Allerseelen

Geschmückter Friedhof zu Allerseelen in Oświęcim (1984)
Gräbersegnung zu Allerseelen, Frankreich, Gemeinschaft Sankt Martin (2022)

An Allerseelen (lateinisch [Dies] in commemoratione omnium fidelium defunctorum, „Tag des Gedenkens an alle verstorbenen Gläubigen“) begeht die römisch-katholische Kirche das Gedächtnis ihrer Verstorbenen. Das Gedächtnis aller Seelen wird im Kirchenjahr am 2. November, einen Tag nach dem Hochfest Allerheiligen, begangen. Allerseelen steht liturgisch ebenso auf der Stufe eines Hochfestes, wenngleich es wegen seines eigenen Charakters nicht so bezeichnet wird.[1] Durch Gebet, Fürbitte, Almosen und Friedhofsgänge gedenken die Menschen aller Armen Seelen im Fegefeuer und wenden ihnen Ablässe zu. In der römisch-katholischen Kirche hat der Allerseelenablass daher eine besondere Bedeutung.

Zum Brauchtum des Allerseelentages gehört die Segnung der Gräber auf den Friedhöfen. Sie findet mancherorts am darauffolgenden Wochenende statt, in Ländern, wo Allerheiligen ein arbeitsfreier Feiertag ist, häufig bereits am Nachmittag von Allerheiligen.

In Österreich ist Allerseelen zwar kein gesetzlicher Feiertag, es findet jedoch an den öffentlichen Schulen kein Unterricht statt und an einigen Universitäten ist der Tag vorlesungsfrei.

Ursprung

Der Allerseelentag am 2. November geht auf Abt Odilo von Cluny zurück; er hat diesen Gedenktag in allen von Cluny abhängigen Klöstern eingeführt.[2] Das Dekret Odilos aus dem Jahr 998 ist noch erhalten. Bald wurde der Allerseelentag auch außerhalb der Klöster gefeiert. Für Rom ist er seit Anfang des 14. Jahrhunderts bezeugt. Von Cluny aus verbreitete sich der Allerseelentag in der ganzen lateinischen Kirche.[3] Im 15. Jahrhundert wurde es in Valencia dem Priester erlaubt, zu Allerseelen drei heilige Messen an einem Tag zu feiern. Diese Gepflogenheit dehnt sich später auf ganz Spanien und Portugal aus. Aufgrund der vielen Verstorbenen des Ersten Weltkrieges gestattete Benedikt XV. diese Praxis ab 1915 für die gesamte katholische Kirche.[4] Allerseelen ist vor allem in den Alpenländern mit zahlreichen Volksbräuchen verbunden.

Römisch-katholische Liturgie

Requiem im Straßburger Münster (2013)

Allerseelen wurde durch die Reform der römisch-katholischen Liturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der liturgischen Rangordnung den Hochfesten des Herrn gleichgestellt und verdrängt in den Jahren, in denen es auf einen Sonntag fällt, den Sonntag im Jahreskreis. (Vor der Reform wurde es dagegen am 3. November gefeiert, wenn der 2. November ein Sonntag war.[5]) Die liturgische Farbe beim Gedächtnis aller Seelen ist schwarz oder violett, in der heiligen Messe wird kein Gloria gesungen; an die Stelle des Halleluja-Rufs tritt ein Tractus oder ein Ruf vor dem Evangelium ohne Halleluja.

Das Missale Romanum bot bis 1962 für den Allerseelentag drei verschiedene Proprien; dabei waren die Lesungstexte und Orationen verschieden, die übrigen Teile, beginnend mit dem Introitus Requiem aeternam, stimmten überein. Auch gehörte zur Liturgie der heiligen Messe als Sequenz der Hymnus Dies irae; seit der Liturgiereform kann dieser Hymnus ad libitum beim Stundengebet verwendet werden. Bei einer Zelebration der Messe nach dem Missale Romanum von 1962 kann die Sequenz weiter gesungen werden. Ein Priester darf an diesem Tag aufgrund einer Verfügung von Papst Benedikt XV. – wie am Weihnachtsfest – dreimal die heilige Messe zelebrieren.

Der Ritus der Gräbersegnung ist ein Sakramentale und gehört liturgisch zu den frommen Übungen (pia exercitia). Er kann von einem Priester, einem Diakon oder einem vom Bischof dazu beauftragten Laien vorgenommen werden.[6]

Brauchtum

Video: Allerseelensingen am Allerheiligenabend, dem Vorabend von Allerseelen, in Kallmuth (1982)

Der Gang zu den von den Angehörigen mit Lichtern und Gestecken geschmückten Gräbern am Allerseelentag ist bereits ab dem Jahre 1578 bezeugt. Die Gräber werden vom Priester mit Weihwasser besprengt. In der Messfeier werden mancherorts die Namen der im vergangenen Jahr verstorbenen Menschen vorgelesen.

Auf den Friedhöfen im Mainzer Raum wird die traditionelle Mainzer Kerze, der Newweling, angezündet.[7]

Weit verbreitet ist vielerorts die Tradition, an Allerseelen sogenannte „Totenbrote“ zu backen. Hierbei handelt es sich in der Regel um Zopfgebäcke. Diese Praxis hat möglicherweise einen heidnischen Hintergrund, da es in vorchristlicher Zeit üblich war, Speisen und Getränke an die Gräber der Verstorbenen zu bringen. Auf den Abt von Cluny geht schließlich der Brauch zurück, Bedürftigen an Allerseelen Brot und Wein zu überreichen. Später schenkte man auch Speisen an reichere Leute, die im Gegenzug dazu angehalten wurden, für die Verstorbenen zu beten.[8]

Überhaupt war Allerseelen für die Menschen früher auch magisch konnotiert. So hielt sich lange Zeit hartnäckig die Vorstellung, dass Verstorbene als Geister an diesen Tagen umherwandern und ihre Angehörigen aufsuchen. Das Gedenkfest verband sich also in den Köpfen der Gläubigen durchaus mit Aspekten des Aberglaubens.

Vielerorts, unter anderem auf den britischen Inseln, gab es einen Brauch, bei dem arme Kinder Allerseelenkuchen, sogenannte „Seelen“, erbetteln konnten.[9][10] Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Brauch über irische Auswanderer nach Amerika gelangte und hier die Wurzeln des Heischebrauchs „Trick or treat“ liegen.

Das mexikanische Totenfest Día de Muertos ging aus einer Vermischung indigener Traditionen mit dem Allerseelentag hervor.

Staatliches Totengedenken und Gedenktage in anderen Konfessionen

Siehe auch

Literatur

  • Adolf Adam: Das Kirchenjahr mitfeiern. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1979, Neuausgabe 1995 (= Herderbücherei 8839), ISBN 978-3-451-08839-1, S. 195–198. [= Kapitel Gedenktag aller verstorbenen Gläubigen (Allerseelen; 2. November)]
  • Jürgen Bärsch: Allerseelen. Studien zu Liturgie und Brauchtum eines Totengedenktages in der abendländischen Kirche. (= Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen, Band 90). Aschendorff, Münster 2004, ISBN 3-402-04069-7.
  • Alois Döring: Allerseelensingen. Von armen Seelen und aktiver Jenseitsvorsorge. In: Georg Cornelissen, Alois Döring, Dagmar Hänel (Hrsg.): Feier-Tag Allerheiligen – Zwischen Kerzen und Kommerz. (= Alltag im Rheinland. Sonderheft 2012). LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Bonn 2012, S. 10–15 (PDF).
Commons: Allerseelen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Allerseelen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Adolf Adam: Das Kirchenjahr. Schlüssel zum Glauben – Betrachtungen. Herder, Freiburg im Breisgau 1990, S. 184
  2. Odilo Ringholz: Die Einführung des Allerseelentages durch den heiligen Odilo von Cluny. In: Wissenschaftliche Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner-Orden, Bd. 2 (1881), Nr. 4, S. 248–249.
  3. Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt, 2., überarbeitete Auflage 2000, ISBN 3-89678-172-3, S. 712–713.
  4. Papst Benedikt XV., Apostolische Konstitution Incruentum altaris vom 10. August 1915, in: AAS 7 (1915) 401–404.
  5. EINFÜHRUNG. Abgerufen am 26. Oktober 2025.
  6. Zum gemeinsamen Dienst berufen – Die Leitung gottesdienstlicher Feiern – Rahmenordnung für die Zusammenarbeit von Priestern, Diakonen und Laien im Bereich der Liturgie (PDF; 260 kB), Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, 62, 7. korrigierte Auflage (2007), Nr. 53, S. 43f.
  7. Marlene Hübel: „Newwelinge und Haddekuche“. In: Nekropolis Moguntia, von der Kraft der Endlichkeit Ort der Stille. / 2000 Jahre Heiliges Tal, 200 Jahre Mainzer Aureus, Vitruv. S. 397.
  8. Abt Odilo von Cluny - Der Vater von Allerseelen. Abgerufen am 5. Juni 2026.
  9. Carl Mengis: Art. Arme Seelen. In: Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard Hoffmann-Krayer (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 1: Aal – Butzenmann. Walter de Gruyter, Berlin 1927, Sp. 584–597, hier Sp. 590–591.
  10. Friedrich Eckstein: Art. Kuchen. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 5: Knoblauch – Matthias. Walter de Gruyter, Berlin 1935, Sp. 645–689, hier Sp. 663.
  11. Lesser Festivals. The Church of England, 2008, abgerufen am 1. Dezember 2024 (englisch).
  12. Entschlafenengottesdienst www.nak.org/de, Glossar, abgerufen am 31. Oktober 2014.

Auf dieser Seite verwendete Medien

Allerseelensingen.webm
(c) Alltagskulturen im Rheinland, CC BY 3.0
Allerseelensingen am Allerheiligenabend.

Kallmuth/Eifel 1982 – 18 Min.

Aufnahme: Gabriel Simons; Schnitt/Kommentar: Alois Döring

Zum Andenken an die verstorbenen Gemeindemitglieder kennt man in Kallmuth den besonderen Brauch des "Allerseelensingens". An Allerheiligenabend ziehen die Junggesellen von Haus zu Haus, tragen Bittverse vor und sammeln Geldgaben, die zur Lesung von Totenmessen verwendet werden.
All Saints Day, 1984, Oswiecim, Poland Img871.jpg
Autor/Urheber: John Thaxter, Lizenz: CC0
All Saints Day, 1st November 1984 in the Beskiel Cemetery, Oswiecim, Poland.
Kirchenjahrev Perikopenreform.png
Autor/Urheber: 103II, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Das Evangelische Kirchenjahr mit den liturgischen Farben nach der Perikopenreform