Codex Hermogenianus

Der Codex Hermogenianus (so die bezeugte Bezeichnung in Ostrom;[1] in Westrom: Hermogenianus[2] oder Corpus Hermogeniani,[3] generell kurz: CH)[4] war eine kompilierte Privatsammlung[5] von Kaiserkonstitutionen (leges) des epiklassischen Juristen Hermogenian aus dem Jahr 295 n. Chr. Der Codex ist nicht direkt überliefert, sondern wird aus späteren Rechtsquellen rekonstruiert.

Geschichte des Codex

Es wird vermutet, dass der Codex[6] in der großen Masse vom Herausgeber selbst entworfene kaiserliche Reskripte enthielt. Dabei handelt es sich um Bescheide zu Anträgen römischer Bürger, welche konkrete Rechtsfragen zum jeweiligen Einzelfall regelten. Hermogenian stand von 293 bis April 295 in den höchsten Diensten Kaiser Diokletians und übte für ihn den Vorsitz in seiner kaiserlichen Libellkanzlei (magister libellorum) aus.[7]

Ebenso wie der Codex Gregorianus (CG), war das Werk Gesetzgebungswerk und vermutlich fester Bestandteil der Ausbildungsliteratur. Im Laufe der Zeit erlangte es den Charakter eines Rechtsbuches und wurde unter Theodosius II. als offizielle Quelle der Konstitutionen anerkannt. Beide Werke entsprangen einer spätantiken Ordnungs- und Sammelleidenschaft für zuletzt promulgierte Rechtsvorschriften. Hermogenian verzichtete in seinem Werk auf eine systematische Unterteilung in libri, seine Aufmerksamkeit galt stattdessen der Stoffgliederung in die etwa 100 Sachtitel. Ausweislich der Forschungsergebnisse soll der Codex Hermogenianus (CH) weniger anspruchsvoll aufgebaut gewesen sein als sein vorgenanntes Schwesterprojekt. Sein Umfang begrenzte sich auf ein Drittel der Dimensionen des CG.[4] Die Konstitutionen waren ohne Nennung des erlassenden Kaisers inskribiert, dafür unter Angabe des Namens des Adressaten.

Grundsätzlich berücksichtigte der CH die Titelabfolge des CG. Andererseits verknüpfte Hermogenian diverse Rechtsmaterien derart miteinander, dass sachlogisch gegensätzliche Einzeltitel sich innerhalb einer Rubrik in einem Kombinationstitel wiederfinden konnten. So schuf er den Gesamttitel De pactis et transactionibus. De pactis war ein tradierter Einzeltitel, der aus einem prätorischen Edikt stammte und materiell-rechtliche Vereinbarungen behandelte, die keiner rechtlichen Form unterlagen.[8] Dieser wurde sodann bedenkenlos mit dem erstmals im CG aufgekommenen Einzeltitel De transactionibus zusammengefasst,[9] welcher im Gegensatz dazu gerade an rechtliche Formen gebundene Rechtsgeschäfte behandelte, insbesondere zu deren Begründungsakt. Die Forschung vermutet, dass die Regelungsmaterie aus (bisher nicht nachvollzogenen Gründen) unaufteilbar gewesen sein muss und sich ein derartiges Vorgehen daher aufdrängte. Auch diejenigen Titel, die den Problemkreis schikanöser Klagen zum Inhalt hatten, bereiten Mühen zur Einordnung, denn sie werden mit dem Rechtskomplex bereicherungsrechtlich relevanter Zuvielforderungen zum Gesamttitel De calumniatoribus et plus petendo verschmolzen. Soweit die hochklassische Systematik eines Juristen wie Gaius, ausweislich seiner institutiones,[10] noch eine klare Differenzierung derart unterschiedlicher Titelinhalte kannte (sie lagen schon gestalterisch nach Themen weit auseinander), so wurde diese Trennschärfe bei Hermogenian aufgehoben.[4]

Dogmatischen Spürsinn entwickelte Hermogenian andererseits bei der Bündelung sachgleicher Themen. Die etwa zehn Einzeltitel des gregorianischen Rechtskatalogs über zivil-, straf- und öffentlich-rechtliche Gerichtsstände verkürzte er auf nur einen. Strukturell reduziert präsentierten sich die prätorischen Bereicherungsklagen, das Deliktsrecht oder Sachzusammenhänge zur passiven Vererblichkeit rechtshängiger Bußansprüche (Titel: Ex delictis defunctorum quemadmodum conveniantur successores).[4]

Fortentwicklung

Im Gegensatz zum CG und zum Codex Iustinianus (CJ) wurde und wird der CH, ebenso wie der Codex Theodosianus (CTh), dogmatisch als eher unbefriedigendes Werk bewertet, weshalb sich die Digesten letztlich der Systemlogik der beiden erstgenannten Werke anschlossen.[11] Der CH fand mittelbaren Niederschlag im CJ durch die Aufnahme in der Lex Romana Visigothorum. Auch soll Hermogenian, nach Auskunft des aus Rom stammenden Dichters Sedulius,[4] in den Jahren 306 und 319, möglicherweise auch 320, Neuausgaben des Codex veranlasst und produziert haben, wobei das Material aus den Archiven des Ostens bezogen sein dürfte. Unklar bleibt, was die Neuauflagen mit sich brachten. Die Ausschaltung des Kaisers Maxentius wird in rechtlicher Konsequenz für die Nachwelt aus dem CTh im Jahr 313 ersichtlich. Ebenso wird dort die radikale Tilgung licinischer Konstitutionen verbrieft. Weil aber der Codex Iustinianus licinische Inskriptionen aus den Jahren 314 bis 319 aufweist,[12] scheidet der CTh als Quelle nicht nur definitiv aus, sondern legt nahe, dass Hermogenian in seiner Neuauflage von 306 tüchtig und später sporadisch nachgetragen haben muss.

Weiterverarbeitungen der im Codex enthaltenen Auszüge der Bücher 35 bis 38 der ulpianischen libri ad Sabinus – sie richteten sich an den Rechtsschulbegründer der Sabinianer und Prokulianer, Masurius Sabinus (1. Jahrhundert) – finden sich in den der Rechtsschule von Berytus zugeordneten Scholia Sinaitica.[13] Weiterhin wird die Ansicht vertreten, dass der Codex Hermogenianus maßgebenden Einfluss auf den Inhalt der Sententiae Syriacae hatte.[14] Neben dreiundzwanzig Reskripten aus dem Codex Gregorianus fanden zwei hermogenianische Reskripte Einlass in die Lex Romana Visigothorum des tolosanischen Königs Alarich. Zehn der gregorianischen und beide hermogenianischen Reskripte wurden dabei mit einer interpretatio versehen, die ursprünglich der Erläuterung der klassischen Rechtstexte diente und heute überdies Aufschlüsse über Bedeutung und Inhalt des spätantiken römischen Rechts gibt.[15]

Literatur

  • Max Conrat (Cohn): Zur Kultur des Römischen Rechts im Westen des Römischen Reiches im vierten und fünften Jahrhundert nach Christi, Mélanges Fitting I, Montpellier 1907, S. 289–320.
  • Jan Dirk Harke: Römisches Recht. Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57405-4 (Grundrisse des Rechts), § 1 Rnr. 21 (S. 16 f.).
  • Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht, Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001) (Böhlau-Studien-Bücher) ISBN 3-205-07171-9, S. 48–49 (49).
  • Nicole Kreuter: Römisches Privatrecht im 5. Jh. n. Chr.: die Interpretatio zum westgotischen Gregorianus und Hermogenianus, zugleich: Dissertation, Universität Freiburg (Breisgau), 1990/91, Duncker & Humblot, Berlin 1993, ISBN 3-428-07551-X.
  • Wolfgang Kunkel/Martin Schermaier: Römische Rechtsgeschichte, 14. Auflage. UTB, Köln/Wien 2005, § 12 (Das Recht der römischen Spätzeit, Kapitel 4, Die Renaissance des klassischen Rechts), S. 196.
  • Detlef Liebs: Hermogenianus. In: Reinhart Herzog (Hrsg.): Restauration und Erneuerung. Die lateinische Literatur von 284 bis 374 n. Chr. (= Handbuch der lateinischen Literatur der Antike. Band 5). C.H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-31863-0, S. 62–64.
  • Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260-640 n.Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 137–143.

Einzelnachweise

  1. Ausgezogen im CTh: 1,5,5.
  2. Ausgezogen in einer Interlinearglosse zu den Vat. 270 und der Coll. 6,5; und 10,3.
  3. Ausgezogen in der Cons. 4,9; 5,6; 6,10; 6,12–14; 6,18; 9,1 und 9,18.
  4. a b c d e Detlef Liebs: Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260–640 n.Chr.) (= Freiburger Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge, Band 8). Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 137–143.
  5. Jan Dirk Harke: Römisches Recht. Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57405-4 (Grundrisse des Rechts), § 1 Rnr. 21 (S. 16 f.).
  6. Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht, Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001) (Böhlau-Studien-Bücher) ISBN 3-205-07171-9, S. 48–49 (49): Codex bezeichnet im Unterschied zur Papyrusrolle ein gebundenes Buch, das inhaltlich umfassend wiedergibt, äußerlich komprimiert ist und verbindliches Gesetzesmaterial sammelt.
  7. CJ: 1, 50,2 (so gegeben im Oktober 427 in Konstantinopel).
  8. Cons. 4,9 und 6,19.
  9. LRV: CG 1.
  10. plus petito: Gaius 4, 53–60; calumnia: Gaius 4, 174–181.
  11. CJ 2,3 und 4; zum CG siehe LRV App. 1,3 und LRV CG 1,1; D. 2,14/15.
  12. CJ 3,1,8; 6,1,3; 7,16,41 und 7, 22,3.
  13. Wolfgang Kunkel/Martin Schermaier: Römische Rechtsgeschichte, 14. Auflage. UTB, Köln/Wien 2005, § 12 (Das Recht der römischen Spätzeit, Kapitel 4, Die Renaissance des klassischen Rechts), S. 196.
  14. Walter Selb: „Sententiae Syriacae“. Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften - ÖAW, Band 567. Veröffentlichungen der Kommission für Antike Rechtsgeschichte, Band 7. Verlag der ÖAW. Wien 1990. ISBN 3-7001-1798-1. S. 189–192.
  15. Nicole Kreuter: Römisches Privatrecht im 5. Jh. n. Chr: Die Interpretatio zum westgotischen Gregorianus und Hermogenianus (Freiburger rechtsgeschichtliche Abhandlungen), Duncker & Humblot, Berlin 1993, Einleitung.
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