die Fleckenbühler

Die Fleckenbühler
Rechtsformgemeinnütziger eingetragener Verein
Gründung1995
SitzMarburg[1]
ZweckUnterstützung süchtiger Menschen
VorsitzRonald Meyer
Umsatz7.318.794 Euro (2018)
Beschäftigte42 (2018)
Mitglieder19 (2018)
Websitewww.die-fleckenbühler.de
Hof Fleckenbühl in Cölbe

die Fleckenbühler e. V. ist eine Lebensgemeinschaft und Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Suchtproblemen, die ohne Drogen, Alkohol, Tabak und Gewaltanwendung leben wollen. Organisationsform ist ein gemeinnütziger Verein. Er trägt das Spenden-Siegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen.[2][3]

Regelmäßig leben und arbeiten über 200 süchtige Männer, Frauen und deren Kinder aus ganz Deutschland an drei Standorten in Hessen zusammen: Auf dem Hof Fleckenbühl im Cölber Ortsteil Schönstadt bei Marburg, in Frankfurt am Main und in der Jugendhilfe Haus Leimbach in der Gemeinde Willingshausen.

Arbeitsweise

Konzeption und Drogenhilfe Sofort

Die Fleckenbühler arbeiten ohne angestelltes Fachpersonal, es gibt keine Therapeuten, Ärzte, Psychologen oder Sozialarbeiter. Als anerkannt gemeinnützige Selbsthilfe-Gemeinschaft werden Organisation und Verwaltung vollständig durch die Mitglieder selbst geleistet.[4][5]

Bereits länger in der Gemeinschaft lebende Menschen helfen auf der Grundlage eigener Erfahrungen und durch Vorbildfunktion den Neuankömmlingen zur Abkehr von ihrer Sucht, zu Gemeinschaftsfähigkeit, zu Stabilität, sozialer und beruflicher Kompetenz und somit zu Selbstständigkeit. Dieser Ansatz der Selbsthilfe geht davon aus, dass die Betroffenen selbstverantwortlich im Stande sind, sich die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse anzueignen, um ein zufriedenes Leben zu führen, das heißt, dass Suchtprobleme eher als Lern- bzw. Kompetenzdefizite oder Fehlanpassungen aufgefasst werden. Deswegen ist die aktive freiwillige Teilnahme der Betroffenen an der Lösung ihrer Probleme Voraussetzung für den Aufenthalt in dieser Gemeinschaft.[6]

Aufnahmekriterien

Eine Aufnahme in die Gemeinschaft kann sofort und jederzeit nach einem persönlichen Gespräch erfolgen (Ausnahmen bei BtM-süchtigen Verurteilten, s. u.) Anmeldung oder eine Kostenzusage werden nicht benötigt, es gibt keine Warteliste. Die Aufenthaltsdauer ist grundsätzlich unbeschränkt – man kann so lange bleiben, wie man es selbst für richtig hält. Jährlich kommen etwa 600 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet zu den Fleckenbühlern.[7] Süchtige Eltern können ihre Kinder mitbringen. In einem eigenen Kindergarten in der Nähe von Hof Fleckenbühl werden die Kinder ganztägig betreut. Es ist die einzige staatlich anerkannte Kindertagesstätte in Deutschland, die von einer Suchthilfeeinrichtung betrieben wird.[8]

Es gelten für alle Bewohner drei verbindliche Regeln:[7][5]

  1. Keine Drogen, Alkohol, Zigaretten, bewusstseinsverändernde Medikamente oder andere Suchtmittel
  2. Keine Gewalt, keine Androhung von Gewalt
  3. Kein Tabak, alle sind Nichtraucher

Ein Verstoß gegen eine dieser Grundregeln bedeutet den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Ein Wiederkommen nach 24 Stunden ist möglich. In den ersten sechs Monaten ist eine Kontaktpause einzuhalten, damit sich die Neuankömmlinge in ihrem neuen Lebensumfeld einleben können und Rückfälle verhindert werden. Nach drei Monaten kann man mit Angehörigen zunächst schriftlich in Kontakt treten. Verwandte können sich jederzeit nach dem Befinden erkundigen und erhalten Auskunft, wenn der Betroffene damit einverstanden ist.[7]

Fleckenbühl ist nach dem Betäubungsmittelgesetz (§§ 35/36) als Drogentherapieeinrichtung anerkannt. Es besteht die Möglichkeit, anstatt eine Haftstrafe anzutreten, zu den Fleckenbühlern zu gehen und ein nüchternes Leben zu erlernen. Bei Haftgefangenen wird vom Prinzip der Soforthilfe auf Grund der rechtlichen Rahmenbedingungen abgewichen. In diesen Fällen muss eine schriftliche Bewerbung über die Drogenberatung erfolgen. Weiterhin muss der Sozialdienst des Gefängnisses eine Stellungnahme abgeben, die den Aufenthalt bei den Fleckenbühlern befürwortet.[9][10]

Lebensschule

In der Anfangsphase durchlaufen die Neuankömmlinge eine Grundausbildung von zwei Monaten. Während dieser Zeit arbeiten sie in der Hauswirtschaft, lernen die Organisation von Fleckenbühl kennen, absolvieren Praktika in Arbeitsbereichen und üben eine Tagesstruktur ein.[5] Danach wechseln sie in einen der Zweckbetriebe (Landwirtschaftlicher Demeter-Betrieb mit Bäckerei, Metzgerei, Buffetservice, Verkaufsläden und Umzugsunternehmen) oder Arbeitsbereiche im Haus (Wäscherei, Küche, Haustechnik, Verwaltung).

In nahezu allen Betrieben und Arbeitsfeldern können Qualifizierungen (auch mit HWK- oder IHK-Abschluss etc.) und Fortbildungen gemacht werden, die später ermöglichen, außerhalb der Gemeinschaft wieder eine Erwerbstätigkeit zu finden.[11]

Neben Ausbildung und Qualifizierung ist das Gruppengespräch Teil der Suchtselbsthilfe, um zu einem dauerhaft abstinenten Leben hinzuführen. In den ersten sechs Monaten bekommen die Bewohner kein Gehalt. Danach wird ein kleines monatliches Gehalt gezahlt und beim Abschied bekommen die Bewohner vom Hof ein Startkapital von 400 Euro.[5]

Finanzierung

Fleckenbühl finanziert sich zu zirka 50 % aus den Einnahmen der Zweckbetriebe, außerdem durch Spenden (Sach- und Geldspenden) und Geldauflagen (Urteile), durch ALG II und Zuwendungen des Landes Hessen, der Aktion Mensch, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung u. a.[12] 2019 wurden die Fleckenbühler durch eine Förderung des Landes Hessen mit 650.000 Euro unterstützt.[13]

Geschichte

Die Gründer von Fleckenbühl waren Gründungsmitglieder und langjährige Mitglieder von Synanon. Fleckenbühl steht also in der Tradition der Selbsthilfe, angefangen bei den Anonymen Alkoholikern, Synanon USA und den Therapeutischen Gemeinschaften,[14] wie sie im gleichnamigen Buch von Lewis Yablonsky beschrieben wurden.[15]

Hof Fleckenbühl wurde 1984 von der Selbsthilfe Synanon in Berlin übernommen, 1995 trennte sich Hof Fleckenbühl von Synanon, um sich als Suchthilfe Fleckenbühl e.V. selbstständig zu machen,[16] seit 2009 tritt Fleckenbühl unter dem Namen die Fleckenbühler auf.[17]

In der Eigendarstellung von Synanon wird die Ablösung von Hof Fleckenbühl 1995 mit folgenden Worten beschrieben: „Als Suchthilfe Fleckenbühl e. V. arbeitet das Gut nach Synanon-Regeln weiter. Mit der Abtrennung im Sinne einer Zellteilung beginnt in der über 20-jährigen Geschichte Synanons ein neuer Abschnitt. Die Muttergemeinschaft Synanon lässt eines ihrer erwachsen gewordenen Kinder in die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ziehen im Vertrauen darauf, dass das erwachsene Kind seinen weiteren Weg nach den Grundsätzen Synanons gehen wird.“[16]

Hof Fleckenbühl

Der Hof Fleckenbühl bei Cölbe ist ein ehemaliger Gutshof der Stadt Kassel. Die Wohnhäuser wurden ausgebaut und erweitert, so dass hier im Jahr 2000 140 Erwachsene und 20 Kinder lebten. 2001 richteten die Fleckenbühler im Nachbarort Ginseldorf einen Kindergarten ein, 2005 wurde der dortige städtische Kindergarten integriert. Der dem Demeter-Verband angeschlossene Hof bewirtschaftet über 250 ha nach biologisch-dynamischen Prinzipien. Die Produkte werden in einer eigenen Bäckerei, Metzgerei und Käserei verarbeitet und selbst vermarktet. Der Hof ist Mitglied im Netzwerk der Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau.[18]

Haus Frankfurt

Das Haus in Frankfurt wurde – mit Unterstützung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Willi-Robert-Pitzer-Stiftung, der Software-AG-Stiftung, der Aktion Mensch und der Hessischen Landesregierung – 2003 erworben und bezogen. Es befindet sich im Stadtteil Niederrad.[19]

Jugendhilfe Haus Leimbach

Die Jugendhilfe Haus Leimbach im hessischen Schwalm-Eder-Kreis wurde 2004 eröffnet – ein bundesweit einmaliges Konzept aus Selbsthilfe und Pädagogik, speziell ausgerichtet für die Bedürfnisse männlicher Jugendlicher. Die Aufnahmeindikation reicht von Dissozialität, Devianz bis hin zur Sucht und Suchtgefährdung. Außerdem führt die Fleckenbühler Jugendhilfe Untersuchungshaftverkürzungs- und Untersuchungshaftvermeidungsmaßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) durch.[20]

Kritik

Häufig ins Feld geführte Kritik bezieht sich auf das Sektenähnliche von Hof Fleckenbühl sowie das Fehlen professioneller Therapeuten. Explizit wird diese und weitere Kritik, etwa den Umgang mit Privateigentum betreffend, in der Fachliteratur und von ehemaligen Bewohnern an Synanon geübt. Gleichzeitig wird aber auch auf eine erstaunlich hohe Erfolgsquote von Synanon verwiesen und dass die sofortige unbürokratische Hilfe eine wichtige Ergänzung zum ansonsten hochschwelligen stationären Hilfsbereich darstellt.[21]

Als Reaktion auch auf Forderungen der Behörden wurden in den letzten Jahren mehrere der langjährigen Betreuer zu pädagogischen Fachkräften (Erziehern) ausgebildet und es wurden externe Fachkräfte angestellt.

Literatur/Quellen

  • Brigitte Roth: Fleckenbühl. Eine Lehre im geschützten Raum der Drogenhilfe (Memento vom 20. April 2008 im Internet Archive). In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. März 2008, abgerufen am 5. August 2009
  • Fünfteilige Reihe: Suchthilfe Fleckenbühl. In: ZDF, Volle Kanne – Service täglich. 11.–15. Juni 2007
  • Brigitte Roth: Suchthilfe Fleckenbühl. Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juli 2007, aufgerufen am 5. August 2009
  • Jennifer Katharina Reents: Clean werden, clean leben, clean bleiben: Leben in einer therapeutischen Gemeinschaft am Beispiel der Suchthilfe Hof Fleckenbühl. Marburg 2005
  • Suchthilfe Fleckenbühl (Hrsg.): Willkommen im Leben: (2004)20 Jahre Suchthilfe Fleckenbühl. 2004
  • Christian Lang: Suchthilfe ohne Kompromisse und der Kompromiss als Suchthilfe am Beispiel des Selbsthilfeprojekts „Hof Fleckenbühl“: eine Studie zur Identitätsentwicklung und biographischen Selbstdeutung abstinent lebender Süchtiger anhand narrativer Interviews. Frankfurt 2004
  • Sebastian Stranz: Lebensreform heute. Frankfurt am Main 2009. ISBN 3-8370-3467-4, ISBN 978-3-8370-3467-7
  • Suchthilfe auf dem Hof Fleckenbühl. In: Nachrichten Parität, (2003) 2, S. 2, ISSN 0011-510X
  • Brigitte Roth: Suchthilfe Fleckenbühl – Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juli 2007
  • Suchthilfe Hof Fleckenbühl (Hrsg.): Neuer Platz für Nüchterne Tage: 1984–1998; ansteckende Gesundheit. Cölbe 1998
  • Franz-Josef Hanke: Hilf dir selbst!: Wie es andere machen: z. B. Fleckenbühl. In: Suchtreport, Nr. 4/1997, S. 46–49
  • Sabine Dauth: Selbständig: Suchthilfe auf Fleckenbühl. In: Deutsches Ärzteblatt; VOL: 93 (40); p. A-2522 vom 4. Oktober 1996, ISSN 0012-1207

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Satzung. In: die-fleckenbühler.de. Abgerufen am 23. Dezember 2019.
  2. Das Gütesiegel für seriöse Spendenorganisationen, dzi.de, Abgerufen am 22. Dezember 2020
  3. DIE FLECKENBÜHLER e.V., dzi.de, Abgerufen am 22. Dezember 2020
  4. 30 Jahre Suchtselbsthilfe. Bild. 29. Juli 2014, abgerufen am 17. Mai 2015.
  5. a b c d Ein Tag auf einem Bio-Bauernhof für Drogenabhängige, VICE, Abgerufen am 21. Dezember 2020
  6. Perspektiven schaffen – drogenfrei leben. Internetauftritt Hof Fleckenbühl. 2014, abgerufen am 17. Mai 2015.
  7. a b c Die Fleckenbühler sind meine Familie. Frankfurter neue Presse. 8. Juni 2013, archiviert vom Original am 24. September 2015; abgerufen am 17. Mai 2015.
  8. Gesa Coordes: Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.giessener-anzeiger.de Fester Ablauf vermittelt Ruhe und Verlässlichkeit. In: Gießener Anzeiger, 8. September 2004, abgerufen am 5. August 2009
  9. § 35 Zurückstellung der Strafvollstreckung, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, Abgerufen am 22. Dezember 2020
  10. § 36 Anrechnung und Strafaussetzung zur Bewährung, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, Abgerufen am 22. Dezember 2020
  11. Drogenfreies Leben nach strengen Regeln. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. Juli 2007, archiviert vom Original am 24. Dezember 2014; abgerufen am 11. März 2015.
  12. Mittel zum guten Zweck. Internetauftritt Hof Fleckenbühl. 2014, archiviert vom Original am 19. Mai 2015; abgerufen am 17. Mai 2015.
  13. Land unterstützt Hof Fleckenbühl bei Marburg mit 650.000 Euro, HNA, Abgerufen am 22. Dezember 2020
  14. Keine Drogen, keine Gewalt, kein Privates Eigentum. Deutsches Ärzteblatt. 13. Februar 1985, abgerufen am 17. Mai 2015.
  15. Lewis Yablonsky: Synanon. Selbsthilfe der Süchtigen und Kriminellen (Aus dem Amerikanischen übersetzt von Wolfgang Krege unter Beratung von Ingo Warnke), Klett, Stuttgart 1975, ISBN 3-12-908830-X; sowie ders.: Die Therapeutische Gemeinschaft. Ein erfolgreicher Weg aus der Drogenabhängigkeit (Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gudrun Schrott-Ben Redjeb), Beltz, Weinheim 1990, ISBN 3-407-55736-1.
  16. a b Chronologie, Synanon, Abgerufen am 22. Dezember 2020
  17. Auf dem Lande nüchtern werden, taz.de, Abgerufen am 22. Dezember 2020
  18. Hof Fleckenbühl. In: die-fleckenbühler.de. Abgerufen am 23. Dezember 2019.
  19. Haus Frankfurt. In: die-fleckenbühler.de. Abgerufen am 23. Dezember 2019.
  20. raus aus den Problemen, rein in’s Leben – Jugendhilfe Leimbach. In: die-fleckenbühler.de. Abgerufen am 23. Dezember 2019.
  21. Bernhard Albrecht: Drogenselbsthilfegemeinschaft Synanon: Eine Alternative zur professionellen Suchthilfe? Deutsches Ärzteblatt. 1999, abgerufen am 17. Mai 2015.

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Fleckenbühl2.jpg
Autor/Urheber: Bodoklecksel, Lizenz: CC-BY-SA-3.0
Hof Fleckenbühl, Cölbe-Schönstadt, Hessen; links Käserei und Hofladen, rechts Herrenhaus, heute Verwaltumg
20170408 Hof-Fleckenbühl 008.jpg
(c) Commander-pirx in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 4.0
Hof Fleckenbühl, Hof seit 13. Jh., später Wasserburg, heute Sucht- und Präventationszentrum
Einfahrt und Herrenhaus, ganz links: Alte Mühle und Schlosserei, halblinks: Aufnahme für "die fleckenbühler"