Bij, Amsterdam 2022, ISBN 9789403183718.
  • Die Welt und die Erde. Wie können wir sie bewahren? Suhrkamp, Berlin 2025 (Essayband).[1]

als Herausgeber:

  • Vincent Viaene, David Van Reybrouck, Bambi Ceuppens (alle Herausgeber): Congo in België. Koloniale cultuur in de metropool. Universitätspresse, Löwen 2009, ISBN 978-90-5867-771-6.
Commons: David Van Reybrouck – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m Andreas Fanizadeh: Historiker über den Klimawandel: „Die nationalstaatlich orientierte Weltpolitik ist der Bremser“. In: taz. 8. November 2025, abgerufen am 9. November 2025.
  2. David Van Reybrouck: Gegen Wahlen. 1. Auflage. Wallstein, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1871-7, S. 109.
  3. a b c d David Van Reybrouck: Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. 1. Auflage. Wallstein, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1871-7, S. 156–158 (198 S., niederländisch: Tegen verkiezingen. Amsterdam 2013. Übersetzt von Arne Braun).
  4. David Van Reybrouck erhält den Geschwister-Scholl-Preis ... Archiviert vom Original am 13. Oktober 2023; abgerufen am 9. November 2025 (deutsch).

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David Van Reybrouck at Frankfurter Buchmesse 2022
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Geschwister-Scholl-Preis 2023 für David Van Reybrouck (Mitte). Links Klaus Füreder, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern e. V., rechts Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München. Die Preisverleihung fand in der "Großen Aula" der Ludwig-Maximilian-Universität statt.