Bremer Woll-Kämmerei

Bremer Woll-Kämmerei AG

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RechtsformAG
Gründung1883
SitzBremen, Deutschland
Leitung
Mitarbeiterzahl318 (2005)
Umsatz152 Mio. EUR (2005)
BrancheWolltextilindustrie
Websitewww.bwk-bremen.de

Die Bremer Woll-Kämmerei AG (BWK) war ein weltweit tätiges Unternehmen in der Wolltextilindustrie mit Betriebssitz in Bremen-Blumenthal. Sie war weltweit lange Zeit das größte Unternehmen ihrer Art. Sie hatte Niederlassungen bei Istanbul (Türkei), in Australien und Neuseeland. Die Unternehmenstätigkeit umfasste sowohl die Verarbeitung von Rohstoffen wie Schafwolle und Chemiefasern als auch den Handel mit Halbfertigwaren.

Geschichte

Gründung

Aktie über 1000 Mark der Bremer Woll-Kämmerei vom 1. Januar 1907
Ehemalige Kammzuglager von 1895, Haus 100 und 101
Technische Verwaltung, Haus 50
Ehemalige kaufmännische Verwaltung der BWK

Das Unternehmen wurde 1883 als Aktiengesellschaft gegründet. Gründer und Kapitalgeber waren die Konsuln George Albrecht, Weinlich und Delius sowie die Kaufleute H. Claussen, J. Fritze, J. Hachez und C. Kulenkampff.[1] Von diesen Gründern wurde Ferdinand Ullrich zum kaufmännischen und Paul Zschörner zum technischen Direktor bestimmt. Auf Vorschlag Zschörners fiel die Wahl des Standortes für das Werk auf ein 500.000 Quadratmeter großes Areal zwischen der Aue und der Weser in der seinerzeit zur preußischen Provinz Hannover und seit 1939 zu Bremen gehörenden Kreisstadt Blumenthal. Der Standort hat sich dank seiner Größe, günstiger Verkehrsanbindungen und ausreichender, guter Wasserressourcen (eigene Tiefbrunnen) bis Ende 2008 als tragfähig erwiesen. Am 11. September 1884 begann die Produktion[2] mit 150 Arbeitern. Schon 1896 wurden 2000 Arbeiter beschäftigt, darunter viele aus Polen, Schlesien, Ost- und Westpreußen, Sachsen und dem Rheinland. 1897 wurde mit der Farge-Vegesacker Eisenbahn der Anschluss an das Bahnnetz vorgenommen. Bis 1930 stieg die Arbeitnehmerzahl auf 3700, weshalb die BWK auch Wohnanlagen baute u. a. das denkmalgeschützte Wohnhausensemble der Bremer Woll-Kämmerei (1913, 1922/24 und 1934). Dabei wurde sie vom damaligen Landrat Paul Berthold unterstützt.

Als erster Industriebetrieb in dem ländlichen Ort änderte die BWK die Struktur Blumenthals umfassend. Neben Bevölkerungsanstieg, Wohnungsbau und Bahnanschluss sind auch der Bau von Schulen, Kirchen und des Kreiskrankenhauses sowie die Straßenbeleuchtung und die allgemeine Stromversorgung bis 1904 auf den Einfluss bzw. Förderung der BWK zurückzuführen.[3] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden ganze Straßenzüge mit Wohnhäusern gebaut, um den bis zu 5.000 Arbeitern eine Heimat zu bieten.

Zweiter Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg beschäftigte das Unternehmen eine hohe Zahl von Zwangsarbeitern, 1944 waren es 1198 Personen. Die Häuser, in denen diese untergebracht waren, existieren noch heute (z. B. in der George-Albrecht-Straße). Auf der nahegelegenen Bahrsplate bestand ein inzwischen abgerissenes Wohnlager. Im Juni 2000 besuchten ehemalige Zwangsarbeiter die BWK.

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Entwicklung der Lohnkosten, der Wechselkurse und die Liberalisierung der Einfuhren bedrohten die Wettbewerbsfähigkeit der Kämmerei Anfang der 1960er Jahre gegenüber der ausländischen Konkurrenz. Infolgedessen wurde der Betrieb umstrukturiert und entwickelte sich zum weltweit größten seiner Art an einem Standort. Die Kapazität reicht für die Verarbeitung der Wolle von 20.000 Schafen pro Tag. Hervorgerufen durch die Strukturveränderungen im internationalen Handel mit Wolle und Wollprodukten vollzog das Unternehmen seit den 1980er Jahren die Wende von der früher vorherrschenden Produktorientierung zur nunmehr entscheidenden Marktorientierung. Aus der ehemaligen Lohnkämmerei, dem Produzenten für fremde Rechnung wurde ein Anbieter von Kammzügen aus Wolle, Chemiefasern und Mischungen.

Entwicklung im 21. Jahrhundert

Nach Rationalisierungsmaßnahmen auf Grund der veränderten Weltmarktsituation, der sinkenden Nachfrage nach Wolltextilien und des technischen Fortschritts verblieben im Jahr 2006 nur noch 260 Arbeitsplätze einschließlich der Tochtergesellschaften. Im Jahre 2003 begann die Produktion in einer Wollkämmerei bei Istanbul, wo niedrigere Produktionskosten anfallen.

Seit 20. März 2007 wurde die Aktie des Unternehmens (ISIN DE000A0BVXQ0) nicht mehr an der Börse gehandelt. Der bisherige Großaktionär und Investor Elders übernahm die Aktiengesellschaft zu 100 %. Damit ging nach 119 Jahren ein wichtiger Teil der Bremer Börsengeschichte zu Ende.

Am 3. Dezember 2008 wurde die voraussichtliche Schließung der Wollkämmerei in Bremen bekanntgegeben. Als Hauptgründe wurden die hohen Produktionskosten für derartige Produkte, die Transportkosten für Schafwolle aus Neuseeland bzw. Australien und der starke Nachfrageeinbruch nach Wollkammzügen während der Finanzkrise angegeben. Die Verarbeitung von Rohwolle am Bremer Standort wurde am 27. Februar 2009 nach 125 Jahren eingestellt.[4]

Tochterunternehmen

1992 wurde in Australien, dem wichtigsten Erzeugerland von Wolle, eine 100%ige Tochtergesellschaft unter dem Namen GWC - Geelong Wool Combing Ltd. in Corio errichtet, die bis 2003 Bestand hatte.

1993 erwarb die BWK drei Handelsunternehmen und erweiterte damit ihre Geschäftsbasis in Bezug auf das Produktangebot – der Handel mit Rohwolle, gewaschener Wolle und Kämmlingen kam hinzu – und neue Absatzmärkte.

BWK Elders Australia Pty. Ltd., Adelaide, Australien, gehört zur Spitzengruppe der australischen Wollexporteure und handelt mit Rohwolle, gewaschener Wolle und Kammzug.

Seit Februar 2001 gehörte die Kämmerei Australien Topmaking Services Ltd. (Austop), Parkes, Australien als 100%ige Tochtergesellschaft zur BWK. Im Zuge der am 9. August 2000 in der Hauptversammlung beschlossenen Kapitalerhöhung wurde diese Kämmerei von der Australian Wool Holding als Sacheinlage eingebracht. Diese Gesellschaft wurde im Rahmen eines Sanierungskonzeptes an eine australische Gesellschaft verkauft.

Mit JSB – J. S. Brooksbank & Co (Australasia) Ltd., Wellington, Neuseeland gehörte das größte neuseeländische Wollhandelshaus zur BWK-Gruppe. Dieses Unternehmen wurde 2005 wieder verkauft.

Eindampf- und Feuerungsanlage (EFA)

Für die Entsorgung des Wollwaschwassers wurde eine Verdampfungs- und Feuerungsanlage (EFA) auf dem Gelände der Woll-Kämmerei errichtet, welche von der BREWA Umwelt-Service GmbH betrieben wird. In dieser Anlage werden auch flüssige Abfälle wie Deponiesickerwässer und Abwässer aus der kosmetischen Industrie eingedampft und verbrannt. Seit Schließung der Wollkämmerei im Jahr 2009 wird Wollwaschwasser seit 2010 nicht mehr verarbeitet. Die Anlage wurde 1987 mit Mitteln des Umweltbundesamtes als Beispiel für richtungsweisende Umwelttechnologie in Betrieb genommen. Gegen den Betrieb der Anlage gab und gibt es Widerstände aus der Bevölkerung, die sich in der Unabhängigen Bürgerbewegung Blumenthal und umzu e.V. organisieren.

Betrieb und Produkte

Die Kämmerei ist die erste industrielle Stufe in der Wollverarbeitung. Hier wird die vom Schaf geschorene Wolle in einer hochautomatisierten Prozessfolge gewaschen, gekämmt und in Bandform gebracht. Der so für die Weiterverarbeitung aufbereitete Rohstoff Wolle heißt in der textilen Fachsprache Kammzug. Die Spinnereien erzeugen daraus Kammgarne, aus denen in weiteren Stufen der Verarbeitung – Weberei, Strickerei, Ausrüstung und schließlich Konfektion – Bekleidungsartikel aus reiner Schurwolle oder wollhaltigen Mischungen entstehen. Die im Verkämmungsprozess ausgekämmten Kurzfasern heißen Kämmlinge. Sie finden Verwendung in der Streichgarnspinnerei und in der Filzindustrie. Etwa 10 Prozent der in Bremen produzierten Wollkammzüge wurden filzfrei ausgerüstet. Zellulosische und synthetische Chemiefasern wurden bei der BWK ähnlich wie die Wolle zu einem verspinnbaren Faserband aufbereitet, das als Vorprodukt in der Kammgarnspinnerei eingesetzt wird. Die Chemiefaserverarbeitung hat sich zu einem zweiten wichtigen Standbein der BWK in Bremen entwickelt. Ungekämmte, gewaschene Wolle kommt in feineren Qualitäten in der Streichgarnspinnerei und in gröberen in der Teppichindustrie zum Einsatz. Vorwiegend werden diese Wollen bereits in den Ursprungsländern gewaschen und als solche exportiert.

Umweltaspekte

Das Waschen der Wolle erfordert viel Wasser, so dass große Mengen von Abwässern anfallen. Diese enthalten die Stoffe, die von der Rohwolle herunter gewaschen wurden, wie Sand und Erde, Wollwachs, Schweißsalze, andere organische Bestandteile und Substanzen, mit denen die Schafe behandelt werden, um sie vor Ungeziefer zu schützen. Die BWK leitete bis weit in die siebziger Jahre ihre Abwässer ungeklärt in die Weser.[5]

Reinigungssystem

Die BWK entwickelte ein neuartiges Verfahren zur Abwasserreinigung in Zusammenarbeit mit Universitätsinstituten, einem Engineeringunternehmen und dem Umweltbundesamt. Dieses Verfahren besteht aus der Kombination einer biologischen Kläranlage mit einer Eindampf- und Feuerungsanlage (EFA) und wurde 1987 in Betrieb genommen. Die Besonderheit dieses dreistufigen Verfahrens liegt in der Behandlung des Wollwaschwassers durch Eindampfen, Rückgewinnung für die Produktion und Verbrennen der Rückstände.

Eindampfen: Durch Erhitzen wird das Wollwaschwasser in Wasserdampf und in ein energiereiches Konzentrat getrennt. Bei der Kondensation des Wasserdampfs entsteht wieder für die Produktion verwertbares Wasser, das für die Wollwäsche eingesetzt wird.

Verbrennen: Das bei der Eindampfung erzeugte Konzentrat wird bei 1200 °C verfeuert, wodurch sämtliche organischen Bestandteile und Schadstoffe molekular oxidiert und damit vernichtet werden. Die freiwerdende Energie wird in Dampf und Strom für den Betrieb umgewandelt. Aus dem Filterstaub der Feuerungsanlage wurde Soda für den Wiedereinsatz in der Wollwäsche gewonnen.

Durch das Verfahren wird der Anfall von Klärschlamm in einer anaerobbiologischen Kläranlage um 75 % reduziert. Das Umweltbundesamt hat das Verfahren des Verdampfens von Wollwaschwasser als richtungweisend für gleiche und ähnliche Problemstellungen eingestuft und die Investition finanziell gefördert. Inzwischen verfeuert die Anlage allerdings kein Wollwaschwasser mehr, sondern ausschließlich andere Flüssigkeiten.

EG Öko-Audit

Die Bremer Woll-Kämmerei AG hatte als erste Wollkämmerei der Welt in ihrem Werk Bremen-Blumenthal ein Umweltmanagementsystem gemäß (EG-Öko-Audit-Verordnung 1836/93) aufgebaut. Die Umweltbetriebsprüfung wurde jeweils von einem unabhängigen, von der EU zugelassenen Gutachter vorgenommen. Nach erfolgreicher Auditierung hatte die Handelskammer Bremen, als Beauftragte der Europäischen Kommission, die BWK in das Standortregister der EU eingetragen. Die erste Eintragung erfolgte am 11. November 1996, die letzte am 27. Januar 2006 (gültig bis 31. Juli 2008).[6] Danach beantragte das Unternehmen das Zertifikat nicht mehr.

Wesentlicher Bestandteil des Auditverfahrens war die Umwelterklärung, mit der die umweltpolitischen Unternehmensleitlinien, alle ökologisch relevanten Daten sowie der Maßnahmenkatalog zur Erreichung der weiter angestrebten Umweltziele dokumentiert werden.

Dieses Öko-Audit galt allerdings nur für den Betriebsstandort in Bremen.

Nach dem Ende der Wollkämmerei

Aus der BWK AG wurden zwei Gesellschaften ausgegründet, die ihren Sitz am alten Standort haben:[7]

  • Bremer Wollhandelskontor GmbH
  • BWK Chemiefaser GmbH[8]

Die BREWA wte GmbH betreibt auf dem Gelände das Ersatzbrennstoff-Heizkraftwerk Blumenthal, eine Eindampfanlage für Abwasser und wasserhaltige Abfälle, eine Hochtemperatur-Verbrennungsanlage für flüssige Abfälle und eine biologische Kläranlage.[9]

Die Stadtgemeinde Bremen hat große Teile des ehemaligen BWK-Betriebsgeländes übernommen, um dort ein Gewerbegebiet zu entwickeln.[10]

Seit 2017 findet am Wochenende vor dem in der Bremer Innenstadt stattfindenden Straßenkünstlerfestival La Strada eine La-Strada-Veranstaltung mit Straßenkunst, Unterhaltung und Musik auf dem Gelände statt.

Gebäude und Denkmalschutz

2012 wurden Teile des Betriebsgeländes als Ensemble und drei Gebäude als Einzeldenkmal (ED) unter Denkmalschutz gestellt.[11]

Einzelnachweise

  1. „Mitglieder des Gründungskonsortiums“ (Memento vom 2. Februar 2013 im Internet Archive)
  2. „Planung und Bau der Bremer Wollkämmerei“ (Memento vom 2. Februar 2013 im Internet Archive)
  3. Susanne Schöß: Geschichte und Bedeutung der Bremer Wollkämmerei. In: Georg Scalecki (Hrsg.): Denkmalpflege in Bremen. Schriftenreihe des Landesamtes für Denkmalpflege Bremen. Heft 7. Edition Temmen, Bremen 2010, ISBN 978-3-8378-1016-5, S. 75.
  4. Bremer Wollkämmerei muss schließen. In: Die Welt. 5. Dezember 2008.
  5. Dass der Fluss so krank ist... In: Der Spiegel. 40/1978 (29. Sept. 1976), S. 67–81.
  6. Zertifikate der BWK (Memento vom 2. Februar 2013 im Internet Archive)
  7. Bremer Woll-Kämmerei AG (Memento vom 1. Februar 2013 im Internet Archive)
  8. BWK CHEMIEFASER GMBH - BREMEN. bwk-chemiefaser.de, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 22. Juni 2013; abgerufen am 7. Oktober 2012.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bwk-chemiefaser.de
  9. BREWA wte GmbH - Betriebsführung. brewa.de, abgerufen am 7. Oktober 2012.
  10. Masterplan Blumenthal. Einstimmiges Votum zur künftigen Entwicklung des BWK-Geländes. senatspressestelle.bremen.de, abgerufen am 7. Oktober 2012.
  11. Denkmaldatenbank des LfD

Literatur

  • Volkmar Leohold: Die Kämmeristen - Arbeitsleben auf der Bremer Woll-Kämmerei. VSA-Verlag, Hamburg 1986, ISBN 3-87975-378-4.

Weblinks

Commons: Bremer Woll-Kämmerei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 53° 10′ 51,3″ N, 8° 34′ 41,3″ O

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