Tanchelm

Joseph Ignaz Appiani: Der Triumph des hl. Norbert über den Irrlehrer Tanchelm im Jahre 1124, Mainz 1750 (Bayerisches Nationalmuseum, München). In späterer Zeit wurde Tanchelm zu einer beliebten Darstellung in der Kunst. In zahlreichen Gemälden in Kirchen und Klöstern des Prämonstratenserordens wird der Kampf des hl. Norbert gegen Tanchelm dargestellt.

Tanchelm, auch bekannt als Tanchelm von Antwerpen war ein von der Kirche als Häretiker bezeichneter Wanderprediger, der um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert in den Niederlanden kirchenkritisch predigte. 1115 wurde er von einem Priester ermordet[1][2].

Leben

Tanchelm war ein Einsiedlermönch, oder gab sich zumindest als solcher aus[3] und gehörte vielleicht ins Umfeld Graf Roberts II. von Flandern (1092–1111). Ab 1112 begann er in Antwerpen, Brabant, Flandern und Zeeland gegen die Amtskirche und deren Hierarchie zu predigen, wobei es ihm insbesondere gelang "Frauen für seine Ansichten von Kirche und Religion zu gewinnen"[4]. Daneben verurteilte er den Kirchenzehnt, wandte sich gegen mit Frauen zusammenlebende Priester und behauptete, unwürdige Kleriker könnten keine gültigen Sakramente spenden. Angeblich war er auch in Rom, wo er sich erfolglos für eine Ausdehnung des Bistums Thérouanne auf die Scheldeinseln eingesetzt haben soll. Zeitweilig durch den Kölner Erzbischof Friedrich I. von Schwarzenburg inhaftiert (1113/1114), wurde er trotz Protesten Utrechter Domkleriker wieder freigelassen[5].

Seine Bewegung soll zeitweise groteske Züge angenommen haben. Berichten zufolge veranstaltete er große Geld- und Kleinodsammlungen[3] und bei seinen Volkspredigten soll er sich außerdem wie ein König gegeben haben – Wächter welche ihn begleiteten, trugen ihm Schwert und Banner voraus. In Antwerpen wo er frenetisch verehrt wurde, soll er außerdem damit begonnen haben, sich in feinen Gewändern zu kleiden, goldenen Hauptschmuck zu tragen, und eine Armee aus Wächtern um sich zu scharen[5].

Außerdem umgab er sich mit zwölf Aposteln und einer Frau – die Jungfrau Maria darstellen sollte – und verteilte sein Badewasser an seine Anhänger, die es zur heiligen Kommunion benutzten oder als Reliquien aufbewahrten. Seine Anhänger sollen ihn wie einen "neuen Christus"[6] verehrt haben und einige wenige hielten das Gedenken an ihn offenbar noch über seinen gewaltsamen Tod im Jahre 1115[2] hinaus wach. So wandte sich Norbert von Xanten 1124 in einer Ketzerpredigt gegen seine verstreuten Anhänger[5]. Im Wesentlichen muss seine Bewegung jedoch mit seinem gewaltsame Ermordung durch einen Priester im Jahr 1115 erloschen sein[3].

Einordnung

Tanchelms Häresie ist in seinem größeren Zusammenhang lediglich in Bezug auf das Scheitern der Kirchenreform, die sich um die Wende zum 12. Jahrhundert allmählich abzuzeichnen begann, zu versehen. Zwar hatte bereits im frühen 11. Jahrhundert die innerkirchliche Reformbewegung die Entstehung zahlreicher Häresie, wie jene des Leutard in der Champange (um 1000), oder die Gruppen von Monfort (1018), Orleans (1022) und Arres (1025) angestoßen[7]. Einen erneuten Schub erhielten die Bewegungen jedoch, als die Reformbewegung Ende des 11. Jahrhunderts aufgrund ihrer zahlreichen Rückschläge gegen ihre Feinde, insbesondere gegen den Römisch-Deutschen Kaiser, immer mehr ihren Rückhalt im einfachen Volk, der zumindest in der Frühphase sehr groß gewesen war[8], einbüßen musste[9].

Die Kirchenreform war nämlich, wie auch der Gottesfriede, eine regelrechte Volksbewegung gewesen. Der Frust des einfachen Volkes über das Scheitern der Kirchenreform war es schließlich, der für das Erstarken und Entstehen zahlreicher häretischer Bewegungen verantwortlich war.

Die Häresie des Petrus von Bruys im Südwesten von Frankreich (um 1110–1130), jene des Heinrich von Lausanne (bis 1145), die des Arnold von Brescia in der Lombardei (bis 1155), oder jene des Eon von Stella in der Bretagne (um 1145–1148), stellen hier ebenso wie jene Tanchelms allenfalls einen kleinen Ausschnitt eines viel größeren Phänomens dar[10].

Quellenverzeichnis

Buchquellen

Internetquellen

Einzelnachweise

  1. Vgl. Van Slee, Jacob Cornelis: Tanchelm. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 37, Leipzig 1894, S. 364f.
  2. a b Vgl. Goez, Werner: Kirchenreform und Investiturstreit, 910–1122, Stuttgart; Berlin; Köln 2000, S. 60.
  3. a b c Vgl. Le Goff, Jacques: Weltbild Weltgeschichte. Das Hochmittelalter, Augsburg 2000, S. 183.
  4. Van Slee, 1894, S. 364.
  5. a b c Vgl. Van Slee, 1894, S. 364 f.
  6. Le Goff, 2000, S. 183.
  7. Vgl. Le Goff, 2000, S. 182.
  8. Vgl. Dhont, Jan: Weltbild Weltgeschichte. Das frühe Mittelalter, Augsburg 2000, S. 245.
  9. Vgl. Fried, Johannes: Kampf um den rechten Glauben, Zeit Online, 29. August 2014, https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2014/03/religion-ketzerei-mittelalter/komplettansicht, abgerufen am 22. Juni 2021.
  10. Vgl. Le Goff, 2000, S. 182f.

Weblinks

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Der Triumph des hl. Nobert über den Irrlehrer Tanchelm im Jahre 1124
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