Cabaret Voltaire

Cabaret Voltaire, Zürich

Das sogenannte Cabaret Voltaire gilt als Geburtsort der Dada-Bewegung.[1] Die künstlerischen Veranstaltungen, die von Februar bis Juni 1916 in der Spiegelgasse 1 in Zürich stattfanden, wurden von einer Gruppe um Hugo Ball und Emmy Hennings organisiert. Der Name bezog sich auf die literarische Tradition um Voltaire und wurde als Bezeichnung des künstlerischen Programms verwendet. Im Jahr 1916 befanden sich im Erdgeschoss und Parterre des Gebäudes die „Meierei“ (auch „Holländische Meierei“ genannt), der obere Saal diente als Veranstaltungsraum.[1]

Im Mai 1916 erschien die Anthologie Cabaret Voltaire, in der der Begriff Dada erstmals gedruckt wurde. Während der kurzen Existenz des Cabaret Voltaire von Februar bis Juni 1916 wurden wesentliche Ausdrucksformen der Dada-Bewegung entwickelt. Am 14. Juli 1916 fand im Zunfthaus zur Waag der erste Dada-Abend außerhalb des Cabarets statt.[1]

Das Gebäude an der Spiegelgasse stand lange Zeit leer. Seit 1966 erinnerte eine Gedenktafel an das Cabaret Voltaire. Nach dem Verkauf der Liegenschaft im Jahr 2001 kam es 2002 zu einer Hausbesetzung und politischen Initiativen, um den Ort zu erhalten. Die Stadt Zürich entschied schließlich, das Gebäude zu mieten und mit Unterstützung der Swatch AG als Hauptsponsorin ein Dada-Haus einzurichten. Nach dem Umbau wurde das Dada-Haus Cabaret Voltaire am 29. September 2004 als Dokumentations- und Ausstellungsstätte sowie als Plattform für zeitgenössische Kunst eröffnet. In der heutigen Nutzung kombiniert das Haus einen Café-/Bar-Betrieb, Veranstaltungsräume (historischer Saal/Hinterzimmer), eine Bibliothek und einen Ausstellungsraum (Gewölbekeller/Krypta) für wechselnde Präsentationen.[2]

Geschichte

Hugo Ball bei einer Vorstellung im Cabaret Voltaire, 1916
Marcel Słodki: Plakat zum 5. Februar 1916

Im Obergeschoss der Spiegelgasse 1, im selben Haus wie die Beiz Meierei, eröffneten Hugo Ball und Emmy Hennings am 5. Februar 1916 das Cabaret Voltaire. Nur wenige Meter vom damaligen Wohnsitz Lenins in der Spiegelgasse Nr. 14 fanden dort allabendlich Veranstaltungen statt, bei denen zu Musik Manifeste, Lautgedichte, Tanz und dramatische Szenen vorgetragen wurden, unter anderem von und mit Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco, Tristan Tzara, Sophie Taeuber, Suzanne Perrottet. Zum weiteren Umkreis gehörten auch Walter Serner und Friedrich Glauser. An den Wänden hingen Bilder von Picasso, Arp, Macke, Marinetti, Modigliani und vielen anderen.

Der Raum war schwarz gestrichen, die Decke war blau gefasst und bot rund fünfzig Personen an Tischen Platz. Die frühen Programme entsprachen dem zeitgenössischen Kabarettbetrieb und umfassten Chansons, Musik, Marionettentheater, Vorträge und Lesungen. Teilweise waren die Abende als nationale Soirées (zum Beispiel russisch, schweizerisch oder französisch) konzipiert. Bereits kurze Zeit später entwickelten sich experimentelle Aufführungsformen ohne festes Programm. Huelsenbeck trug rhythmisch strukturierte Gedichte mit Trommelbegleitung vor, während Tzara, Huelsenbeck und Janco sogenannte Simultangedichte in mehreren Sprachen gleichzeitig rezitierten. Auf Anregung Jancos kamen Masken zum Einsatz, die die Bewegungen und Tänze beeinflussten. Hugo Ball präsentierte Laut- und Klanggedichte in einem von ihm gefertigten, kubistisch anmutenden Kostüm aus Karton.[1]

Die Veranstaltungen im Cabaret Voltaire stiessen anfänglich auf heftige Kritik in den Zeitungen und in der Bevölkerung. Hugo Ball erklärte im ersten umfangreichen Programmheft zur Intention seines Kabaretts, „daß er sich dagegen verwahrt, zur deutschen Mentalität gerechnet zu werden“.[3]

„Unser Kabarett ist eine Geste. Jedes Wort, das hier gesprochen und gesungen wird, besagt wenigstens das eine, daß es dieser erniedrigenden Zeit nicht gelungen ist, uns Respekt abzunötigen.“

Emmy Hennigs-Ball in der Biographie ihres Mannes Hugo Balls Weg zu Gott[4]
Schild an der Hauswand des Cabaret Voltaire

Im Zürich der damaligen Zeit sammelten sich zahlreiche Exilanten, die aus ihren Krieg führenden Ländern fliehen wollten oder mussten. Hugo Ball meinte später, seine Idee bei der Gründung sei gewesen, dass dort zahlreiche junge Menschen ihre Freiheit und Unabhängigkeit nicht nur leben, sondern laut proklamieren wollten.

Zürich gilt als der Gründungsort des Dadaismus, doch schon im Sommer 1916 schwärmten Gründerpersonen aus und gründeten neue Dada-Gruppen, die untereinander in Austausch standen. Neben den Metropolen Paris, Berlin, New York gab es weitere wichtige Dadaisten in Köln, Hannover und Genf. Die zum Teil immer provokativer werdenden Aktionen der Dadaisten nutzten sich ab. Das Cabaret Voltaire wird bereits im Juli 1916 geschlossen.[5] Im Januar 1917 fand die erste Dada-Ausstellung in der Galerie Corray am Paradeplatz in Zürich statt. Wenig später übernahmen die Dadaisten die Galerie von Han Coray und führten sie als Galerie DADA weiter. Das Jahr 1922 gilt allgemein als das Ende der Dada-Bewegung. Einige Dadaisten schlossen sich danach den Surrealisten an.

Neuanfang des 21. Jahrhunderts

Als im Jahr 2002 die Umnutzung des Gebäudes des ehemaligen Cabaret Voltaire als Apotheke und Eigentumswohnung drohte, wurde das Gebäude von Künstlern wie Jan Theiler,[6] Mark Divo, Mickry 3, Lennie Lee und Dan Jones aus dem Umfeld der Künstlergruppe Kroesus (auch Fondation Kroesus) besetzt. Diese Künstler versuchten, die Dada-Bewegung als Neo-Dada wiederzubeleben, veranstalteten Ausstellungen, Konzerte, offene Bühnen, Dada-Messen mit Pastor Leumund, Lesungen, Workshops, Partys und Dadafestwochen. Durch die Besetzung rückte das Gebäude und sein kunsthistorischer Kontext erstmals in das Bewusstsein der Bewohner Zürichs. Die Besetzer wurden vertrieben, das Haus wurde geräumt und der Nutzung als eine regulär von der Stadt Zürich betriebene Kulturinstitution zugeführt.[7]

Mit dem seit 2004 in institutioneller Form bestehenden Cabaret Voltaire sind einige Post-Dadaisten wie Jonathan Meese lose assoziiert. Das neue Cabaret Voltaire entstand dank dem Einsatz von Dada-Freunden. Ab Sommer 2004 wurde Philipp Meier als Direktor und Adrian Notz als Co-Direktor eingesetzt. So konnte die Spiegelgasse 1 einer Professionalisierungsphase zugeführt werden. Bis Ende 2013 leitete Philipp Meier die Abteilung «PostDADA», während Adrian Notz «DADAlogie» aufbaute. Von 2012 bis 2019 war Adrian Notz alleiniger Direktor.[8] Seit 2020 ist Salome Hohl Direktorin.[9] Heute befinden sich im Eingangsbereich die «Künstler*innenkneipe»[10] und «CV Books»[11]; im Gewölbekeller[12] ein Ausstellungsraum für Wechselausstellungen sowie die Dada-Vitrine; im Obergeschoss ein Veranstaltungsraum im historischen Hinterzimmer mit Bar – der damaligen «Meierei» – sowie die Dada-Bibliothek[13].

Finanzierung

Der Trägerverein finanziert den Betrieb teils von öffentlicher, teils von privater Hand. Die Stadt Zürich trägt die Mietkosten. 2008 ergriff die SVP das Referendum dagegen, dass die Stadt Zürich sich weiterhin am Betrieb des Cabaret Voltaire beteilige. Das Referendumskomitee «Zürich ist nicht gaga: Keine Steuergelder für Dada!» erlitt jedoch eine klare Abfuhr. Bei der Abstimmung sprach sich eine deutliche Mehrheit[14] der Stimmberechtigten für die Weiterbeteiligung aus, was das Weiterbestehen des Cabaret Voltaire garantierte.

Literatur

  • Dada Stadt Zürich, Stadtplan mit 100 Orten der Dada-Bewegung. Hrsg. Cabaret Voltaire.
  • Philippe Carrard (Hrsg.): Cabaret Voltaire. Dada – Zürich. Ein Eingriff von Rossetti + Wyss. gta Verlag, Zürich 2004, ISBN 978-3-85676-152-3.
  • Ursula Pellaton: Cabaret Voltaire, Zürich ZH. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theaterlexikon der Schweiz. Band 1, Chronos, Zürich 2005, ISBN 3-0340-0715-9, S. 322 f.
  • Raimund Meyer: Dada in Zürich. Die Akteure, die Schauplätze. Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt am Main, 1990.
  • Karl Riha, Waltraud Wende-Hohenberger (Hrsg.): Dada Zürich. Texte, Manifeste, Dokumente. Stuttgart: Reclam 1995
  • Karl Riha, Jörgen Schäfer (Hrsg.): DADA total: Manifeste, Aktionen, Texte, Bilder. (Reihe Reclam). Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag, 1994.
  • Karl Riha (Hrsg.): The History of Dada: Dada Zurich: A Clown's Game from Nothing (Crisis and the Arts). 1996.
Commons: Cabaret Voltaire – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d »Dichten wir das Leben täglich um« Das Cabaret Voltaire – Verbrecher Verlag. Abgerufen am 27. Januar 2026.
  2. Salome Hohl, Cathérine Hug, Elena D’Amato, Franziska Lentzsch, Cabaret Voltaire, Kunsthaus Zürich: Pocket Guide Dada Stadt Zürich Cabaret Voltaire, Kunsthaus Zürich. Zürich 2021, ISBN 978-3-906269-31-3.
  3. Das Kabarett Voltaire. In: Znaimer Tagblatt und Niederösterreichischer Grenzbote, 15. August 1916, S. 2 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/ztb
  4. Otto Seyka: Emmy Hennings-Ball: „Hugo Balls Weg zu Gott“. In: Neue Freie Presse, 15. August 1931, S. 28 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nfp
  5. Dada Auf Papier | Dadadig - Das Digitalisierungsprojekt zum 100-jährigen Jubiläum von Dada. Abgerufen am 22. April 2024.
  6. Website der 7. Werkleitz-Biennale, abgerufen am 26. Februar 2013
  7. dadata.ch:Die ersten internationalen Dadafestwochen 2002. (Memento vom 2. September 2013 im Internet Archive)
  8. N. Paunić: Cabaret Voltaire Securing its Future, Widewalls, Februar 2016.
  9. Cabaret Voltaire. Abgerufen am 28. November 2023.
  10. Cabaret Voltaire. Abgerufen am 28. November 2023.
  11. Cabaret Voltaire. Abgerufen am 28. November 2023.
  12. Cabaret Voltaire. Abgerufen am 28. November 2023.
  13. Cabaret Voltaire. Abgerufen am 28. November 2023.
  14. 28. September 2008: Abstimmungen und Wahlen. In: stadt-zuerich.ch. Archiviert vom Original am 22. Dezember 2015; abgerufen am 19. Dezember 2015.

Koordinaten: 47° 22′ 17,8″ N, 8° 32′ 38,4″ O; CH1903: 683485 / 247340

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Cabaret Volaire Eingang.jpg
Autor/Urheber: Adrian Michael, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Eingang zum de:Cabaret Voltaire in Zürich
Hugo Ball Cabaret Voltaire.jpg
Studio-Fotoaufnahme für Einladungspostkarte zu Hugo Balls Auftritt im Cabaret Voltaire 1916