Theta nigrum

Römisches Gladiatoren-Mosaik. Die beiden am Boden liegenden Gladiatoren Astivus und Rodan sind durch ein Theta nigrum als Tote gekennzeichnet.

Das Theta nigrum (lateinisch für „schwarzes Theta“) ist ein in griechischen und lateinischen Texten und Inschriften verwendetes Todessymbol. Es besteht aus einem Kreis, der mittig von einer waagerechten Linie durchkreuzt wird, und ähnelt damit der Majuskel Θ (Theta) des griechischen Alphabets. In griechischen Texten wird es als Abkürzung für θάνατος (thanatos, „Tod“) aufgefasst, in lateinischen Texten als Abkürzung von obiit ([er/sie] „ist gestorben“) gelesen. Den Namen Theta nigrum erhielt es von Theodor Mommsen nach einem Vers des römischen Dichters Persius.[1.1][2]

Verwendung

Epitaph für Conrad Celtis im Wiener Stephansdom. Die Zeile unten zum Todesdatum und Sterbealter wird durch ein Theta nigrum eingeleitet.

Über die Herkunft des Zeichens lässt sich keine Klarheit mehr gewinnen. Es erscheint vor der Zeitenwende auf griechischen Vasen und nach der Zeitenwende häufiger in römischen Texten und Inschriften (Memoriensteinen), auch mit schrägem Balken ähnlich den Zeichen Ø, ∅ oder ø. Der römische Dichter Persius schrieb poetisch vom „schwarzen Theta“ (nigrum […] theta) für ein Todesurteil („Vergehen“ steht sicherlich euphemistisch für „Verbrechen“):[3][1.2]

“et potius est nigrum praefigere vitio theta”

„Auch ist ein schwarzes Theta voranzusetzen mächtiger als das Vergehen.“

In einem Ennius zugeschriebenen Vers wurde das Zeichen früher schon als infelix littera Theta („der unheilvolle Buchstabe Theta“) bezeichnet:[4.1][1.3]

“O multum ante alias infelix littera Theta”

„O weit vor anderen unheilvoller Buchstabe Theta“

Rufinus von Aquileia schrieb im 4. Jahrhundert, dass in Militärlisten vor den Namen von Verstorbenen ein Theta gesetzt wurde. Diese Praxis wurde 2 Jahrhunderte später von Isidor von Sevilla ebenfalls beschrieben; sie war offensichtlich zu seiner Zeit nicht mehr üblich, denn er benutzte die Vergangenheitsform.[1.4] Bei Isidor heißt es:[5.1][4.2][4.3]

“In breviculis quoque, quibus militum nomina continebantur, propria nota erat apud veteres, qua inspiceretur quanti ex militibus superessent quantique in bello cecidissent. T Tau nota in capite versiculi posita superstitem designabat; ϴ Theta vero ad uniuscuiusque defuncti nomen apponebatur.”

„Auch gab es in den Kurzlisten, in denen die Namen der Soldaten festgehalten wurden, bei den Altvorderen eine passende Markierung, durch die angezeigt wurde, wieviele Soldaten am Leben geblieben und wie viele im Krieg gefallen waren. Ein Tau, als Großbuchstabe gesetzt, zeichnete einen Überlebenden aus; ein Theta aber wurde vor den Namen jedes einzelnen Verstorbenen gesetzt.“

In ägyptischen Papyri des 3. Jahrhunderts ist die Bezeichnung tetates oder auch gemischt griechisch-lateinisch θetati überliefert, was wörtlich etwa „die mit einem Theta Markierten“ bedeutet und sich im Kontext auf Gefallene einer Schlacht bezieht.[4.4][1.5]

In neulateinischen Texten und Biografien wird es als Todessymbol bis weit in die Frühe Neuzeit hinein verwendet. Bekanntere Beispiele der Verwendung sind Grabmale, etwa das Epitaph für Conrad Celtis († 1508) im Wiener Stephansdom, oder die gedruckten Biographien Melchior Adams († 1622).

Deutung

Isidor von Sevilla, der auch den Ennius-Vers überlieferte, schrieb unmittelbar vor dieser Stelle, dass die Verwendung des Theta vom Wort θάνατος (thanatos, „Tod“) herstamme:[5.2][4.5][1.6]

“Nam iudices eandem litteram Θ adponebant ad eorum nomina, quos supplicio afficiebant. Et dicitur Theta ἀπὸ τοῦ θανάτου, id est a morte.”

„Denn die Richter fügten den Namen derer, die sie mit dem Tod bestraften, eben diesen Buchstaben Θ hinzu. Und Theta soll von ἀπὸ τοῦ θανάτου, das heißt vom Tod, stammen.“

Die neuzeitlichen Gelehrten stimmen angesichts der Zeugnisse darin überein, dass das Symbol ein Todeszeichen ist, so die Deutung von Mommsen im Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL),[2][1] bei dem Latinisten Du Cange,[6] bei dem Hebraisten William Robertson[7] oder in der Ausgabe der Werke von Giraldus Cambrensis.[8] Ob es von griechisch θάνατος oder aus anderer Tradition stammt, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit beantworten. Die lateinische Lesung obiit ([er/sie] „ist gestorben“), von der Mommsen überzeugt war,[4.6] ist wohl jünger und nicht der Ausgangspunkt, wie die Papyri aus dem 3. Jahrhundert mit den Wörtern tetates und θetati zeigen, die allerdings zu Mommsens Lebenszeit nicht bekannt waren.

Darstellung in Druckwerken und Computersystemen

In Druckwerken wird das Zeichen häufig durch die Majuskel Θ des griechischen Alphabets wiedergegeben.

In Unicode werden die Zeichen Θ (U+0398 greek capital letter theta), ϴ (U+03F4 greek capital theta symbol) – siehe im Unicodeblock Griechisch und Koptisch – und Ꝋ (U+A74A latin capital letter o with long stroke overlay, siehe im Unicodeblock Lateinisch, erweitert-D) unterschieden. Hier kann das Theta nigrum am genauesten durch das letztgenannte Unicodezeichen wiedergegeben werden, da nur bei diesem der Querstrich stets über den Kreis hinausragt.

Commons: Theta nigrum – Mediensammlung

Belege

  1. Iveta Mednikarova: The Use of Θ in Latin Funerary Inscriptions. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 136, 2001, S. 267–276, JSTOR:20190914 (englisch, Latein, altgriechisch).
    1. S. 267, Zitat: “In his Index to the first edition of CIL I Mommsen describes it as theta nigrum2. This interpretation is supported by the literary evidence. Sources from different periods speak of the Greek letter Θ as a sign of death. Mommsen’s technical term, adopted later also by other modern scholars, comes from a passage of Persius3.” (Deutsch: „In seinem Index zur ersten Ausgabe des CIL I beschreibt Mommsen es als theta nigrum2. Diese Interpretation wird durch literarische Belege gestützt. Quellen aus verschiedenen Epochen sprechen vom griechischen Buchstaben Θ als ein Zeichen des Todes. Mommsens terminus technicus, der später auch von anderen modernen Gelehrten übernommen wurde, entstammt einer Stelle bei Persius.3“)
      In Fußnote 2 Nennung der CIL-Stelle.
    2. S. 267, Fußnote 3.
    3. S. 268, beachte Fußnote 8.
    4. S. 268, Zitat: “Two centuries later, Isidore of Seville again in his Originessc. Etymologiae] refers to that practice (belonging to the past by his time, cf. continebantur, apud veteres, etc.) […].” (Deutsch: „Zwei Jahrhunderte später bezieht Isidor von Sevilla sich in seinen Origines erneut auf diese Praxis [die zu seiner Zeit der Vergangenheit angehört, vgl. continebantur, apud veteres usw.].“)
    5. S. 268, letzter Absatz.
    6. S. 267–268.
  2. a b CIL I1, Indices, S. 613 (“Litterae singulares”), vergleiche Digitalisat – Internet Archive.
  3. Persius, 4, 13, vergleiche lateinische Wikisource.
  4. G. R. Watson: Theta Nigrum. In: The Journal of Roman Studies. Band 42, Nr. 1 & 2, 1952, S. 56–62, doi:10.2307/297511, JSTOR:297511 (englisch, Latein, altgriechisch).
    1. S. 57, beachte Fußnote 7.
    2. S. 56.
    3. Die Verwendung des Wortes breviculus wird von Watson auf S. 59–60 diskutiert.
    4. S. 58 oben.
    5. S. 57.
    6. S. 57, vorletzter Absatz und Fußnote 10, wo Wilmanns, Exempla Inscriptionum Latinarum, Berlin, 1873, 158n., zitiert wird: “Mommsenus tamen origine credit esse O cum hasta transversa et significare obiit.” (Deutsch: „Mommsen ist dennoch von dem Ursprung überzeugt, dass es ein O mit einem Querstrich ist und obiit bezeichnet.“ Vergleiche dazu Digitalisat Exempla inscriptionum latinarum in usum praecipue academicum – Internet Archive.)
  5. Isidor von Sevilla: Etymologiae sive Origines.
    1. Etym. 1,24,1. Vergleiche lateinische Wikisource.
    2. Etym. 1,3,8. Vergleiche lateinische Wikisource.
  6. « Th » (par C. du Cange, 1678), dans du Cange et al., Glossarium mediae et infimae latinitatis, éd. augm., Niort : L. Favre, 1883–1887, t. 8, col. 092b (lateinisch, Digitalisat).
  7. William Robertson: A Dictionary of Latin Phrases: Comprehending a Methodical Digest of the Various Phrases from the Best Authors, London 1824, S. 229 (englisch, Digitalisat – Internet Archive).
  8. J. S. Brewer, James F. Dimock, George F. Warner: Giraldi Cambrensis Opera, Cambridge University Press, 2012, ISBN 978-1-108-04297-0, Glossary, S. 260 (englisch, Digitalisat – Google Books).

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Celtis-Epitaph.JPG
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Epitaph des Conrad Celtis im Wiener Stephansdom (Kopie)
Retiarius vs secutor from Borghese mosaic.jpg
A retiarius attacks his downed opponent, a secutor, with a dagger in this scene from a mosaic from the Villa Borghese.