Tübinger Schule

Als Tübinger Schule wird eine theologisch-wissenschaftliche Schule evangelischer und katholischer Theologen bezeichnet, die im 19. Jahrhundert an der Universität Tübingen Methoden der Geschichtswissenschaften in die Bibelforschung einführten.

Evangelische und katholische Tübinger Schule

Die Tübinger Schule wurde um 1826 vom evangelischen Theologen Ferdinand Christian Baur begründet. Diese Schule entwickelte die historisch-kritische Betrachtungsweise der Bibel sowie der Kirchen- und Dogmengeschichte. Weitere Vertreter dieser Schule waren David Friedrich Strauss, Johann Tobias Beck, Karl Reinhold von Köstlin und Baurs Schüler Eduard Zeller. Beck lehnte allerdings Baurs spekulative Sichtweise ab und begründete eine stärker biblisch fundierte Schule, während Albert Schwegler 1841 nach Konflikten mit württembergischen Kirchenbehörden von der Theologie zur Philologie wechselte.

Katholische Theologen mit ähnlicher Forschungsrichtung wie Baur waren Johann Sebastian von Drey (1777–1853), Johann Adam Möhler (1796–1838), Johann Baptist von Hirscher (1788–1865) sowie Franz Anton Staudenmaier (1800–1856) und Johannes von Kuhn (1806–1887). Sie haben sich kontrovers mit Baur und seinen Schülern auseinandergesetzt, weshalb die katholische Tübinger Schule deutlich von der evangelischen zu unterscheiden ist. Angeregt durch die Philosophie Hegels, befasste sie sich auch mit dem Themenkreis göttliche Offenbarung vs. menschliche Vernunft. Dabei bemühte sie sich um die Einheit von historischer und spekulativer Theologie.

Die evangelische Tübinger Schule stand in einer jahrelangen, heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Tübinger Kollegen Heinrich Ewald. Der um einen Ausgleich zwischen orthodoxer und liberaler Theologie bemühte Albrecht Ritschl trennte sich letztlich von der Tübinger Schule.

Um 1860 griff der anglikanische Neutestamentler und Philologe Brooke Foss Westcott die Methoden Baurs auf und entwickelte eine historisch verschärfte kritische Methode der Bibelforschung.

Drei Tübinger Schulen

Manche Historiker unterscheiden sogar drei Tübinger Schulen:

  1. Ältere Tübinger Schule (evangelisch), begründet bereits von G. C. Storr (1746–1805). Sie vertrat im Wesentlichen den Kant'schen Supranaturalismus, wonach die göttliche Offenbarung über aller menschlichen Vernunft steht. Daher hat auch in der Forschung die formale Autorität der Bibel ihren Platz.
  2. Tübinger Schule (katholisch), schon um 1819 von J.S. Drey begründet, von Möhler und Hirscher weiterentwickelt.
  3. Jüngere Tübinger Schule (evangelisch), um 1826 durch F.C. Baur begründet. Im Gegensatz zu (1) tritt sie für eine von dogmatischen Voraussetzungen freie historisch-kritische Theologie ein.

Im 20. Jahrhundert finden die letztgenannten Schulen auch zahlreiche Vertreter unter Naturwissenschaftlern und Philosophen, etwa Carl Friedrich von Weizsäcker.

Literatur

  • Michael Kessler, Ottmar Fuchs (Hrsg.): Theologie als Instanz der Moderne. Beiträge und Studien zu Johann Sebastian Drey und zur Katholischen Tübinger Schule (Tübinger Studien zur Theologie und Philosophie), 2005, ISBN 978-3-7720-8075-3
  • Stefan Warthmann: Die Katholische Tübinger Schule. Zur Geschichte ihrer Wahrnehmung (Contubernium 75). Stuttgart 2011, ISBN 978-3-5150-9856-4
  • Tübinger Schule in Meyers Konversationslexikon
  • Josef Rupert Geiselmann: Die katholische Tübinger Schule: ihre theologische Eigenart, Herder 1964.
  • Josef Mader: Offenbarung als Selbstoffenbarung Gottes: Hegels Religionsverständnis als Anstoß für ein neues Offenbarungsverständnis in der katholischen Theologie des 19. Jahrhunderts. Lit. 2000. ISBN 9783825843090
  • Gerhard Müller: Theologische Realenzyklopädie: Band 35: Vernunft III – Wiederbringung aller. Walter De Gruyter, 2003. ISBN 3-11-017781-1, S. 676 (unter Google-Books abrufbar)
  • Ulrich Köpf (Hrsg.): Historisch-kritische Geschichtsbetrachtung: Ferdinand Christian Baur und seine Schüler.Thorbecke, Sigmaringen 1994, ISBN 9783799532341 (unter Google-Books abrufbar).

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